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Full text of "Die Thaten Bogda Gesser chan's, des Vertilgers der Wurzel der zehn el in den zehn Gegenden : eine ostasiatische Heldensage"

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•       DIE  THATEN 
BOGDA  GESSER  CHANS, 

DES 

VERTILGERS  DER  WURZEL  DER  ZEHN  ÜBEL 
IN  DEN  ZEHN  GEGENDEN. 

EINE 

OSTASIATISCHE    HELDENSAGE, 

Aus     DEM     MONGOLISCHEN      ÜBERSETZT 


I.    J.    SCHMIDT, 

Kaiserlich  -  Russischem  Slaatsrathe,  Ritter  des  St  Annenordens  zweiter, 

des  St.  Stanislausordens  zweiter  und   des  St.  Wladimirordens 

Tierter  Classe,   ordentlichem   Mitgliede    der  Kaiserlichen 

Akademie  der  Wissenschaften  u.  s.  w. 


1839. 
ST.     PETERSBURG, 

bei   W,  GrUff, 


LEIPZIG, 

bei  Leopold  Уо$а, 


Wf  ■  А&^^Ш. 


Auf  Verfügung  der  Kaiserl.  Akademie  der  Wissenschaften. 

P.  H.  Füss,- 

beständiger    Secretär. 
St.  Petersburg,  im  Octoher   1839. 


VORREDE. 


Im  Jahre  1836  beschloss  die  Kaiserliche  Akademie 
der  Wissenschaften  auf  meinen  Vorschlag,  von  der 
Ostasiatischen  Heldensage  „die  Thaten  Gesser  Ghän's 
u.  s.  w."  eine  neue  Ausgabe  des  Mongohschen  Textes 
derselben  unter  meiner  Aufsicht  und  Gorrectur  zu  ver- 
anstalten. Der  Druck  derselben,  nach  einem  Exem- 
plare der  in  Peking  im  Jahre  П16  unter  der  Regie- 
rung Kanghi  und  auf  Befehl  dieses  Kaisers  erschie- 
nenen Ausgabe,  wurde  alsbald  begonnen  und  noch  in 
demselben  Jahre  beendigt.  Eine  bedeutende  Anzahl 
Exemplare  der  neuen  Ausgabe  wurde  von  den  um 
den  Baikal  лvohnenden  Buräten  und  Mongolen,  sobald 
das  Daseyn  derselben  zu  ihrer  Kunde  gelangte,  ver- 
langt und  angekauft;  sie  hat  aber  auch  in  Europa, 
namentlich  im  Deutschen  Vaterlande,  Abnehmer  ge- 
funden. 

Mit  dieser  neuen  Ausgabe  war  hauptsächlich  die 
Absicht  verbunden,  den  Liebhabern  des  Orientalischen 
Sprachstudiums,  deren  Zahl  im  Auslande  sich  von  Tage 
zu  Tage  mehrt  und  denen  auch  die  Mongolische  Sprache 
richts   weniger  als   gleichgültig  ist,   ein   Buch  in   die 


-     IV     - 

♦ 

Hände  zu  geben,  aus  Avelchem  sie  diese  Sprache  auch 
von  einer  andern  Seite  könnten  kennen  lernen,  als 
diess  aus  den,  in  dem  gewöhnlichen  Bücherstyl  ab- 
gefassten  Werken  möglich  ist.  Es  ist  nämlich  der 
G  e  s  s  e  r  -  G  h  ä  n  nicht  in  der  sogenannten  Bücher- 
sprache*), sondern  in  der  SjDrache  des  Lebens,  wie 
sie  im  Munde  des  Volkes  lautet  und  von  allen  Stän- 
den desselben  gesprochen  лvird,  geschrieben.  Sind 
nun  gleich  die  grammatischen  Formen  in  der  Volks- 
sprache nur  wenig  alterirt  und  immer  kennbar,  weil 
ja  aus  ihnen  der  Bau  der  Grammatik  nothwendig  her- 


*)  Unter  dieser  Benennung  versiehe  ich  die  ganze  Literatur  des 
Buddhaisraus,  d.  li.  sowohl  die  Werke  Indischen  und  Tibetischen 
Ursprungs,  als  diejenigen,  >velche  Mongolen  zu  Verfassern  haben;  die 
Zahl  der  letztern  ist  keineswegs  ganz  unbedeutend,  obgleich  gegen 
die  Menge  jener  doch  nur  gering  zu  nennen.  Diese  ganze  Literatur, 
ausschliesslieh  von  gelehrten  Geistlichen  cultivirt,  zeigt,  лүепп  gleich 
nicht  im  Style  doch  in  der  Behandlung  und  dem  Gebrauche  der 
Sprache,  eine  solche  grammatische  Consequenz  und  Gleichförmigkeit, 
dass  sie  mit  Recht  als  Typus  der  Büchersprache  betrachtet  >verden 
kann.  Eine  auffallende  Verschiedenheit  von  derselben  bietet  die 
neuere  profane  Mongolische  Literatur,  die  ganz  unter  dem  Einflüsse 
Mandschuischer  oder  vielmehr  Chinesischer  Terminologie  und  Sprach- 
eigenthümlichkeit  steht,  dar;  —  Avesbalb  man  sich  луо1Л  hüten  muss, 
dieses  von  Peking  aus  emanirte  Mongolische  zur  Grundlage  des  Stu- 
diums der  Sprache  zu  machen ,  obgleich  dessen  Kenntniss  für  das 
Gesammtstudium  der  Mongolischen  Sprache  und  ihrer  Literatur  un- 
umgänglich nüthig  ist.  Mit  Ausnahme  des  über  den  Chinesischen 
Leisten  geschlagenen  Styls  und  der  Chinesischen  Satzbildung,  ist  bei 
dieser  neuen  Literatur  der  Gebrauch  der  grammatischen  Formen  so 
ziemlich  mit  der  Bücbersprache  übeieinstimmcud;  indcss  finden  auch 
einige  Abweichungen  davon  Statt,  die  aber  durchaus  nicht  zur  Nach- 
ahmung zu  empfehlen  sind. 


,-     V     - 

vorgehen  muss;  so  bieten  eine  Menge  eigener  Wort- 
formen, Ausdrücke  und  Wendungen,  so  wie  das  nicht 
seltene  Verkürzen  und  Zusammenziehen  der  gewöhn- 
lichen Flexionspartikeln  und  bisweilen  ganzer  Satz- 
theile,  oft  eine  solche  Verschiedenheit  von  der  allge- 
meinen Büchersprache  dar,  dass  derjenige,  der  sich 
in  diese  letzte  schon  recht  gut  hineingearbeitet  hat, 
gewahr  werden  muss,  dass  er  mit  jener  Volkssprache 
nicht  nach  Wunsch  fertig   werden  kann. 

Ich  sch\vieg  von  dem  Inhalte  unserer  Heldensage 
mit  Fleiss  in  der  Hoffnung,  dass  irgend  ein  auslän- 
discher, sich  mit  dem  Mongolischen  beschäftigende, 
Gelehrte  das  Buch  zwar  nicht  übersetzen  (denn  das 
wäre  für  jetzt  noch  zu  viel  gefordert) ,  doch  aber  ei- 
nen etwas  ausführlichen  Auszug  des  Inhalts  bekannt 
machen  лvürde;  diess  ist  indess,  so  sehr  ein  solcher 
Auszug  jeder  orientalischen  Zeitschrift  mehr  als  man- 
ches Andere  zur  Zierde  gereicht  haben  würde,  nicht 
geschehen.  Alles  was  sich  in  ausländischen  Zeitschrif- 
ten über  den  Gesser-Ghan  findet,  beschränkt  sich 
auf  die  Erwähnung  einiger  in  demselben  vorkom- 
menden Sprichwörter  und  ähnlicher  unbedeutenden 
Bruchstücke. 

Dieses  sich  an  dem  fast  unberührten  Problersteine 
sichtlich  kund  gegebene  'Unvermögen,  den  Gesser- 
Ghän  nach  Gebühr  zu  verstehen  und  auszubeuten, 
brachte  mich  zu  dem  Entschlüsse,  ihn  vollständig  zu. 


-     VI      - 

übersetzen  und  somit  das  klare  Verständniss  des  Ori- 
ginals jedem  Freunde  der  Ostasiatischen  Literatur  zu 
eröffnen.  Diess  лүаге  jedoch  immer  noch  kein  genü- 
gender  Grund  gewesen,  лүепп  ich  ihn  nicht  in  mehr 
als  einer  Beziehung  der  Uebersetzung  werth  gehalten 
hätte.  Denn  ausser  dem  oben  angegebenen  Umstände, 
dass  er  in  einem  geschlossenen  hterarischen  Werke 
den  Typus  der  Volkssprache  bildet,  wodurch  er  nicht 
blos  den  sämmtlichen  Mongolischen  A'ölkerschaften, 
sondern  allen  nicht -muhammedanischen  Völkern  Ost- 
und  Mittelasiens  theuer  und  Yverth  ist:  —  ausser  die- 
sem uns  dargebotenen  Interesse  in  sprachwissenschaft- 
licher Hinsicht^  ist  dieses  Werk  für  die  Ethnographie 
von  hoher  Wichtigkeit;  denn  es  zeigt  uns  die  Völker 
Mittelasiens,  namentlich  des  nordlichen  Tibets  und  der 
Gegenden  am  obern  Choangho  oder  gelben  Flusse 
so  wie  am  Kökenoor,  in  ihrem  häuslichen  Leben, 
in  ihren  Neigungen  und  Beschäftigungen,  in  ihren 
Nationalbegriffen  und  Meinungen,  in  ihren  Bewaff- 
nungen und  der  Handhabung  ihrer  Waffen  besser, 
als  irgend  eine  Beschreibung  aus  der  P'eder  einer  frem- 
den Hand  es  л^егтосЫе. 

Von  der  Zeit  der  Abfassung  dieser  Heldensage  weiss 
man  nichts,  eben  so  wenig  kennt  man  den  Namen 
des  Verfassers  oder  Sammlers  derselben;  auch  bleibt 
es  unentschieden,  ob  sie  ursprünglich  Mongolisch  oder 
Tibetisch  abgefasst  war,   denn   sie    exietirt  in  beiden 


-     VII     - 

Sprachen,  wie  wir  aus  einer ,  von  Herrn  Csoma 
Körösi  mitgetheiltcn *) ,  bibliographischen  Notiz  Ti- 
betischer Werke  ersehen.  Dass  die  Sage  in  ihren 
einzelnen  Theilen  lange  im  Munde  des  Volkes  fortge- 
lebt hat,  ehe  sie  zu  einem  Ganzen  gesammelt  wurde, 
scheint  aus  ihrer  ganzen  Abfassung  hervorzugehen; 
noch  klarer  erscheinen  die  zwei  letzten,  nämlich  das 
sechste  und  siebente  Gapitel,  als  spätere  Anhängsel, 
indem  in  denselben  ein  ganz  anderer  Styl  bemerkbar 
ist.  Demnach  besteht,  meiner  Meinung  nach ,  der 
Haupttheil  der  Sage  aus  den  fünf  ersten  Gapiteln  und' 
dieser  Haupttheil  derselben  schliesst  mit  dem  Ende 
des  Schiraighorschen  Krieges.  Es  gibt  indess  noch 
einen  andern  Gesser-Ghän,  von  Avelchem  B.  Berg- 
mann nach  einem  Kalmükischen  Originale  eine  Ueber- 
Setzung  geliefert  hat**).  Die  Wolgischen  Kalmüken 
nennen  denselben  zum  Unterschiede  von  unserer  Sage 
—  welche  bei  ihnen  nicht  mehr  zu  finden  ist,  deren 

*)  Siehe  dessen  Grammatik  der   Tibetischen  Sprache,  S.   i80;    so 
wie  meiue  Grammatik   derselben  Sprache,   S.  216. 

**)  Siehe  Nomadische  Streifereien  unter  den  Kalmüken;  Theil  III, 
S.  155.  —  Es  sey  mir  erlaubt,  hier  einige  Namen  bei  Bergmann  zu 
verbessern  oder  nach  unserer  Gessersage  auszugleichen.  So  ist  der 
bei  Bergmann  oft  vorkommende  Buj antik  niemand  Anders  als  un- 
ser Buidong;  die  göttliche  Chäninn  Almur  S.  280  ist  Ad  sc  hu 
Mergen  und  der  alte  Säklä  ebendaselbst  ist  der  alte  San  gl  un. — 
Die  Bedeuturg  des  Wortes  Choschotschi  ist  nicht  „Tollkühner," 
sondern  „Anführer  einer  Heeresabtheilung ,"  von  Ghoscho  oder 
Choschigho  ,;eine  Militärdivisioii. " 


—    VIII    — 

Daseyn  sie  indess  луоЫ  kennen  —  den  kleinen  Ges- 
ser.  Dieser  sogenannte  kleine  Gesser  ist  aber  auch 
den  Mongolen  лvoЫbekannt;  bei  ihnen  gilt  er  jedoch 
blos  als  zugegebenes  achtes  Capitel  der  Gessersage. 
Die  reiche  Sammlung  der  Akademie  besitzt  davon  ein 
Mongolisches  Exemplar,  Avelches  —  ohne  das  erste  Buch 
bei  Bergmann ,  mit  dessen  zweitem  Buche  der  Sage 
anfangend  —  den  Kampf  Gesser 's  mit  dem  funfzehn- 
köptigen  Riesen  gerade  so  erzählt,  wie  wir  ihn  ш  den 
Nomadischen  Streifereien  lesen.  —  Jenes  erste  Buch 
des  sogenannten  kleinen  Gesser's  ist  weiter  nichts, 
als  eine  Recapitulation  einiger  frühern  Begebenheiten 
und  erzählt  nebenbei  den  Akt  der  Wiederbelebung 
der  Gebeine  der  vorlängst  im  Schiraighol'schen  Kriege 
gefallenen  dreissig  Helden,  um  deren  Wiedererschei- 
nung auf  dem  Schauplatze,  im  Kampfe  gegen  den  funf- 
zehnköpfigen  Riesen,  zu  motiviren.  Dass  übrigens  die- 
ses achte  Capitel  oder  dieser  sogenannte  kleine  Ges- 
ser einer  spätem  Zeit  angehört,  als  die  Sammlung 
unserer  Heldensage  und  als  Zusatz  mit  derselben  nur 
sehr  lose  zusammenhängt,   ist  leicht  zu  ersehen. 

Die  Beantwortung  der  Frage,  ob  die  Sammlung 
unserer  Heldensage  ursprünglich  Mongolisch  oder  Ti- 
betisch abgefasst  лүаг,  ist,  so  lange  лvir  den  Tibeti- 
schen Text  derselben  nicht  kennen,  kaum  möglich. 
Nehmen  Avir  an,  dass  sowohl  der  Held  der  Sage,  als 
seine  Umgebung  und  die  Völkerschaften,  über  welche 


-     IX     - 

er  herrschte ,  in  derselben  ausdrücklich  als  Tibeter 
bezeichnet  werden,  dass  Tihet  nebst  Tan  gut  und 
die  Gegenden  am  obern  gelben  Flusse  (dem  Gho- 
anjjho  der  Chinesen  und  Ohara  Muren  oder  Gha- 
tun  Muren  der  Mongolen)  als  der  Hauptschauplatz 
der  Thaten  unsers  Helden  genannt  sind,  dass  endlich 
sos^ar  sein  Name  selbst  Tibetisch  ist,  indem  Gessar 
in  dieser  Sprache  „das  Pistill  einer  Blume"  bedeutet, 
also  Gesser  Sserbo  Donrub  (vergl.  S.  8)  „das  das 
Uebel  angreifende  gelbe  Pistill^"*],  so  scheint  diess, 
nebst  Anderm ,  iür  den  Tibetischen  Ursprung  der  Sage 
zu  sprechen.  Obgleich  ich  selbst  dieser  Meinung  zU' 
gethan  bin,  so  muss  ich  doch  gestehen,  dass  bei  ge- 
nauerer Betrachtung  des  Mongolischen  Textes  Sprache 
und  Styl  ganz  das  Gepräge  der  Originalität  und  kei- 
neswegs einer  Uebersetzung  tragen.  Und  da  es  ausser 
allen  Zweifel  gestellt  ist,  dass  es  auch  Tibetische,  aus 
dem  Mongolischen  übersetzte,  Werke  gibt**),  so  wird 
die  Sache  dadurch  nur  noch  zweifelhafter  gemacht. 

*)  Dei-  Tibetisihe  Name  des  Lotus  ist  Gessartsc  lian  „die  mit 
einem  Pistill  versehene  (Blume)."  Es  ist  bekannt,  welche  Rolle  der 
Lotus  und  dessen  Pistill  in    der  buddhaistischen  Mythologie  spielt, 

**)  Die  reiche  Sammlung  der  Akademie  besitzt  ein  gedrucktes 
Exemplar  des  Tibetischen  Ueligerun  Nom  nebst  mehreren  desselben 
Werkes  in  Mongolischer  Sprache.  Es  ist  dieses  Werk  ein  ganz  an- 
deres, als  der  Ueligerun  Dalai,  der  einen  Theil  desKandschur 
bildet,  und  mit  diesem  nicht  zu  verwechseln.  Dass  der  Tibetische 
Ueligerun  Nom  aus  dem  Mongolischen  übersetzt  ist  und  nicht  um- 
gekehrt, wird  daraus  klar,    dass  an  vielen  Stelleu,  wo  der  Sinn  des 


—      X      - 

Ob  Gesser  Chan  eine  historische  Person  ist,    ob 
jemals   ein  Held    dieses   Namens    und   wann    er   gelebt 
hat,    muss  man    gleichfalls  dahin    gestellt   seyn    lassen; 
vermiithlich    hat    er    einen    historischen    Grund ,     auf 
welchem  jedoch,  weil  er  wohl  schwerlich  je  wird  auf 
zufinden   seyn,    nun    nichts   mehr    zu    bauen    ist.     Er 
wird  in  der  Sage  als  Beherrscher  der  drei  Tibetischen 
Völkerschaften  Tussa,   Dongsar  und    Lik    genannt; 
diess  hat    den   Chinesen  Anlass    2;e2;eben,   ihn    in   ihre 
Geschichte  der  drei   Reiche  zu  verflechten,    ihn  darin 
eine    grosse    Rolle    spielen    zu    lassen    und    ihm    eine 
Epoche  in  ihrer  Chronologie  anzuweisen,  nämlich  den 
Anfang  des  dritten  Jahrhunderts  unserer  Zeitrechnung. 
Aber  was  haben  die  Chinesen  durch  ibre  anscheinend 
srenaue   Sach-   und  Zeitbestimmuniü;   nicht  schon  Alles 
zu  Geschichte  gemacht,  vorzüglich  луепп  es  einer  altern 
Zeit  angehört!    Gesser   Chan    steht    übrigens    auch 
bei    den    Chinesen   in   hohen  Ehren    und    die   jetzt   in 
China  herrschende  Dynastie  erkennt  ihn  sogar  als  ih- 
ren Schutzgeist  an*). 


Tibetischen  Wortes  dunkel  oder  zweideutig  erscheint,  das  Mongolische 
Wort  in  Klammern  beigefügt  ist,  wie  diess  auch  bei  Mongolischen, 
aus  dem  Tibetischen  übersetzten,  Werken  mit  den  Tibetischen  Wör- 
tern häufig  Statt  findet. 

*)  Vielleicht  in  seiner  Eigenschaft  als  wirklicher  Chormusda 
oder  Herr  des  materiellen  Himmels,  welche  Würde  ihm,  als  Nach- 
folger seines  Vaters,  von  diesem  in  unserer  Sage  zugesichert  wird; 
Stehe  S.  6. 


-      XI      - 

Dem  sey  wie  ihm  wolle:  die  Heldenidee  ist  wohl  bei 
keinem  Volke  ans  der  Luft  gegriffen  und  ein  blosses 
Phantasiegebilde;  sie  hat  bei  allen  Völkern,  besonders 
da,  wo  ein  ganzer  Gyklus  von  Thaten  besungen  wird, 
gewiss  einen  historischen  Grund,  der  aber  in  den 
lichten  und  dunkeln  Nebel  gestalten  der  Ober-  und 
Unterwelt,  so  wie  des  irdischen  Thatenschauplatzes 
selbst  völlig  verschwindet.  Das  nämliche  mag  auch 
der  Fall  mit  der  Gessersage  seyn.  Denn  gleich  den 
Dichterwerken  aller  Völker  der  Erde,  in  welchen  Hel- 
den der  Vorzeit  besungen  oder  ihre  Thaten  erzähU 
werden,  ist  auch  in  dieser  Heldensage  das  übernatür- 
liche Princip  vorherrschend:  der  Kampf  des  Guten  und 
Bösen  und  ihrer  Repräsentanten,  der  guten  und  bösen 
Dämonen,  mischt  sich  in  die  menschlichen  Handlun- 
gen und  motivirt  sie;  daher  Verkörperungen  beider 
einander  entgegenstehenden  Kräfte ,  Verwandlungen, 
Zauber,  Feerei  ohne  Zahl  und  Ende.  Es  ist  diess 
gleichsam  die  Lebensader  aller  Epopöen,  ohne  welche 
sie  matt  seyn  und  aller  Frische,  alles  Reitzes  ent- 
behren Avürden:  nur  bewirkt  das  religiöse  Element 
des  einen  oder  des  andern  Volkes,  die  respective  Stel- 
lung der  Völker  im  grossen  Weltdrama,  ihr  Bildungs- 
grad und  ihre  bürgerliche  Verfassung  natürlicherweise 
eine  gewaltige  Verschiedenheit  in  der  Auffassupg  und 
Darstellung  der  Heldenidee,  so  dass  es  z.  B.  mehr  als 
possierlich   seyn  würde,  einen  Gesser-Ghan  neben 


—     XII     — 

eine  Ilias^  Odyssee,  befrei tes  Jerusalem  u.  s.  лу. 
zu  stellen.  Dessenungeachtet  behauptet  unser  Gesser 
Chan  immer  seine  besondere  Eigenthümlichkeit,  die 
ihn  dem  лvissenschaftlicheп  Interesse  zuwendet.  Denn 
ist  gleich  seine  Poesie  etwas  Avüste  und  wild,  sind 
gleich  seine  Metaphern  etAvas  barok,  roh  und  hand- 
greiflich, ähnelt  gleich  die  Darstellung  der  Begeben- 
heiten sehr  oft  mehr  einem  Mährchen  als  einer  böhern 
Dichtung,  —  so  zeigt  er  uns  dafür  fast  ununterbrochen 
die  Volksthümlichkeit  Mittelasiens  in  der  lebendigsten 
Veranschaulichung.  Und  ist  diess  nicht  für  den,  der 
Wissenschaft  lebenden,  Erforscher  des  alten  Griechen- 
lands ,  neben  dem  Sprachschatze  und  dessen  Aus- 
beutung, gleichfalls  der  anziehendste  Theil  in  den  Ho- 
merischen Gedichten?  Denn  der  Rausch  der  Poesie, 
die  Gasperlen  der  begeisterten  Phantasie  vermögen  es 
allein  nimmer,  den  freien,  nüchternen  Geist  auf  die 
Dauer  zufrieden  zu  stellen. 

Ganz  gegen  die  Geлvohnheit  ist  der  Mongolische 
Text  unserer  Heldensage  nicht  in  gebundener  Rede, 
d.  h.  nicht  in  Versen  und  Strophen  von  einer  be- 
stimmten Anzahl  Sylben,  abgefasst.  Man  kann  dafür 
froh  seyn,  weil  dadurch  die  Sprache  der  Dichtung 
ihren  freyen,  ungehemmten  Gang  behalten  hat  und 
nicht  durch  den  Zwang  der  Sylbenzählung  verrenkt 
ist.  Bei  der  Uebersetzung  habe  ich  mich  bestrebt, 
durchaus  nichts  von  der  Farbe  des  Originals  zu  vcr» 


-     XIII     - 

wischen  und  die  möglichste  Treue  zu  beobachten,  ohne 
jedoch  dadurch  der  Deutschen  Sprache  Gewalt  anzu- 
thun,  dieselbe  ungelenk  und  das  Lesen  des  Buches 
unangenehm  und  besch\verlich  zu  machen. 

Für  diejenigen  meiner  Leser,  denen  es  auffallen 
möchte  ^  dass  ich  in  dieser  Vorrede  und  in  meinen 
sonstigen  Schriften  Tibet  und  nicht  Tübet  schreibe, 
4vogegen  in  der  Uebersetzung  unserer  Heldensage  die 
letztere  Schreibart  überall  beibehalten  ist,  finde  ich 
nöthig  zu  bemerken,  dass  wenn  ich  die  Sage  aus  dem 
Tibetischen  übersetzt  hätte ,  ich  das  besagte  Land  Bod, 
und  луепп  aus  dem  Kalmükischen,  Töböd  genannt 
haben  würde.  Bod  ist  jedenfalls  die  richtige  Be- 
nennung, weil  die  Einwohner  des  Landes  dasselbe 
sowohl  als  ihre  Sprache  und  alle  ihre  Landes-  und 
Volkseigenthümlichkeiten  also  nennen.  Tübet  oder 
Töböd  ist  aus  dem  Mongolischen  Worte  tüb  oder 
tob  entstanden,  Avelches  „die  Mitte,  der  Mittelpunkt" 
bedeutet,  weil  Tibet  von  den  buddhaistischan  Völkern 
des  innern  Asiens  als  das  Mittelland  der  Erde  ап2;е- 
sehen  wird  und  in  den  Tibetischen  Schriften  selbst 
oft  unter  der  Benennung  ssaji  ITe  „der  Nabel  der 
Erde  erscheint.  Ich  halte  es,  ausgenommen  etwa  in 
Üebersetzungen,  für  ganz  unnöthig  und  zwecklos,  von 
der  von  jeher  gebräuchlichen  Europäischen  Benennung 
Tibet  blos  deswegen  abzugehen,  лveil  die  Mongolen 
Tübet  schreiben.     Wie  abgeschmackt  würde  es  nicht 


-.    XIV    ~ 

klingen,  wenn  ein  Deutscher  anfinge,  statt  „Spanien'' 
Espana  oder  Spain,  statt  „ScliAveden  und  Nor- 
wegen'' S  wer  ige  und  Norge  zu  schreiben.  Der 
verst.  Klaproth  hat  jene  völlig  nutzlose  Schreibart  ein- 
geführt um  zu  zeigen,  dass  er  die  Mongolische  Be- 
nennung des  Landes  kenne  5  dieses  Neuerungsbeispiel 
hat  mit  Unrecht  eine  Menge  Nachahmungen  gefun- 
den; denn  sey  es  auch,  dass  unser  Tibet  aus  dem 
Mongolischen  Tübet  entstanden  ist,  so  gibt  diess  kei- 
nen Grund,  die  gewohnte  Benennung  zu  verleugiwn, 
um  so  weniger,  da  die  Einwohner  des  Landes  selbst 
einen  ganz  andern  Namen  dafür  haben. 


Inhalt. 

Erstes   Capitel. 

Seite. 
Von   der   Geburt   des   Helden   und  den  dieselbe  vorangehenden 
лvunderЬaren  Begebenheiten,  von  dessen  Thun  und  Treiben 
als   Kind  und  Jüngling,    bis   zu    dessen  Veröffentlichung 
als   Gesser-Chän 1 

Zweites   Capitel. 
Gesser's  Zug   gegen  den  in   einen  Ungeheuern  Tiger  verwandel- 
ten Riesen  und   dessen  Besiegung] .      '89 

Drittes  Capitel. 
Wie  Gesser  Chaghan    die   gestörte  Reichsverwaltung    des  Kiime 

Chaghan  von  China  in   Ordnung   bringt 95 

Viertes  Capitel. 

Gesser's  Zug  gegen  den  zwölfköpGgen  Riesen.  Er  tödtet  den- 
selben, vernichtet  dessen  ganze  Sippschaft  und  befreit 
seine,    vom    zwölköpfigen    Riesen    geraubte,    Gemahlinn 

Aralgho  Goa 112 

Fünftes    Capitel. 

Der  Schiraighol'sche  Krieg,  die  Veranlassung  зи  demselben  und 
dessen  unglücklicher  Ausgang  >vährend  der  Abwesenheit 
Gesser's.  —  Gesser  kehrt  zurück,  erneuert  den  Krieg, 
besiegt  und  tödtet  die  drei  Chane  von  Schiraighol  und 
unterwirft   sich   ihre    Untcrthanen 158 

Sechstes  Capitel. 
Gesser   wird   durch   List   eines   feindseligen   Zauberers  in    einen 
Esel  verwandelt.     Seine  Freunde   verschaflfen  ihm  durch 
Zaubermitlel   wieder   die  Menschengestalt   und  er   nimmt 

Rache  am  Zauberer 273 

Siebentes   Capitel. 
Gesser's   Fahrt  in  die  UnterAvelt,   um  seine  Mutter  zu   befreien. 
Er   besiegt   den   Höllenrichter,   befreit   seine   Mutter  und 
führt  sie  der  Gölterregion  zu 282 

^ЛL.Щ^*S»■ 


DIE    THATEN   GESSER  -  CHArV'S, 


ERSTES    CAPITEL. 

Von  der  Geburt  des   Helden   und  den   dieselbe    voran- 
gehenden   WUNDERBAREN  BEGEBENHEITEN,    VON    DESSEN  ThUN 

UND  Treiben  als  Kind  und  Jüngling,  bis  zu  dessen 
Veröffentlichung  als  Gesser-Ghan. 


T  er  Allers  zvi  einer  Zeil,  ehe  noch  Buddha  S'akjamuni 
das  Beispiel  des  Nirwana  gezeigt  hatte,  erschien  der  Gott 
Chormusda*)  vor  Buddha,  um  demselben  die  Ehre  der 
Anbetung  zu  erzeigen.  Nachdem  Chormusda  sich  ver- 
beugt hatte,  sprach  Buddha  zu  ihm:  „Nach  Ablauf  von 
fünfhundert  Jahren  wird  für  die  Welt  eine  Zeit  der  Ver- 
wirrung eintreten.  Kehre  jetzt  heim,  aber  nach  fünfhun- 
dert Jahren  schicke  einen  deiner  drei  Söhne  in  die  Welt, 
damit  er  die  Herrschaft  derselben  übernehme;  denn  es  wer- 
den alsdann  die  Mächtigen  die  Machtlosen  unterdrücken, 
sogar  wird  das  Wild  des  Feldes   sich  gegenseitig  befehden 

1)  Ist  in  den  buddhaistischen  Religionsschriften  der  Indra  der 
brahmanischen  Systeme,  wird  aber  von  den  Mongolen  mit  dem  alt- 
persischen Ormusd  oder  Hormusd  identificirt.  Als  Gott  des  ma- 
teriellen Himmrls  ist  er  der  Schutzgeist  der  Erde  und  die  grossen 
Monarchen  auf  derselben  werden  als  seine  Söhne  oder  Emanationen 
angesehen. 

1 


—    2    ~ 

und  vernichten.  Schicke  also  einen  deiner  drei  Söhne,  da- 
mit er  die  Herrschaft  der  Welt  ühernehme !  Fünfhundert 
Jahre  lang  überlasse  dich  ungestört  deinen  Freudegenüssen, 
dann  a])er  sende  ihn,  meinem  Befehle  gemäss,  ungesäumt!" 
Der  Gott  Chormusda  gah  sein  Wort  und  kehrte  heim; 
jedoch  nach  seiner  Zurückkunft  vergass  er  den  Befehl  Bud- 
dhas,  so  dass  er,  statt  fünfhundert,  siebenhundert  Jahre 
in  Unlhätigkeit  verblieb. 

Da  geschah  es,  dass  plötzlich  die  westliche  Mauerseite 
der  Götlerresidenz  Sudarassun,  eine  Strecke  von  zehn- 
tausend Meilen'^)  entlang,  einstürzte.  Chormusda  und  die 
drei  und  dreissig  Götter  griffen  alsbald  zu  den  W  äffen  und 
riefen:  „Wer  hat  diese  unsere  Befestigung  zerstört?  wir 
haben  jetzt  keinen  Feind  1  oder  waren  es  vielleicht  die 
Assuri'),  welche  diese  Zerstörung  bewirkten?"  Als  sie 
nun  an  den  Ort  der  Zerstörung  kamen,  landen  sie,  dass 
die  Mauer  von  selbst  eingestürzt  sey.  Chormusda  und 
die  sänimtlichen  drei  und  dreissig  Götter  befragten  sich 
unter  einander  um  die  Ursache  dieses  Ereignisses;  da  fiel 
dem  Chormusda  sein  gegebenes  Л¥ог1  ein  und  er  sprach: 
„Ehe  Buddha  S  äkjamuni  das  Beispiel  des  Nirwana 
zeigte,  verfügte  ich  mich  zu  ihm  zur  Anbetung  und  er- 
hielt sodann  ^on  ihm  folgenden  Befehl:  „„Nach  fünfhun- 
„dert  Jahren  schicke  einen  deiner  drei  Söhne,  denn  es 
„vsird  alsdann  eine  schlechte  Zeit  für  die  Welt  eintreten: 
„die  Starken  werden  die  Schwachen  unterdrücken  und 
„auch  das  W^ild  des  Feldes  wird  sich  gegenseitig  ver- 
„nichten.""  —  Diesen  Befehl  hatte  ich  vergessen  und  es 
sind  seitdem  siebenhundert  statt  fünfhundert  Jahre  ver- 
flossen." 


2)  Eine  Bere   oder  Meile   enthält  acht   Stimmenweiten,  jede  von 
fünfhundert  Klafter  Länge. 

3)  Die  bösen  Geister  in   den    Klüften   des   Wellberges    Sumeru 
und  Feinde  der  Hiramelsgeister. 


^    $    ^ 

Der  Gott  Chormusda  und  die  drei  und  dreissig  Göt- 
ter   insgesamrat    richteten    ein    grosses.  Festmahl    an,    und 
Chormusda  schickte  einen  Gesandten  zu  seinen  drei  Söh- 
nen.    Zuerst  kam  der   Gesandte   za  Amin   Ssakiktschi, 
dem  äUesten  Sohne,  und  sprach  zu  ihm:    „Lieber!    Chor- 
musda,  dein  Vater,    schickt  dir  den   Befehl,   in   die  Welt 
zu  gehen   und    die   Oberhenschaft  derselben   zu   überneh- 
men."     Amin    Ssakiktschi    erwiederte :    „Ich    bin    der 
Sohn  Chormusda's;    was   wäre   es,   wenn   ich  auch  hin- 
ginge? ich   bin   nicht   im  Stande,    als   Herrscher  die   Welt 
zu  regieren.     Wenn  der  Sohn  des  GoUes  Chormusda   in 
die  Welt  kommt  und  als   untüchtig   zur  Herrschaft   dersel- 
ben befunden  wird,  so  möchte  er  den  theuren  Namen  und 
die  Herrschaft  seines  A'^aters,  des  Himmelbeherrschers,  ein- 
büssen.     Ich  sage   diess  nicht  aus  Verlangen  darnach,   son- 
dern   weil    ich    dem   Berufe   nicht  gewachsen   bin."     Nach 
Empfang    dieses  Bescheids    begab    sich    der  Gesandte   zum 
zweiten  Sohne,  dem  Uile  Bülegektschi,    und  sprach  zu 
ihm:    „Lieber!  Chormusda,  dein  Л^ater,    schickt  dir  den 
Befehl,  in  der  Welt  zu  erscheinen  und  die  Herrschaft  der- 
selben zu  übernehmen."    Üile  Bütegektschi  erwiederte: 
„Bin  ich  nicht  der  Sohn   des   Gottes  Chormusda?    Sind 
die  sich  bewegenden  lebenden  Wesen  nicht  (vorzugsweise) 
die  Menschen  auf  der  Erdfläche?    Begäbe   ich  mich   gleich 
in   die   Welt,   so  würde   ich    sie   dennoch  nicht    als   Herr- 
scher regieren  können.    Es  ist  ja  mein  älterer  Bruder  Amin 
Ssakiktschi  da,  der  ein  näheres  Anrecht  zur  Herrschaft  hat, 
oder  vielleicht  hat  mein  jüngerer  Bruder  Tegüs  Tsoktu 
Lust  dazu;  was  geht  die  Sache  mich  an?"     Der  Gesandte 
begab   sich    zum  (jüngsten  Sohne,   dem)   Tegüs  Tsoktu,     <^ 
und  sprach  die   vorigen  Worte,   worauf  dieser  erwiederte: 
„Die  Sache  betrifft  meinen  altern  Bruder   Amin   Ssakik- 
tschi, oder  meinen  mittlem  Bruder  Üile   Bütegektschi: 
was   geht  sie  mich  an!    Ich  würde   wohl  gehen;  sollte  ich 
aber  nichts  ausrichten,  ist  da  der  Name  und  die  Herrschaft 


meiner  Ellern  keiner  Berücksichtigung  werth?" — Mit  die- 
sem Bescheid  kehrte  der  Gesandte  zurück  und  berichtete 
dem  Chormusda  und  den  drei  und  dreissig  Göttern  alle 
Worte,  welche  die  drei  Söhne  gesprochen  hatten. 

Chormusda  hefahl  seinen  drei  Söhnen,  vor  ihm  zu 
erscheinen.  Sie  kamen  und  er  sprach  zu  ihnen:  „Als  ich 
euch  den  heillosen  Zustand  der  Welt  anzeigte,  befahl  ich 
euch  nicht  aus  eigener  Willkühr,  hinzugehen,  sondern  in 
Folge  der  \^erordnung  Buddha's,  euch  hinzusenden,  gab 
ich  euch  diesen  Befehl.  Ich  glaubte  bisher,  ihr  wäret 
meine  Söhne,  mm  aber  scheint  es  umgekehrt,  dass  ihr 
nämlich  mein  Л' ater  seyd  uud  ich  euer  Sohn  bin.  So  über- 
nehmt denn  auch,  ihr  Drei,  meine  Herrschaft  und  erfüllt, 
wie  sichs  gebührt,  die  damit  verbundenen  Pflichten.''  Auf 
diese  \Vorle  des  Vaters  entblösslen  die  drei  Söhne  ihr 
Haupt ,  knieten  nieder ,  verbeugten  sich  und  sprachen : 
„Weh  uns,  warum  spricht  der  Himmelsfürst,  unser  \^ater, 
also  mit  uns!"  Amin  Ssakiklschi  sprach  weiter:  „Sollte 
ich  gleich,  dem  Befehle  unsers  Vaters  und  Herrn  gemäss, 
hingehen,  so  würde  ich  die  Herrschaft  zu  behaupten  un- 
fähig seyn.  Wenn  nun  die  Weltbewohner,  die  Menschen, 
höhnend  sprechen  sollten:  Amin  Ssakiktschi,  der  Sohn 
des  Gottes  Chormusda,  ist  in  die  Well  gekommen  und 
konnte  dieselbe  nicht  regieren ,  so  würde  diess  deinen  Na- 
men und  Ruf  treffen.  Es  würde  heissen,  ich  hätte  unbe- 
fugt mich  mit  meiner  Eigenschaft  als  Götlersohn  geprahlt 
und  meinen  Jüngern  Bruder  in  Schalten  gestellt.  Denn  es 
ist  offenkundig,  dass  dieser  Üile  Bütegektschi  jede  Sache 
auszuführen  vermag.  Wenn  z.  B.  bei  grossen  Festgelagen 
der  siebzehn  Götter  aus  dem  Reiche  Is'wara's  Wettspiele 
oder  Bogenschiessen  angeordnet  werden,  wer  anders  bleibt 
Sieger  als  dieser  Uile  Bütegektshi,  gegen  welchen  Nie- 
mand etwas  vermag?  So  auch  bei  den  Spielen,  dem  Bogen- 
schiessen und  den  Ringkämpfen  der  drei  und  dreissig  Göt- 
ter uDler  eiflander  übertrifft  Ищ  keiaer.    Passelbe  gilt  von 


—     5     -^ 

den  Spielen  der  Draclienfürsten ,  bei  welchen  Uile  Büte- 
gektschi  jedesmal  Sieger  bleibt,  indem,  er  in  allen  Vor- 
zügen und  Fertigkeiten  ausgelernte  Uebung  besitzt.  Ver- 
gebliches Unternehmen  wäre  es,  wenn  wir  (andern)  als 
Göttersöhne  in  die  Welt  kämen;  soll  einer  hingehen,  so  ist 
dieser  Uile  Bütegektschi  allein  dazu  befähigt."  —  Die 
drei  und  dreissig  Götter  bestätigten  diese  Rede  mit  fol- 
genden Worten:  „Alles  was  Amin  Ssakiktschi  gesagt 
hat,  ist  die  reine  Wahrheit.  Auch  wir  sind  tapfer  und 
gewandt,  dessen  ungeachtet  besiegt  derselbe  (Üile  Büte- 
gektschi) uns  Alle  bei  Wettspielen,  Kampfübungen  und 
beim  Bogenschiessen.  Die  Worte  Amin  Ssakiktschi's 
sind  die  reine  Wahrheit."  Auch  der  jüngere  Bruder  Te- 
güs  Tsoktu  bekräftigte  das  Gesagte  mit  denW^orten:  „Es 
ist  Alles  wahr!" 

Der  Gott  Chormusda  sprach:  „Nun,  Üile  Bütegek- 
tschi, da  hasst  du  das  Zeugniss  Aller!  was  hast  du  dar- 
auf zu  erwiede  in?"  Üile  Bütegektschi  antwortete:  „Was 
soll  ich  anders  sagen,  als  dass  ich  dem  Befehle  meines  Va- 
ters und  Herrn  Folge  leisten  werde.  Gott  Chormusda, 
mein  Vater,  gib  mir  deinen  blau-schwarzen,  ihauschimmer- 
farbigen  Panzer!  gib  mir  deine  blitzleuchtende  Schulter- 
bedeckung! gib  mir  deinen,  wie  aus  Sonne  und  Mond 
vereint  zusammengesetzten,  weissen  Helm!  gib  mir  deine 
dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von  Türkis!  gib  mir 
deinen  harten  schwarzen  Bogen!  gib  mir  dein,  drei  Klafter 
langes,  geistiges  (übernatürliches)  Schwert!  gib  mir  deine, 
Daghorischoi  genannte,  goldene  Fangschlinge!  gib  mir 
dein  grosses,  drei  und  neunzig  Tsching  schweres,  stähler- 
nes Beil!  gib  mir  dein  kleines,  drei  und  sechzig  Tsching 
schweres ,  stählernes  Beil !  gib  mir  deine  eiserne  neun- 
zackige Fangstange  (mit  neun  Schlingen)!  dieses  Alles  lass 
auf  die  Erde  herab,  w  enn  ich  in  der  Welt  geboren  werde !" 
Chormusda  sprach:  „Es  ist  zugestanden!"  Weiler  sprach 
Üile  Bütegektschi:    „Lass    drei    der    drei    und    dreissig 


—    6    — 

Gölter  als  meine  drei  chubilganische  (verwandelte)  Schwe- 
stern mit  mir  zugleich  von  Einer  Mutter  geboren  werden! 
Schicke  auch  einen  der  unter  dir  stehenden  Gölter  in 
meiner  Gestalt  als  meinen  altern  chubilganischen  (magischen) 
Bruder  herab  und  zugleich  dreissig  Tapfere  deines  Gefol- 
ges als  magische  Helden!  Ich  fordere  dieses  Alles  nicht  aus 
habsüchtiger  Begierde ,  sondern  aus  Besorgniss,  dass  der 
Sohn  des  Gottes  Chormusda,  wenn  er  in  der  Welt  er- 
scheint, und  deren  Herrschaft  zu  übernehmen  nicht  im 
Stande  seyn,  oder  gar  von  den  Menschen  überwunden  wer- 
den sollte,  deinem  Namen  Schande  machen  möchte.  Ich 
fordere  es  in  der  guten  Absicht,  Unrecht  und  Gewalt  zu 
beugen  und  die  Wesen  zu  beglücken."  Hierauf  erwieder- 
ten  Chormusda  und  die  drei  und  dreissig  Götter  insge- 
sammt:  „Wir  sind  mit  Allem  einverstanden,  was  du  for- 
derst-, warum  sollte  uns  das  zu  deiner  Sendung  Nöthige 
leid  seyn?  du  sollst  Alles  haben".  Ferner  sprach  Uile 
Bütegektschi:  „Mein  älterer  Bruder  Amin  Ssakiktschi 
und  mein  jüngerer  Bruder  Tegüs  Tsoktu  sind  nicht  ge- 
gangen (haben  es  abgelehnt,  der  Sendung  Folge  zu  leisten) ; 
dafür  fordere  ich,  dass,  wenn  nach  meiner  Erscheinung  in 
der  W^ell  das  Wohl  der  Wesen  durch  mich  begründet 
worden  ist,  mir  die  Erbfolge  auf  den  Thron  meines  Va- 
ters zugesichert  Averde."  —  „Sie  ist  dir  zugesichert,"  war 
die  Antwort.  Noch  sprach  Uile  Bütegektschi:  „A^ater, 
gib  mir  auch  deinen  aus  der  härtesten  und  feinsten  Erz- 
masse verfertigten  Säbel!"  —  „Zugestanden!"  —  „Schicke 
mir  ferner,  nachdem  ich  auf  der  Welt  geboren  seyn  werde, 
ein  gutes  Pferd  herab,  das  von  Niemand  eingeholt  werden 
kann!"  —  „Zugestanden,"  war  die  Antwort. 

Als  nach  dieser  Zeit  der  Zustand  der  Welt  sich  verschlim- 
merte, versammelten  sich  auf  dem  Owogha*)  Küsseleng 

4)  Name   von   grossen,    allmählig    entstandenen   Steinhaufen,    die 
als  Götteraltäre  angesehen  werden.     Sie  entstanden  durch  die  Fröm- 


„      7      _ 

ausser  schvN'arzköpfigen^)  Menschen  eine  Menge  Wesen  in 
fliegender  Vogelgestalt.  Es  waren  da  Wesen  л^^оп  dreihun- 
dert verschiedenen  Zungen  unter  dem  Vorsitze  der  sprach- 
kundigen weissen  (Licht-)  Götlinn  Arjalamgari;  ferner 
waren  da  die  Zeichendeuter  Moa  Guschi,  Dangho  und 
der  König  der  Berge  Oa  Guntschid,  welche  Drei  ihre 
Zeichen  zu  stellen  und  zu  wahrsagen  sich  bereit  machten. 
Die  Aveisse  Götlinn  Arjälamgari  sprach:  „Ihr  drei  Wahr- 
sager, erspähet  aus  euren  Zeichen,  oh  ein  Fürst  geboren 
werden  wird,  der  dem  in  der  Welt  überhand  nehmenden 
Unheil  zu  steuern  im  Stande  wäre,  oder  ob  kein  solcher 
zu  erwarten  ist!''  Zuerst  stellte  Moa  Guschi  seine  Zeichen 
und  sprach  dann:  „Geboren  werden  wird  Boa  Dongtsong 
Garbo  mit  einem  Krystallkörper,  mit  schnee weissen  Zäh- 
nen, mit  dem  Kopfe  des  \ogels  Garuda  und  mit  gold- 
gelbem zottigem  Haar,  dessen  Spitzen  das  Aussehen  von 
Weidenkätzchen  haben  werden.  Dieser  wird  nach  seiner 
Geburt  Beherrscher  der  hohen  Götter  werden."  Arjä- 
lamgari sprach:  „Gut,  stellt  abermals  eure  Zeichen!" 
Nun  stellte  der  Wahrsager  Dangbo  seine  Zeichen  und 
sprach  dann:  „Geboren  werden  wird  Arjäwalori  Ud- 
gari  mit  weitstrahlendem  weissem  Glänze  und  mit  roth- 
braunem Gesichte^  der  Oberlheil  seines  Körpers  wird  die 
Menschengestalt  und  der  Untertheil  desselben  die  Schlan- 
gengestalt der  Drachenfürsten  haben.  Derselbe  wird  nach 
seiner  Geburt  der  Beherrscher  der  Wasserdrachen  werden." 
Sodann  befahl  die  weisse  Göltinn  Arjälamgari  dem  Berg- 
fürsten Oa  Guntschid,  seine  Zeichen  zu  stellen.  Nach- 
dem dies  geschehen  war,  sprach  er:  „Geboren  werden 
wird  Dschamtso  Dari   Udam  in  schneeweissem  Glänze, 

migkeit  der  Vorüben'eisenden ,  von  welchen  nie  versäum l  л\иг(1е, 
einen  oder  mehrere  Steine  hinzuzufügen.  Sie  befinden  sich  immer 
an  hohen  Stellen. 

5)  Eliu  Epithel  der  Menschheit. 


—      8      — 

der  uach  allen  zehn  Gegenden  strahlt.  Diese  ^vircl  nach 
ihrer  Geburt  die  Beherrscherinn  der  Däkiuis^)  der  zehn 
Gegenden  werden."  Arjalamgari  sprach:  „Stelle  noch 
einer  von  euch  abermals  seine  Zeichen  I"  Diess  geschah 
und  es  hiess:  „Geboren  \verdeu  wird  Gesser  Sserbo 
Don r üb;  der  Oberlheil  seines  Körpers  enthält  den  Inbe- 
griff der  Buddhas  der  zehn  Gegenden,  der  Mitteltheil  sei- 
nes Körpers  den  der  vier  Maharadscha  -  Götter')  und 
der  Untertheil  seines  Körpers  den  Inbegriff  der  vier  Dra- 
chenfürsten. Dieser  лvird  nach  seiner  Geburt  der  Beherr- 
scher des  Dschambudwip^)  werden  unter  dem  Namen: 
Der  in  den  zehnGegenden  herrschende  Heil  spen- 
dende Held  Gesser  Chaghan.  „Ferner  fragte  die  weisse 
Göttinn  Arjalamgari:  „Werden  sie  Alle  einen  Vater 
und  eine  Mutler  zu  Eltern  haben  oder  von  verschiedenen 
Vätern  und  Müttern  gezeugt  und  geboren  werden?  ЛҮег 
wird  der  \'ater,  wer  wird  die  Mutter  seyn.?"  Nach  aber- 
maliger Zeichenslellung  lautete  die  Antwort:  „Der  Vater 
wird  seyn  dieser  (unser  Gefährte,  der)  Bergfürst  Oa  Gun- 
tschid,  und  die  Mutter  wird  seyn  Geksche  Amur- 
tschila,  des  Gü  Bajan  Tochter.  Da  sie  Alle  gemein- 
schaftlich handeln  und  sich  gegenseitig  unterstützen  sollen, 
so  werden  sie  Alle  von  einem  Vater  gezeugt  und  von  ei- 
ner Mutter  geboren  werden."  Arjalamgari  fragte  weiter: 
„Es  heisst  zwar:  der  Vater  ist  dieser  und  die  Mutter  eine 
solche,  W'Oher  aber  kommt  die  Enkelschaft?"  Die  Wahr- 
sager antworteten:  „Es  ist  der  Sohn  des  Gottes  Chor- 
rausda,  welcher  (Letztgenannte),  den  Eintritt  der  unheil- 
vollen Zeit    wissend,    dem   Befehle    Buddha's    gemäss    han- 

6)  Weibliche  Gottheiten. 

1)  Die  Hüter  der  vier  Erdgegenden ;  sie  haben  ihren  Sitz  an  den 
vier  Seiten  des  Berges  Sumeru. 

8)  Im  engem  Sinne  die  indische  Halbinsel,  im  weitern  Sinne 
ganz  Asien. 


dek;    ob    derselbe    (dessen  Sohn)    aber    unter    allen  diesen 
Verwandlungen  erscheinen  wird,   wissen  wir  nicht." 

Zu  der  Zeit  gab  es  drei-  Völkerschaften,  mit  Namen 
Tussa,  Dongsar  und  Lik.  Der  Fürst  von  Tussa  war 
Sanglun,  der  Fürst  von  Dongsar  war  Tsargin  und  der 
Fürst  von  Lik  war  Tschotong.  Der  Fürst  Tschotong 
war  im  Besitze  vortrefflicher  Pferde:  er  besass  einen  Koth- 
schimmel,  der  im  Rennen  einen  herabschiessenden  Wasser- 
sturz überholte,  ein  weisslich- gelbes  Fuchspferd,  welches 
in  gerader  Richtung  jeden  Fuchs  einholte  und  ein  (anderes) 
weisslich-gelbes  Pferd,  welches  jede  Antilope,  ihre  Kreuz- 
und  Querzüge  verfolgend,  erjagte.  Jene  drei  л erwandten 
Völkerschaften  rüsteten  sich  gegen  Gü  Bajan  zu  einem 
Ueberfall.  Tschotong,  aus  Neid  gegen  die  Andern,  eilte 
auf  einem  seiner  trefflichen  Pferde  voraus  und  gab  (dem 
Feinde)  die  Kunde ,  dass  die  Truppen  der  drei  Völker- 
schaften Tussa,  Dongsar  und  Lik  zu  einem  Ueberfall 
bereits  in  der  Nähe  seyen.  Gü  Bajan 's  Tochter,  Namens 
Geksche  Amurtschila  ergriff  die  Flucht,  glitschte  aber 
auf  dem  Eise  aus,  fiel  und  wurde  von  Tschotong  gefangen. 
Die  Jungfrau  hatte  sich  bei  ihrem  Falle  die  Hüftsehnen 
verletzt,  so  dass  sie  lahmte.  Tschotong  dachte:  „Mein 
Ruf  wird  dem  Spotte  preisgegeben,  wenn  ich  mit  nichts 
als  einem  lahmen  Weibe  ohne  alles  Besitzthum  heimkehre-, 
ich  muss  sie  bei  einem  andern  Manne  anzubringen  suchen. 
Ich  werde  sie  meinem  altern  Bruder  Sanglun  übergeben, 
kann  sie  ja  nachher  immer  wieder  zurücknehmen."  Bald 
nachdem  er,  dieser  ausgesonnenen  List  gemäss,  die  Gek- 
sche Amurtschila  dem  Sanglun  aufgedrungen  hatte, 
heilte  ihr  Fuss  und  ihr  Aussehen  wurde,  wie  zuvor,  über- 
aus schön  und  reitzend.  Der  Fürst  Tschotong  sah  diess 
mit  neidischen  Augen  und  sprach  (zu  Sanglun):  „Ein  sol- 
ches schönes  Weib  ist  schwer  zu  finden;  ich  hoffte,  sie 
würde  einen  wackeru  Knaben  gebären ,  diess  ist  indess 
nicht  geschehen.     Uebrigens  rührt  das  Unheil  der  jetzigen 


—      10     — 

Zeit  blos  von  euch.  Mann  und  AVeib  her."  Diess  gesagt 
beschloss  er,  den  Sanglun  und  die  Geksche  Amur- 
tshila  zu  Aertreiben  undSanglun's  früheres  Weib,  dessen 
Haus  und  A'ieh  ihm  abzunehmen  und  sich  zuzueignen. 
Dem  gemäss  gab  er  ihnen  ein  scheckiges  Kameel  mit 
scheckigem  Füllen,  eine  Scheckstule  mit  Scheckfülleu,  eine 
bunte  Kuh  mit  buntem  Kalbe,  ein  geflecktes  Schaf  mit 
geflecktem  Lamra,  und  einen  bunten  Hund  mit  bunten 
Jungen,  nebst  einem  schwarzen  (schlechten)  Halbzelte  mit 
und  schickte  sie  an  den  Ort,  wo  die  Mündungen  der  drei 
Flüsse  sich  vereinigen,  in  die  Verbannung.  An  diesem 
Orte  beschäftigte  der  Alle,  während  des  Weidens  seines 
wenigen  Viehes,  sich  damit  ,  Berghasen  in  Schlingen  zu 
fangen;  den  einen  Tag  tödlete  er  auf  diese  Weise  zehn, 
den  andern  Tag  sieben  oder  acht-,  Geksche  Amurtschila 
sammelte  unterdessen  Brennmaterial  zur  Feurung. 

Eines  Tages,  als  Geksche  Amurtschila  nach  Brenn- 
material ausgegangen  war.  sah  sie  vor  sich  einen  Sperber 
sitzen,  dessen  Vordertheil  lus  zur  Brust  die  \^ogelgestalt, 
dessen  Hintertheil  al)er  die  Menschengestalt  hatte.  Gek- 
sche Amurtschila  rief  ihm  zu:  „Wie  kommt  es,  dass 
der  \'ordertheil  deines  Körpers  einem  Vogel  und  dein 
Hintertheil  einem  Menschen  ähnlich  sieht?  was  hat  das  zu 
bedeuten?"  Der  Spefber  antwortete:  „Weil  ich  meine 
mütterlichen  Verwandten  noch  nicht  kenne,  hat  mein  Vor- 
dertheil bis  zur  Brust  die  Vogelgestalt,  mein  Hintertheil 
aber  hat  deswegen  die  Menschengestalt ,  weil  ich  meinen 
ursprünglichen  Körper  vernichtend  hergekommen  bin.  Ich 
bin  vom  hohen  Götterhimmel  herab  auf  die  Welt  gekom- 
men und  suche  ein  edles  Weib,  um  von  demselben  ma- 
gisch geboren  zu  werden.  Findet  sich  ein  solches  Weib, 
so  mag  es  geschehen,  wo  nicht,  so  mag  es  bleiben."  — 
Mit  diesen  Worten  flog  der  Sperber  davon. 

Als  Geksche  Amurtschila  in  der  Nacht  des  ersten 
Mondviertels  mit  einer  Tracht  Brennmaterial  auf  dem  Heim- 


—    11    — 

wege  war,  begegnete  ihr  unterwegs  eine  grosse  Mannsge- 
stalt 5  vor  Schrecken  fiel  sie  in  Ohnmacht.  Nachdem  sie 
eine  Zeitlang  gelegen  und  wieder  zu  sich  gekommen  war, 
setzte  sie  den  Heimweg  fort  Da  ein  kleiner  Schnee  ge- 
fallen war,  so  suchte  sie  bei  der  anbrechenden  Morgen- 
dämmerung die  frühere  Spur  ihrer  Tritte  und  stiess  dabei 
auf  die  frische  Spur  eines  Menschen,  der  Schritte  von  der 
Länge  einer  halben  Klafter  gemacht  hatte.  „Was  für  ein 
entsetzlich  weilschreitender  Mensch  mag  hier  gewesen  seyn," 
rief  Geksche  Amurischila  und  folgte  der  Spur.  Diese 
führte  zu  einer  Felsenhöhle.  Geksche  Amurtschila 
blickte  verstohlen  in  das  Innere  derselben  und  geлvahrte 
einen  Menschen  mit  einer  ligerbunten  Fahne,  mit  einer 
tigerbunten  Mütze  und  'mit  einer  ebensolchen  Bekleidung 
und  Beschuhung,  der  auf  einem  goldenen,  von  einem  Pilze 
gestützten  Sessel  sass,  den  Reif  von  seinem  tigerbunten 
Barte  sreifte  und  dabei  die  Worte  sprach:  „In  dieser 
Nacht  habe  ich  mich  aufs  Aeusserte  erschöpft."  Geksche 
Amurtschila  nahm  aus  Furcht  die  Flucht  und  kam  nach 
Haus. 

Die  dreihundert  Wesen  лоп  verschiedenen  Zungen  gin- 
gen auseinander;  die  weisse  Götlinn  Arjalamgari  stieg 
zum  Himmel  empor;  die  beiden  W^ahrsager  Moa  Guschi 
und  Dangbo  blieben  auf  dem  Küsseleng  genannten 
Owogha.  Alle  halten  darauf  gewartet,  ob  die  Weissagung 
der  Zeichendeuler  in  Erfüllung  gehen  würde.  „Sie  ist  in 
Erfüllung  gegangen,"    riefen   sie   und   gingen  aus   einander. 

Nach  der  Heimkunft  der  Geksche  Amurtschila  be- 
gann ibr  Leib  an  Umfang  zuzunehmen,  so  dass  sie  zuletzt 
weder  stehen  nocb  aufstehen  konnte.  Am  Vollmonde  des- 
selben Monats  nahm  der  Alte  (nach  seiner  Gewohnheit) 
seine  Schlingen  und  wollte  sein  Vieh  auf  die  Weide  trei- 
ben, als  Geksche  Amurtschila  ihm  zurief:  „Warum 
willst  du  jetzt  fortgehen?  in  meinem  Leibe  rumort  es,  als 
hielten  mehrere  Menschen  ein  Gespräch  mit  einander.     Ich 


—      12     — 

Vergehe  vor  Angst  in  der  Einsamkeil;  bleibe  daher  heute 
schon  bei  mir."  Der  alle  Sangluii  erwiederte:  „Wer 
wird  die  Berghasen  fangen,  wer  wird  unser  weniges  Vieh 
beaufsichtigen,  wenn  ich  zu  Hause  bleibe?  womit  sollen 
wir  unser  Leben  fristen,  wenn  ich  keine  Berghasen  fange?-' 
Mit  diesen  Worten  entfernte  er  sich.  Es  dauerte  nicht 
lange,  so  hatte  der  Alte  bereits  siebzig  Berghasen  gefan- 
gen, die  er  nach  Hause  trug  und  voller  Freude  sprach: 
„Heute  habe  ich  sehr  beträchtlich  mehr  als  sonst  gefangen: 
sicherlich  steht  meinem  Hause  Segen  bevor."  Er  warf 
seine  Ti'acht  Berghasen  ab  und  entl'ernte   sich  abermals. 

Zwischen  Mittag  und  Abend  erhob  sich  der  Gesang 
einer  Knabenstimme  im  Leibe  der  Geksche  Amurtschila 
folgendergestalt :  „Ich,  Boa  Dongtsong  Garbo  genannt, 
mit  einem  kiystallenen  Körper,  mit  schneeweissen  Zähnen, 
mit  dem  Kopfe  des  A'ogels  Garuda,  mit  goldgelbem  zotti- 
gem Haare,  dessen  Spitzen  wie  AVeidenkätzcheu  aussehen, 
werde  nun  geboren  werden.  Nach  meiner  Geburt  werde 
ich  der  Beherrscher  der  hohen  Himmelsgölter  werden." 
Gleich  darauf  sang  eine  andere  Stimme:  „Ich,  Arjawa- 
lori  genannt,  mit  лveitstrahlendem  weissen  Glänze,  mit 
rothbraunem  Gesichte,  mit  einem  Körper,  dessen  Ober-  jl 
iheil  die  Menschengestalt  und  dessen  Untertheil  die  Schlan-  •  \ 
gengestalt  der  Drachenfürsten  hat,  werde  nun  geboren  wer- 
den. Nach  meiner  Geburt  Averde  ich  der  Beherrscher  der 
untern  Drachen  und  ihrer  Fürsten  werden."  Sodann  sang 
eine  dritte  Stimme:  „Ich,  Dschamlso  Dari  Udam  Ud-  . 
gari  genannt,  von  blendendvveisser  Farbe  und  einem  Licht-  I 
glänze,  der  nach  allen  zehn  Gegenden  strahlt,  werde  nun 
geboren  werden.  Nach  meiner  Geburt  werde  ich  die  Be- 
herrscherinn  der  Däkini's  der  zehn  Gegenden  werden." 
Zuletzt  sang  eine  vierte  Stimme:  „Ich,  Gesser  Sserbo 
Don  ruh  genannt,  mit  einem  Körper,  dessen  Obertheil 
den  Inbegriff  der  Buddhas  der  zehn  Gegenden,  dessen 
Mitteltheil  den  Inbegriff  der  vier  Mahärädscha-Götter  und 


-   15  - 

dessen  Untertheil  den  Inbegriff  der  vier  grossen  Dracbeu-' 
fürsten  in  sich  schliesst,  werde  nun  geboren  werden.  Nach 
meiner  Gebuit  werde  ich  der  Beherrscher  des  Dschambu 
Dwips,  der  Heil  spendende  Herrscher  in  den  zehn  Ge- 
genden, der  Held  Gesser  Chaghan  werden."  —  Die 
MuUer  rief:  „O  Weh!  O  Weh!  was  für  Buddhas  könnte  ich 
wohl  empfangen  und  gebären,  da  sogar  ein  gewöhnlicher 
Mensch  mich  verachtet  und  an  die  Mündungen  der  drei 
Flüsse  in  die  Verbannung  geschickt  hat!  eher  möchte  ich  wohl 
eine  empfangene  Teufelsbrut  gebären.  Der  alte  Sangluu, 
euer  elender  Vater ,  konnte  keine  Wiegen  für  euch  zu- 
rechtmachen, da  Niemand  ihm  seine  Nahrung  reicht,  und 
wie  soll  ich  in  diesem  Zelte,  so  gross  als  ein  Vogelnest, 
euch  Wiegen  machen  und  ernähren,  da  Niemand  für  mei- 
nen  eigenen  Lebensunterhalt  sorgt!  Indess  will  ich  suchen, 
euch  hier  unterzubringen!"  Mit  diesen  Worten  ergriff  sie 
eine,  zum  Ausgraben  von  Wurzeln  dienende,  neun  Klafter 
lange,  eiserne  Stange  und  grub  damit  vier  Löcher,  eins 
neben  dem  andern,   in  die  Erde. 

Kaum  war  sie  damit  fertig,  so  rief  Boa  Dongtsong 
Garbo:  „Mutter,  gib  mir  Raum!"  und  gleich  darauf  kam 
er  aus  ihrem  Scheitel  zur  Welt.  Seine  Gestalt  und  sein 
Aussehen  waren  über  alle  Beschreibung  schön.  Er  ent- 
schlüpfte der  Mutter,  kroch  fort  und  liess  sich  von  ihr 
nicht  ergreifen.  Während  die  Mutter  sich  abmühte  ihn  zu 
haschen,  senkten  die  Götter  einen  gesattelten  und  gezäum- 
ten krystallenen  Elephanten ,  unter  Becken-  und  Pauken- 
schall, vom  Himmel  herab,  auf  welchen  der  Neugeborne 
gesetzt  und  unter  Becken-  und  Paukenschall  und  wohl- 
riechendem Räucherduft  gen  Himmel  emporgehoben  wurde. 
„O  Weh,  rief  die  Mutter  weinend,  gewiss  war  jnein  Kind 
ein  Buddha!"  Während  sie  noch  weinte,  rief  der  zweite: 
„Schwester,  gib  mir  Raum!"  Die  Mutter  hob  ihren  rech- 
ten Arm  empor  und  drückte  mit  der  Hand  ihren  Scheitel; 
Während  sie  drückte,  fiel  er  aus  ihrer  гесЬ1ед  Armhöhle 


--     14     — 

heraus,  machte  sich  gleich  von  der  Mutter  los,  kroch  fort 
und  liess  sich  nicht  von  ihr  erreichen.  Unterdessen  erschien 
von  den  Drachenfürsien  aus  der  Meerestiefe,  \vie  in  vori- 
ger Weise,  ein  gesattelter  und  gezäumter  Krystallelephant, 
auf  welchem  die  Drachenfürslen  unter  Becken-  und  Pau- 
kenschall und  entzündetem  wohlriechendem  Räucherwerke 
ihn  in  die  Tiefe  des  Oceans  entführten.  Nun  rief  es  aher- 
mals:  „Schwester,  gib  mir  Raum!"  Die  Mutler  drückte 
mit  beiden  Händen  ihren  Scheitel,  während  sie  mit  dem 
Oberarm  von  beiden  Seiten  ihre  Armhöhlen  zusammen- 
presste,  worauf  die  Geburt  aus  dem  ]УаЬе1  erfolgte.  Die- 
ses Kind  war  ungleich  schöner  vind  reitzender  als  die  bei- 
den vorigen,  liess  sich  jedoch  ebenfalls  von  der  Mutter 
nicht  fangen.  Während  die  Mutter  dasselbe  zu  haschen 
strebte,  sandten  die  Däkinis  der  zehn  Gegenden  einen 
himmelblauen  gesattelten  und  gezäumten  Elephanten  herab 
und  entführten  das  Kind  unler  Becken-  und  Paukenschall 
und  dem  Dufte  wohlriechender  Räucherungen.  „O  ЛҮеЬ, 
o  Weh,  welcher  Jammer!"  rief  die  Muller  weinend,  „vv^o- 
hin  sind  meine  Kinder  gerathen!  es  waren  in  der  That 
imd  wie  sie  selbst  es  verkündigt  hallen,  Buddha- Verwand- 
lungen !  v^'ozu  habe  ich  die  vier  Gruben  gegraben !  hätte 
ich  wenigstens  eines  von  euch  vor  der  Trennung  erkennen, 
herzen,  küssen  und  umarmen  können!  O  Weh,  was  habt 
ihr  mir  gethan,   meine  Kinder!" 

Während  sie  also  wehklagte,  fragte  die  Stinuue  des 
Vierten:  „Schwester,  auf  welchem  Wege  soll  ich  erschei- 
nen?" Die  Mutter  entgegnete:  „Auf  dem  natürlichen  Wege 
mein  Kind!"  worauf  das  Kind  auf  dem  natürlichen  Wege 
zur  Welt  kam.  Mit  dem  rechten  Auge  schielte  der  Knabe, 
mit  dem  linken  schaute  er  gerade  aus  5  die  rechte  Hand 
schwenkte  er,  die  linke  hielt  er  zusammengeballt  5  den 
rechten  Fuss  streckte  er  in  die  Höhe,  den  linken  streckte 
er  gerade  ausj  volle  fünf  und  vierzig  schnee weisse  Zäline 
brachte  er  zusammengebissen  mit  auf  die  AVeit.  —  „O  Weh, 


_     15     ^ 

0  Weh,  was  ist  das!"  rief"  die  Mutter;  „meine  drei  voi* 
ihm  Geborenen  waren  sämmtlich  buddhaische  Verwand- 
lungen, deswegen  konnte  ich  sie  nicht  bei  mir  erhaltend 
diese  sündige  Teufelsgeburt  wird  mir  gewiss  nicht  davon 
laufen!"  Weiter  sprach  sie:  „Mein  Kind,  womit  soll  ich 
deine  Nabelschnur  ablösen?"  Sie  langte  unter  ihrem  Kopf- 
kissen ein  zweischneidiges  Messer  hervor,  mit  welchem  sie 
hin  und  her  sägte,  ohne  jedoch  die  Nabelschnur  durch- 
schneiden zu  können.  Da  sprach  der  Knabe:  „Mutter! 
mit  diesem  Messer  wirst  du  meine  Nabelschnur  nimmer 
ablösen;  gehe  aber  zum  grossen  See  vor  unserm  Hause, 
daselbst  wirst  du  einen  scharfen  schwarzen  Stein  finden, 
womit  es  geschehen  kann.  Beim  Durchschneiden  sprich 
folgenden  Segen:  ,,„Mein  Sohn,  möchtest  du  ein  Wesen 
werden  fester  als  dieser  Stein!""  Meinen  Nabel  verbinde 
mit  weichem  Heu  und  sprich  dabei  die  Segens worte:  „„Mein 
Sohn,  möchte  das  Volk  des  befreundeten  Stammes,  zu  wel- 
chem du  gehörst,  sich  weiter  ausbreiten  als  das  Gras  des 
Feldes!""  —  Die  Mutter  wickelte  ihr  Kind  in  ihren  Rock- 
schoos  und  ging  an  das  Ufer  des  See's.  Dort  fand  sie  im 
Wasser  einen  scharfen  schwarzen  Stein,  mit  welchem  sie 
die  Nabelschnur  unter  Aussprechung  der  obigen  Segens- 
Avorte  durchschnitt;  den  Nabel  verband  sie  mit  Heu,  in- 
dem sie  die  darauf  bezüglichen  Segensworte  aussprach. 

Zur  Stunde,  da  Gesser  geboren  wurde,  war  nasskalte 
Witterung,  so  dass  die  Mutter  bei  der  Ablösung  der  Na- 
belschnur ihren  kleinen  Finger  erfror.  „Welch  ein  sün- 
diges, welch  ein  heilloses  Kind  ist  diess!"  schrie  die  Mut- 
ter weinend;  „während  ich  beschäftigt  war,  seinen  Nabel, 
zu  besorgen,  ist  mir  der  kleine  Finger  erfroren!"  Der 
Knabe  rief  ihr  zu:  „Schimpfe  nicht,  weine  nicht,  meine 
Mutter!  stecke  deinen  Finger  in  das  Wasser  des  See's  und 
siehe,  was  dann  wird!"  Die  Mvitter  that  nach  den  Worten 
des  Knaben  und  der  Finger  wurde  gesund  wie  zuvor. 
Als  die  Mutter  mit  хЬгещ  Knaben  »ach  Hause  gekommen 


—    16    — 

л\аг,  fragte  sie  ihn:  „Wo,  mein  Kind,  soll  ich  dich  betten? 
hier  vielleicht  in  dieser  Grube?"  Als  die  Mutter  den  Kna- 
ben aufhob,  entschlüpfte  er  ihr  und  fiel.  Sie  hob  ihn  wie- 
der auf,  und  er,  ihr  abermals  entschlüpfend,  klammerte 
sich  an  die  Mutter,  indem  er  die  Worte  sprach:  „Meine 
Mutter!  der  schielende  Blick  meines  rechten  Auges  durch- 
schauet das  Thun  und  Treiben  der  Elje  vmd  Schimnus^); 
der  gerade  Blick  meines  linken  Auges  zeigt  mir  zugleich 
das  gegenwärtige  sowohl  als  das  zukünftige  Schicksal^  meine 
geschwenkte  rechte  Hand  bedeutet  meine  drohende  Stellung 
gegen  alle  Feinde  und  Widersacher,  und  meine  zusam- 
mengeballte linke  Hand  bedeutet,  dass  ich  Alles  beherrsche 
und  festhalte;  mein  emporgestreckter  rechter  Fuss  bedeutet, 
dass  ich  das  Religionsgesetz  emporbringen  werde  und  mein 
gerade  ausgestreckter  linker  Fuss  bedeutet,  dass  ich  alle 
Ketzer  und  Ungläubige  unterjochen  vmd  zerstreuen  werde; 
meine  fünf  und  vierzig  zusammengebissenen  Zähne,  mit 
denen  ich  geboren  bin,  bedeuten,  dass  ich  die  Macht  und 
Furchtbarkeit  der  schrecklichen  S  c  h  i  m  n  u  s  verschlingen 
werde."  —  Die  Mutter  rief:  „O  W^eh,  o  Weh!  sonst  pfle- 
gen die  Kinder  bei  ihrer  Geburt  mit  dem  vierten  Finger 
ihrer  beiden  Hände  sich  die  Nasenlöcher  zuzuhalten,  sie 
pflegen  mit  geschlossenen  Augen  geboren  zu  werden;  was 
für  ein  schwatzhaftes,  beissiges  Kind  habe  ich  da  geboren, 
das  jetzt  schon  sich  mit  mir  zankt  und  balgt." 

Während  dieses  Worlslreites  kam  Sanglun  zu  seiner 
Wohnung.  Das  eine  Mal  hörte  er  die  Stimme  eines  Wei- 
bes, das  andere  Mal  hörte  er  eine  Stimme  wie  die  eines 
Tigers.  Der  alte  Sanglun  kam,  sein  Vieh  treibend,  zehn 
Berghasen  auf  dem  Rücken  tragend  und  seine  eiserne  Fang- 
stange  mit  neun  Schlingen    in   einer  Hand  nachschleppend, 

9)  Benennungen  von  teuflischen,  übelwollendcu  Wesen.  Die  Elje 
sind  aus  dem,  Von  mir  in  den  Memoiren  der  Akademie  erklärten, 
Steinernem  Penkmale  Tschinggis  Chans  bekannt. 


_    t1    — 

nach  riause.  „Was  gibt  es  hier!"  ri^f  er.  Geksche 
Amurtschila  antwortete  ihm:  „Du  besessener,  erbärm- 
licher, vertrockneter  Schuft!  du  vom  Glücke  verlassener 
Taugenichts!  hatte  ich  dich  nicht  gebeten,  heute  bei  mir 
zu  bleiben?  Kurz  zuvor  habe  ich  drei  Kinder  aus  allen 
verschiedenen  Theilen  meines  Körpers  zur  Welt  gebracht; 
es  луагеп  lauter  buddhaische  Verwandlungen,  welche,  je 
nach  dem  Orte  ihrer  Bestimmung,  iheils  gen  Himmel  sich 
erhoben,  theils  in  die  Tiefe  versanken,  theils  zu  den  Dä- 
kinis  sich  erhoben  unter  dem  Rufe:  die  Götter  in  der 
Höhe!  Die  Drachenfürsten  der  Tiefe!  die  Däkinis  der 
zehn  Gegenden!  und  was  dergleichen  mehr  war.  Unter 
solchem  Kufe  entfernten  sich  Alle.  Nun  aber  so  eben,  du 
nichtswürdiger  Lump!  habe  ich  eine  Teufelsbrut  zur  Welt 
gebracht,  die  mich  packt  und  fressen  zu  ул ollen  .sclieint  und 
sich,  Avie  du  siehst,  gebehrdet."  Der  Alte  sprach  :  „O 
Weh!  woher  weisst  du.  dass  es  eine  Teufelsbrut  ist?  wir 
vermuthen  diess  nur  so,  während  es  vielleicht  ein  Buddha 
ist.  Wie  können  wir  unser  eigenes  Kind  tödten  !  wir 
wollen  lieber  versuchen,  es  aufzuziehen.  Heute  habe  ich 
achtzig  Berghasen  getödtet.  Unser  weniges,  künnuerliches 
Vieh  ist  sammllich  trächtig  und  schleppt  den  Bauch  schon 
beinahe  bis  zur  Erde.  Anfangs  gab  es  in  der  JNäbe  unse- 
rer Wohnung  keine  Berghasen;  heute  i.sl  in  der  Entfernung 
eines  Pfeilschusses  von  unserm  Hause  kein  Schnee  gefallen 
und  alle  diese  Berghasen  habe  ich  auf  diesem  Räume  ge- 
fangen. So  etwas  ist  mir  in  meinem  Leben  noch  nicht  be- 
gegnet. Mag  es  nun  Glück  sej  n ,  mag  es  die  Güte  meiner 
Schlingen  seyn ;  diess  hier  habe  ich  mitgebracht, "'  Die 
Mutter  entgegnete  hierauf:  „Wenn  dem  so  ist.  wie  kön- 
nen wir  das  Kind  umbringen;  wir  wollen  es  aufzuziehen 
suchen." 

Zu  der  Zeit  gab  es  einen  Teufel,  in  der  Gestalt  eines 
schwarzen  Raben,  welcher  den  noch  nicht  jährigen  Kin- 
dern die  Augen  auszuhacken  und  sie  solchergestalt  blind  zu 

2 


^     18     -. 

machen  oder  auch  zu  tödlen  pflegte.  Gess  er,  durch  einesei- 
ner magischen  Verwandlungen  davon  benachrichtigt,  schloss 
sein  eines  Auge,  während  er  mit  dem  andern  schielend  um- 
herblickte. Leber  dieses  offene  Auge  hatte  er  seine  magi- 
sche eiserne  neunzackige  Fangstange  gestellt.  Als  nun  der 
Teufel  in  schwarzer  Rabengestalt  sich  näherte,  ihm  das 
Auge  auszuhacken,  zog  Gesser  an  das  Seil  seiner  Schlin- 
gen, fing  den  Teufel  in  schwarzer  Rabengestalt  und  er- 
würgte ihn. 

Ferner  gab  es  zu  der  Zeit  einen  andern  Teufel  mit 
Zähnen  einer  Ziege  und  mit  der  Schnauze  eines  Hundes. 
Dieser  pflegte  sich  in  einen  Lama  zu  verwandeln  und  den 
Kindern  im  zv\  eiten  Jahre ,  während  er  Miene  machte ,  als 
ob  er  ihnen  die  Hand  zum  Segnen  auflege  die  Zunge  ab- 
zubeissen  und  sie  stumm  zu  machen.  Gesser  wusste,  dass 
dieser  Teufel  zu  ihm  kommen  würde  rmd  erwartete  ihn 
liegend,  mit  seinen  fest  auf  einander  gebissenen  fünf  und 
vierzig  schneeweissen  Zähnen.  Der  Teufel  kam,  verwan- 
delte sich  in  einen  Lama  und  legte  dem  Knaben  die  Hand 
als  wie  zum  Segen  auf  das  Haupt.  Während  dessen  ver- 
suchte er ,  mit  seinem  Finger  und  nachher  mit  einem 
Stocher,  zwischen  dessen  Zähne  zu  kommen,  welches  ihm 
jedoch,  trotz  aller  angewandten  Mühe,  nicht  gelang.  Da 
fragte  der  Lama  die  Eltern:  .,Ist  dieses  euer  Kind,  wie 
gewöhnlich,  mit  einer  Zunge  geboren  oder  konnte  es  von 
Geburt  an  die  Kinnladen  nicht  öffnen?-'  Die  Eltern  ant- 
worteien:  „Es  hat  wie  andere  Kinder  geweint;  weiter  wis- 
sen wir  nichts."  Der  Teufel  gab  hierauf  seine  Zunge  dem 
Kinde  zu  saugen  und  sagte  dann:  „Das  Kind  saugt  ein 
wenig!"  Das  Kind  rief:  „Ich  will  noch  mehr  saugen!" 
worauf  der  Teufel  abermals  seine  Zunge  saugen  Hess.  Wäh- 
rend des  Saugens  packte  das  Kind  plötzlich  die  Zunge  des 
Teufels  mit  den  Zähnen  und  iödtete  ihn.  indem  es  ihm 
die  Zunge   an  der  Wurzel  abbiss. 


—      19      — 

Die  bezauberten  Bergbasen  bekamen  die  Grösse  von 
Ochsen .  verwandelten  dadurch  die  Gestalt  der  Erdober- 
fläche und  Ihaten  dem  Volke  der  Monghol  viel  Schaden. 
Gesser.  der  dieses  in  Erfahrung  brachte,  verwandelte  sich 
in  einen  alten  Kuhhirten,  ging  hinaus  und  nahm  sein  Beil 
mit.  Während  die  Berghasen  Ochsen  wurden  und  die  Ge- 
stalt der  Erdoberfläche  umänderJen.  hieb  sie  der  Alte  mit 
einem  Beil  zwischen  die  Hörner  und  tödtele  sie;  unmittel- 
Ыг  darauf"  tödtete    er  die  «Irei  Schrecklichen  "^). 

Darnach  lammte  d;is  Schaf  und  brachle  ein  schneev^eisses 
Lamm  zur  Welt;  hierauf  fohlte  die  Stute  und  brachte  ein 
übernatürliches  (geistiges)  braunes  Füllen  zur  Welt ;  die 
K.uh  kalbte  und  brachte  ein  eisenblaues  Kalb  zur  Welt; 
die  Hündinn  warf  und  brachte  ein  kupferfarbenes  weib- 
liches Junges  mit  eisenfarbener  Schnauze  zur  Welt.  Diess 
Alles  weihte  Gesser  unter  Räucherung  und  überlieferte  es 
seiner  Grossmutter  Absa  Gurts e  mit  folgenden  Worten: 
„Mutter,  nimm  diess  von  mii'  zu  dir  und  ziehe  es  sorg- 
fäliig  auf!  sollte  ich  es  dereinst  zurück  fordern,  so  gib  es 
mir  zurück!"  Die  Grossmutter  gab  ihre  Einwilligung  und 
nahm  (das   junge  Vieh)  zu  sich  hinauf. 

Der  alle  Sanglun  gab  dem  vort  der  vielfach  geplagten 
Frau  geborenen  Sohn  den  Namen  Joro,  und  dieser  Joro 
hütete  das  wenige  Vieh.  Eines  Tage*  während  des  Vieh- 
bötens  riss  er  dreimal  sieben  Schilfstängel .  dreimal  sieben 
Grasstängel,  dreimal  sieben  Kletlenstängel  und  dreimal  sie- 
ben Stängel  des  Charagana  genannten  Krautes  aus.  Mit 
den  Grasstängeln  schlug  er  die  schlechte  Stute ,  indem  er 
die  Worte  sprach:  „Dass  ich  dich  mit  diesen  dreimal  sie- 
ben Grasstängeln  schlage,  möge  die  Folge  haben,  dass  du 
die  Mutter  einer  Pferdeheerde  von  der  Farbe  dieser  weiss- 

^-  10)  TeufKsche  Schreckgessalteu ,  durch  welche  allerlei  Unheil  an- 
gerichtet wurde.  Bekanntlich  schreiben  die  Völker  Mittelasiens  aftij 
Naturübel  dem  Einflüsse  böser  Geister  zu. 

2* 


—     20      — 

lieh- gelben  Grasstängel  werdest!"  Mit  den  Schilfstäiigeln 
schlug  er  die  schlechte  Kuh  und  sprach  dabei  die  Worte: 
„Werde  die  Mutter  einer  schönen  Kuhheerde  von  der  Farbe 
dieser  Schilfähren  und  mit  Schwänzen  wie  Schilfblälter!" 
Mil  den  Klettenstängeln  schlug  er  das  Schaf,  sprechend: 
,, Bekomme  Lämmer  in  solcher  Menge,  als  schöne  Kletten 
an  diesen  Stängeln  sindl"  Mit  dem  Charagana  genannten 
Kraute  schlug  er  das  räudige  Kameel.  Durch  diese  magi- 
sche W^eihe  wurde  alles  Vieh  trächtig  und  warf  seine  Jun- 
gen. Die  einzelne  Stute  wurde  die  Mutter  einer  ganzen 
Pferdeheerde  von  weisslich- gelber  Grasfarbe,  aus  mehr  als 
hundert  Stück  bestehend.  Jedes  \'ieh  in  seiner  Art  warf 
einmal  monatlich  nach  Gessers  Befehl,  so  dass  es  sich  ins 
Unendliche  vermehrte.  Die  Freude  des  alten  Sanglun 
hatte  keine  Grenzen,  so  dass  er  ausrief:  „Hier  sieht  man 
mein  Glück,  meinen  Segen!  hier  bewährt  sich  das  Sprich- 
wort: Eins  ist  der  Anfang  von  Tausend!"  Hierauf  entgeg- 
nete Geksche  Amurtschila  ihm  höhnisch:  „Ja  wohl,  du 
hast  vollkommen  Recht!  dein  ganzes  Glück  ist  mir  von 
allen  Seiten  wohlbekannt:  du  bist  ein  ungemein  beglückter 
Mann!"  —  „Wer  soll  uns  hier  das  viele  Vieh  hüten?" 
sprach  (der  alle  Sanglun)  und  machte  sich  auf  den  Weg 
zu  seinem  Л^о1ке. 

Sanglun  kam  zu  Tschotong  und  sprach  zu  ihm: 
„Deffi  aus  Scheelsucht  von  dir  verstossenes  und  wegge- 
jagtes reit^endes  Weib  hat  einen  nichtswürdigen  Knaben 
geboren-,  als  nichtswürdig  behalte  ich  ihn  bei  mir,  als  taug- 
lich würde  ich  ihn  zu  deinem  Nachfolger  machen ;  sey  er 
indess  auch  untauglich ,  so  ist  er  doch  der  rechtmässige 
Erbe.  Gib  .mir  nun  mein  Weib,  meine  Kinder  und  meine 
Habe  zurück ! "  Das  ganze  Volk  (stimmte  diesem  Verlangen 
bei)  mit  den  Worten:  ,,^er  alte  Sanglun  hat  vollkom- 
men Recht!"  so  dass  (Tschotong)  ihm  Alles  herausgeben 
rousste. 


_     21      - 

Der  alle  Saiiglun  kehrte,  nachdem  er  sein  Eigenthum 
in  Empfang  genommen  hatte,  zurück  nach  Hause  und  be- 
fahl seineu  drei  Söhnen  Dsesse,  Rongsa  und  Toro,  sein 
Vieh  zu  hüten.  Während  die  drei  Knaben  das  Vieh  hüte- 
ten, Hess  Joro  die  entfernten  Berge  als  nahe  und  die  nahen 
Berge  als  fern  erscheinen  und  hütete  (solchergestalt)  das 
Vieh  in  magischer  Weise.  Eines  Tages  sprach  Joro  zu 
seinem  Vater:  „Wozu  deine  Freude  über  die  Vermehrung 
deines  Viehes  und  dein  Prahlen  über  dein  Glück?  wie 
kommt  es,  dass  du  dir  bis  jeizt  noch  keine  weisse  Ordu") 
angeschafft  hast?"  Der  Alte  antwortete  :  „Sind  wir  im 
Stande,  das  dazu  nöthige  Holz  herbeizuschaffen?  lasst  uns 
indess  einen  Versuch  machen!"  Als  sie  nun  hingingen  und 
in  den  Wald  kamen,  fingen  sie  Alle  an,  Holz  zu  fällen. 
Der  Alte  suchte  sich  gerade  gewachsene  Stämme  aus  und 
fällte  deren  eine  Anzahl.  Joro  liess  durch  eine  magische 
Verwandlung  das  zu  Wänden  taugliche  Holz  zu  Wänden, 
und  das  zu  Dachsparren  taugliche  Holz  zu  Dachsparren  ver- 
arbeiten. Während  der  alte  Sänglun  noch  einige  stracke 
schlanke  Stämme  erblickte  und  sie  umhauen  wollte,  л^ог- 
i  wandelte  Joro  diese  Stämme  auf  magische  Weise  in  stache- 
liges Holz,  so  dass  der  Alte  damit  nicht  fertig  werden 
konnte ,  sich  die  Hände  an  den  Dornen  zerkratzte  und  voller 
Verdruss  ausrief:  „Hier  hat  wieder  der  nichtswürdige  sünd- 
hafte Knabe  seine  Hand  im  Spiel!  während  ich  schönes 
glattes  Holz  zu  fällen  im  Begriff  stand,  ist  es  stacheliges 
geworden!  Nun  komme  ich  unverrichteter  Sache,  ermattet 
und  mit  verwundeten  Händen  nach  Hause"  Joro  kam 
und  brachte  das  Holz  zu  seiner  weissen  Ordu  mit.  (Bei 
seiner  Ankunft)  rief  er:  „Väterchen,  warum  hast  du  dein 
gefälltes  Holz  im  Stiche  gelassen?  Aus  deinem  gefällten 
Holze    habe    ich    ein    vollständiges    Haus    zurechtgemacht." 

•     11)  Ein  grosses  weisses  Filzzelt,  als  Residenz   des  Fürsten  oder 
Stammoberhauptes,  oder  ein  nomadisches  Hoflagcr. 


—      22     — 

Der  Alle  erwierlerte:  „In  Her  Thal  halte  ich  Holz  gefällt, 
ich  habe  die  Stelle  verfehlt  und  das  Holz  nicht  wieder  ge- 
funden; gewiss  hat  dieser  Taugenichts  es  gestohlen."  Joro 
entgegnete:  „Du  hast  Rechl .  A^iiterchen !  mein  Holz,  wel- 
ches ich  von  dem  deinigeri  geslohlen  habe,  reicht  zu  zwei 
bis  drei  Häusern  hin.  Du  hast  das  Holz  gefällt  und  weil 
mir  zu  dieser  \rbeit  die  Kraft  gebrach,  so  machte  ich  aus 
deinem  gefällten  Holze  das  Haus  fertig. ''  Das  Haus  wurde 
sodann  (mil   Filz)    iiberkleidel. 

Die  drei  Knaben  besorgten  die  \'iehhütung.  Sanglun 
hatte  eine  besoudere  \orliebe  für  die  IMutter  des  Rongsa. 
Wenn  die  drei  Knaben  zur  Viehhütung  ausgegangen  wa- 
ren .  pflegte  die  Mutter  ihnen  das  Essen  zu  bereiten . 
welches  für  Dsesse  Schiker  und  Rongsa  auf  einen 
Tisch  gestellt,  für  Joro  aber  in  eine  unreine  Schale,  aus 
welcher  auch  der  Hund  sein  Futter  zu  fressen  pflegte,  ge- 
schüttet ^Aurde.  —  Joro  sammelte  drei  Händevoll  weisse 
und  drei  Händevoll  schwarze  Steine.  Die  weissen  Steine 
breitete  er  auf  einem  Felsenslück  aus;  diess  hatte  zur  Folge, 
dass  das  viele  Vieh  von  selbst  (ohne  ge^^eidet  zu  Averden 
oder  sicJi  zu  verlaufen)  seiner  Nahrung  nachging.  Beim 
Nachhauseijehen  steckte  er  die  schwarzen  Steine  in  seine 
Tasche .  worauf  das  viele  Vieh  ihm  sogleich  von  selbst 
folgte.  —  An  einem  folgenden  Morgen  besorgten  die  drei 
Knaben  abermals  die  Viehhülung.  Als  sie  beim  Vieh  bei- 
sammen Sassen  und  sich  unterredeten,  spracli  Joro  zu  sei- 
nen zwei  Brüdern:  ., Während  wir  diese  grosse  Viehheerde 
hüten  müssen,  lässt  man  uns  mit  leerem  Magen  sitzen: 
lasst  uns  ein  Kalb  schlachten  und  essen!"  A\if  diesen  \'or- 
schlag  antwortete  Rongsa:  „Unsere  Eltern  möchten  uns 
ausschelten:  ich  mag  nicht!"  Dsesse  S^rhiker  sprach  kein 
Wort.  Joro  entgegnete:  ..Das  Ausschellen  und  alles  üeb- 
rige  nehme  ich  auf  jnich;  geh.  mein  Dsesse  und  fange 
ein  Kalb!"  —  Dsesse  fmg  ein  Kalb,  Joro  schlachtete  es 
und  zog  ihm  die  Haut  unaufgeschnilten  in  der  Gestalt  eines 


~      23     — 

Schlauches  ab.  Nachdem  sie  das  Fleisch  gegessen  hatten, 
ihat  Joro  die  Knochen  in  den  Balg,  ergriff  ihn  beim 
Schwanz  und  schwenkte  (denselben)  dreimal.  Alsbald  wurde 
der  Balg  wieder  zum  lebendigen  Kalbe,  welches  sogleich 
den  vielen  andern  Kälbern  nachlief. 

Die  Knaben  trieben  ihr  Vieh  zusammen  und  traten  den 
Heimweg  an.  Als  sie  ins  Haus  getreten  waren,  blieben 
Dsesse  und  Rongsa  stehen,  Joro  aber  setzte  sich  links 
an  seinen  Ort  und  verzehrte  seine  Mahlzeit.  Die  Mutter 
fragte:  „Warum  isst  Joro  sein  Essen  und  ihr  nicht  das 
eurige?"  Da  antwortete  Rongsa:  „Unser  Bruder  Joro 
hat  ein  Kalb  geschlachtet  und  uns  damit  bewirthet;  wir 
sind  noch  ganz  satt  von  dem  genossenen  Fleische  und  mö- 
gen nichts  mehr."  Als  der  alte  Sanglun  diess  hörte, 
fragte  er:  „Was.  Joro,  ist  das  wahr?"  Joro  antwortete: 
„Ich  sage  nicht,  dass  es  gelogen  ist."  Da  sprang  der  Alte 
auf,  ergriff  seine  Peitsche  und  fiel  über  Joro  her,  ihn  zu 
züchtigen.  Während  er  anfing  zuzuhauen,  warf  Joro  sich 
über  die  Peitsche,  umfasste  den  Alten  und  zankte  mit  ihm. 
Leber  dem  Lärm  kam  Geksche  Amurtschila  herbei- 
gelaufen. „Was  gibts,  Alter,  was  gibts?"  rief  sie.  Der 
Alte  entgegnete  ihr:  „Dieses  dein  nichtswürdiges  Teufels- 
kiud  hat,  wie  ich  höre,  ein  Kalb  gefangen,  geschlachtet 
und  gefressen;  eine  so  schändliche  That  hat  meinen  Zorn 
erregt,  dessen  ich  nicht  Meisler  werden  konnte."  Geksche 
Amurtschila  erwiederte  ,  ihn  ausscheltend,  also:  „Du 
ruinirier,  nichtswürdiger  und  dabei  erzdummer  Schuft !  sind 
deine  Kälber  etwa  zahllos?  Komm,  lass  uns  deine  Kälber 
nachzählen!  Woher  aber.  Nichtswürdiger,  hast  du  denn 
das  viele  Vieh?  und  wenn  er  auch  eins  davon  verzehrt 
hätte,  wie  kannst  du  dich  unterstehen,  um  eines  einzigen 
Kalbes  willen,  diesen  meinen  (Sohn)  durchzuprügeln?  Du 
scheinst  zu  glauben,  dass  das  Vieh  durch  deine  Mühe  und 
Kunst  sich  so  vermehrt  hat."  Der  Alte  lief  hinaus,  über- 
zählte seine  Kälber  und  fand   sie   vollzählig.     Er  kam    zu- 


__      24      — 

rück  und  schalt  den  Rongsa  aus  mit  folgenden  "Worten: 
„Was  für  ein  Lügner  bist  du.  Rongsa!  луепп  ich  dich 
künftig  wieder  auf  einer  Lüge  ertappe,  so  sage  von  Glück, 
wenn  ich  dich  nicht  halhtodt  schlage." 

Am  folgenden  Morgen  trieben  die  drei  Knaben  das 
Vieh  wieder  auf  die  ЛVeide.  Joro  schlachtete  abermals 
ein  Kalb,  von  welchem  Rongsa  die  Schwanzwirbel  heim- 
lich abschnitt  und  in  den  Busen  steckte.  Nachdem  sie,  wie 
zuvor,  das  Fleisch  gegessen  hallen,  steckte  Joro  die  Kno- 
chen in  den  Balg  und  schwenkte  dreimal .  worauf  der  Balg 
zum  lebendigen  Kalbe  \Mirde  und  den  andern  Kälbern 
nachlief.  Nach  der  Rückkunlt  der  drei  Knaben  in  ihre 
Wohnung  sprach  Rongsa:  „Lasst  ims  nun  den  Schwanz 
von  dem  Kalbe  essen,  welches  unser  Bruder  Joro  ge- 
schlachtet und  uns  zum  Besten  gegeben  hat."  Mit  diesen 
Worten  zog  er  die  blutigen  Schwanzwirbel  aus  seinem 
Busen,  und  vergrub  sie  unter  die  glühende  Asche  (des 
Heerde.s).  Der  Alte  fragte:  .,Kongsa,  was  machst  du  da?" 
Dieser  ап1\л ortete:  ..Unser  Bruder  Joro  hat  (heute)  ein 
Kalb  geschlachtet  und  uns  damit  bewirthel ;  jetzt  will  ich 
den  Schwanz  desselben  bralen  und  verzehren."  Der  Alte 
rief:  ,.Joro.  \>as  für  eine  abermalige  Schandthat  ist  diess  !" 
ergriff  seine  Peitsche  und  hieb  auf  Joro  los.  Während  er 
diess  that.  \^arf  Joro  sich  über  die  Peitsche  und  hielt  den 
Alten  umfassl  ,  indem  er  ausrief:  ,.Wenn  Jemand  kindisch 
ist,  so  ist  es  dieser  I  warum  fällt  er  mich  an?  aus  welchem 
Grunde  stürzt  er  auf' mich  zu,  um  ^mich  zuschlagen?"  Die 
Mutter  Joros  kam  hinziig«  laufen.  „Was  gibts,  erbärmlicher 
Schuft,  \^as  gibts  denn  wieder;'"  rief  sie.  Der  Alte  ant- 
wortete; ,,Er  hat  wieder  ein  Kalb  geschlachtet,  sagt  Rongsa 
und  bratet  jetzt  die  frischen  blutigen  Schwanzwirbel  des- 
selben. Ist  das  ein  Beweis  oder  ist  es  keiner?"  Die  Mutter 
Joro  s  erл^iedert(^:  „Auf  die  Aussage  dieses  deines  Sohnes 
fängst  du,  Dummkopf,  gleich  zu  prügeln  an;  gehe  doch 
«ttvor  hin    und    zähle  deine  Kälber!"   Der   Alte    überzählte 


^     25     — 

«eine  Kälber  und  fand  sie  vollzählig  ,  nur  eines  davon 
blutete  an  der  schvsanzlosen  Stelle.  „Er  hat  den  Schwanz 
abgeschuillen",  rief  der  Alle,  eilte  nach  Hause  und  prür 
gelte  den  Rongsa  durch  unter  den  Worten:  „Warum  ver- 
leumdest du  den  armen  Jungen!  hier  hast  du  den  verdien- 
ten Lohn  dafür!"*')  —  Joro  bemerkte:  „Slalt  ihn  bestän- 
dig lügen  zu  lassen,  will  ich  ihn  doch  einmal  etwas  Wah- 
res erzählen  lassen.  Sehe  zu,  ob  ich  nicht  morgen  von 
deinem  Vieh  eine  ordentliche  Anzahl  schlachte  und  ver- 
zehre!" 

Die  drei  Knaben  trieben  das  Vieh  auf  die  Weide.  Joro 
fing  neun  Hammel  aus  der  Schaaf heerde ,  schlachtete  sie, 
liess  durch  magische  Kraft  mehrere  grosse  Kessel  herbei- 
schaffen, bannte  den  Rongsa  durch  seinen  Machtblick  und 
kochte  das  viele  Fleisch  gar.  Nachdem  Joro  das  Fleisch 
herausgenommen  halte .  streute  er  Pväucherwerk  und  rief 
alle  seine  Schutzgeisler  mit  folgenden  Worten  an:  „Er- 
habener Gotl  Chormusda,  mein  Vater!  und  sodann  ihr. 
siebzehn  Götter  der  Region  Iswaras!  Ihr  um  meinen  Va- 
ter versammelten  drei  und  dreissig  Götter!  iibsa  Gürtse, 
meine  Grossmutter!  Weisse  Götiinn  Arjälamgari,  meine 
Dolmelscherinn !  Ihr  Alle,  meine  dreihundert  Schutzgeisler 
von  verschiedenen  Zungen!  Moa  Guschi  und  Dangpo, 
ihr  meine  Zeichendeuler!  Bergfürsl  Oa  Guntschid,  mein 
magischer  irdischer  V^ater  !  Ihr  meine  siegreichen  drei 
Schwestern!  Ihr  erhabenen  Buddhas  der  zehn  Gegenden, 
meine  Schulzgeister!  Ihr  meine  vier  Drachenfürsten  der 
Tiefe!  auf  euer  Aller  Geheiss  bin  ich  in  die  Welt  kom- 
mend geboren  und  nun,  nach  meiner  Geburt,  zeige  ich 
euch   diesen   meinen   schlechten    Körper.     Ich   bringe   euch 

12)  Statt  des  letzten  Satzes  steht  im  Mongolischen  Original ; 
„  Diess  ist  (so  viel  als) :  Wenn  der  Taxator  gekommen  ist ,  bereitet 
ihm  der  Bürger  eine  Mahlzeit."  Der  Sinn  dieses  SprichAvorts  ist 
mir  völlig  dunkel. 


—      26     — 

zugleich  in  Demiith  ein  reines  Opfer  dar.''  Die  sämmt- 
licheu  Schutzgeister  riefen:  „Unser  Rolznäschen  *^)  ist  auf 
der  Erde  geboren!  Unsere  Nase  riecht  den  lieblichen  Duft 
(seines  Opfers)!  Er  will  uns  damit  ein  Zeichen  seiner  Ge- 
burt auf  Erden  geben."  —  Nachdem  Joro  seine  Anrufung 
vollende!  hatte,  setzte  er  auf  einem  grossen  Tische  zuerst 
dem  Dsesse  und  Rongsa  die  Speise  люг^  Dsesse  ass, 
bis  er  satt  лгаг.  Rongsa  hingegen,  von  Gesser's  Macht- 
blick gebannt  ,  konnte  nicht  essen.  Sodann  versammelte 
Joro  seine  Schutzgeister,  die  in  der  Gestalt  vieler  Men- 
schen erschienen  und  Alles  verzehrten. 

Nun  stand  Rongsa  auf  und  rannte  nach  Hause,  wäh- 
rend Dsesse  und  Joro  sich  wieder  zum  Yieh  begaben. 
Bei  der  Heimkunft  erzählte  Rongsa  seinen  Eltern:  „Dein 
Sohn  Joro  hat  neun  Hammel  erwürgt,  deren  Aller  Fleisch 
er  kochte,  nachdem  er  eine  Anzahl  Kessel  herbeigeschafft 
hatte.  Sobald  das  Fleisch  gar  und  herausgenommen  war, 
schrie  er  eine  Menge  Unsinn  ins  Blaue  hii^ein,  als:  Ihr 
obern  Götter!  Ihr  untern  Drachenfürsten!  Ihr  Buddhas! 
Job,  Jöh!  und  viel  ähnliches  Zeug,  was  ich  nicht  weiss. 
Darnach  setzte  er  dem  Dsesse  und  mir  Fleisch  vor,  ich 
aber  konnte  ,  aus  innerm  Gram  über  die  geschlachteten 
schönen  Hammel,  nichts  davon  geniessen.  Wohin  unter- 
dessen unser  zahlreiches  Vieh  sich  verlaufen  haben  mag, 
weiss  ich  nicht.  AVährend  des  Essens  kamen  eine  Menge 
Menschen,  vermuthlich  umherschweifendes  Gesindel  an,  und 
nun  schrie  Joro  abermals  Buh,  Buh!  lief  ihnen  entgegen 
und  nahm  ihre  Pferde  in  Empfang.  Diese  Alle  haben  so- 
dann das  Fleisch  des  Festmahls  bis  auf  den  letzten  Rest 
verzehrt." 

13)  Em  sehr  gewöhnlicher  Schmeichelausdruck  für  geliebte  kleine 
Kinder.  Da  derselbe  in  dieser  Sage  sehr  oft  vorkommt  und  ein 
charakteristisches  Epithel  Gessers  während  seiner  Jugendzeit  ist, 
so  habe  ich  diesen  Ausdruck,  so  unedel  er  auch  ist,  beibehalten  zu 
müssen   geglaubt,    um    nicht    die   Farbe   des  Originals  zu  verwischen. 


—      2Т      -» 

Diess  erzählte  Rongsa  dem  Alten,  der  sogleich  seine 
Peitsche  ergriff  und  mit  den  Worten:  „Welche  Sünde, 
welche  Frechheit!"  hinaus  zum  A'^ieh  lief.  Als  er  (dem 
Weideplatze)  nahe  kam,  schaute  er  hin,  die  Hand  über 
die  Augen  haltend.  Die  ganze  Heerde  war  zwar  um  Joro 
versammelt,  dieser  aber  \'erschloss  durch  magische  Kraft 
dem  Alten  die  Augen,  so  dass  dieser  sein  Vieh  nicht  er- 
biiefeen  konnte.  Der  Alte  lief  zurück  nach  Hause.  Dort 
angelangt,  fing  er  an  zu  jammern  und  zu  drohen:  „O 
Weh!  o  Jammer!  nicht  das  Geringste  ist  zu  sehen!  Warte 
du,  Joro,  wie  werde  iclj  dich!"  Während  der  Alte  sich 
durch  Schimpfen  und  Drohen  Luft  machte,  trieb  Joro  die 
Viehheerde  mit  Gesang  und  Geräusch  лог  sich  nach  Hause. 
„Gut,  du  singender  Bursche,  dich  kenne  ich  jetzt 5  warte!" 
rief  der  Alte,  ergriff  seine  Peitsche  und  lief  dem  Joro 
eötgegen.  Als  der  Alte  den  Joro  durchpeitschen  wollte, 
entriss  dieser  ihm  die  Peitsche  und  warf  sie  weit  weg. 
Nun  packte  der  Alte  den  Joro  und  balgte  sich  mit  ihm. 
Joro  stellte  sich,  als  fiele  er.  schrie  Ach  und  Weh!  und 
warf  dabei  den  Allen  über  seinen  Rücken  herüber  zur 
Erde.  Der  Alte  schrie  laut:  „O  Weh,  O  W^eh!"  Joro 
schrie  ebenfalls  „Au,  Au!"  —  Geksche  Amurtschila 
kam  herbeigelaufen  und  fragte:  „Was  gibts,  Alter,  was 
gibts?"  Der  Alle  antwortete:  „Ich  war  der  Meinung,  du 
hättest  ein  Menschenkind  geboren,  du  haltest  indess  voll- 
kommen Recht,  denn  es  war  eine  vollständige  Teufelsbrut 
Wie  ich  höre,  hat  er  neun  Hammel  erwürgt  und  gefressen. 
Als  ich  ihn  dafür  züchtigen  wollte,  hat  er  mich  über  sei- 
nen Kopf  platt  zur  Erde  geworfen.  Ich  weiss  nicht,  ob  ich 
Schaden  genommen  habe,  aber  der  ganze  Körper  schmerzt 
mir  ausserordentlich."  Geksche  Amurtschila  entgeg- 
nete: „Hast  du  Schaden  genommen,  so  hat  das  nichts  auf 
sich.  Als  Rongsa  dir  letzthin  mit  vielem  Geschwätze 
hinterbrachte.    Joro   habe   ein    Kalb    geschlachtet,   war   ein 


—     28      — 

Hammel  geschlachtet.  Dass  er  dich  tüchtig  hingeschmissen 
hat,  scheint  wahr  zu  seyn-,  nun  aber  gehe  hin  und  über- 
zähle deine  Hammel!"  Der  Alte  ging  hin,  überzählte  seine 
Hammel  und  fand  sie  vollzählig.  „Weh,  Weh!  Rougsa, 
jammerte  der  Alte  bei  seiner  Zurückknnft,  was  hast  du 
wieder  angerichtet!-  Geksche  Amurtschila  sprach: 
„Und  du.  mein  Sohn  Joro,  лvas  hast  du  angerichtet!  das 
Sprichwort  sagt:  wer  die  Hütte  erbaut  hat,  blieb  zurück, 
wer  die  Zweige  dazu  geschnitten  hat,  ging  voraus.  Dieser 
Rongsa  hat  es  darauf  abgesehen,  dich  umzubringen.  Hüte 
dich ,  wenn  er  dem  Alten  wieder  etwas  hinterbringt  und 
dieser  dich  durchprügeln  will,  dass  er  dich  nicht  meuch- 
lings ersteche!  Alle  deine  (Rongsa 's)  Nichtswürdigkeit  habe 
ich  längst  durchschaut."  Auch  Joro  schmählle  den  Rongsa 
mit  folgenden  Worten:  „Lange  vor  dir  habe  ich  die  ganze 
Viehheerde  ganz  allein  gehütet  und  gepflegt,  ganz  allein 
habe  ich  das  \leh  ohne  Streit  und  Zwist  geweidet.  Wie 
hätte  es  gedeihen  tind  sich  vermehren  können,  wenn  ich 
alle  Tage  davon  schlachtete  und  ässe?  Was  hat  dein  Groll 
und  Neid  gegen  mich  zu  bedeuten?  Was  bezweckst  du 
mit  deinen  unaufhörlichen  Lügen  und  Zankstiftungen  ?" 
Rongsa  gab  keine  Antwort,  aber  Dsesse  lachte.  Der 
Alte  sprach  zu  Rongsa:  „Das  ist  die  reine  Wahrheit; 
kommst  du  in  Zukunft  wieder  mit  Anklagen,  so  sind  dir 
die  Prügel  gewiss." 

Am  folgenden  Morgen  dachte  der  Alte  bei  sich:  „Mit 
den  drei  Knaben  allein  geht  es  nicht,  weil  sie  beständig 
uneins  sind;  ich  v^'Al  selbst  beim  Viehhülen  gegenwärtig 
seyn."  Demgemäss  nahm  er  den  Dsesse  zur  Begleitung 
mit  und  trieb  das  Vieh  auf  die  W^eide.  An  diesem  Tage 
kam  nichts  Besonderes  vor  und  am  Abend  kamen  Beide, 
der  Alte  und  Dsesse,  ihr  Vieh  vor  sich  treibend  nach 
Hause.  Den  Morgen  darauf  nahm  der  Alte  den  Rongsa 
mit.  W'ährend  beide  das  Vieh  hüteten,  wurden  drei  Schafe 
von    Wölfen    erbeutet    und    gefressen.     Am   Abend   kamen 


™     29     — 

Beide  zurück  und  der  Alle  sprach:  „Während  ich  das  übrige 
Vieh  hülele  ,  Hess  ich  diesen  nichtswürdigen  R  o  n  g  s  a 
bei  den  Schafen;  da  hat  er  drei  Schafe  von  Wölfen  zer- 
reissen  und  fressen  lassen/'  Joro  erwiederte:  „Wenn  ich 
es  gewesen  wäre,  so  würdest  du  mich  geprügelt  haben.  Es 
ist  dir  Recht  geschehen  dafür,  dass  du  mich  aus  Argwohn 
nicht  mitgenommen   hast.'' 

Am  nächsten  Morgen  trieb  der  Alte  in  Begleitung  des 
Joro  sein  Vieh  auf  die  Weide.  Joro  liess  die  fernen 
Berge  als  nahe  erscheinen.  Während  er  sich  zur  Schaf- 
heerde  verfügen  wollte,  erblickte  er  einen  herbeieilenden 
Wolf.  „Väterchen,  rief  er,  kennst  du  die  Absicht  dieses 
dort  laufenden  Wolfes?"  Der  Alte  erwiederte:  ,,Was  weiss 
ich!  vermuthlich  lauert  er  auf  Schafe."  Joro  entgegnete: 
„Gut,  Väterchen,  schiesse  und  treffe  doch  diesen  Wolf! 
triffst  du  ihn,  so  schlachte  einen  Hammel  und  theile  mir 
nichts  davon  mit,  sondern  iss  Alles  allein 5  verfehlst  du  ihn 
aber,  so  werde  ich  schiessen,  und  wenn  ich  ihn  treffe,  so 
werde  ich  einen  Hammel  schlachten ,  das  Fleisch  allein 
essen  und  dir  nichts  davon  miltheilen."  Der  Alte  willigte 
ein ,  schoss ,  aber  (sein  Pfeil)  erreichte  den  Wolf  nicht. 
„Jetzt,  Väterchen,  ist  die  Reihe  an  mir!"  rief  Joro  und 
der  Alte  bestätigte  es.  Joro  schoss,  durchbohrte  den  Wolf 
und  gab  ihn  dem  Allen  mit  den  Worten:  „Du  bist  ein  alter 
Mann;  mache  dir  einen  warmen  Bauchgurt  daraus."  Nun 
bannte  Joro  den  Alten  durch  den  Machtblick  seiner  magi- 
schen Kraft,  schlachtete  neun  Schafe  und  schaffte  eine  An- 
zahl Kessel  herbei.  Während  Joro  die  Schafe  fing,  wollte 
der  Alte:  „O  Weh,  Joro,  halt  ein!"  rufen,  konnte  aber 
keinen  Laut  hervorbringen;  er  wollte  sich  erheben,  um 
sich  dazwischen  zu  werfen ,  konnte  aber  von  seiner  Stelle 
nicht  aufstehen,  so  dass  er  genöthigt  war,  ein  sliller  Zu- 
schauer zu  bleiben.  Joro  nahm  das  Schaffleisch  (aus  den 
Kesseln)  heraus  und  rief  abermals  seine  vielen  Schutzgeister 
beisammen.     Der  Alte  sah   den  Joro  in  eine  Menge  Men-^ 


—     30     — 

sehen  verwandelt,  vvelfche  einen  Tisch  (vor  den  Alten) 
binslellten  und  ihm  (Fleisch)  vorsetzten ;  der  Alle  jedoch, 
durch  Gessers  .Machlhirck  gehannl ,  konnte  nichts  davon 
geuiessen.  Hierauf  ass  Joro.  in  Geslalt  vieler  Menschen 
verAvandell,  den  ganzen  Fleiscinoiralh  allein.  Nun  standen 
Beide  au/;  der  Alle  lief',  was  er  konnte,  um  sein  Haus  zu 
t^rreichen  und  .Toio  ging  \\iedfr  zum  Vieh.  Zu  Hause  an- 
gekommen erzäljlle  der  Alle  seinen  Weihern  sein  Unglück 
mit  vielem  Wehklagen.  Kr  sagte:  ,,So  ist  es.  nun  weiss 
ich.es,  dass  alles  was  Kongsa  uns  erzählt  hat.  die  reine 
Wahrheit  wav.  >  eun  Schö])Se  hat  er  geschlachlel  uud  das 
Fleisch  ganz  aHein  aufgezelui.  Wahr  isl  es.  was  du,  Gek- 
sche  Aiüu  itscli  ila,  von  ihm  gesagt  haltest,  dass  er  ein 
Teufel  sey:  er  i.st  entweder  ein  Teufel  oder  ein  Mang  us  **), 
und  Mrrd,  wenn  er  mit  dem  Vieh  fertig  isl,  sicli  auch  üher 
uns  hermachen  und  uns  auffressen.'' 

W  älirend  der  Alte  also  seinem  Gram  Luft  machte,  kam 
Joro  sein  Vieh  vor  sich  hertreibend.  Der  Alte  ergriff 
seine  Peitsche,  lief  hinaus  und  fiel  über  Joro  her  mil  den 
Worten:  .,Bisl  du  ein  Tiger,  Joro?  bist  du  ein  Wolf.?" 
und  hieb  zu.  Joro  packte  den  Alten  fest  und  fragte  ihn: 
,^Was  ist  dh-,  Alter?  was  willst  du?"  Der  Alle  antwortete: 
„Hast  du  nicht  vorhin  vsieder  Schafe  erwürgt?"  —  „Geh, 
Altier,"  sprach  Joro,  „w'iv  Beide  werden  uns  hier  nie  ver- 
ständigen; wir  wollen  die  Sache  dem  Dsesse  zur  Ent- 
scheidung vorlegen;  komme  mit  mir!"  Mit  diesen  Worten 
führte  er  den  Allen  mil  sich  und  vor  Dsesse  kommend 
trügen  sie  ihm  ihre  Sache  vor.  Der  Alte  sprach:  „Als  ich 
und  dieser  nichtswürdige  Joro  heute  das  Vieh  auf  die 
Weide  trieben,  kam  ein  Wolf  auf  die  Schafheerde  zuge- 
laufen. Da  sprach  dieser  Taugenichts  zu  mir:  ..Väterchen, 
weisst  du.   warum  dieser  Wolf  da  läuft?'-    Ich    antvvortete: 

14-)  D.  h.  ein  Riese,  dasselbe  was   im  Sanskrit  durch  Rakschata 
bezeichnet  wtrd. 


—     31      — 

„Vermutblich  hat  er  die  Absicht,  Schafe  zu  fressen."*  —^ 
„Wenn  dem  so  ist,  Väterchen,"  sagte  er,  „so  wollen  wir 
eine  Welle  eingehen."  Ich  gab  dazu  meine  Einwilligung. — 
„Schiesse  diesen  Wolf!"  fuhr  er  fort,  „triffst  du  ihn,  so 
schlachte  ein  Schaf  und  iss  das  Fleisch  ganz  allein,  ohne 
mir  etwas  davon  niitzulheilen."  —  „Gut!"  antwortete  ich, 
Sodann  sprach  er  weiter:  „Verfehlst  du  ihn  aber,  so  werde 
ich  schiessen,  und  wenn  ich  ihn  treffe,  so  werde  ich  in 
derselben  Weise  (das  Fleisch  allein)  esseu."  —  „Gut!,, 
sagte  ich  und  wir  schössen  Beide,,  jedoch  gelangte  mein 
Schuss,  als  der  eines  alten  Mannes,  nicht  bis  zum  Wolfe. 
Nun  schoss  Joro  und  tödtete  den  Wolf  —  Sodann  erzählten 
sowohl  Joro  als  der  Alte  den  frühern  Hergang  in  Betreff 
des  Essens  der  Schafe.  Dsesse  gab  nun  folgende  Entschei- 
dung: „Du  selbst  hast  erzählt,  wie  Rongsa  gestern  drei 
Schafe  von  Wölfen  hat  fangen  und  zerreissen  lassen.  Dass 
du,  Väterchen,  dich  in  Schiesswetten  einlässt,  war  ganz 
verkehrt.  Schweige  also,  alter  Mann,  und  gehe  deiner 
Wege!"  —  Der  Alte  entfernte  sich  und  brummte:  „Die 
Gemülhsart  und  Haudelsweise  dieser  meiner  Buben  ist  von 
der  meinigen  ganz  verschieden." 

Den  folgenden  Morgen  ging  der  Alte  abermals  in  Be- 
gleitung des  Joro  zum  Vieh.  In  der  Nachbarschaft  der 
Pferde-  und  Piindviehheerde  sass  eine  Elster  auf  einem  Baume 
und  bei  der  Rindviehheerde  lief  ein  Fuchs  umher.  Joro 
fragte:  „Weisst  du,  A'^äterchen ,  warum  der  Fuchs  und  die 
Elster  sich  hier  in  der  Nähe  des  Viehes  herumtreiben?" 
Der  Alte  entgegnete:  er  wisse  es  nicht.  Joro  sprach:  „Die 
Elster  sucht  die  durchgeriebenen  Rückenwunden  der  Pferde 
auf  um  darin  zu  hacken  ^  dadurch  wird  endlich  das  Rücken- 
mark verletzt  und  das  Pferd  muss  sterben.  Das  vom  Fuchse 
gebissene  (begeiferte)  Gras  wird  von  den  Külien  gefressen  5 
es  wirkt  bei  ihnen  allmählig  als  Gift  und  bringt  ihnen  den 
Tod.  Lasst  uns  diese  Beiden  mit  zwei  Schüssen  tödten 
wer  von  uns  sie   tödten  wird,  der   schlachtet  und  verzehrt 


—     32     — 

ein  Rind  und  ein  Pferd,  ohne  den  Andern  davon  kosten 
zu  lassen."  Der  Alte  willigte  ein,  und  schoss  nach  der 
Elster,  traf  sie  jedoch  nicht.  —  „Väterchen,"  rief  Joro, 
„ist  der  Fuchs  da  nicht  ganz  nahe?"  Der  Alte  freute  sich, 
den  Fuchs  so  nahe  zu  sehen  und  wollte  die  Senne  an- 
ziehen^ aber  .loro  bewirkte  durch  magische  Kraft,  dass 
der  Bogen  sich  nicht  spannen  liess.  ,,Was  ist  das!"  rief  der 
Alle,  und  zog  aus  allen  Kräften,  konnte  aber  (den  Bogen 
nicht  spannen.  „Nun  \"äterchen,  лvird  es  bald?"  rief  Joro^ 
der  Alte  liess  seinen  Pfeil  aufs  Gerathewohl  fahren,  der 
aber  nicht  ans  Ziel  gelangte.  Nun  schoss  Joro  beide,  die 
Elster  und  den  Fuchs  und  tödtete  sie.  Den  Fuchs  schenkte 
Joro  dem  Allen,  ging  bin  und  suchte  sich  ans  der  Pferde- 
heerde eine  feile  Stute  und  aus  der  Kuhheerde  ein  fettes 
Kind  aus,  welche  Beide  er  schlachtete.  Der  Alte  wollte 
Ach  und  Wehe  schreien,  aber  er  konnte  keinen  Laut  her- 
vorbringen. Nachdem  Joro  das  Fleisch  gar  gekocht  hatte, 
setzte  er  auf  einem  Tische  dem  Allen  davon  vor  5  dieser 
aber  konnte  nichts  davon  essen,  wogegen  Joro  auf  magi- 
sche Weise  Alles  aufass.  Nun  setzte  Joro  sich  hin  und 
sang:  „Was  verdient  wohl  mehr  Schande  und  Spolt,  als 
die  Elster  ,  welche  die  Rückenwanden  der  Pferde  auf- 
hacken, als  der  Fuchs,  welcher  die  Kühe  vergiften  und 
als  der  Alte,  welcher  Beide  todtschiessen  AvoUte?"  —  Der 
Alte  stand  auf  und  rannte  nach  Hause  ;  dort  angelangt, 
sprach  er  zu  seinen  Weibern:  „Mil  diesem  Burschen  kann 
ich  nicht  länger  zusammen  bleiben:  erst  wird  er  all  mein 
Vieh  und  dann  zuletzt  mich  selbst  auflfressen.  Wenn  er 
bei  solcher  Handelsweise  kein  Teufel  ist,  so  ist  er  doch 
ein  Mangus  (Riese)." 

Der  Alle  wollte  die  Eigenschaften  seiner  drei  Söhne 
prüfen.  Er  halle  ein  Repphuhn  gefangen,  welches  er  in 
einen  Sack  steckte  und  die  Mündung  zuband.  Sodann  be- 
stieg er  einen  Büffel  und  nahm  den  Ds esse  mil,  den  er 
hinter  sich   aufsitzen   liess.     Das  Repphuhn  (im  Sacke)  fing 


—     33      — 

an  uniuliig  zu  werden  und  zu  flattern^  der  Büffel  (durch 
dieses  Geräusch  erschreckt)  bockte  und  bäumte  sich  und 
warf  den  Alten  ab.  Dieser  stellte  sich,  als  wäre  er  todt. 
Dsesse  weinte  und  rief:  „Väterchen,  habe  ich  es  dir  nicht 
gesagt:  Mau  muss  zur  Jagd  erst  eingeübt  seyn;  man  muss 
den  Feldzus  verstehen.     O  Weh,  was   ist  das  nun!"    Also 

o 

wehklagend  kam  er  nach  Hause.  Der  Alte  stand  auf,  be- 
stieg seinen  Büffel  und  kam  gleichfalls  nach  Hause.  Am 
folgenden  Morgen  ritt  er  al)ermals  auf  seinem  Büffel  aus 
und  liess  den  Rongsa  hinter  sich  aufsitzen.  Wie  den  Tag 
zuvor  warf  der  Büffel  den  Alten  ab  und  dieser  lag  für  todt 
da.  Pvongsa  kam  heulend  nach  Hause.  Der  Alte  bestieg 
seinen  Büffel  imd  kehrte  ebenfalls    heim. 

Am  folgenden  Morgen  ritt  der  Alte  abermals  aus  und 
nahm  den  Joro  mit,  ihn  hinter  sich  aufsitzen  lassend.  Auf 
ihrem  Wege  l)egegnete  ihnen  ein  Chinese,  der  auf  seinem 
Acker  arbeitete.  Der  Rand  des  Ackers  war  mit  Holz  ein- 
gezäunt, auf  welchem  eine  Elster  hin  und  her  hüpfte.  Wie 
zuvor  begann  das  Repphuhn  im  Sacke  zu  flattern ,  der 
Büffel  bockte  und  bäumte  sich  und  warf  den  Alten  ab, 
welcher  sich  lodt  stellte.  Joro  sprang  gleichfalls  herunter 
und  während  er  den  Büffel  festhielt,  fing  er  zum  Schein 
ein  entsetzliches  Trauergeheul  an.  Plötzlich  hielt  er  inne 
und  spi'ach:  „Dass  ich  geweint  habe,  möchte  dieser  Berg 
verrathen;  es  möchte  von  diesen  Bäumen  um  den  Berg 
verrathen  werden.  Hätte  dieser  tückische  Chinese  nicht 
hier  seinen  Acker  angelegt,  hätte  er  ihn  nicht  mit  hölzer- 
nen Pallisaden  umsteckt,  wie  hätte  die  Elster  von  da  auf- 
fliegen können,  warum  sollte  der  Büffel  gebockt  haben  und 
aus  welcher  Ursache  hätte  mein  Alter  hier  sterben  müssen; 
dieser  Chinese  soll  mir  dafür  büssen!"  Nachdem  Joro 
dem  Chinesen  diese  Worte  wiederholt  hatte,  rief  er  ihm 
zu:  „Jetzt  nehme  ich  dich,  den  Lebenden,  als  Ersatz  für 
den  Todtenj  komm  mit!"  Da  der  Chinese  nicht  kam,  fing 
Joro  an,  das  Getreide  des  Chinesen  zu  verwüsten,  so  dass 

3 


—      34     — 

(lieser,  um  die  Etbaltung  seines  Getreides  besorgt,  herbei- 
gelaufen kam  und  sprach:  „Was  ist  dir  gefällig?  ich  will 
dir  gerne  zu  Diensten  seyn;  nur  verwüste  mein  Getreide 
nicht  und  entferne  dich  (von  meinem  Acker)!"  Joro  sprach: 
„Ich  gehe  nicht,  ohne  vorher  Genuglhuung  von  dir  erhal- 
ten zu  liaben.  Haue  das  Gehölz  in  der  IVähe  des  Berges 
um  und  schaffe  es  her!  es  dient  zum  Leichenbegängnisse 
meines  Vaters."  Der  Chinese  ging  hin  und  brachte  das 
verlangte  Holz.  Joro  legte  dasselbe  um  seinen  \'^ater  her- 
um auf  einen  Haufen  und  zündete  es  an.  Als  dasselbe 
stark  aufzulodern  begann,  schielte  der  Alte  seitwärts  hin. 
Joro  nahm  Händevoll  Erde  und  warf  sie  auf  die  Augen 
des  Alten  mit  den  Worten:  „Man  sagt,  Väterchen,  es  sey 
ein  schlechtes  Zeichen  für  die  nachbleibende  Familie,  wenn 
Jemand  mit  offenen  Augen  stirbt."  Als  das  Feuer  immer 
stärker  loderte  und  prasselte ,  zog  der  Alte  seine  beiden 
Beine  zusammen.  „Man  behauptet,  sprach  Joro,  die  Glie- 
der des  nachgelassenen  Weibes  und  der  Kinder  könnten 
sich  nicht  ausstrecken,  wenn  Jemand  im  Tode  die  Beine 
zusammenzieht."  Diess  gesagt,  nahm  er  ein  Stück  Balken 
und  legte  es  dem  Alten  über  beide  Beine.  Nun  h(jb  er 
den  Alten  auf  und  lud  ihn  auf  den  Kücken,  um  ihn  auf 
den  brennenden  Holzsloss  zu  legen.  Während  er  ihn  liin- 
trug,  schrie  der  Alte:  „Dein  Vater  ist  nicht  todt,  er  lebt.'' 
Joro  erwiederle:  „Es  ist- für  die  Nachkommenschaft  von 
der  schlechtesten  A^orbedeulung,  venn  Jemand  nach  seinem 
Tode  noch  spricht."  Mit  diesen  Worten  Avar  Joro  im  Be- 
aiiff,  den  Alten  ins  Feuer  zu  werfen,  als  dieser  aufschrie: 
„Ich  sat^e  dir  ja,  dass  ich  nicht  todt  l»in ;  \Ail!sl  du  deinen 
A'^ater  bei  lebendigem  Leibe  verbrennen?-'  —  „Es  freul 
mich,  Väterchen,  dass  du  nicht  todt  bist,"  sprach  Joro, 
war  dem  Alten  behülllich,  den  Büffel  zu  besteigen  und 
kam  mit  ihm   nach  Hause. 

Daselbst  angelangt,   sprach   der  Alte   zu   seinem  Weibe: 
.,Um  die  guten  und   schlechten    Eigenschaften  meiner  drei 


—     35     — 

Knaben  zu  prüfen,  habe  ich  Jen  Einen  nach  dem  Andern 
mil  zum  Л'^ieh  genommen:  Dsesse  wird  ein  Iierzhafler 
Mann  werden-,  Hongsa  ein  miltchnässiger  Mensch-,  weder 
der  Eine  noch  der  Andere  kommt  aber  dem  Joro  gleich." 
Mit  diesen  Worten  entfernte  sicli  der  Alte,  aber  sein  Weib 
fasste  Groll  und  hatte  Böses  im  Sinne.  „Wie,"  dachte  sie, 
„warum  soll  der  Sohn  des  verslosserieu  Weibes  meine  bei- 
den Sühne  übertreffen !  den  will  ich  in  der  Geschwindig- 
keit auf  die  Seite  schaffen."  In  Gemässheit  dieses  Vor- 
satzes stellte  sie  auf  einem  Tische  für  ihre  beiden  Söhne 
gute  Speisen  auf,  für  den  Joro  aber  mischte  sie  starkes 
Gift  unter  seine  Speise.  Als  die  drei  Knaben  am  Abend 
nach  Hause  kamen,  setzten  Dsesse  und  Piongsa  sich  an 
ihren  Tisch  und  assen  ihr  Mahl,  während  Joro  als  Uiüssi- 
ger  Zuschauer  links  stehen  blieb.  Die  Multer  sprach:  „Lie- 
ber Joro,  was  stehst  du  da  und  siehst  zu?  setze  dich  an 
den  Tisch  und  verzehre  dein  Essen!"  Joro  ging  hin,  er- 
griff seine  Schale,  setzte  sich  und  sprach:  „Bis  jetzt  haben 
unsere  Elt.;rn  unsern  Erbantheil  an  der  Schüssel  unter  uns 
getheilt;  von  nun  an  aber  werden  sie  unsern  Erbantheil 
am  Vieh  unter  uns  theilen.  Ihr,  meine  beiden  Brüder, 
habt  ein  Л  ersehen  begangen,  indem  keiner  von  euch  den 
Eltern  die  Aorkost  als  Opfer  dargebracht  hat;  wenn  ich 
gleich  nichts  esse,  was  hat  es  zu  bedeuten."  Mit  diesen 
Worten  überreichte  er  dem  Vater  die  Speise;  dieser  war 
in  seiner  .Unschidd  im  Begriff,  davon  zu  essen,  als  Joro 
die  Schale  zurückzog  und  sie  der  Stiefmutter  darbot.  Als 
diese  aus  Schamgefühl  davon  zu  essen  im  Begriff"  war,  ent- 
zog er  ihr  gleichfalls  die  Schale  und  schüttete  einen  Theil 
des  Inhalts  in  den  grossen  Kessel  mit  den  Worten:  „Diess 
war  von  jeher  der  allgemeine  Familienkessel."  Unmittel- 
bar darauf  platzte  der  Kessel  auseinander.  Einen  Theil 
schüttete  er  auf  den  Dreifuss;  dieser  zerliel  in  Stücke.  Ei- 
nen Theil  warf  er  aufwärts  gegen  den  Rauchfang  ,  der 
(gleichfalls)  in  Stücke  ging.     Einen   Theil   warf  Joro  dem 

3* 


—     36     — 

gelblichen  Haushund  an  den  Kopf,  der  in  ZAvei  Theile  zer- 
platzte. Den  Rest  genoss  Joro  selbst  und  brachte  sein 
ausgepresstes  Röthliclies  **)  seinen  bei  den  Drachenfürsten 
befindlichen  Schwestern  zum  Opfer  dar. 

Der  alte  Sanglun  zog  mit  Haus  und  Habe  zu  seinem 
Volke  zurück  und  schlug  sein  Lager  an  der  Grenze  des- 
selben auf.  Der  Fürst  Tschotong  erblickte  während  eines 
Jagdzuges  das  Lager  und  schickte  einen  seiner  Leute  mit 
der  Frage  ab:  „Wem  gehört  das  schöne  weisse  Haus? 
Wessen  ist  das  unermesslich  viele  Vieh?  Gehe  hin  und 
frage,  wem  Haus  und  Weh  gehört!"  Der  Abgeordnete 
kam  zurück  mit  der  Antwort:  ,,Es  gehört  dem  alten  Sang- 
lun." Der  Fürst  Tschotong  ritt  mit  seinem  ganzen  Ge- 
folge sogleich  ins  Lager  und  auf  die  Frage  Tschotongs: 
„Von  wem  habt  ihr  das  viele  Vieh  und  die  schöne  weisse 
Ordu?"  antwortete  der  eben  hinzugekommene  Joro: 
„Thörigt  warst  du,  wie  eine  Feile  die  ihr  Eisen  nicht  kennt, 
wie  ein  Hund  der  seine  Erzeuger  nicht  kennt.  Eben  .des- 
wegen, weil  du  deinen  altern  Bruder  verfolgt,  Verstössen 
und  vertrieben  hast,  haben  die  Götter  der  Höhe  und  die 
Drachenfürsten  der  Tiefe  sich  seiner  erbarmt  und  ihm  dieses 
Haus  und  dieses  Vieh  verliehen."  Tschotong  rief:  „Л^ег- 
dammter  Bube!  seht  einmal  den  nichtswürdigen  Schlingel!" 
Ferner  sprach  der  Fürst  Tschotong:  „Man  sagt,  dass  die 
sieben  Alwin'^)  täglich  siebenhundert  Menschen  und  sie- 
benhundert Pferde,  ohne  Unterschied  der  Eigenschaft  oder 
Bestimmung,  einzufangen  und  zu  verzehren  pflegen.  Den 
Joro  und  seine  Mutter  opfere  ich  ihnen  auf  gutes  Glück; 
ihr  müsst  daher  heute  noch  von  hier  fori,  damit  die  sieben 
Alwin   euch   recht  bald   zum  Fressen   erwischen.     Morgen 

15)  Diese  Stelle  ist  dunkel ;  ob  damit  der  ausgepresste  Satz  der 
vergifteten  Speise  oder  was  sonst  damit  gemeint  seyn  mag,  ist  nicht 
klar. 

16)  Eine  Art  teuÜisclier  Wesen  oder  Gespenster. 


—    зт    — 

will  ich  ihnen  andere  Menschen  zuschicken."  Joro  lachte 
auf  und  rief:  „Vortrefflich!"  Die  Mutter  verwies  ihm  diess 
mit  den  "Worten:  „Was  machst  du,  mein  Sohn,  wie  kannst 
du  darüber  lachen?  ich  glaubte  immer,  einen  gesetzten, 
klugen  Sohn  geboren  zu  haben,  jetzt  aber  sehe  ich,  dass 
er  ein  thörigter  Taugenichts  ist.  Sagt  er  nicht,  dass  die 
sieben  Alwin  täglich  siebenhundert  Menschen  und  sieben- 
hundert Pferde  einfangen  und  verzehren?  sagt  er  nicht, 
dass  wir  beide  hingehen  sollen,  nm  von  ihnen  gefressen  zu 
werden?"  Joro  sprach:  „Schweig,  Mütterchen,  du  als  Weib 
verstehst  das  nicht!  bleiben  wir  hier,  so  wird  uns  der 
Oheim  Tschotong  gewiss  umbringen;  es  kommt  daher 
auf  Eins  heraus,  ob  wir  hier  umgebracht  oder  dort  von 
den  Alwin  gefressen  werden."  Diess  gesagt,  lud  er  das 
schwarze  Halbzeit  seiner  Mutter  einem  Büffel  auf  und  zog 
mit  ihr  aufwärts  längs  des  Boldsc homurun  Gholai. 

Am  Ursprung  des  Boldschomurun  Gholai  angelangt 
schlug  Joro  das  Zelt  auf,  machte  für  seine  Mutter  Feuer 
an  und  ging  dann  auf  die  Jagd.  Von  zweimal  sieben  er- 
legten und  mitgebrachten  Berghasen  bereitete  er  sieben  als 
Braten,  die  andern  sieben  kochte  er.  Am  Abend  kamen 
die  sieben  Alwin,  von  vorne  mit  hundert  zusammengeboge- 
nen Menschen,  von  hinten  mit  hundert  zusammengebogenen 
Pferden  bepackt.  Als  Joro  ihnen  entgegenkam  riefen  sie: 
„O  Weh,  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  ausgezeichne- 
ter GesserGhaghan!  warum  bist  du  ausgezogen?  wir 
sind  halb  todt  vor  Furcht  und  Schrecken."  Joro  sprach: 
„Das  Gerücht  von  euch  ist  mir  zu  Ohren  gekommen;  vseil 
man  von  euch  erzählt,  dass  ihr  täglich  siebenhundert  Men- 
schen und  siebenhundert  Pferde,  von  welcher  Eigenschaft 
oder  Bestimmung  sie  auch  seyn  mögen,  einfangt  und  ver- 
zehrt, hat  der  Oheim  Tschotong  mich  hergesandt,  damit 
ihr  mich  fresset;  auf  den  folgenden  Tag  hat  er  andere  Men- 
schen euch  zu  Hefern  versprochen."  Die  Alwin  erwie- 
derten:    „Herrscher  in    den    zehn   Gegenden,    edelmülhiger 


_      38      — 

Held  Gesser  Chaghan!  warlim  spriclisl  du  solche  Worte 
zu  uns?  du  siehst,  dass  wir  vor  Furchl  und  Entsetzen  er- 
starrt sind.'-  —  ,.Gut,"  entgegnete  Joro,  „wenn  ihr  mich 
nicht  fressen  wollt,  so  tretet  in  meine  schlechte  Hülle  ein, 
geniesst  meinen  Thee  und  meine  Fleischsuppe  und  reitet 
dann  weiter!"  Die  sieben  Alwin  stiegen  ab  und  Joro 
setzte  ihnen  die  zweimal  sieben  Berghasen  vor  5  sie  konnten 
aber  mit  einem  einzigen  Berghasen  nicht  fertig  werden. 
Als  die  sieben  Alwin  sich  wieder  zu  Pferde  gesetz.1  hatten, 
sprach  Joro:  „Ich  möchte  euch  wohl  eines  meiner  Zeichen 
gönnen,  Avenn  ihr  mir  dafür  eure  sieben  Pferde  abtreten 
wollt."  Die  Alwin  beredeten  sich  unter  einander  und 
sprachen :  „Worauf  sollen  wir  denn  weiter  reiten ,  wenn 
%vir  unsere  sieben  Pferde  abliefern?"  Joro  sprach:  „Reitet 
diese  meine  sieben  weisse  hölzerne  Stecken  und  sprecht 
dabei  in  vollem  Laufe  rennend:  „„Durchschneidet  den  Berg! 
vernichtet  das  Thal!  Zertrümmert  den  Fels!  Werft  jeden 
Gegenstand  über  den  Haufen!  entfernt  das  Meer!""  In 
dieser  Weise  werden  sie  (die  Stecken)  euch  ungleich  bes- 
sere Dienste  leisten  als  die  Pferde."  Die  sieben  Alwin 
willigten  ein,  stiegen  ab  und  bestiegen  mit  Freuden  ihre 
sieben  Stecken,  auf  denen  sie  sich  alsbald  entfernten.  Auf 
ihrem  Wege  riefen  sie:  „Durchschneide  den  Berg!"  und 
es  geschah,  während  sie  fortgaloppirten ,  nach  Gessers 
Wort.  Da  sprachen  die  Alwin  unter  einander:  „Den 
Weg  zu  Lande  können  wir  auch  zu  Pferde  ausrichten  ^  ein 
Anderes  ist  es  mit  dem  Meere  5  lasst  es  uns  mit  dem  Meere 
%'ersuchen!"  Diesi  gesagt,  sprengten  sie  ins  Meer  hinein. 
In  der  Mitte  des  Meeres  sanken  die  sieben  weisse  Stecken 
plötzlich  und  wurden  sieben  Fische.  Die  sieben  Alwin 
versanken  auf  den  Grund  des  Meeres  und  kamen  um  •,  die 
sieben  weisse  Stecken  kamen  zu  ihrem  Eigenlhimier  zu- 
rück. Also  tödlele  Gtsser  die  sieben  Alwin  und  machte 
sich  zum  Herrn  ihrer  sieben  Pferde. 


—     39      — 

Zu  der  Zeit  schweifte  eine  Barjtle  Ssardak Ischin *'),  aus 
Vagabunden,  Räubern  und  gemeinem  Gesindel  bestehend, 
mit  Weib  und  Kind  in  der  Nachbarschaft  auf  der  Jagcl  цщ- 
her.  Joro,  durch  magische  Kraft  hievon  in  Kenutniss  ge- 
setzt, Hess  durch  diese  eine  seiner  Verwandlungen  die  Ge- 
stalt eines  Iltisses  mit  goldener  Brust,  silbernem  Hinterthed 
und  mit  schneeweissen  Krallen  annehmen,  begab  sich  mit 
diesem  Iltis  zur  Bande  und  Hess  ihn  spielen  und  Kunst- 
stücke  machen.     Die    dreihundert    Mann  stellten   ihre   Jao-d 

o 

ein  und  sahep  mit  Gefallen  und  zu  ihrer  Belustigung  dem 
Spiele  des  litis  zu.  Gegen  Sonnenuntergang  kehrte  Joro 
nach  Hause  zurück  und  nahm  seinen  litis  mit,  und  die 
dreihundert  Mann  schlugen  sogleich  ihr  Nachtlager  auf.  Den- 
selben Abend  кащ  von  ihnen  ein  Bote  zu  Joro  mit  den 
Worten:  „Du  bist  ja  unser  kleiner  Freund  und  Verwandter; 
leihe  uns  deinen  Iltis!  wir  wollen  ihn  spielen  lassen  und 
ihn  dann  zurück  liefern."  Joro  fragte:  „Werdet  ihr  mir 
eure  dreilmndert  Pferde  als  Ersatz  geben  auf  den  Fall, 
dass  mein  Iltis  euch  davonliefe?"  Der  Bote  bejahte  diess. 
Joro,  (damit  nicht  zufriedeij)  fragte  weiter:  „Versprichst 
du  diess  im  Auftrag  deiner  Obern  oder  sprichst  d,u  e'isßjx- 
mächtig?  Gehe  hin  und  frage  erst  an!"  Der  Bote  ging  zu- 
rück, fragte  an  und  bekam  den  Bescheid:  „Hole  uns  nur 
den  litis  her!  wir  versprechen  Alles."  Abermals  кащ  der 
Bote  zurück  zu  Joro  und  sprach:  „Sie  versprechen,  dir 
ihre  dreihundert  Pferde  zu  geben,  wenn  dein  Iltis  davon- 
laufen sollte."  Nu;i  gab  Joro  den  Iltis  her  mit  der  Er- 
mahnung, ihn  zn  hüten,  dass  er  nicht  entwische.  Indess 
kam  der  ^inen  Herrn  suchende  Iltis  während  der  Nacht 
depnoch  zu  seinem  Herrn   zurück.     Am   folgenden  Morgen 

П)  Es  ist  schwer  zu  ermitteln,  was  für  ein  Volk  unter  dem  Na- 
men Ssardaktschin  zu  verstehen  ist;  vermuthlich  Einwohner  der 
Bticliarei  (Vergl.  Gesch.  der  Ostmongolen  nach  Ssanang  Ssetsen, 
Seite  91   und  38fi). 


—     40     — 

früh  ging  Joro  hin  und  forcierte  seinen  Iltis  zurück.  Sie 
hohen  den  umgestürzten  Kessel  auf,  (unter  welchem  sie 
ihn  die  iVaclit  üher  halten  verwahren  wollen)  aher  der  Iltis 
war  fort.  Sie  sprachen:  „Dein  litis  hat  sich  durch  die 
Erde  gegraben  und  sich  davon  gemacht."  Joro  eutgegnete: 
„Kommen  die  Iltisse  etwa  vom  Himmel  herab?  ihr  wusslet 
ja,  dass  sie  aus  der  Erde  kommen  (in  der  Erde  wohnen) 
und  sucht  nun  einen  \^orvvand ,  mich  zum  Besten  zu  ha- 
ben und  mir  meinen  Iltis  vorzuenthalten.  Gebt  mir  nun 
nach  unserer  Abmachung  eure  dreihundert  Pferde  als  Er- 
satz I"  Die  Bande  brach  auf  und  entfernte  sich  mit  den 
Worten:  „Du  scheinst  uns  der  rechte  Mann  der  Männer 
zu  seyn  ,  uns  unsere  Pferde  abzufordern!"  Joro  folgte 
ihnen  zu  Fuss  nach,  und  während  sie  (im  Thal)  zwischen 
zwei  sehr  hohen  Bergen  durchzogen,  bestieg  Joro  den 
Gipfel  des  herwärts  gelegenen  Berges,  riss  ein  mächtiges 
Felsenstück  ab  und  warf  es  mit  Geлvalt  gegen  den  Gipfel 
des  jenseiligen  Berges.  Durch  die  dem  jenseiligen  Berge 
beigebrachte  Erschütterung  wurde  auch  der  diesseitige  Berg 
erschüttert,  so  dass  das  dadurch  heraljfallende  Gestein  der 
beiden  Berge  die  unterhalb  derselben  ziehenden  Menschen 
und  Pferde  traf  und  verлvirrte ,  indem,  лгепп  sie  sich  vom 
jenseiligen  Berge  herwärts  nach  Joro 's  Seite  flüchteten, 
das  nämliche  geschah.  Da  riefen  sie:  „Ehrwürdiger  Bogdal 
auf  schreckliche  Weise  rächst  du  dich  an  unserm  Leben; 
befiehl ,  was  w ir  thun  sollen  !  wir  werden  deinem  Befehle 
nachkommen."  Joro  antwortete:  „Ich  habe  euch  nichts  zu 
befehlen:  gebt  mir  nur  meinen  Iltis  zurück!"  —  „Dein 
litis  ist  wirklich  niclit  mehr  da;  wir  wollen  aber  sonst  dei- 
nem Befehle  gehorsam  seyn."  —  „Wenn  dem  so  ist,"  sprach 
Joro,  „so  scheert  euch  Bart  und  Haare  ab,  befolgt-  die 
Vorschriften  des  Religionsgeselzes,  hallet  die  Fasten  und 
legt  die  geistlichen  Gelübde  ab!"  Diesem  Befehle  gemäss 
bescheren  sich  Alle,  Männer  und  Weiber.    Nachdem  Gesser 


—     41     — 

sie  solchergestalt  zur  Religionslehre  bekehrt  hatte,  nahm  er 
ihre  dreihundert  Pferde   in  Empfang   und  kehrte  heim. 

Ausserhalb  des  schwarzen  Halbzeltes  also  weideten  die 
von  Joro  den  Alwin  abgenommenen  sieben  nebst  den 
dreihundert  Pferden  der  Bande  gemeinen  Gesindels.  Wäh- 
rend diese  zahlreiche  Pferdeheerde  das  Sommergras  ab- 
weidete, trauerte  Dse  sse  Schikir,  der  ältere  Bruder  des 
Joro,  um  diesen  mit  folgenden  Worten:  „Der  Fürst  T seh o- 
tong  hat  aus  Scheelsucht  mein  Rotznäschen  Joro  verbannt, 
damit  er  von  den  sieben  Alwin  gefangen  und  gefressen 
werde.  Haben  sie  ihn  gefressen?  Sollte  diess  geschehen 
seyn,  so  gehe  ich  gegen  die  Alwin  in  den  Kampf  auf 
Leben  und  Tod  5  sollte  er  indess  noch  am  Leben  sejn,  so 
muss  ich  meinen  Bruder  besuchen."  Diess  gesagt  sattelte 
Dsesse  Schikir  seinen  geflügelten  Grauscliimmrl,  er  legte 
seinen  Schujipenpanzer  an,  setzte  den  Daghoris-choi  ge- 
nannten Helm  auf  sein  edles  Haupt,  steckte  seine  dreissig 
weissen  Pfeile  in  den  Köcher,  ergriff  seinen  schwarzen  Bo- 
gen, umgürtete  seinen  Säbel  vom  feinsten  Stahl  und  machte 
sich  auf  den  Weg  aufwärts  längs  des  Boldschomurun 
Cholai.  An  den  Quellen  des  Boldschomurun  Cholai 
erblickte  Dsesse  Schikir  eine  grosse  Pferdeheerde  und 
dachte:  „Gewiss  haben  die  sieben  Alwin  mein  Rotznäs- 
chen Joro  gefangen  und  gefressen."  Er  rückte  seinen  Sä- 
bel vom  feinsten  Stahl  zurecht,  peitschte  die  Schenkel  sei- 
nes geflügelten  Grauschimmels  und  sprengte  in  die  Pferde- 
heerde. In  der  Mitte  derselben  erblickte  er  das  schwarze 
Halbzelt.  Alsbald  (stieg  er  ab),  band  seinen  geflügelten 
Grauschimmel  an  einen  verborgenen  Ort  fest,  zog  seinen 
Säbel  vom  feinsten  Stahl  und  ging,  behutsam  schleichend, 
zum  Zelte ,  durch  dessen  Spalte  er  lauschte.  Hier  erbhckte 
er  sein  Rotznäschen  Joro  schwitzend  und,  um  sich  abzu- 
kühlen, entkleidet  sitzen.  Sogleich  steckte  er  den  Säl)el  ein 
und  war  mit  einem  Sprung  im  Zelte.  Joro  sprang  auf  mit 
dem  Rufe:  „Mein  Dsesse!"  flog  an  seinen  Hals  und  Beide 


—     42     — 

vergossen  Freudentliriinen.  AVähreiid  Gesscr  und  Dsesse 
sich  umarmend  Frru(l('nlbiänen  weinten,  erbel)te  und  луапк1е 
die  ganze  Erdllärlic.  Joro  spracli:  „Du,  mein  Dsesse, 
l)ist  gekommen,  um,  wenn  ich  lodt  seyn  sollte,  im  Kampfe 
gegen  die  sieben  Alwin  mit  mir  den  Tod  zu  finden,  und 
sollte  ich  noch  am  Lehen  seyn,  mich  zu  hesuchen;  diess 
ist  das  Avahre  Zeichen  deines  Heldennnilhes!''  Sodann  rief 
er:  „Halt  ein!"  streute  Räucherwerk  auf  und  hesänftigte  die 
Erde.  Dann  sprach  er  weiter  zu  Dsesse:  „Bin  ich  nicht 
dein  Rolznäschen  Joro?  Bin  ich  aher  nicht  zugleich  der 
heilhringende  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  der  un- 
übcrtrefiliche  Gesser  Chaghan?  Dieses  letzte  sage  indess 
noch  Niemanden;  denn  bis  in  mein  fünfzehntes  Jahr  werde 
ich  alle  Feinde  und  WüLherige  als  Joro  demüthigen,  dann 
aher  erst  mich  als  Gesser  offenbaren  und  euch  zu  meinen 
Gefährten  machen."  Dsesse  Schikir  lachte  (vor  Freu- 
den). Joro  sprach  weiter:  „Diese  dreihundert  Pferde  nimm 
mit  und  maclie  damit  jenem  meinem  armseligen  Vater  ein 
Geschenk  ;  jene  sieben  Pferde  aber  nimm  für  dich !  Uebri- 
gens,  mein  Lieber,  sey  getrosll  es  liegt  gar  nicht  in  mei- 
ner Bestimmung,  zu  sterben." 

Dsesse  Schikir  trat  den  Rückweg  an,  seine  Pferde- 
heerde vor  sich  treibend.  Der  Fürst  Tschotong  kam  ihm 
entgegen  und  fragte  ihn:  „Woher,  Dsesse,  und  von  wem 
hast  du  die  vielen  Pferde?"  Dsesse  antwortete:  „Die  sie- 
ben Alwin  haben  den  Joro  gefangen  und  gefressen;  ich 
al)er  habe  die  sieben  Alwin  getödtet  und  diese  ihre  Pferde 
erbeutet."  Tschotong  erwiedertc:  „Mag  jener  Nichts- 
würdige krepirt  seyn!  gut  ist  es,  dass  du  mit  heiler  Haut 
davon  gekommen  bist."  Die  dreihundert  Pferde  schenkte 
Dsesse  seinem  Vater,  worüber  der  Alle  voller  Freude 
ausrief:    „Das  ist   doch   ein  Sohn,    der   mein  Eben])ild  ist!" 

Zu  der  Zeil  halte  ein  Riese,  Namens  Ik  Tongorok. 
auf  der  Spitze  der  sehr  hohen,  gegen  den  Himmel  anstre- 
benden  Pyramide  Kurme    seinen  Sitz.     Dieser    Riese   ent- 


—     43      — 

zog  flarlurch  den  südlich  von  der  Pyramide  wohnenden 
Menschen  den  Anbhck  der  Morgensonne ,  den  westhch 
wohnenden  Leuten  den  Anblick  der  Mittagssonne  und  den 
nordlich  wohnenden  Leuten  den  Anblick  der  Abendsonne. 
Er  konnte  in  der  Entfernung  einer  Tagereise  einen  Men- 
schen erblicken  und  in  der  Enlfernuug  einer  halben  Tage- 
reise ihn  erschnappen  und  verschlingen.  Joro,  der  diess 
wusste,  verwandelte  sich  in  einen  schwärzlichen  gemeinen 
Murraelthierfänger.  Als  solcher  schlich  er  sich  zum  Fusse 
der  Pyramide  und  fing  daselbst  an,  in  die  Erde  zu  graben. 
Während  er  lag  und  grub,  rief  der  Riese  von  oben  herab 
und  fragte:  „Wer  bist  An?  was  machst  du  da?"  Joro  ant- 
woflete:  „Ach,  Gnädigster,  wie  könnte  ich  ehr  schädlich 
oder  hinderlich  seyn!  ich  bin  ein  ganz  armer,  elender  Mann, 
der  sein  Leben  dadurch  zu  fristen  sucht,  dass  er  Murmel- 
thiere  fängt.  In  dieses  Loch  hier  ist  ein  Murmelthier  ge- 
krochen und  icli  liege  liier,  um  es  auszugraben."  Der 
Riese  schwieg  und  Joro  grub  fort,  l)is  er  den  Grund  der 
Pyramide  von-  der  Seite  herwärts  bis  zur  entgegengesetzten 
Seite  unterwühlt  hatte.  Nun  gab  er  der  Pyramide  einen 
Stoss;  sie  fiel  um  und  zerl)rach  in  vier  bis  fünf  Stücke ^ 
der  Riese  stürzte  von  der  Spitze  der  Pyramide  herab  und 
fiel  völlig  zerschmettert  und  todt  zur  Erde.  Nachdem 
Joro  den  Riesen  getödtct  halte,  kehrte  er  wieder  heim. 
Er  lud  sein  schwarzes  Halbzelt  auf  und  machte  sich  mit 
seiner  Mutter  auf  den  Rückweg  zu  seinem  Volke. 

Dort  angelangt  sah  ihn  der  Fürst  Tschotong  und  rief 
(verwundert):  „Was,  das  ist  ja  Joro!  wie  kommst  du  hie- 
her!  Dsesse  hatte  mir  ja  erzählt,  die  sieben  Alwin  hätten 
dich  erwischt  und  gefressen;  er  erzählte  ferner,  er  habe 
die  sieben  Alwin  getödtet  vmd  die  mitgebrachten  Pferde 
habe  et  von  ihnen  erbeutet."  Joro  or\viederte :  .,  Jetzt 
glaubst  du  vielleicht,  Dsesse  und  icli  seycn  miteinander 
eins  gegen  dich."  Tschotong  entgegnete:  „Vielleicht  Ja, 
vielleicht  Nein;  es  sieht  aber  sehr  darnach  aus.     Ein  ver- 


_      44     — 

wünschler  Fall!  wie  lionnlc  Dsesse  mir  eine  solche  Lüge 
aufbinden!"  Mit  rlieseu  Worten  enlfernle  er  sich,  kam  aber, 
von  Argwohn  und  Scheelsucht  gelriehen,  wieder  und  sprach: 
ЧЧ  Heule  лvird  unsere  Lagerabtheilung  aiifhrechen  und  an 
den  Boldschomurun  Cholai  ziehen-,  ilir  aber,  du  Joro 
nnd  deine  Mutter,  zieht  in  die  (iegend  Engkireküin 
Dschu!"  — ,,Gul!"  ei-wiederte  Joro  und  lächle.  „Wie," 
rief  die  Mutter  weinend,  „warum  lachst  du,  mein  Sohn! 
ich  glauhte  immer,  einen  wackern  klugen  Sohn  gehören 
zu  haben,  nun  aber  sehe  ich,  dass  er  ein  nichlswürdiger 
Dummkopf  ist.  Wie,  mein  Sohn,  wcissl  du  denn  nicht, 
dass  Engkireküin  Dschu  eine  лч)11  kommen  wüste  und 
ganz  kahle  Gegend  ist,  wo  es  im  Sommer  nicht  regnet, 
wo  es  aber  im  Winter  furchtbar  schneit,  stürmt  und  stö- 
bert? wo  es  keinen  Mist,  noch  sonstige  Feuerung  gibt  und 
wo  man  nie  ein  Wild  erblickt?  Schickt  er  uns  nicht  blos 
deswegen  hin,  damit  wir  Beide  daselbst  umkommen  möch- 
ten? Lasst  uns  lieber  beim  A'olke  Tscholongs  bleiben 
und  uns  Beide  mit  Tuchweben  ernähren!"  —  „Schweig 
Mutter!"  rief  Joro,  „du  als  Weib  verstehst  das  nicht. 
Das  Sprichwort  sagt:  Die  Ziege  sucht  ihres  Gleichen  und 
l rennt  sich  davon,  wenn  sie  sich  Beide  wacker  gestossen. 
Das  Weib  sucht  einen  Freund  und  trennt  sich  von  ihm, 
nachdem  sie  sich  zusammen  tüchtig  gezankt.  Komm,  Mut- 
ler, lasst  uns  fortziehen!"  Alsbald  zog  Joro  mit  seiner 
Mutter  nach  der  bestimmten  Gegend. 

Nachdem  sie  sich  daselbst  niedergelassen  hatten,  wurde 
Engkireküin  Dschu  ein  beglückter,  herrlicher  Land- 
strich. Aus  einem  grossen  See  ergossen  sich  nach  allen 
Seiten  Gewässer  und  um  (Joro's)  Wohnung  herum  wuchsen 
alle  Arten  Bäume,  von  welchen  jeder  Früchte  trug.  Eine 
Menge  Wild  aller  Art  sammelte  sich  in  dieser  Gegend, 
welcher  Joro  den  Namen  Tsakirmak  Chogollu  gab. 
Als  Joro  sich  eines  Tages  in  Engkireküin  Dsciiu  auf 
der  Jagd  befand,  begegnete  er  einem  Zuge  von  fünfbundert 


—     45     — 

Kaiifleuten  des  Erden i  Chaghan  von  Teski,  welclie  l)elni 
Daibung  Ghaghau***)  gewesen  waren  und  von  da  mit 
Schätzen  und  Gütern  zurückkehrten.  Unter  diesen  Schätzen 
befand  sich,  mit  Ausnahme  der  zwei  schwarzen  Menschen- 
augeri,  alles  Ersinnliche j  auch  gab  es  durchaus  nichts,  was 
diese  fünfhundert  Kaufleute  nicht  auszuführen  vermocht 
hätten.  Joro  kam  ihnen  entgegen,  indem  er  eine  Aiithei- 
lung  seiner  magischen  Verwandlungskräfte  in  zwanzig  Men- 
schen und  eine  andere  Abtheilung  derselben  in  siechende 
Hornisse  und  Bremsen  umwandelte,  welche  jene  Leute  so- 
gleich umkreisten.  Die  Fünfhundert  fanden  gar  kein  Mit- 
tel, weiter  zu  kommen,  und  da  sie  den  Tod  vor  Augen 
sahen,  riefen  sie:  „Gnädiger  Bogda,  wir  haben  dich  nicht 
erkannt!  was  wünschest  du?  diese  unsere  Schätze?  Nimm 
sie  nach  Wohlgefallen!  wünschest  du  aber,  uns  selbst  zu 
Gefährten  zu  haben,  so  wollen  wir  gern  deine  Gefährten 
werden. *•'  Joro  erwiederle:  „Gut.  kommt  mit'  mir!  Baut 
mir  ein  schönes  Haus  gleich  einem  Tempel  des  Glioni- 
shim  BodhisatAva^^)  5  erbaut  es  mir  aus  Gold,  Sill)er. 
Eisen  und  Stein  nach  Erforderniss!"  Die  fünfhundert  Kauf- 
Jeute  (willigten  ein);  zuerst  überlegten  sie  den  See  mit  ei- 
nem steinernen  Brückengewölbe,  dann  errichteten  sie  Säu- 
len aus  grossen  Steinmassen.  Die  Dachsparren  des  Gebäu- 
des verfertigten  sie  aus  Eisen,  die  Fensternischen  aus  Blei 
und  in  jede   Fenstereinfassung    wurde    ein   Krystall    einge- 

18)  Eine  gewöhnliche  Mongolische  Benennung  für  die  Chinesi- 
sischeu  Kaiser. 

19)  Der  Mongolische,  aus  dem  Chinesischen  entstandene  Name 
des  Arjäwalokites'wara ,  Lokas'ri  oder  Padraapani.  Sein 
gewöhnlicher  Tibetische  Name  ist  Tschanreisi  „der  mit  den 
Augen  Schauende."  Er  wird  als  der  Stellvertreter  des  Buddha 
S'äkjamuni  angesehen.  Vorzüglich  ist  Tibet  das  Land  seiner  Er- 
scheinungen und  Verkörperungen.  So  ist,  nach  dem  Glauben  der 
Tibeter  und  Mongolen,  der  Dalailama  eine  sich  stets  erneuernde 
Verkörperung   des  Chomschim  Bodhisatwa. 


—     46     — 

setzt,  um  das  Licht  einzulassen.  Das  Dach  wurde  mit 
Silber  überlegt  und  mit  Gold  iiberzogen  und  der  Dach- 
balken bestand  aus  feuerglühendem  Edelstein.  Im  Innern 
dieses  Gebäudes  errichteten  sie  das  Standbild  des  Chom- 
schim  ßodhisatwa;  vier  feuerglühende,  in  den  vier  Win- 
keln des  Innern  angebrachte,  Edelsteine  (gahen  des  Nachts 
das  nölhige  Licht).  Л^^ог  dem  Bilde  des  Chomschim  Bo- 
dhisatwa  war  der  Edelstein  Tsch  i  jjlamani  angebracht. 
Wenn  ein  Stein  des  Brückengewölhes  herausgezogen  wurde, 
strömte  heiliges  Weih\\ asser  nach  Bedürfniss  in  den  Tem- 
pel. (Nach  beendigter  Arbeit)  sprachen  die  lüni'hundert 
Kauüeute  zu  Joro:  „Wir  haben  ein  Gebäude  vollendet, 
das  von  keinem  Winde  auf  die  Seite  gebeugt  vind  von  kei- 
nem Regen  beschädigt  werden  kann,  in  welchem  man  we- 
der des  Lampenlichts  noch  der  Wohlgerüche  bedarf  und 
wo  man  nach  heiligem  Wasser  nicht  zu  suchen  brauchl- 
ein Gebäude,  welches  Alles  vollständig  darbietet,  was.  da- 
von erwartet  werden  kann.  Lnübertrefllicher  Chaghanl 
ist  Alles  dem  Wunsche  deines  Herzens  gemäss?'-  Joro 
antwortete:  „Ihr  xVrmen,  ich  bin  mit  euch  zufrieden  und 
entlasse  euch  in  eure  Heimath.  Euer  Weg  kann  zwar 
durch  unser  Tübet  gehen,  jedoch  auch  oberhalb  dieses 
Landes;  schlagt  aber  auf  euerm  Heimwege  den  Weg  ein. 
der  durch  Tübet  führt.  Dort  sucht  die  W'ohnung  des 
Tschotong  auf,  welcher  euch  vermuthlicli  fragen  \>ird: 
„Habt  ihr  auf  eurer  Heise  Engkireküin  Dschu  berührt?-' 
darauf  antwortet :  „Wir  kommen  von  daher."  Wenn  er 
ferner  fragen  möchte:  ,, Einer  von  unsern  Leuten,  der  rotz- 
näsige  Joro,  ist  dahin  gezogen;  (л^'isst  ihr  nicht),  ob  dieser 
Nichtswürdige  todt  oder  ob  er  noch  am  Leben  ist?"  so 
antwortet:  „Der  rotznäsige  Joro  hat  dem  Chomschim 
Bodhisatwa  eintn  Temjx-l  erl)anl.  dessen  Bestandtheile 
Stein,  Eisen,  Silber,  Gold,  Blei,  krystall  und  ähnliche 
Dinge  sind.  Joro  selbst  ist  indess  g«'Storben  und  das  Ge- 
bäude steht  da  ohne  Eigenthiiuier.'' 


—     41     — 

Nachdem  Joro  die  Kaulleuto  entlassen  halte,  umgib 
er  das  Gehäude  mit  starken  Pallisaden  von  stachehgcm 
Holze,  dnrcli  welche  er  nur  einen  Eingang  offen  liess  und 
diesen  Eingang  mit  einer  dreissig  Klafter  langen  eisernen 
Kette  versah.  Diese  Kette  war  an  zwei,  in  die  Erde  ge- 
schlagene, drei  Klafter  lange  Posten  befestigt,  in  der.  Art, 
dass  sie  am  Eingange  eine  Schiinge  bildete ,  mit  einem 
solchen  Zwischenräume  jedoch,  dass  ein  Mann  zu  Pferde 
durchreiten- konnte.  Sodann  sammelte  Joro  noch  eine  An- 
zahl Prügelstöcke  und  hielt  sie  neben  sich  in  Bereitscliafl. 
Die  Kaulleute  kamen  vor  Tscholonof's  Wolinunff,  dieser 
kam  ilinen  entgegen  und  befragte  sie.  Die  Kauileute  be- 
antworteten seine  Fragen  mit  den  von  Joro  ihnen  aufge- 
tragenen Worten,  als  wären  es  ihre  eigenen.  ,.Gul!-'  sprach 
Tschotong,  hestieg  alsbald  seinen  Rappen,  umgtiitete 
sich  mit  seinem  Bogengeräthe  und  machte  sicli  auf  den 
"Weg  nach  Engkireküift  Dschu.  Joro,  durch  seine 
magische  Kraft  diess  wissend,  erwartete  ihn  ,  dicht  bei 
seiner  Kette  ausgestreckt  liegend  und  sich  (odl  stellend. 
Als  der  Fürst  Tschotong  ankam,  wurde  sein  Rappe  sehen 
und  bäumte  sich  vor  dem  Eingange.  Tschotong  peitschte 
sein  Pferd  über  Kopf  und  Schenkel  und  spornte  es,  wor- 
auf es  mit  einem  Satze  durchspringen  wollte,  aber  eben 
dadurch  in  der  Kette  hängen  blieb.  Plötzlich  sprang  Joro 
auf,  riss  den  einen  Pfahl  aus  und  wickelte  das  Keltenende 
gedoppelt  und  fest  um  Tschotong  und  sein  Pferd.  Nach- 
dem er  sie  beide  gefesselt  hatte,  (griff  er  nach  seineu 
Stöcken)  und  prügelte  wacker  auf  Beide,  den  Reiter  nml 
das  Pferd.  Nach  Beendigung  dieser  Arbeit  riss  er  den  an- 
dern Pfahl  aus,  fesselte  sie  noch  fester  zusammen  und  liess 
sie  frei.  Der  Rappe  nahm  mit  weiten  Sätzen  Reissans. 
„Ist  der  Fürst  Tschotong  toll  geworden  oder  Avas  fehlt 
ihm!-'  riefen  die  Leute,  als  sie  ihn  jagen  sahen,  oline,  ihn 
aufhalten  zu  können.  Sie  zogen  Gräber,  um  ihn  zu  fan- 
gen,   er    aber    sprang    darüber   hinweg   und   so   dauerte    e* 


—     48      — 

volle  sieben  Tage,  ehe  Tscholong  und  sein  Pferd  aufge- 
halten und  festgenommen  werden  konnten.  Zuletzt  richtete 
das  Volk  von  Tühet  um  Tschotong  herum  eine  ordent- 
liche Treibjagd  an,  wobei  er,  immer  mehr  eingeengt,  in 
eine  dreifache  Wagenburg  gelrieben  und  daselbst  endlich 
festgenommen  wurde.  Nach  Ablösung  der  eisernen  Kette 
wurde  Tschotong  vom  Pferde  geh(j])en  ,  konnte  aber 
nicht  auf  den  Beinen  stehen,  sondern  wankte  hin  und  her. 
.,\Vas  hast  du  gemaclit.  Oheim  Tschotong!"'  riefen  Alle, 
„was  ist  dir  begegnet?''  Tschotong  antwortete:  „Es  kam 
ein  Haufe  Handelsleute  an  meinem  Hause  vorbei,  welche 
ich  um  Nachrichten  von  Joro  befragte,  ob  er  lebe  oder 
todt  sey.  Sie  logen  mir  лог,  er  sey  todt.  Habe  ich  nun 
einmal  die  Mütter  dieser  Kaufleute  gelödtet  oder  ihre  Vä- 
ter.'^ kurz  ich  glaubte  ihrer  Aussage  und  begab  mich  zu 
Joro.  Dieser  ergriff'  mich,  prügelte  mich  in  der  Weise 
wie  ihr  seht  halbtodt  und  jagte  mich  fort."  Dsesse 
Schikir  gab  ihm  erbittert  hdgenden  Verweis:  „Du  fragst, 
üb  du  etwa  die  Mütter  oder  Väter  der  KauHeule  getödtet 
habest,  hat  denn  Joro  et\^a  deine  Mutter  oder  deinen  Va- 
ter getödtet,  dass  tlu,  um  ihn  sicher  dem  Ti^de  preiszu- 
geben, ihn  nach  Engkireküin  Dschu  verbannt  hast? 
Hätte  dieser  mein  Trauter  dich  doch  völlig  zu  Tode 
geprügelt !•'  Nach  diesem  Auftiitte  ging  alles  Volk  aus 
einander. 

Während  Joro  sich  eines  Tages  auf  der  Jagd  befand, 
schlachtete  Aralgho  Goa,  die  Tochter  des  Ma  Bajan, 
ein  Schaf,  machte  aus  deju  Fleisch  desselben  eine  Pastete, 
die  sie  in  einen  Sack  steckte  und  auf  dem  Kücken  tragend 
beibrachte.  Joro  begegnete  iiir  und  fragte  sie,  wessen 
Tochter  sie  sey  und  warum  sie  hergekommen?  Sie  ant- 
wortete: „ich  bin  die  Tochter  des  Ma  Bajan,  genannt 
Aralgho  Goa;  mein  A^ater  hat  mich  hergesandt,  dich  um 
einen  Lagerplatz  za  bitten."  -  ..Bleibe  einstv>  eilen  an  die- 
ser Stelle!"'  entgegnete  iiir  Joro.   nahm  ihre    mitgebrachte 


-    49    -- 

Speise  und  überreichte  sie  serner  Mutter.  Als  Joro  ZU-* 
rückkam ,  fand  er  die  Jungfrau  eingeschlafen.  Da  ging 
Joro  zur  Pferdeheerde  ihres  Vaters,  hob  ein  frisch  ge- 
fohltes  Füllen  auf,  brachte  es  her  und  wickelte  es  in  den 
Rockschoos  der  Jungfrau.  Darnach  rüttelte  er  sie  mit  dem 
Kufe:  „Stelle  auf!  Stehe  auf!"  Die  Jungfrau  erwachte  und 
richtete  sich  sitzend  auf  „Was  für  ein  sündiges  Mädchen," 
rief  Joro,  „was  für  ein  schamloses  Mädchen  ist  zu  mir  ge- 
kommen! Warst  du  mit  deinem  Vater  eines  Sinnes,  dass 
du  ein  Kind  mit  einem  Pferdekopf  gebierst?  war  es  mit 
deinem  altern  Bruder,  und  daher  die  Pferdemähne  deines 
Kindes?  oder  \sarst  du  mit  deinem  jüngeren  Bruder  ein- 
verstanden, dass  dein  Kind  einen  Pferdeschweif  hat?  oder 
hast  du  dich  mit  Sclavengesindel  eingelassen ,  dass  dein 
Kind  vier  Pferdefüsse  hat?  stehe  auf,  schamloses  Mädchen !^' 
Mit  den  Worten:  „Was  schwatzt  der  Mensch,  was  will 
er  von  mir?''  sprang  die  Jungfrau  auf  und  das  Füllen  ent- 
tiel  ihrem  Schoosse.  „O  Weh,  welche  Sünde!  welche 
Schande !  rief  die  Jungfrau  ,  was  soll  ich  thun !  Lieber 
Joro,  erzähle  es  keinem  Menschen!  nimm  mich  zu  deinem 
\Veibe!''  —  „Ist  das  dein  Ernst?"  fragte  Joro,  worauf 
die  Jungfrau  antwortete:  „Es  ist  mein  лоИег  Ernst!"  Da 
stach  Joro  seinen  kleinen  Finger  zu  Blute  und  reichte  ihn 
der  Jungfrau  hin  mit  den  Worten:  „Wenn  es  dein  Ernst 
ist,  so  lecke  diess  ab!"  welches  die  Jungfrau  that.  Sodann 
schnitt  Joro  die  Schweifhaare  des  Füllens  ab,  flocht  sie  zu- 
sammen und  legte  sie  um  den  Hals  der  Jungfrau  mit  den 
Worten:  „Diess  hier  nimm  als  Pfand  von  mir!  deinem  Va- 
ter überlasse  ich  den  ganzen  Lagerplatz  als  Eigenthum  un- 
ter der  Bedingung,  dass  er  durchaus  keinen  fremden  Men- 
schen zulasse!"  Die  Jungfrau  kehrte   sodann  heim. 

Zu  der  Zeit  warb  der  Fürst  Tschotong  um  eine  (an- 
dere)  Tochter  des  Ma  Bajan,  der  Jüngern  Schwester  des 
Tschoridong  Lama,  Namens  Matschicha  Kimsum, 
für  seinen  ältesten  Sohn  Altantu.     Tschoridong  Lama 

4 


--     50     - 

begleitete  seine  Schwester  zum  Lager  des  Oheims  T sar- 
gin, in  dessen  Nachbarschaft  Joro,  der  sich  auf  der  Jagd 
befand,  ihnen  begegnete,  dem  Lama  in  den  Zügel  griff 
und  ihn  anredete  v\ie  folgt:  ,,Du  bist  der  allbarmherzige 
Crosse  Lama,  ich  aber  bin  ein  armer  hülfsbedürfliger  Mensch: 
vergönne  mir  doch  etwas  von  deinem  Uel)erflusse ! "  Der 
Lama  entgegnete:  „Du  siehst,  dass  ich  auf  der  Reise  bin 
und  also  für  den  Augenblick  zum  Geben  nichts  bei  mir 
haben  kann-,  es  gibt  aber  der  Fürst  Tschotong  morgen 
ein  grosses  Festj  komm  hin  und  ich  werde  dir  von  mei- 
nem Ueberflusse  geben."  Joro  sprach:  „Wenn  es  dein 
Ernst  wäre,  mir  etwas  zu  geben,  so  könntest  du  mir  ja 
das  Pferd,  \^elches  du  reitest  und  den  Mantel,  welchen  du 
am  Leibe  hast,  überlassen."  —  „Schaut  einmal  das  freche 
Benehmen  dieses  Nichtswürdigen  !"  rief,  der  Lauia  und 
schlug  den  Joro  mit  der  Peitsche  über  den  Kopf  Joro 
riss  den  Lama  vom  Pferde  herunter  und  es  entstand  ein 
heftiger  Streit.  Der  Oheim  Ts  argin  kam  hinzugelaufen 
und  rief:  „Lieber  Joro,  guter  Joro,  lass  diesen  Mann  los 
und  zanke  dich  nicht  mit  ihm!  wenn  Jch  dem  Tschori- 
dong  Lama,  als  meinem  Schwager,  zu  Hülfe  komme,  so 
wirst  du,  als  mein  Neffe,  mir  zürnen-,  komme  ich  aber  dir, 
meinem  Neffen  zu  Hülfe,  so  wird  mein  Schwager  mir  zür- 
nen. Morgen  soll  ja  ein  grosses  Festmahl  gegeben  werden, 
und  wenn  du  auch  keinen  Theil  daran  haben  solltest,  was 
schadet  es?  Erbitte  dir  von  irgend  Jemand  einen  Bart  und 
bringe  ihn  mit!"  Joro  sprach:  „Auf  die  Bitte  des  Oheims 
Tsargin  lasse  ii:h  dich  los  5  aber  noch  in  dieser  Welt 
werde  ich  dir  vor  den  Augen  einer  grossen  Versamndung 
Schande  bereiten  und  in  jener  Welt  vor  Erlik  Chaghan^'^) 
dich  zu  Schanden  machen.'-  Mit  diesen  Worten  liess  Joro 
den  Lama  los. 


20)  Der  Todtenrichter  und  Herr  der  Unterwelt. 


^   61   — 

Аш  folgenden  Morgen  erbat  sich  Joro  von  einem  Be- 
kannten eine  Ziege,  schlachtete  sie,  bereitete  das  Fleisch 
und  that  es  in  einen  Sack,  den  er  auf  den  Rücken  nahm 
und  dann  mit  seiner  Mutter  zum  Festgelage  ging.  Der 
Fürst  Tschotong  sass  obenan  auf  einem  Thron;  ihm  zur 
Linken  sass  Tschoridong  Lama  auf  einem  Thron  obenan 
und  von  ihm  abwärts  waren  die  Sitze  für  die  weiblichen 
Gäste.  Das  Feslgelag  begann.  Für  Joro  war  kein  Sitz 
bereitet,  er  nalmi  daher  seinen  Platz  am  äusserten  Ende 
der  Männerseite;  so  war  auch  für  seine  Mutter  kein  Sitz 
bereitet  und  sie  nuiss!e  sich  gleichfalls  auf  die  blosse  Erde 
niedersetzen.  Joro  lief  hinaus,  raffte  trockenen  Pferdemist 
zusammen,  bedeckte  damit  die  Erde,  steckte  einen  drei- 
fach gespaltenen  Grashalm  in  den  Mist  und  machte  auf  den 
auseinander  gebogenen  drei  Spitzen  des  Grashalms  einen 
Sitz  zurecht,  den  er  einnahm.  Alles  war  bei  diesem  Feste 
im  Ueberfluss  und  Jedermann  ass  reichlich ,  aber  Niemand 
theilte  dem  Joro  vom  Fleische  das  Geringste  mit.  Als 
nun  der  Fürst  Tschotong  das  Vorderviertel  eines  Schafs 
in  die  Hand  nahm,  sprach  Joro  zu  ihm:  „Oheim!  hier  ist 
ein  Berg  von  Fleisch,  dort  ein  See  von  Branntwein-,  die 
beglückten  Augen  sehen  es,  aber  es  wird  dem  unglück- 
lichen Schlünde  versagt.  Gib  mir,  Oheim,  das  Vordef- 
viertel,  welches  du  in  der  Hand  hältst!"  Tschotong  er- 
wiederte:  „Ich  wollte  dir  wohl  das  Schulterblatt  davon 
gönnen,  wenn  es  nicht- (das  Sinnbild)  meines  Reichthums 
und  Wohlstandes  w äre ;  ich  wollte  dir  wohl  auch  die  obere 
Markröhre  geben,  v\enn  sie  nicht  das  Glückzeichen  meiner 
Kinder  wäre.  Was  die  untere  Markröhre  belriftt,  so  wüide 
das  Weggeben  derselben  das  Uebel  aller  Uebel  seyn.  Nimm 
also  die  kahle  Erde!  Empfange  den  Husten!  Nimm  den 
Schleim  und  die  Thränen  der  Weinenden!  Nimm  das  am 
rechten  Ufer ,  am  linken  Ufer  und  am  Ursprünge  des 
Flusses    krepirte    \4eh    in    Empfang!    Nimm    das    Er  Jen 

4* 


^    ^i   ^ 

iüerjen^^)  eines  zu  verlobenden  MäJcbens,  das  vordere 
Hinderniss  der  verlobten  Braut  in  Empfang!  Da  hast  du's, 
nimm.'"  Joro  sprang  auf:  ..Ihr  Alle,"  rief  er,  „hört  est 
Spott  und  Hohn  spendet  mir  der  Uheim  Tschotong, 
statt  mir  von  seinem  Ueberflusse  mitzutheilen.  Die  kahle 
Erde  gibt  er  mir:  wohlan,  ihr  Alle,  die  ihr  nach  Wur- 
zeln grabet,  ihr  Landbauer  Alle,  holt  von  mir  erst  die  Er- 
laubniss  zu  eurer  Beschäftigung!  wer  es  ohne -meine  Er- 
laubniss  ihut,  den  treffe  Spott  und  Schande!  Er  gibt  mir 
den  Schleim,  den  Speichel  und  die  Thränen  der  Husten- 
den, der  mit  dem  Schnupfen  Behafteten  und  der  AVeinen- 
den:  wohlan,  von  nun  an  hustet  und  лveint  auf  von  mir 
eingeholte  Erlaubniss!  wer  ungefragt  hustet,  wer  ungefragt 
weint,  den  treffe  Schande  und  Spott!  —  Er  schenkt  mir 
ferner  das  Fleisch  der  krepirten  Pferde  am  rechten  Ufer 
des  Flusses,  das  des  krepirten  Rindvieh's  am  linken  Ufer 
und  das  der  krepirten  Schafe  am  Ursprung  des  Flusses: 
wohlan ,  esset  künftighin  davon  erst  nach  von  mir  einge- 
holter Erlaubniss!  wer  es  ungefragt  thut,  den  treffe  Schande 
und  Spott!  —  Er  macht  mir  ferner  ein  Geschenk  mit  dem 
vordem  Unglücksteufel  der  verlobten  Braut:  wohlan!-'  Diess 
gesagt,  sprang  Joro  plötzlich  hinzu  und  riss  der  Jungfrau 
Kimsun  Goa  ihre  Bekleidung  und  ihren  Schmuck  vom 
Leibe. 

Tschoridong  Lama  war  im  Besitze  magischer  Zau- 
berkünste: er  liess  aus  seinem  linken  jNasenloche  eine 
Wespe  henorkriechen  und  schickte  sie  gegen  Joro  mit 
dem  Befehl,  ihm  eines  seiner  Augen  auszustechen.  Joro! 
durch  magisches  Wissen  davon  unterrichtet,  verschluss  eines 
seiner  Augen,  während  er  mit  dem  andern  seitwärts  schielte. 
Die  ЛҮезре  kam  angeflogen,  gerielh  in  Furcht  \or  Joro 
und    stach    ihn    in    die  Lippe,    worauf  sie   zum  Lama   zu- 


21)  Dieses  Wort  ist  unübersetzbar;  auch  der  Sinn  des  Folgenden 
ist   dunke). 


-"     53     ~ 

rückkehrle.     Der  Lama  befragte   sie,   ob   sie   den   Joro   ins 
Auge    gestochen    habe,    worauf  sie   antwortete:    „Ich  fand 
das  eine  Auge  blind  und  das  andere  schielend;  darum  stach 
ich    ihn    in    die   Lippe    und   kehrte   um."      Da    befahl  der 
Lama    ihr:    „Fliege    abermals    hin,    krieche   in    sein   linkes 
Nasenloch   aufwärts   und  tödle   ihn   durch  Zerstechung   des 
Gehirns!"  Als  die  Wespe  angeflogen  kam,  verstopfte  Joro 
sein  eines  Nasenloch  unter  dem  \^ox'geben,  er  habe  Nasen- 
blulen    bekommen,    das    linke    Nasenloch    behielt  er  offen, 
um    sich    desselben    als   Falle   zu   bedienen.      Als    nun   die 
Wespe  hineinzukriechen   im  Begriffe   war,   klappte   er  den 
Nasenflügel  zu  und  fing  die  Wespe,  die   er  in   seine  Hand 
nahm  und  diese  fest  zudrückte.    Alsbald  fiel  der  Lama  von 
seinem  Thron  herab   und   wälzle   sich   ohnmächtig  auf  der 
Erde 5   sobald  Joro  aber  die  Hand  etwas  lockerte    und  das 
Insekt  nicht  drückte,  richtete   sich  der  Lama  auf  und   vei'- 
beugte  sich  vor  Joro;  drückte  dieser  die  Hand  wieder  zu, 
so  fiel  der  Lama  abermals  in  Ohnmacht  und  lag  wie  leblos 
da.     Die  Jungfrau  Kimsun   Goa,   Schwester  des   Tscho- 
ridong   Lama,   wusste,    dass    es   die  Seele    ihres   Bruders 
sey,  welche  Joro  gefangen  in  der  Hand  hielt;  da  nahm  sie 
in    der    einen    Hand    einen    Türkis    von    der  Grösse   eines 
Adlerkopfes  und  in  der  andern  eine  grosse  lederne  Brannt- 
weinflasche und  trat  damit   vor  Joro;  dieser  aber    rief  ihr 
entgegen:    „O  Weh,    was    soll    das,    schaut    einmal    dieses 
Mädchen  I  Bei  uns  Tübetern   ist  es  Sitte,   dass  die  Schwie- 
gertochter eines  Chans  drei  Jahre  lang  und  die  Schwieger- 
tochter   eines   Unterthans    drei    Monate    lang   Niemand    aus 
der  Verwandtschaft    des    Mannes    besucht.      Diese   hier   ist 
eine    verdächtige    Schwiegertochter    ohne    Schwiegereltern. 
Oder  ist  etwa  dieses   Insekt  dein  Mann.>^   ist  dieses  Insekt 
etwa  dein  Vater  oder  deine  Mutter?"    Mit  diesen  Worten 
drehte  Joro   ihr   den   Rücken   und   entfernte   sich   von   ilir. 
Da   näherte    sich    der    buckelige   Richter   des   Tschori- 
dong   Lama,    Namens   Chaia,    dem   Joro    und   sprach; 


—     54     — 

„Lieber    Joro,    bester    Joro,    wer   in    Zukunft   dich  sieht 
und   dir   nichts    mittheiU,   dem   mögen  die  Augen   platzen! 
Wer  in  Zukunft  dich  hört  und  dir  nichts  gibt,  dessen  Oh- 
ren   mögen    taub    werden!    Wer    in  Zukunft    isst   und  dir 
nichts   mitthedt,    dessen   Zähne    mögen    ausfallen!    Wer    in 
Zukunft  etwas  (in  der  Hand)  hält   und  dir   nicht  hinreicht, 
dessen  Hand  möge   zerbrechen!    Nun   höre!   es   gibt  einen 
schneevveissen  Berg^  auf  diesem  schneeweissen  Berge  blockt 
ein   schneeweisses  Lamm.     Es   gibt   einen   Berg   \on  Gold^  ^ 
auf  diesem  goldenen  Berge  dreht   sich  eine   goldene  Mühle 
von   selbst.     Es    gibt    einen    Berg    von    Eisen-,    auf  diesem 
eisernen  Berge  hüpft  ein  eisenblaues  Fund  umher.     Es  gibt 
noch  einen  goldenen  Beig;  auf  diesem  goldenen  Berge  be- 
findet sich  ein  goldener   Stecken,  der   von   selbst   um  sich 
schlägt.    Es  gibt  einen  Berg  von  Kupfer^  auf  diesem  kupfer- 
nen Berge    bellt    ein    kupferfarbener   Hund.     Es  gibt   uoeh 
einen  Berg  von  Gold;  auf  diesem  goldenen  Berge  schnurrt 
eine    goldene    Bremse    umher.      Es    gibt    ferner   (loldstaub, 
den  der  Ameisenkönig  sich   zum  Bedarf  gesammelt  hatj  es 
gibt  eine  goldene  Fangscldinge,  die  Sonne  zu  fangen;  eine 
silberne,    den  Mond   zu   fangen;   eine  Hornbüchse   mit   Na- 
senblut  von   Ameisen;  eine  Handvoll   Sehnen  von   Läusen; 
eine   Hornbüchse,    gefüllt   mit  dem   Nasenblute   des   männ- 
lichen schwärzen,  Adlers;  eine  Hornl^üchse,  gefüllt  mit  der 
Milch  aus  den   Biäisten   des   weiblichen  schwarzen   Adlers; 
eine  Hornbüchse,  gefüllt  mit  den  Thränen  der  Jungen,  des 
schvkarzen   Adlers,    und   endlich  gibt   es   in   der  Mitte    des 
Weltmeeres   einen  saftigen    Krystall   von   der   Grösse  einer 
steinernen  ЛҮаЬе.     Alle   diese  Kostbarkeiten  nimm,  lieber 
Joro,  als  Eigenlhum  und   überdiess  diese   Kimsun  Goa, 
nur    lasse    dieses    Insekt    los!^'    Diess  gesagt,   verbeugte  er 
sich  und  Joiro  liess  das   Insekt  fliegen.     Der  Lama,  maqhte 
dem    Joro   seine   Verbeugung   und  setzte    sich   mit  dessen 
Zulassung   wieder  auf   seinen  Thron.     Die  ihm   aniheimge- 


-»     55      --- 

fallene  Jungfrau  Kimsun  Goa  überliess  Joro  seinem  Her- 
zensfreunde Dsesse   Schikir. 

Zu  der  Zeit  kam   Rognio  Goa,   die   Tochter  des  Sen- 
geslu  Chaghan,   welche  bis  dahin  keinen  ihrer  würdigen 
Gemahl  gefunden  zu  haben  glaubte,  in  Begleitung  von  drei 
ausgezeichneten    Bogenschützen ,    von    drei    starken     Ring- 
kämpfern,  eines   weisen  Lama   und    eines   grossen   Gefolges 
nach  Tübet,   weil  sie   gehört  hatte,   dass  in  diesem  Lande 
dreissig    magische    Helden    wohnen  ,    von    denen    vielleicht 
Einer    würdig    seyn   könnte ,    ihr  Gemahl    zu   werden.     Es 
wurden  zehntausend   Mann  zusammenbern/en,   welche   sich 
auch  einfanden.     Als  der  Fürst  Tschotong  sich  gleichfalls 
hinbegeben   wollte ,    bat  ihn   Joro,    er    möchte   ihn   hinter 
sich  aufsitzen   lassen.     Tschotong    wies    ihn    ab  mit  den 
Worten:    „Wie,  Nichtswürdiger!   willst  du  etwa  auch  dich 
um  Kogmo  Goa,  diese  Dak  ini-A'^erwandlung  bewerben? 
Mein   Weg    ist    ein    anderer    und    geht    gar    nicht    dahin." 
Kaum  war  er  fort,   da   kam  Tsargin;    Joro   rief  ihm   zu: 
,, Erlaube  mir,    Oheim  T sargin,    hinter  dir   aufzusitzen!" 
Tsargin  entgegnete:  „Komm  her,  mein  Lieber,  und  nimm 
deinen  Platz   hinter  mir!"   Tsargin  kam  an,   die  zehntau- 
send Mann  halten  sich  bereits  versammelt  und  Tschotong 
befand  sich  an  ihrer  Spitze.    Als  Joro  ihn  erblickte,  sprach 
er:    „Ich  w^ar   sehr   missvergnügt,   als   ich   hörte,   dass   der 
Oheim   Tschotong    wo   anders    hingegangen   sey;  nun   ist 
es  gut,    denn    unzweifelhaft    wird   Niemand  anders   als   du 
die  Rogmo  Goa  erwerben."    Rogmo  Goa  stand  auf,  trat 
vor  und  sprach:    „Ich  habe  vernommen,  dass  es  unter  den 
Füislen  dieses  Landes  vorzüglich  tapfere  Männer  gibt.     Ich 
habe   bereits   erklärt,   dass   ich  denjenigen   zu   meinem   Ge- 
mahl   erwähle,    der    diese    meine    drei   Bogenschützen  und 
diese    meine    drei  Ringkämpfer    besiegen   würde;    bis    jetzt 
hat  sich  indess  noch  Niemand  gefunden,  der  sie  übertrofi'en 
hätte.     Ich    wiederhole    daher    meine    Erklärung,    dass   ich 
die  Geraahlinn  desjenigen  werde,  der  diese  meine  Schützen 


—      56     -= 

im  Bogenschiessen  und  diese  meine  Kämpfer  im  Ring- 
kampfe besiegen  wird.  Es  möchte  euch  seltsam  vorkom- 
men, dass  eine  edle  Jungfrau  sich  das  Recht  nimmt,  ihren 
Gemahl  nach  solcher  Wahl  zu  bestimmen;  darum  wisset, 
dass  zur  Stunde  meiner  Geburt  auf  der  rechten  Seite  des 
Daches  meines  Hauses  ein  Einhorn'^*)  herumhüpfte,  wäh- 
lend auf  dessen  linker  Seite  ein  Uruluk  hcrumsprang. 
Der  Himmel  war  bewölkt  und  es  leuchtete  glänzender  Son- 
nenschein; der  Himmel  wurde  wolkenlos  und  es  regnete. 
Auf  eine  der  Stützen  im  Hause  setzte  sich  ein  Papagei 
und  Hess  seine  Stimme  hören,  auf  eine  z\veite  setzte  sich 
ein  Kukuk  und  erhob  seine  Stiname  und  auf  eine  dritte 
setzte  sich  ein  Urjangchatin  Goa  genannter  Vogel  und 
sang.  Ihr  seht  hieraus,  dass  ich,  R^ogmo  Goa,  eine  mit 
neun  magischen  Eigenschaften  ausgerüstete  Dakini  bin. 
Seht  nun  zu,  wie  ihr  meine  drei  Bogenschützen  und  meine 
drei  Kämpfer  besiegen  möget!"  —  Das  ausgezeichnete  \er- 
raögen  der  drei  Schützen  im  Bogenschiessen  Itcsland  bei 
dem  Einen  darin,  dass  sein  mit  Sonnenaufgang  in  die  Höhe 
geschossener  Pfeil  erst  zur  Erde  zurückkehrte,  Avenn  die 
Sonne  bereits  drei  \ierlheile  ihrer  Bahn  vollendet  hatte; 
bei  dem  Zv\eiten  darin,  dass  während  der  Abwesenheit 
des  Pfeiles  zweimal  nach  einander  Thee  gekocht  werden 
konnte ^^):  und  bei  dem  Dritten  darin,  dass  bis  zur  Rück- 
kehr seines  Pfeiles  einmal  Thee  fertig  bereite!  ^verden 
konnte.  —  Rogmo  Goa  sprach  weiter:  ,.\Venn  meine 
Schützen  bei  Tagesanbitich   ihren  Pfeil   abgeschossen  liaben. 

22)  Der  Tibetische  uud  Mongolische  Name  des  Einhorns  isl  Ssern. 
Die  Tibetischen  Schriften  behaupten  das  Daseyn  dieses  Thieres  m 
den  wilden  Gebirgen  Tibets  und  machen  davon  eine  Beschreibung, 
die  durchaus  nicht  auf  das  Rhinoceros  passt. 

23)  Der  bei  den  Völkern  Mittelasiens  fast  allein  gebräucliliehc 
Ziegelthee  braucht  ungleich  längere  Zeit  zur  Bereitung  als  der  bei 
uns  gewöhnliche  Thee. 


_      5Т      — 

so  legen  sie  sich  auf  den  Rücken  und  erwarten  liegend  die 
Rückkehr  des  Pfeiles.  Sobald  nun  der  Pfeil  herniederfährt, 
wenden  sie  ihren  Kopf  auf  die  Seite  und.  der  Pfeil  muss 
an  der  Stelle,  wo  der  Kopf  gelegen  hat,  in  die  Erde  fah- 
ren. Bios  einen  solchen  Schiiss  sehen  wir  als  Meisler- 
schuss  au ;  wessen  Pfeil  beim  Niederfahren  dieses  Ziel 
nicht  triftl,  der  Pfeil  mag  übrigens  auch  noch  so  lange 
abwesend  bleiben  ,  den  achten  wir  für  einen  schlechten 
Schützen. 

Nun  begann  der  Wettstreit;  alle  dreissig  magische  Ver- 
wandlungen versuchten  sich  im  Bogenschiessen  mit  den 
drei  Schützen  der  Rogmo,  aber  keine  von  ihnen  калг  den- 
selben gleich-,  sie  rangen  mit  den  Kämpfern  der  Jungfrau," 
aber  diese  tragen  den  Sieg  über  Alle  davon.  Nun  trat 
Joro  hervor  und  fragte  den  Lama  der  Rogmo:  „Ehrwür- 
diger! ich  möchte  auch  mein  Glück  versuchen,  wenn  ich 
nicht  noch  zu  klein  wäre;  indess  möchte  ich  dennoch  den 
Ringkampf  wagen."  Der  Lama  erwiederte:  „Die  dir  weit 
überlegenen  dreissig  magischen  Verwandlungen  haben  ja 
nichts  vermocht ;  lass  es  daher  lieber  seyn ,  mein  kleiner 
Freund.''  Hierauf  entgegnete  Joro:  ,,Ich  möchte  aber 
doch  den  Kampf  versuchen."  Der  Lama  gab  seine  Ein- 
willigung mit  den  Worten:  „So  kämpfe!"  Joro  machte 
sich  zum  Kampfe  bereit  und  trat  лог.  ,,Wo  sind  unsere 
Kämpfer?"  rief  der  Lama;  „dieser  Knabe  will  mit  ihnen 
ringen."  —  Alsbald  trat  der  stärkste  der  Kämpfer  vor. 
Joro  zeigte  sich  den  Augen  der  Anwesenden  zwar  als 
Joro,  hatte  sich  aber  in  Gesser  umgewandelt,  obgleich 
er  diese  Verwandlung  vor  den  Augen  der  Menge  verbarg. 
Mit  dem  einen  Fusse  trat  er  auf  den  Gipfel  eines  Berges, 
mit  dem  andern  Fusse  auf  das  Meeresufer.  Li  dieser 
Stellung  ergriff  er  den  stärksten  der  Kämpfer  und  warf 
ihn  tausend  Meilen  in  die  Weite  über  sicli  hinweg;  den 
mittlem  Kämpfer  warf  er  zweitausend  Meilen  und  den 
dritten  Kämpfer  dreitausend  Meilen  weit  über  sich  hinweg. 


—     58     — 

Aller  Augen  waren  unverriakt  auf  Joro  gerichlel.  Nun 
schössen  die  drei  ßogenscliülzeu  und  mit  ihnen  Joro.  Um 
Mittag  hatten  die  Pfeile  der  drei  Schützen  sich  bereits  zur 
Erde  gesenkt 5  Joros  Pfed  war  bis  zu  Mittag  noch  nicht 
heruntergekommen.  Gegen  Abend  wurde  es  plötzlich  dun- 
kel, so  dass  die  Menge  rief:  „Die  Sonne  ist  untergegangen, 
es  wird  Nacht;  lasst  uns  auseinander  gehen!"  aber  Dsesse 
Schikir  entgegnete:  „Nein,  wartet!  diess  ist  ein  Zeichen, 
dass  der  Pfeil  meines  rotznäsigen  Joro  sich  herabsenkt." 
Kaum  hatte  er  dies  ausgesprochen,  so  hiess  es:  „Joros 
Pfeil  kommt!"  Joro  bog  den  Kopf  auf  die  Seite  und  der 
Pfeil  traf  genau  die  Stelle,  wo  Joros  Kopf  gelegen  hatte. 
Die  den  Himmel  beherrschenden  Schwestern  des  Joro 
hatten  seinen  Pfeil  im  Fluge  aufgefangen  und  den  Schaft 
desselben  mit  allerlei  Vögeln  besteckt,  unter  welchen  auch 
ein  Garuda  war;  beim  Herabfallen  dieses  Garuda  wurde 
die  Sonne  verdeckt. 

Nun  schrie  alles  Volk:  „Was  Niemand  vermochte,  das 
hat  der  rotznäsige  Joro  ausgeführt:  lasst  uns  nun  ausein- 
andergehen!-' Dagegen  rief  R(jgmo  Goa:  „Warte!  noch!" 
Sie  trat  vor  die  Л  olksmenge,  in  der  einen  Hand  die  Rip- 
penstücke von  siebzig  Schafen  und  in  der  andern  Hand 
eine  lederne  Brannlweinflasche  nebst  einem  Türkis  von  der 
Grösse  eines  Adlerkopfes  haltend,  und  sprach:  „Wer  im 
Stande  ist,  während  ich  den  zehnlausend  Mann  den  Rücken 
kehre,  diese  Rippenstücke  von  siebzig  Schafen  und  den 
Inhalt  dieser  Branntweinllasche  an  diese  zehntausend  Mann 
und  an  Jeden  derselben  zu  vertljcilen,  wer  i'erner  diesen 
Türkis  von  der  Grösse  eines  Adlerkopfes  in  den  Mund  hin- 
ein zu  bringen  vermag,  den  werde  ich  als  meinen  Gemahl 
anerkennen."  —  Sie  überreichte  die  Sachen  Diesem  und 
Jenem,  al)er  von  allem  \olke  konnte  keiner  etwas  aus- 
richten, nur  der  Sohn  des  Badmari,  Namens  Bam 
Schürtse,  w  äre  im  Stande  gewesen ,  es  auszuführen, 
wenn  nicht  der  versteckt  sitzende  Joro  ihn  heimlich  vier 


—      59      — 

oder  fünf  seiner  Mittel  dazu  beraubt  hätte,  so  dass  er 
gleichfalls  nichts  ausrichten  konnte,  .Als  Rogmo  Goa  vor 
Joro  trat  und  seine  Rotznase  erblickte,  wandte  sie  sich 
mit  Widerwillen  weg  und  wollte  weiter  gehen,  aber  T sar- 
gin, der  Oheim  Joro 's,  hielt  sie  zurück  mit  den  Worten: 
„Du  bist  zwar  schön,  aber  nur  ein  Weib,  dagegen  ist 
mein  Joro  zwar  hässlich,  aber  er  ist  ein  Mann.  Besteht 
deine  Vortrefflichkeit  etwa  darin,  dass  du  schon  vergessen 
iiast,  wie  er  deine  drei  Bogenschützen  besiegt  und  deine 
drei  starken  Kämpfer  gelödtet  hat?"  Sie  musste  also  zu 
Joro  zurückkehren,  der  ihr  entgegentrat,  ihr  die  Sachen 
aus  der  Hand  riss  und  zu  ihr  sprach:  „Was  hilft  es  dir, 
dass  du  ein  schönes  Mädchen  bist  5  da  du  nicht  bemerkst, 
dass  dein  hinterer  Rockschoos  brennt,  so  bist  du  iri  der 
That  nur  ein  gemeines  Mädchen!"  Die  Jungfrau  kehrte 
ihm  den  Rücken,  und  nachdem  Joro  durch  magische  Kraft 
die  Rippenstücke  von  siebzig  Schafen  und  den  Inhalt  der 
ßranntweinflasche  unter  die  zehntausend  Mann  und  an  Jeden 
derselben  verlheilt  halte,  setzte  er  sich,  den  Türkis  ohne 
Schwierigkeit  in  den  Mund  nehmend.  Da  brach  alles  Volk 
in  Lachen  aus,  der  Fürst  l'schotong  aber  sprach:  „So 
nichtswürdig  er  ist,  so  hat  doch  Joro,  der  Sohn  unserer 
Befreundeten,  die  Jungfrau  erworben."  A^on  da  an  sann  er 
auf  Mittel,  sie  ihm  wieder  al)zunehmen. 

Nun  ging  alles  Volk  auseinander.  Rogmo  Goa  sam- 
melte ihr  Gefolge  und  suchte  eilig  nach  Hause  zu  ent- 
iliehen.  Auf  der,  Flucht  befragte  sie  ihr  Gefolge:  „Ver- 
folgt uns  der  hässliche  Mensch?"  Das  Gefolge  blickte  hin- 
ler sich  und  antwortete:  „Man  erblickt  nichls!"  Abermals 
befahl  sie:  „Schaut  euch  um,  ob  Jemand  zu  sehen  ist!" 
Antwort:, „Es  ist  Niemand  zu  sehen!"  Unterdessen  war 
Joro  duych  magische  Verwandelung  unbemerkt  angelangt 
und  hatte  sich  hinler  Rogmo  aufgesetzt.  Als  das  Gefolge 
nochmals  hinter  sich  blickte,  wurde  es  den  Joro  gewahr 
und  rief:    „O  Weh,   er  sitzt  ja  hinter  dir!"   Rogmo  jam- 


—      60      — 

hierte:  „O  Weh,  was  soll  ich  thun !  was  soll  ich  nun  an- 
fangen! ich  hin  nun  ohne  Rellung  verloren!  So  lange  habe 
ich  gewählt  und  ausgesucht,  um  den  Mann  meiner  Wahl 
zu  finden  und  hin  nun  auf  solche  W^eise  angekommen! 
Was  soll  ich  nun  meinen  Ellern  (zu  meiner  Entschuldigung) 
sagen!  Mit  was  für  einer  Miene  kann  ich  ihnen  nun  ent- 
gegentreten!" Unter  solchen  Klagen  setzte  sie  weinend 
ihren  ^^  eg  fort.  Unterdessen  erregte  Joro  durch  magische 
Kraft  einen  Staub  als  wie  von  zehntausend  Mann  hervor- 
gebracht. Die  Ellern  (der  Rogmo)  sahen  diess  und  spra- 
chen: ,.Dem  Staube  nach  zu  urtheilen  sind  zehntausend 
Mann  im  Anzüge^  ist  sie  etwa  dem  Wirojana  Chaghan 
zu  Theil  gew  Orden  ?'•  Bald  darauf  erschien  der  Staub  als 
wie  von  tausend  Mann  herrührend.  „Nein,  riefen  die  El- 
lern, es  mag  wohl  der  Mirajana  Chaghan  seyu,  der  sie 
heimführt."  Nun  erschien  der  Staub,  wie  von  neunhundert 
Mann  erregt.  ,, Es  scheint,  sie  ist  dem  Tschigatschin 
Chaghan  zu  Theil  geworden,"  sprachen  die  Eltern.  Dar- 
auf zeigte  sich  die  Staubwolke,  als  von  hundert  Mann  er- 
regt. „Sie  hat  wohl  den  Fürsten  Tschotong  bekommen," 
sprachen  die  Eltern.  Nim  erregte  Joro  einen  Staub  als 
wie  von  siebzig  Mann,  und  die  Eltern  entschieden:  „Bam 
Schürtse,  der  Sohn  des  Badmari  hat  sie  bekommen." 
Aber  kaum  hatten  sie  diess  ausgesprochen  und  hingeschaut, 
als  Rogmo  Goa  mit  dem  rotznäsigen  Joro  hinter  sich 
anlangte. 

Der  Vater,  der  Tochter  zürnend,  entfernte  .sich  (ohne 
Willkommen),  nahm  seinen  Zaum  und  seine  Peitsche  und 
ging  zum  Thore  rechts  hinaus  zu  seiner  Pferdeheerde.  Der 
ältere  Bruder,  der  Schwester  zürnend,  nahm  sein  Bogen- 
geräthe  und  ging  zum  Thore  links  hinaus  zur  Schafheerde. 
Die  Mutter,  der  Tochter  zürnend,  machte  ein  böses  Ge- 
sicht und  schob  das  Hausgeräthe  hin  und  her.  Die  Die- 
nerschaft schob  am  Kessel  hin  und  her,  legte  für  Joro  die 
Decke  verkehrt  und  dieser  setzte  sich  verkehrt   darauf  mit 


^   ei   -* 

dem  Geslclite  zur  Wand.  Die  Dienerscbaft  fragtet  „Wai'uiii 
setzest  du  dich  verkehrt  auf  die  Decke,  welche  wir  für 
dich  ausgebreitet  haben?"  Joro  entgegnete:  „Wie  pflegt 
ihr,  wenn  ihr  reiten  wollt,  den  Sattel  aufs  Pferd  zu  legen?" 
Hierauf  liess  die  Dienerschaft  den  Joro  aufstehen  und  legte 
ihm  die  Decke  nach  Gebühr  zurecht.  Joro  nahm  seinen 
Platz  auf  dem  Sitze  der  Rogmo  und  sprach  zu  ihr:  „Dein 
A^ater  ist  mit  Zaum  und  Peitsche  zum  Thore  rechts  hinaus- 
gegangen 5  ist  eure  Pferdeheerde  etwa  von  Räubern  ange- 
fallen? Du  weisst,  dass  ich  tapfer  bin:  gib  mir  ein  Pferd, 
und  ich  werde  den  Dieben  nachsetzen  imd  den  Raub  zu- 
rückbringen. Dein  Bruder  ist  mit  seinem  Bogengerätbe 
zum  Thore  links  hinausgegangen  5  sind  etwa  Wölfe  in  eure 
Schaf heerde  eingebrochen?  Du  weisst,  dass  ich  ein  guter 
Schütze  bin;  gib  mir  Bogen  und  Pfeile,  ich  werde  euch 
die  ЛVölfe  getödlet  herschaffen.  Deine  Mutter  macht  ein 
verdi'iessliches  Gesicht  und  zerrt  am  Hausgeräthe  hin  und 
her;  ist  euer  Hausgeräthe  etwa  behext?  ich  kenne  kräftige 
Beschwörungen  gegen  Hexereien  und  will  das  Geräthe  bald 
entzaubern.  Eure  Dienerschaft  zerrt  den  Kessel  hin  und 
her;  ist  der  Kessel  etwa  aussätzig  geworden?  ich  habe  kräf- 
tige Sprüche  gegen  den  Aussatz  gelernt  und  will  den  Kes- 
sel damit  bald  in  Ordnung  bringen." 

Als  am  Abend  die  Eltern  der  Rogmo  und  das  ganze 
Hausgesinde  beisammen  waren,  überhäuften  sie  die  Tochter 
mit  Spott  und  A'orwürfen ;  sie  sprachen:  „Da  hast  du, 
nichtswürdiges,  gemeines  Mädchen,  uns  endhch  einen  Mann 
der  Männer  ins  Haus  geschafft !  wir  befürchten  nur ,  dass 
einmal  die  Hunde  sich  über  deinen  ausgezeiclinet  -  vor- 
trefflichen Mann  hermachen  und  ihn  auffressen  möchten! 
Welchen  Verdruss  (von  Seiten  seiner  Verwandten)  hättest 
du  ims  dann  bereitet,  wenn  wir  ihn  von  den  Hunden  auf- 
fressen liessen!"  Mit  diesen  Worten  steckten  sie  den  Joro 
unter  den  Kessel.  Während  der  Nacht  stiess  Joro  den 
Kessel  um,  kroch  hervor,  schlachtete  ein  Schaf,   ass  eineq 


—   62   — 

Theil  des  Fleisches  selbst  xmd  gab  den  andern  Theil  den 
Hunden  zu  fressen.  Dann  befleckle  er  sein  Oberkleid  von 
Kalbfell  mit  dem  Blute  des  Schafes,  warf  es  hin  und  über- 
nachtete draussen  im  Freien.  Als  am  folgenden  Morgen 
(das  Hausgesinde)  aufstand,  erblickten  die  Ellern  (das  blu- 
tige Kleid)  und  riefen  der  Tochter  zu:  „Deinen  vortreff- 
lichen Mann  haben  während  der  Nacht  die  Hunde  gepackt 
und  gefressen;  jetzt  magst  du  allein  für  die  schKmmen  Fol- 
gen verantwortlich  seyn  ! ''  Л^^оП  innern  Grams  sass  die 
Tochter  und  schaute  vor  sich  hin.  Sre  dachte:  „Was  er 
auszurichten  vermochte ,  ging  weit  über  sein  Aller  und 
seine  Gestalt-,  soHle  er  wirklich  todt  seyn?  das  rauss  ich 
iintersucheii."  Während  Rognio  ihn  aufsuchte,  erschien 
ihr  Jorö  durch  magische  Kraft  in  der  Gestalt  eines,  eine 
grosse  Heerde  hütenden,  Pferdehirten.  Sogleich  rief  sie 
ihm  zt'i:  „Hirte,  hast  du  nicht  etwa  den  rolznäsigen  Joro 
^sehen?"  Der  Pferdehirt  antwortete :  „Ich  kenne  den 
nicht,  welchen  du  den  rotznäsi^n  Joro  nennst,  aber  das 
habe  ich  gehört,  dass  die  drei  Völkerschaften  Tussa, 
Döngsar  und  Lik  im  Anzüge  sind  mit  dem  Vorsatze, 
Rogmo  Goa,  die  Tochter  des  Senggeslu  Ghaghan,  in 
schmählicher  Weise  zu  tödlen  und  ihre  Ellern  in  schmäh- 
licher Weise  zu  brandschatzen,  weil  sie  den  Joro  entführt 
imd  ihn  von  den  Hunden  hat  fressen  lassen."  Rogmo 
glaiibte  den  gehörten  Worten  und  setzte  ihren  Weg  unter 
Tlirärien  fort.  Da  erschien  ihr  Joro  abermals  in  einen, 
eine  grosse  Heerde  hütenden ,  Schafhirten  umgewandelt. 
Aul"  ihre  Anfrage  bekam  sie  von  dem  Schafhirlen  die  näm- 
liche Ant\^orl  wie  von  dem  Pferdehirten.  Da  dachte  sie:' 
„Die  Aussagen  dieser  beiden  Männer  stimmen  überein:  mir 
bleibt  nun  üichls  übrig  als  zu  sterben.  Nur  will  ich  nicht 
in  die  Nähe  meiner  Ellern  zurückkehren  und  ihnen  meinen 
Jämriier  ttnd  Tod  vor  die  Augen  bringen ;  besser  ist  es,  wO 
anders  zu  sterben.  In  diesen  Fluss  mich  stürzend  will  ich 
mein  Lebea  enden."    Mit  diesen  Worten  sprengte  sie  das 


—     6S     — 

hohe  Felsufer  hinan,  aber  ehe  sie  dessen  Höhe  erreicht 
hatte,  erwischte  Joro  mittels  magischer  Verwandlung  den 
Schweif  des  Pferdes  und  hielt  es  zurück.  Rogmo  wandte 
sich  um  und  erblickte  ihn.  „Bist  du  es,  Joro,  rief  sie, 
komm  und  sitze  auf!"  Joro  setzte  sich  hinter  sie  aufs 
Pferd ^  der  goldgelbe  Schleim  floss  ihm  aus  der  Nase,  so 
dass  Rogmo  Goa  aus  Ekel  den  Rücken  vorwärts  krümmte 
und  ihm  zurief:  „Was  machst  du,  Joro!  das  ist  nicht  aus- 
zuhalten; setze  dich  doch  rückwärts!"  Joro  stieg  ah  und 
sprach:  „Hat  nicht  auch  der  hohe  Berg  seinen  Pfad?  ein 
einzelner  Körper  hat  doch  nur  einen  Kopf,  oder  hat  er 
zwei?  Diess  ist  die  rechte  Art,  dieses  Pferd  zu  besteigen'.'' 
Mit  diesen  Worten  wollte  er  über  den  Kopf  des  Pferdes 
aufsitzen.  „Nein,"  rief  er,  „das  ist  nicht  die  rechte  Weise, 
es  muss  also  in  solcher  Art  geschehen !"  Diess  gesagt  ver- 
suchte er  längs  der  Fersensehne  (der  Spannader,  den  Hin- 
terfüssen)  aufs  Pferd  zu  kommen,  dieses  aber  schlug  aus 
und  warf  ihn  zu  Boden.  Joro  blieb  liegen  imd  stellte  sich 
todt.  Da  stieg  Rogmo  ab  und  rief:  „Lieber  Joro,  stehe 
doch  auf!"  aber  Joro  blieb  ohne  Lebenszeichen  liegen. 
Auf  abermaliges  Rufen  stand  er  endlich  auf  mit  den  Wor- 
ten: „Es  hängt  von  dir  ab,  ob  ich  vorwärts  oder  rückwärts 
hinter  dir  aufsitzen  soll!"  worauf  Rogmo  ihn  in  üblicher 
Weise  aufsitzen   liess. 

Nach  der  Zurückkunft  Joro 's  beschlossen  der  Oheim 
und  die  Muhme  der  Rogmo,  ihrer  Nichte  einen  Besuch 
abzustatten.  Sie  sprachen:  „Unsere  Nichte  besitzt  magische 
Eigenschaften:  wir  wollen  doch  sehen,  ob  sie  sich  einen 
guten  oder  schlechten  Mann  gewählt  hat."  Bei  ihrer  An- 
kunft versteckten  die  Schwiegereltern  des  Joro  diesen  hin- 
ter das  Hausgerälhe,  gaben  ihm  zur  Essbeschäftigung  eine 
Schale  voll  gerösteten  Weitzen  mit  und  sprachen  zu  ilnn: 
„Komm  nicht  zum  Vorschein,  bis  diese  Leute  Abschied 
genommen  haben!''  Bei  ihrer  Ankunft  fragten  der  Oheim 
xmd  die  Mulune   sogleich:    „Wo   ist  euer  Schwiegersohn? 


«    64     - 

\vie  ist  er,  gut  oder  schleclit?'-  Die  Schwiegereltern  enf- 
gegneten:  .,Wie  kann  man  das  jetzt  schon  wissen:  er  ist 
noch  ein  kleiner  Knalle !  so  eben  ist  er  zum  Besuch  in  die 
Nachbarschaft  gegangen,  um  sich  hei  einem  Festschmause 
zu  vergnügen.'*  Während  dieses  Gespräch^  kam  Joro  aus 
seinem  Versteck  hervor^  der  goldgelbe  Schleim,  au  dessen 
Spitze  ein  Weilzenkorn  hing,  floss  ihm  reichlich  aus  der 
Nase;  er  sprach:  ,,Es  ist  von  mir  die  Rede-,  kann  ich  лоп 
Dienst  seyn?"  —  Bestürzt  über  diesen  Anblick  riefen  Oheim 
und  Muhme:  „Dass  euch  die  Pest!  haltet  ihr.  Nichtswür- 
dige, also  euers  Л^aters  Haupt  in  Ehren!*'  Mit  diesen  Wor- 
ten eilten  sie  hinaus  und  trieben  heimkehrend  die  Pferde- 
heerde mit  sich  fort.  Da  sprach  Joro:  „Gebt  mir  ein 
Pferd,  einen  Panzer  nebst  Bogen  und  Pfeilen;  ich  bin  ein 
herzhafter  Bursche  und  werde  sie  verfolgen."  Die  Schwie- 
gereltern entgegneten:  „\^erdammter  Bursche!  dir,  Nichts- 
würdigen, sollen  wir  noch  Pferd  und  Waffengeräth  geben!" 
und  gaben  ihm  das  A^erlangle  nicht.  Da  ging  Joro  zu  den 
um  das  Haus  lagernden  Schafen,  fing  einen  Schafbock  und 
einen  Ziegenbock,  kuppelte  sie  zusammen,  verfolgte  damit 
(die  Häuber),  holte  sie  ein,  schlug  sie  und  ihre  Pferde 
nieder,  nahm  ihnen  die  Pferdeheerde  wieder  ab  und  kehrte 
damit  zurück. 

Nach  dieser  Zei^  sprach  Joro:  „Jetzt  will  ich  zuiück 
in  meine  Heimath  ziehen!"  —  „Was  hast  du,  Taugenichts, 
denn  schon  gethan,"  fuhr  ihn  Rogmo  an,  „dass  wir  dich 
in  die  Heimath  schicken  sollen?  bleibe  ruhig  wo  du  bist!" 
Gesser  verwandelte  sich  in  den  Fürsten  Tschotong, 
während  er  in  Joro 's  Gestalt  sich  entfernte  luiter  dem 
Vorgeben,  Berghasen  zu  fangen.  In  Tschotongs  Gestalt 
kam  er  vor  der  Behausung  der  Rogmo  an,  stieg  ab  und 
fragte:  „Wo  ist  Joro?"  Rogmo  erwiederte:  „Was  weiss 
ich!  er  ging  fort  um  Berghasen  zu  fangen."  Tschotong 
sprach  zu  ihr:  „Ich  bin  das  Oberhaupt  und  der  Beherr- 
scher von  Tübet;  gewiss   ist  uieine  gelieble,  vortreftliche 


—     65     — 

Schwiegerlochter  unglücklich!  Befiehl,  den  nichtswürdigen 
Joro  zu  lödlen  und  ich  werde  ihn  tödlen,  oder  befiehl, 
ihm  ein  (anderes)  Weib  zu  geben  und  ich  werde  es  thun, 
oder  befiehl  auch,  ihn  zu  verbannen,  so  werde  ich  ihn 
forijagen  und  dich  zum  Weil)e  nehmen."  Rogmo  erwie- 
derle:  „Kann  ich  hierin  entscheiden?  das  ist  eure  Sache! 
das  sind  Familienangelegenheilen  unter  euch  selbst."  — 
„Mein  Herz  ist  dir  in  Liebe  zugellian,  und  ich  werde 
dich  zum  Weibe  nehmen,"  sprach  Tschotong,  stieg  zu 
Pferde  und  entfernte  sich  in  dem  Augenblick,  als  Joro 
nach  Hause  kam.  „Wer  ist  dieser  so  eben  von  hier  Weg- 
reitende?"  fragte  er.  „Was  weiss  ich,  entgegnete  Rogmo, 
er  nannte  sich  als  deinen  Verwandten  Tschotong."  — • 
„Was  war  sein  Begehr?"  fragte  Joro.  „Was  weiss  ich!" 
entgegegnete  Pxogmo,  „er  fragte  nach  dir,  stieg  wieder  zu 
Pferde  und  ritt  davon."  Joro  erwiederte:  ,, Unser  Land 
Tübet  ist  von  diesem  Lande  weil  entfernt;  wenn  er  nach 
mir  zu  fragen  bat,  лтагат  entfernt  er  sich  wieder,  ohne 
mich  gesehen  zu  haben?" —  „Das  weiss  ich  nicht,"  sprach 
Roqmo,  „er  franste  nach  dir  und  ^ing-  wieder  seiner  WWe." 
—  ,,Ich  aber  weiss  es,  ich  \>eiss  es,"  entgegnete  Joro. 
„Was  weisst  du,  Taugenichts!"  fuhr  ihn  Rogmo  an,  „blos 
um  mich  zu  quälen  ersinnst  du  dir  solches."  Joro  ent- 
fernte sich  mit  den  AVorten:  „Jetzt  gerade  machst  du  mich 
für  die  Zukunft  bange."  —  Am  folgenden  Tage  verwan- 
delte sich  Joro  abermals  und  erschien  in  der  Gestalt  des 
Bam  Schürtse,  Sohnes  des  Badmari,  während  Joro  in 
eigener  Gestalt  auf  die  Jagd  gegangen  war.  Bam  Schürtse 
erklärte  der  Rogmo  seine  Liebe  mit  denselben  verführeri- 
schen Worten,  wie  vordem  Tschotong.  Beim  Wegreiten 
desselben  kam  Joro  nach  Hause.  „Wer  war  dieser ?'' 
fragte  er.  „Er  nannte  sich  Bam  Schürtse,  Sohn  des 
Badmari,"  entgegnete  Rogmo.  „Und  Avas  war  sein  Be- 
gehr?" fragte  Joro.  „Er  fragte  blos  nach  dir,"  entgegnete 
Rogmo,   „und  ritt  dann  wieder  seiner  Wege."     Joro  er- 

5 


•~~     6Ö     - 

wiederlc:  „Warum  hat  er  meine  Rückkunft  denn  nicht  ab- 
gewartet? aber  ich  weiss  nun  die  l^rsache:  die  Tühetischen 
Grossen  haben  sich  verbunden,  mich  zu  tödlen  und  ent- 
fernen sich  von  hier,  nachdem  sie  deine  Genehmigung  ein- 
geholt haben."  —  Am  folgenden  Tage  verwandelte  sich 
Gesser  abermals  und  erschien  in  der  Gestalt  der  Tübeti- 
schcn  dreissig  Helden  in  ihiem  schönsten  Wafl'enschmucke 
und  Staate.  Sie  liesseu  sich  vor  der  Behausung  des  Sen- 
geslu-Chaghan  nieder.  Dieser  liess  anfragen:  „Wessen 
sind  diese  mir  fremden  ausgezeichneten  JMänner?"  Die 
Antwort  war:  „Wir  sind  Tübeter:  Wenn  du  uns  Joro's 
Weib  geben  willst,  so  sage  Ja,  wenn  du  dasselbe  nicht 
geben  willst,  so  sage  Nein-,  diess  von  dir  zu  erfahren  sind 
wir  hergesandt."  Sengeslu  Chaghau  und  die  Seinigen 
hielten  eine  Berathung  über  den  \'orschlagj  sie  sprachen: 
,i Geben  wir  unsere  Einwilligung,  welchen  Grund  können 
wh-  da  augeben,  dass  wir  ihnen  unsere  geliebte  Tochter 
üJjerlassen;  verweigern  wir  aber  die  Forderung,  so  werden 
die  dreissig  Helden  uns  umbringen;  wir  müssen  auf  ein 
Mittel  sinnen,  sie  zu  beschwichtigen."  Dem  gemäss  gaben 
sie  die  Antwort:  „Kehrt  jetzt  heim:  wir  werden  euch  un- 
sere Tochter  nachsenden,  wenn  alle  Л  orbereitungen  fertig 
seyn  werden."  Die  Männer  entgegneten:  „Wenn  ihr  den 
Joro  für  zu  schlecht  haltet  und  eure  Tochter  (besser)  ver- 
heirathen  wollt,  so  gebt,  sie  her;  wollt  ihr  das  aber  nicht 
und  haltet  dennoch  den  Joro  zurück,  so  wisset,  dass  die 
dreissig  Helden  mit  ganz  Andern,  als  ihr  seyd,  fertig  wer- 
den können.  Macht  euch  daher  nicht  wichtig,  ihr  Ver- 
blendete! wollt  ihr  zögern,  so  schreibt  euch  die  Folgen 
selbst  zu!"  Mit  diesen  Worten  entfernten  sie  sich.  — 
„Diese  AN'orte  machen  uns  Todesangst,"  riefen  Sengeslu 
upd  die  Seinigeu;  sie  brachen  sogleich  auf,  zogen  den  Hel- 
deq  nach,  kamen  nacli  Tübet  und  liesseu  sich  unter  dem 
Volke  nieder. 


—     6Т     — 

Von  Neid  und  Scheelsucht  getrieben  kündigte  der  Fürst 
Tschotong  an:  „Dreissig- Tausend  Mann  sollen  sich  zu 
einem  grossen  Wettrennen  versammeln;  der  Preis  ist  ein 
geschuppler  Panzer,  ein  Daghoris-choi  genannter  Helm, 
das  Tomartsak  genannte  Schvert  und  der  Tümen  odun 
(zehntausend  Sterne)  genannte  Schild.  Wessen  Pferd  zu- 
erst das  Ziel  erreicht,  der  erhält  nicht  blos  alle  diese  Sachen 
als  Preis,  sondern  liberdiess  nocli  die  Rognio  Goa  zur 
Frau.'-  Die  dreissigtausend  Mann  versammelten  sich  zum 
Wettrennen.  Joro  streute  Räucherwerk  und  richtete  an 
seine  Grossmutter  Absa  Gürtse  im  Himmel  folgende  Bitte : 
„Um^  hier  in  der  WMt  allen  Wesen  zum  Heil  zu  seyn, 
hin  ich  als  Beherrscher  der  zehn  Gegenden  G  e  s  s  e  r 
Chaghan  geboren.  Um  im  zukünftigen  Lehen,  im  Ge- 
]>iele  des  Erlik  Chan,  die  Seelen  aller  Sünder  zu  er- 
lösen, hin  ich  als  Changchoi  Köbegüu  geboren.  Der 
Fürst  Tschotong  liat  dreissigtausend  Maim  zu  einem  Wett- 
rennen versarnmelt,  um  mir  mein  Weib  aus  meinem  Schoosse 
zu  rauben.  Sollte  meiu  braunes  Füllen'^*)  tauglich  seyn,  so 
sende  es  mir  herab:,  sollte  es  untauglich  seyn,  so  sende  mir 
ein  anderes  Pferd  aus  der  himmlischen  Heerde."  — ■  „Das 
ist  ja  Unser  Rotznäschen ,"  rief  die  Grossmutler  und  sandte 
das  braune  Füllen  in  ein  siebenjäliriges  braunes  Pferd  ver- 
v.andelt  herab.  Weil  es  лот  Himmel  hei'abgekommen  war, 
drehte  es-  sich  лyie  ein  Wirbelwind  im  Kreise  und  liess 
sich  von  Joro  nicht  fangen.  Als  Joro  seine  Mühe  ver- 
geblich sah,  legte  er  auf  sein  Rauchopfer  unreines  Räucher- 
werk; durch  diese  V^erunreinigung  des  Opfers  wurde  das 
braune  Pferd  zu  einem  räudigen  zweijährigen  braunen  Fül- 
len und  liess  sich  fangen.  Joro  bestieg  sein  räudiges  brau- 
nes Füllen  und  folgte  den  dreissigtausend  Mann  zum  Wett- 
rennen, als  ihm  Senge slu  Chaghan  begegnete.  „Wen, 
mein    nichtswürdiger    Schwiegersohn,"    rief  er,    „gedenkst 

24)  Vergl.  S.  19. 

5* 


—     6S      — 

du  mit  deinem  räudigen  braunen  Füllen  zu  überholen? 
oder  Irägst  du  es  vielleiclil  darauf  an,  dass  meine  'gelieble 
Tochter  dir  von  einem  Andern  abgenommen  werde?  Be- 
steige doch  lieber  eines  von  nieinen  schnellen  kräftigen 
Reitpferden  !•'  —  ..Deine  schnellen,  kräftigen  Keilpferde 
möchten  mich  zu  tragen  nicht  im  Stande  seyn,"  entgegnete 
Joro,  „ich  \>erde  mit  meinem  räudigen  braunen  Füllen, 
welches  ich  gewohnt  bin,  Wettrennen. ''  Mit  diesen  Wor- 
ten entfernte  er  sich.  ^Nachdem  die  dreissigtausend  Mann 
auf  dem  bezeichneten  Sammelplatz  angekommen  waren  und 
sich  und  ihre  Pferde  in  Bereitschaft  gesetzt  hatten,  begann 
das  allgemeine  Wettrennen.  Joro  hielt  sein  räudiges  brau- 
nes Füllen  im  Zügel  und  blieb  weit  zurück.  Dann  liess 
er  ihm  seinen  Lauf  und  überholte  zehntausend  Mann.  Aber- 
mals hielt  er  sein  Füllen  zurück,  liess  es  dann  laufen  und 
überholte  das  zwei  e  Zehulausend.  Nochmals  hielt  er  sein 
Füllen  zurück,  liess  es  dann  laufen  und  überholte  das  dritte 
Zehnlausend.  Л^ог  Joro,  in  der  Entfernung  eines  Saat- 
wurfes, rannte  der  Fürst  Tschotong  auf  seinem,  eine 
Antilope  einholenden,  weisslicli  -  gelben  Pferde,  und  vor 
Tschotong,  in  der  Weile  eines  Kinderpfeilschusses,  gn- 
loppirle  der  Fürst  Asmai  auf  seinem  trefflichen  Blauschim- 
mel. Joro  sprach  zu  seinem  räudigen  Füllen:  „Ich  werde 
mit  dem  Zeichen  des  Muthes  gegen  ihn  anrennen,  und  du 
renne  gegen  Tschotong  und  sein  Pferd  mit  dem  Zeichen 
des  Helden  und  \\irf  beide  über  den  Haufen,  indem  du 
dem  wcisslich- gelben  I^ferde  gegen  die  Vorderbeine  schlägst. 
Das  Füllen  gab  seine  Einwilligung,  es  geschali  nacli  Joro 's 
Verlangen  und  Joro  überholte  den  Tschotong,  welcher 
ihm  zurief:  „O  Weh,  Joro,  was  machst  du!"  Joro  ent- 
gegnete: „Und  was  machst  du,  Oheim?  ich  muss  eilen, 
dass  nicht  irgend  Jemand  mir  meine  Piogmo  abge^^inne.•' 
Joro  sprach  zum  räudigen  braunen  Füllen:  „Jetzt,  mein 
räudiges  braunes  Füllen,  welches  dreissigtausend  Keiler  über- 
holt   hat,    musst    du    noch    den    Blauschimmcl    des  Fürsten 


—      69     — 

Asniai  überholen."  Diess  gesagt,  hielt  er  das  Füllen  an 
und  liess  ihm  dann  seinen  Lauf.  Der  treffliche  Blauschimmel 
des  Fürsten  Asmai  nahm  das  Gebiss  zwischen  die  Zähne, 
sprengte  einen  Kinderpfeilschuss  voraus  und  liess  sich  nicht 
einholen.  Toro  sprach  weinend  zu  seinem  räudigen  brau- 
nen Füllen:  „O  Weh,  mein  räudiges  braunes  Füllen,  was 
machst  du!  Willst  du  den  geschuppten  Panzer,  den  Da- 
ghoris-choi  genannten  Helm,  den  Tomartsak  genannten 
scharfen  Säbel,  den  Tümen  odun  genannten  Schild,  willst 
du  allen  diesen  AVaffenschmuck  und  dazu  meine  in  mei- 
nem sechsten  Jahre  angetraute  Rogmo  Goa  die  Beute  ei- 
nes Andei'n  \л erden  lassen!"  Das  Füllen  erwiederte:  „Mein 
liebes  Rotznäschen !  ich  bin  zw  ar  ein  himmlisches  Füllen 
und  dieses  ist  nur  ein  irdisches  Pferd,  dessenungeachtet 
überlrifl't  es  mich  vierfach  und  es  ist  ungleich  behaarter  als 
ich  5  ich  kann  es  daher  nicht  einholen.  Wende  dich  aber 
mit  deiner  Bitte  an  deine  himmlische  Grossmutter  Absa 
Gürtse!"  Joro  rief  jammernd:  ,, Mütterchen,  dein  sieben- 
jähriges braunes  Pferd  ist  niederwärts  (von  Kräften)  ge- 
kommen! der  niedere  Blauschimmel  des  Fürsten  Asmai 
hat  sich  gen  Himmel  erhoben  (ist  im  Begriffe  zu  siegen)! 
der  Fürst  Asmai  hofft  den  von  mir  ersehnten  kostbaren 
Waffenschmuck  und  meine  auf  magische  Weise  erworbene 
Rogmo  Goa  zu  erbeuten!  O  Weh,  mein  Müllerchen,  was 
machst  du!"  Die  Grossmutter  hörte  ihn;  sie  rief:  „O  Weh, 
Joro,  mein  Rotznäschen  weint,  weil  er  daran  ist,  von  einem 
Menschen  überwunden  zu  w'erden !  Boa  Dongtsong*^), 
komm  her  und  beblase  das  räudige  braune  Füllen!  mit 
dem  Pferde  des  Fürsten  Asmai  werde  ich  ein  Mittel  ver- 
suchen." Beide  erschienen  nebeneinander  am  Himmel 5  Boa 
Dongtsong  beblies  das  braune  Füllen,  es  bekam  seine 
(frühere)  Gestalt  wieder  als  siebenjähriges  braunes  Pferd 
und  nahm    sogleich    das   Gebiss    zwischen   die   Zähne.     Die 

35)  Vergl.  S.  1  uad  13.  "^ 


—       10      — 

Grossmulter  Absa  Gürfse  scboss  dem  Blauschiramel  einen 
femigen  Pfeal  hinter  den  Vordrrfüssen  durch  die  Brust; 
vier --oder  fünfmal  wankte  der  Blauschimmel  und  stürzte 
zusammen.  Das  Füllen  setzte  das  Wettrennen  fort  und  er- 
reichte das  Ziel.  Der  Fürst  Asmai  stand  weinend  auf  und 
rief:  .,0  Weh,  was  ist  das!"  Joro  rief:  „Dos  Glück  he- 
günstigfe  anfangs  den  Blausc])immel  mehr  als  den  Braunen, 
nun  aber  ist  mir  das  Glück  zugeTallen.'-  Nachdem  Joro 
den  kostbaren  WaÖenschmuck  in  Empfang  genommen,  be- 
sch en k le  er  dam^ t  seinen  allem  Bruder .■  JD  g c  s s e  S  c h  i  k  i  r 
und  kehrte  in  seine  Behausung  zurück. 

Am  folgenden  Tage  machte  der  Fürst  Tscholong, 
abermals  vpn  Neid  und  Scheelsucht  gelrieben,  bekannt, 
dass  wer  den  лүгЫеп  Stier  (Auerocbs)-^;  mit  einem  Schwa,nze 
ЛТОП  dreizehn  AVirbeln  erlegen  und  diesen  ScliA^anz  vor- 
zeigen würde,  die  Fl o gm o  Goa  erhallen  solle.  Al:es  AVjk 
begab  sich  hinaus.     Auch  Joro   kam    iind    schoss  den  Stier 


in  die  Mitte  zw;ischer|  dessen  beiden  Augen  niil  dem  Alang- 
kJr  g^nann^n  Bogen  und  c|en  Schigenek  genannten  Pfeile, 
woran/"  er  dessen  Schwanz  von  dreizehn  Wirbeln  abschnitt 
uijd  zu  sich  pabm.;;  Während  dessen  kam  der.  Fürst  Tscho- 
long hinzu  und  rief:  „Liebster  ■  Joro!  in  Zukunft  werde 
ich  dich  nie  schelten,  ich  wercje  dic^i  nie  prügeln;  ich 
weide  dich  vielmehr  zqrllicher  als  ineine  .eigenep  Kinder 
behandeln;  überlassis  mir  aber  den  Schwanz,  von  itheizehn 
Wirhclnl"  Joro  entgegnete:  „Warum  nicht,  Oheim,  du 
кавп§|  den  ^c|i;v\ an z. /haben;  was  soll,, ioh,  damit  niachen;  da 
^e|>  abprfii;'^!  s^it  Kurzem  Bogengeräthe  jtrag^^  so  gib  mir 
dafip-  deinen  Jsmanta  genannten  Pfeil!'','j  Tschotong  er- 


!26i  Die  Beschreibungen,  welche  die  Chine.si.ich-Manclschui.sch- 
Mongolischen  Wörlei Spiegel  von  dem  wilden  Stier  (Mgngol.  Bucha 
Görögessun)  macheu,  pa^^en  durchaus  auf  den  Auerochsen,  blos 
mit  dem  unterschiede,  dass  sie  seine  Farbe  als  bläulich  bezeichnen. 
lu  unserer  Sage  hingegen  erscheint  er  immer  schwärzlich 


—      Т  1       — 

wiederte:    „Was  soll    ich   mit   dem   Pfeil    machen ;    da   hast 
du  ihn!"    Hierauf  übergab  Joro   ihm   den   Schwanz,   nach- 
dem   er    durch    magische    Kunst  drei    Wirbel   davon   abge 
schniüen   und   zu    sich   gesteckt  hatte.     Der   Fürst  Tscho- 
tong  begab  sich   zur  grossen  Treibjagd   und  rief  die  Jäger 
zusammen.     Mit  lauter  Stimme    verkündigte  er:    „Ich   habe 
den  Slier  erlegt;  ich  habe  den  Schwanz  von  dreizehn  Wir- 
beln   abgeschnilten;    mir    ist    die   Kogmo    Goa    anheimge- 
fallen I"    Joro    kam    hinzu    und    rief:    „O   Weh,   O    Weh, 
Oheim  Tscholong,    was   für   ein   sündlicher,   was  für   ein 
schändlicher  Lügner   bist  du!   du  kamst  ja   hinzu,   während 
ich  den  Stier  erlegte  und  dessen  dreizehnwirbeligen  Schwanz 
abschnitt;    saglesl  du   nicht:    „„Liebster  Joro,    in   Zukunft 
werde  ich  dich  nie  schimpfen,  nie  werde  ich  dich  prügeln  5 
ich  werde  dich   vielmehr  zärilicher  als  meine   eigenen  Kin- 
der behandeln;   nur  überlasse  mir   diesen  Schwanz?""  und 
antwortete  ich  da  nicht:  „„Was  soll  ich  mit  dem  Schwänze 
anfangen !  da  ich  aber  erst  seit  Kurzem  Bogengeräthe  trage, 
so    gib    mir    dafür    deinen    Ismanla    genannten    Pfeil?"'* 
gabst  du  ihn   mir   nicht  mit  den  Worten:    „„Was   soll  mir 
der  Pfeil?""    Diess  gesagt,  zog  Joro  den  Pfeil  heraus  ипф 
zeigte  ihn.     Tschotong  schrie:    „3eht   einmal   die   3chur- 
kerei  dieses  Nichtswürdigen!  da  er  merkte,  dass  sein  ^eib 
mir  anheimfallen  würde,   hat  er  den   Pfeil   von   dem   Hüter 
mieines  Bogengeräthes   gestohlen  und  macht  nun   ohne  allen 
Grund  Lärm."     Joro   erwiederte:    „Du  sollst  Recht  haben; 
jetzt  aber  sehe  nach,  ob  du  auch  den  vollen  Schwanz  hast!" 
Tschotong  sah  nach,  es  fehlten  dem  Schwänze   aber   drei 
Wirbel.    „Wo  sind  die  drei  Wirbel?"  fragte  Joro.    Tscho- 
tong antvvortete    nichts.  —  Joro    sprach  weiter:    „Wusste 
ich  nicht,   dass  du  ein  schändliche;r  Lügner  bist  und  habe 
deswegen,  ehe  ich  dir  den  §ch\^'anz  überliess,  drei  Л^irbel 
davon  zurückbehalten?"   ]\lit  diesen  Worten  zog  er  die  drei 
Wirbel  aus  dem  Busen  und  zeigte  sie  vor.    Beschämt  wandte 
der  l^ürst   Tscholong    феп  JlijickQjji  ,i^nd  е.п1|]вгп^е  sich. 


—      Т2      — 

In  der  folgeuden  Nacht  stahl  Joro   das   schwarze    Pferd 
des   Tschotong   von   dem   Werllic    voa  hundert   und   acht 
Büffeln  und  schlachtete  es.     Am  andern  Morgen  machte  der 
Fürst  Tschotong  sich  auf,   die  Spur  zu  verfolgen.     Wäh- 
rend   des  Nachspürens    fand   er   das  Fleisch    seines   Pferdes 
liegen.     .,0  Weh,  was  ist  das!"  lief  er  und  sammelle   so- 
gleich die  Kriegsmacht  \on  Tübet  und  Tan  gut,    um  den 
Joro    zu    lüdten.     Der    Fürst    Tschotong    zog    bepanzert 
und  bewafl'nct  heran;  Joro  aber  hatte  sich  in  einen  grossen 
Knaben  mit   rothbraunem  Gesichte   vervsandelt;   er  zog  aus 
seinem  Feuerzeuge  seinen  Daghoris-choi  genannten  Bogen 
und   spannte  die  Senne  an.     Dadurch   entstand   ein  Prasseln 
und   Schmellern    gleichwie    von    lausend  Donnern,    so   dass 
Tschotong   an   der  Spitze  der  Seinigen  die  Flucht  ergriff. 
Am  folgenden  Tage  erliess  der  Fürst  Tschotong  a})er- 
mals  folgenden  Aufruf:    ,, Welcher  Mensch    im  Stande   scyn 
wird.  Avähi'end  einer  eintägigen  Treibjagd  zehntausend  Stiere 
zu   erlegen   und    das   Fleisch    dieser    sämmllichen    Stiere   in 
den  Magen  eines  einzigen  Stieres  zu  verschliessen,  wer  fer- 
ner  im    Stande   scyn    wird,    einen   Durchgang   (Uebergang) 
über  den   Fluss  Uklus   zu   bewerkstelligen,   derjenige   soll 
die    Rogmo    Goa    bekommen."     Diesem    Aufrufe    zufolge 
A'ersammelten    sich    eine    Menge    Jäger.      Da    Joro    weder 
Bogen  noch  Pfeil  hatte,  so  gab  Rogmo  Goa   ihm   das   Bo- 
gengeräthe  des  Kameelhirten.     Joro  zog  den  Bogen  an,  er 
brach   in   Stücke   und  Joro   лүагГ  ihn  hin.     Sodann   brachte 
Rogmo  Goa   ihm  den  Bogen  des  Kuhhirten;   auch  diesen 
zerbrach    Joro    beim    Anziehen.      Zuletzt    brachte   Rogmo 
Goa  ihm  den  Bogen  des  Pierdehirttn  und  sprach:  „Lieber 
J'orö,  wenn  ich  ausser  diesem   noch  ein  anderes  Bogenge- 
räth    häbfe,   so   müssen   es  meine   Rippen   seyn."     Nachdem 
Joro  auch'  diesen  Bogen  zerbrochea  hatte,  entfern le  er  sich. 
Als   Joro    auf   dem   Jagdplatze    anlangte,    waren    die   Jäger 
schon  beschäftigt,  nach  wilden  Stieren  zu  schiessen.     Wäh- 
rend  Joro   jagte,  erlegte   er   in  eintägiger  Treibjagd  durch 


—      73      — 

magische  Kraft  zehnlausend  Stiere,  zerschnitt  das  Fleisch 
dieser  zehntausend  Slieie  und  verpackte  es  in  den  Magen 
eines  einzigen  Stieres.  Er  nahm  den  Schwanz  eines  Stieres 
und  befestigte  ilin  an  eine  lange  Stange,  womit  er  den  vie- 
len umherirrenden  Jägern  ein  Zeichen  gab,  sich  um  ihn  zu 
sammeln.  Als  sie  am  Strome  Uktus  anlangten,  war  von 
den  zehnlausend  Mann  keiner  im  Stande,  einen  Uebergang' 
ZU  bewerkstelligen.  Joro  kam  hinzu;  er  schaffte  einen 
Siier  herljei  und  trieb  ihn  durch  (den  Fluss);  blos  dessen 
Hornerspitzen  blieben  über  dem  AVasser  sichtbar.  Sodann 
schaffte  er  ein  Tschigitai  herbei  und  trieb  es  (an  einer 
andern  SlßUe)  durch;  das  Wasser  ging  ihm  beim  Durch- 
waten bis  über  den  Rücken.  Zuletzt  schaffte  er  eine  Anti- 
lope herbei  und  trieb  sie  (an  einer  dritten  Stelle)  durch 
,  (den  Fluss).  Durch  magische  Mittel  liess  er  das  Thier  in 
Tschotongs  Augen  von  der  Grösse  eines  Schweines  im 
zweiten  Jahre  erscheinen,  und  rief  dann:  „Nun,  grosse 
Füisten,  sind  die  Uebergangspunkle  bereitet:  wählt  euch 
nach  Gefallen  einen  Uebergang !"  Tschotong  erklärte,  er 
wolle  an  der  Üebergangsstelle  der  Antilope  den  Fluss  pas 
siren,  wogegen  Sanglun  die  Üebergangsstelle  des  Tschi- 
gilai  vorzog.  „Warum  §chweigl  der  Oheim  Tsargin," 
fragte  Joro,  worauf  Tsargin  erwiederte:  „Ich  überlasset ^ 
die  Wahl  dir,  lieber  Jorol"  Joro  versetzte:  „So  passire  * 
di^n  Fluss  au  der  Üebergangsstelle  des  Tschigitai,  Oheim 
Tsargin!'-  Als  nun  Sanglun,  Tsargin  und  die  sämmt- 
l'chen  Jäger  an  der  gefährlichen  Üebergangsstelle  des  Tschi-' 
gitai  den  Fluss  passirt  halten,  wollte  der  Fürst  Tscho- ' 
tong  an  der  Üebergangsstelle  der  Antilope  über  den  Fluss 
setzen,  w'urde  aber  von  der  Strömung  forlgerissen.  Er 
schrie:  „Lieber  Joro,  ziehe  mich  heraus!"  Joro  ergriff 
seine  Peitsche,  lief  hin,  sprang  ins  Wasser,  warf  ihm  die 
Peitsche  als  Schlinge  um  den  Hals  und  vzog  ihn  bis  ans 
Ufer,  als  Tschotong  die  Bemerkung  machte:  „Lieber 
Joro,  du  hast  mich  zwar  über  den  Fluss  hergeschafft,  aber 


—      74     — 

wie!  dafür  seilst  du  den  Tilel  eines  Henkers  bekommen 5 
einen  andern  wüssl  ich  nicht.''  —  .,Gut,'-  erwiederte  Joro, 
„mir  gilt  es  gleich!"  und  liess  den  Tscholong  im  Stich, 
worauf  dieser  ahermals  von  der  Strömung  forlgerissen  wurde 
und  im  Begrifie  stand  zu  ertrinken.  Er  schrie  aus  allen 
Kräften:  ,. Lieber  Joro,  ziehe  mich  heraus!"  Joro  lief 
hinzu,  ergriff  den  Tscholong  bei  den  Haaren  und  riss 
ihm  diese  beim  Herausziehen  aus,  so  dass  er  kahlköpfig  in 
die  Nähe  des  Ufers  kam,  woselbst  er  zu  Joro  sprach: 
„Lieb.-r  Joro,  du  hast  mich  z-v\ar  herausgezogeu,  aber 
wie!  dafür  sollst  du  den  Titel  „Kahlkopf"  bekommen^ 
-einen  andern  wüsst  ich  nicht!" —  .,Gut!"  sprach  Joro  und 
liess  den  Tscholong  fahren,' wodurch  dieser  abermals  ins 
Treiben  gerieth  und  schrie:  ,, Lieber  Joro,  komm  mir  zu 
Hülfe!  ich  komme  um!"  aber  Joro  A^ollte  nicht.  Da  rief 
alles  Volk:  „Ein  Mann  von  Bedeutung  geht  zu  Grunde*, 
lieber  Joro,  ziehe  ihn  doch  heraus!"  Joro  wandelte  seine 
Peitsche  in  ein  zweischneidiges  Schwert  um,  warf  es  dem 
Tscholong  hin,  dieser  umCassle  es,  und  als  Joro  ihn 
daran  ans  Ufer  gezogen  halle,  waren  seine  beiden  Hand- 
flächen durchschnitten.  Tscholong  sprach:  „Lieber  Joro, 
du  hast  mich  zwar  .herausgezogen,  aber  was  ist  aus  meinen 
Handflächen  geworden!  Joro  entgegnete:  „Es  ist  von  je- 
her deine  GeAVohnheit,  Einreden  zu  machen;  schweig  lie- 
ber still,  Oheim,   es  hat  nichts  zu  bedeuten!" 

Die  Jäger  mussten  auf  ihrem  Wege  im  Freien  über- 
nachten; die  Nacht  war  sehr  kalt  und  es  gab  weder  Holz 
noch  Mist  zur  Feuerung.  Tscholong  hatte  einen  Hund, 
лгекЬег  die  Menschenspraclie  verstand;  diesem  ]>cfahl  er: 
„Gehe  hin  und  horche,  was  Joro  spricht!"  Durch  magi- 
sches Wissen  von  der  Herkunft  des  tjundes,  unterrichtet, 
sprach  Joro:  „Morgen  kommen  wir  щ  фп  F|usslhal,  wo 
es  Bogen  und  Pfeile  genug  gibt  und  wo  wir  uns  Bogen 
und  Pfeile  anschafien  können;  zerbrecht  daher  eure  Bogen 
und  Pfeile!   Sodann   gelangen   wir   in    ein  Flussthal,   wo   es 


—      75     — 

Stiefel  genug  gibt  und  wo  wir  uns  neue  Sliefel  anschaffen 
können 5  hängt  daher  eure  Stiefel  an  die  Hörnex'  der  Büffel! 
Drei  Mann  können  mit  ihren  Knien  einen  Dreifuss  für  den 
Kessel  bilden;  übernachtet  daher  mit  sattem  und  nicht  mit 
leerem  Magen!"  Der  Hund  kam  zu  Tschotong  zurück 
und  erzählte  ihm  alles  was  Joro  ,  gesprochen  hatie.  Auf 
diesen  Bericht  gab  der  Fürst  Tschotong  dem  ganzen  Volke 
folgenden  Befehl;  „Wenn  wir  morgen  in  dem  Bogen-  und 
Pfeil-Thale  anlangen,  so  werden  wir  Bogen  und  Pfeile 
finden;  wenn  wir  uns  in  dem  StiefeUiale  niederlassen,  wer- 
den A-^ir  Stiefel  finden;  lasst  drei  Mann  mit  ihren  Knien 
einen  Dreifuss  bilden  und  Speise  bereiten  !  übernachtet 
nicht  mit  leerem,  sondern  mit  sattem  Magen!  Steht  auf! 
der  Fürst  Tschotong  befiehlt  euch,  eure  Bogen  und  Pfeile 
zu  zerbrechen  ,  aus  Menschenknien  Dreifüsse  zu  machen 
und  Speise  zu  bereiten ,  eure  Stiefel  den  Biifieln  an  die" 
Horner  zu  hängen  und  diese  Nacht  nicht  ungegessen  zu 
vorbringen!"  Demgemäss  zerbrach  das  \olk  seine  Bogen 
und  Pfeile,  liess  je  zu  drei  Mann  ihre  Knie  zu  einem  Drei- 
füsse zusammenstellen  und  hing  seine  Stiefel  den  Büffeln  an 
die  Hörner.  Als  das  Feuer  aufloderte  und  ihnen  an  die 
Knie  kam,  sprangen  sie  mit  Wehgeschrei  auf  und  warfen 
den  Kessel  über  den  Haufen,  so  dass  sie  ungegessen  und 
mit  leerem  Magen  übernachten  mussten.  Am  folgenden 
Morgen  früh  stieg  der  Fürst  Tschotong  zu  Pferde  und 
begab  sich  zu  Joro.  „Bist  d"  da,  lieber  Joro?"  rief 
er.  „Was  gibts,  Oheim?"  fragte  Joro  nnd  "kam  hervor. 
Tschotong  fragte  ihn:  „Wo,  Joro,  ist  dein  Thal  mit  Bo- 
ge;n  un(J  Pfeilen?  wo  ist  dein  Stiefelthal?"  Joro  fragte  da- 
gegen:,  „^^§  bedeutet  4as,  Qbeim.  was  ^illst  du  damit 
sagenP't  ]C,sicbptoug  erwiederle:  „IJast  du  nic^t  gesagt, 
duss  wenn  \yir  im  Bogen-  und  Pfeilthale  lagern  würden, 
daselbst  Bogen  und  Pfeile  vorfinden,  und  dass  wir  am  La- 
gerplätze im  Stiefelthaie  Stiefel  vorfinden  werden?"  Joro 
fragte:  „Wer,  Oheim,  hat  dir  das  gesagt?" — „Mein  Hund 


—      IG     — 

hat  CS  mir  gesagt,''  verselzle  Tschotong.  ,.Dn  bist  ein 
ganz  ausgezeichneter  Mann,  entgegnete  Joro,  \^епп  du  mit 
deinem  Hunde  Gespräche  hähst  und  dich  von  ihm  belehren 
Idsst!"  Beschämt  wandle  Tschotong  den  Rücken  und  ent- 
fernte sich.  Er  drelite  indess  bald  um,  kam  wieder  und 
frao^te:  „Ist  es  wahr,  mein  Lieher,  dass  du  in  dieser  Nacht 
einen  Traum  gehal)t  hast?"  Joro  erwiederle:  „Allerdings 
ist  es  \ла11Г,  OheimI  mir  liämnlc  nämlich,  dass  es  unheil- 
bringend seyn  ANÜrde.  uenn  ein  schwarzer  Slier  geschossen 
^^ird,  unschädlich  aber,  wenn  ein  schwarzer  Slier  mit 
weisser  Blässe  erlegt  \>ird."  Am  folgenden  Morgen  in  aller 
Frühe  Avurde  vom  gesammten  Л'"с1ке  eine  grosse  Treibjagd 
veranstaltet.  Tschotong  schoss  keinen,  ihm  aufstossenden 
schwarzen  Stier,  sondern  suchte  einen  schwarzen  Stier  mit 
weisser  Blässe.  Schon  am  frühen  Morgen  's^urde  ein  schwar- 
zer Slier  mit  einem  weissen  Fleck  in  der  Mitte  der  Slirne 
aufgejagt  und  der  Fürst  Tschotong,  in  der  Meinung,  es 
sey  ein  schwarzer  Slier  mit  weisser  Blässe,  jagte  denselben. 
AVährcnd  der  Jagd  versclnvand  der  weisse  Fleck  in  der 
Mitte  der  Stirne  und  Tschotong  hörte  auf  zu  jagen  mit 
den  Worten:  „Ich  habe  mich  umsonst  bemüht-,  das  ist  ja 
ein  schwarzer!"  Während  er  sich  wieder  zum  Treibjageu 
begab,  kam  ihm  ein  Slier  entgegengelaufen,  dem  zAvischen 
den  Hörnern  ein  Klumpen  Schnee  klebte."  „Das  ist  ein 
schлvarzeг  mit  weisser  Blässe!"  rief  Tschotong  und  machte 
Jagd  auf  ihn.  Während  er  den  Slier  zu  Pferde  und  mit 
seinem  Hunde  umkreiste,  kam  er  in  Joro 's  Nähe  und  rief 
diesem  zu:  „Liebsler  Joro,  erlege  mir  doch  diesen  Stier 
mit  einem  Schuss!"  Joro  entgegnete:  „Wersst  du  denn 
nicht,  Oheim,  dass  ich  ein  sehr  ungeschickter  Bogenschütze 
bin?  während  ich  auf  den  Stier  anlege,  könnte  es  sich 
treffen,  dass  ich  dein  Pferd  und  deinen  Hund  erschiesse-, 
ich  will  nicht!"  Tschotong  verselzle:  „Lieber  Joro, 
was  liegt  mir  an  dem  Pferde  und  dem  Hunde:  erlege  mir 
nur    den    Stier!"    Joro    erwiederle:    „Wenn    dem    so    ist, 


—     TT      — 

Olieim,  so  bringe  mir  den  Slier  in  den  Schuss,  denn  mein 
Pferd  ist  zu  schlecht,  als  dass  ich  ihn  einholen  könnte." 
Demgemäss  holte  Tschotong  den  Slier  ein  und  trieb  ihn 
zurück,  Joro  entgegen.  Dieser  verfolgte  ihn,  den  Bogen  be- 
reithaltend, und  erschoss  durch  magische  ICfaft  das  Pferd 
und  den  Hund  sowohl  als  den  Stier.  Der  Fürst  Tscho- 
tong kam  nahe  beim  Stier  vom  Pferde  herab.  „Lieber 
Joro,"  rief  er,  „du  hast  zwar  den  Stier  einlegt,  aber  wo 
ist  mein  armes  Pferd  und  mein  armer  Hund!"  Joro  ent- 
gegnete: „Hast  du  wieder  etwas  auszusetzen,  nachdem  du 
selbst  es  gewollt  hast?  habe  ich  dir  nicht  gesagt,  dass  ich 
ein  ungeschickter  Bogenschütze  bin.-^  Joro  sprach  weiter: 
„Dein  Stier  ist  kein  Stier  mit  weisser  Blässe,  es  ist  nur 
ein  schwarzer  Stier."  Tschotong  sähe  nach  und  rief: 
„Was  habe  ich  da  gethan!  ich  glaubte,  einen  schwarzen 
Stier  mit  weisser  Blässe  zu  jagen  und  es  war  ein  ganz 
schwarzer  Stier!  was  ist  nun  zu  thun,  lieber  Joro?" 
Dieser  en!gegnete:  „Die  schlimmen  Folgen,  Oheim,  mö- 
gen dem  Pferde  und  Hunde  verbleiben;  sey  still  und  be- 
ruhige dich!"  Tschotong  sprach;  „Lieber  Joro,  das  ist 
gut,  das  ist  herrlich  von  dir!"  Joro  hatte  durch  magische 
^ Kraft  das  Pferd  sowohl  als  den  Hund  deswegen  getodtet, 
weil  beide  der  Menschensprache  kundig   waren. 

(Bei  der  Rückkunft)  fragte  Rogmo:  „Wer  war  im 
Stande,  einen  Uebergang  über  den  Slrom  üktus  zu  be- 
werkstelligen?-' Der  Oheim  Tsargin  erwiederle:  „Wer 
anders  vermochte  es,  als  mein  Schilu  Teswe?^')  Rogmo 
fragte,  da  sie  diess  nicht  verstand,  sich  selbst:  „Wer  mag 
dieser  Schilu  Teswe  seyn?"  Da  Rogmo  nicht  wusste, 
dass   Joro   einen   Titel   bekommen   halle,    fragte   sie  weiler 

21)  Der  neue  Titel,  <len  Gesser  als  Joro  bekonmen  halte. 
Dergleichen  neue  Namen  oder  Titel  wechseln  bei  den  Oütasiatiichcn 
Völkern  sehr  oft  bei  gewissen  Veranlassungen.  Der  genannte  Titel 
hat   keine  Sinu-gebende  Bedeutung. 


—     TS     — 

und  tliat  an  den  Olicfm  Tschotong  die  nämliche  Frage. 
Dieser  anLworLete:  „Ein  Jeder  halte  es  vermocht;  ülirigens 
lial  mein  ältester  Sohii  i\.ltan  es  bewerkstelligt."  —  „AVas 
für  ein  sonderbarer  Fall,"  sprach  Rogmo,  und  entfernte 
sich  voll  Gram   und  Unmuth. 

,A1§  Rogmo  Gqa  nach  Hause  zurück  kam,  kam  auch  Joro 
kuf  einem  Kind  angeritten,  mit  einer  langen  Stange,  an  deren 
Spitze  ein  kothiger  Stiermagen  hing.  Die  SchvviegermuLter 
kam  ihm  entgegen  in  der  Absicht,  das  Fleisch  der  vom 
Schvs'iegersohn  erlegten  Stiere  abzuladen.  Als  sie  hinkam, 
rief  sie:  „O  Weh,  o  Weh,  die  vielen  Jager  haben  mich 
alle  belogen!"  und  kelirle  zornig  zurück  ins  Haus,  nach- 
dem sie  den  Magen  mit  dem  Fleische  auf  den  Rauchfang 
(der  Filzhülte)  geworfen  hatte.  Der  Kranz  (des  Rauchfangs) 
ging  plötzlich  aus  seinen  Fugen  und  Alles  fiel  hinab  mit 
sammt  dem  (Obertheil  des)  Hauses.  „AVas  ist  das,  Schwie- 
gersohn?" rief  die  Schwiegermutter.  „Ein  kothiger  ]Mogen,'' 
entceenete  Joro,  lief  ins  Haus  und  stiess  mit  einer  Stütz- 
Stange  das  Fleisch  auseinander.  Unterdessen  grub  seine 
Mutter  eine  Grube  und  stellte  den  Kessel  auf  Joro 
sprach  zu  ihr:  ,,Mein  Mütterchen!  Dieses  Fleisch  der  л'ОП 
mir  erlegten  Stiere  findet  in  deinem  einzelnen  Kessel  kei- 
nen  Raumj  wenn  du  es  kochen  willst,  so  hole  die  sämml- 
lichen  Kessel  der  Nachbarschaft  herbei!"  Die  Schwieger- 
mutter schickte  nach  allen  Seiten  hin,  um  die  Kessel  der 
iNachbarschaft  beisammen  zu  holen,  grub  eine  Menge  Feuer- 
gruben'^^)  und  versah  die  Kessel  mit  Wasser;  das  Fleisch 
quoll  auf  und  die  sämmtlichen  Kessel  füllten  sich  bis  an 
den  Rand  an.  Als  das  Fleisch  gar  war  und  herausgenom- 
men wurde,  versammelten  sich  eine  Menge  Menschen  zum 

28)  Während  der  schönen  Jaliroszeil  wird  bei  den  Nomaden- 
vülkern  der  Heerd  ausserhalb  des  Hauses,  d.  h.  der  Filzhülte,  im 
Freien  angelegt.  14>rselbe  bcbteht  aus  einer  länglichen  viereckigen 
Grube. 


--      19     -» 

Essen.  ~  Die  ScliwiegermulLer  hatte  eine  Seile  des  Magens 
gegessen;  diese  wandelte  Joro  durch  magische  Kunst  in 
den  Eingeweiden  der  Schwiegermutter  in  einen  ganzen 
Stier  um-,  die  Schwiegermutter,  welche  die  Menge  Fleisch 
in  ihren  Eingeweiden  vmmöglich  verdauen  konnte,  lag  hin- 
gestreckt und  war  dem  Tode  nahe.  Joro  nahm  ein  Stück 
Holz,  ungefähr  eine  Klafter  lang  und  bestrich  damit  den 
Leib  der  Schwiegermutter  dreimal  aufwärts  nnd  dreijnal 
niederwärts,  wobei  er  die  Worte  sprach:  „Mein  Mütter- 
<:hen,  stirb  nicht  an  ünverdaulichkeit !"  Alsbald  fing  die 
Schwiegermutter  an,  nach  oben  und  nach  unten  sich  aus- 
zuleeren  und  wurde   gesund. 

Dem  Fürsten  Tschotong  kam  wieder  Neid  und  Scheel- 
sucht an;  er  Hess  ausrufen:  „Wer  den  (Vogel)  Garuda 
erlegt  und  dessen  zwei  schöne  Schwanzfedern  sich  erwirbt, 
demjenigen  werde  ich  die  Rogmo  Goa  zur  Frau  geben." 
Alles  Л'^о1к  begab  sich  hinaus,  um  dieser  einfachen  Jagd 
zuzusehen.  Joro  erhob  sich  in  der  Fülle  magischer  Ver- 
wandlung gen  Himmel,  während  er  in  seiner  niedrigen, 
schlechten  Gestalt  auf  der  Erde  blieb.  Als  Joro  auf  den 
Platz  kam,  waren  bereits. zehntausend  Mann  versammelt, 
welche  nach  dem  Garuda  schössen,  ihn  aber  nicht  er- 
reichten; blos  Bam  Schürtse,  der  Sohn  des  Badmari, 
halte  mitten  in  das  Nest  des  Garuda  getroffen.  Als  Joro 
ankam,  fing  er  an  den  Garuda  zu  rühmen;  er  sprach: 
„Wie  herrlich  ist  nicht  deine  brausende  Stimme !  wie  herr- 
lich mag  nicht  erst  dein  Kopf  und  Hals  seyn!"  Hierauf 
zeigte  der  Garuda  seinen  Kopf  und  Hals.  Weiter  sprach 
Joro:  „Wenn  schon  dein  Kopf  und  Hals  so  schön  sind, 
wie  prachtvoll  mag  da  nicht  erst  dein  ganzer  Körper  seyn!" 
Hierauf  zeigte  der  Garuda  seinen  ganzen  Körper.  Joro 
sprach  sodann:  „Dein  ganzer  Körper  ist  so  wunderschön; 
gewiss  ist  dein  Flug  und  Hin-  und  Herschweben  nicht 
minder  reitzend!"  Während  der  Garuda  seinen  Flug  be- 
gann,   halte   Joro   angelegt,    schoss   und   erlegte    ihn.     Die 


—      80      — 

zwei  schönen  SchwanzfcHlern  liess  er  ihm  durch  seine 
am  Himmel  schwebende  Л  erwandlung  abnehmen  und  der 
Kogmo  an  ihre  Kopfbedeckung  stecken.  Alles  Volk  fiel 
unterdessen  über  den  herabgefallenen  A'ogel  her  und  slrilt 
sich  um  dessen  Federn.  Auch  Joro  kam  hinzu,  Avurde 
aber  bald  von  Diesem,  bald  von  Jenem  zurückgestossen  und 
geworfen.  Da  slellle  Joro  sich,  als  weine  er;  fiogmo  Goa 
weinte  in  der  That  und  sprach:  „Während  die  wackern 
Männer  Im  Volke  den  Garuda  erlegt  und  dessen  Federn 
ihren  Weibern  angesteckt  haben,  hat  mein  Mann  Joro 
niich  auf  solche  Weise  gedemüthigt."  Indess  weinten  ausser 
Rogmo  auch  alle  übrige  ЛҮе!Ьег  und  jammerten:  „Der 
rotznäsige,  lumpige  Joro  hat  den  Garuda  erlegt  und  die 
zwei  schönen  Schwanzfedern  der  Kogmo  Goa  aufgesteckt! 
ллагеп  doch  unsere  wackern  Männer  auch  solche  gute 
Schützen  gewesen!" 

Alles  Volk  kehrte  heim,  nur  Joro  ging  nicht  nach 
Hause.  Als  Rogmo  Goa  nach  Hause  kam  und  eintreten 
w^ollte,  stiessen  die  zwei  schönen  Schwanzfedern  am  obern 
Querbalken  des  Thürrahmens,  und  als  sie  ihre  Mütze  ah- 
nahm um  nachzusehen,  erblickte  sie  die  Schwanzfedern. 
„Gewiss  ist  Joro  eine  magische  A'^erwandlung!"  rief  sie 
und  ging  sogleich  seiner  Spur  nach.  Sie  fand  Gesser  ron 
allen  seinen  Schulzgeislern  umgeben  in  einer  Felshöhle 
sitzen,  woselbst  ein  grosses  Festmahl  bereitet  war.  Rogmo 
Goa  stand  draussen,  blickte  verstuhlen  hinein  und  dachte: 
„W4e  schön  wäre  mein  Mann  als  Gesser!"  Mit  diesem 
Gedanken  trat  Rogma  Goa  hinein,  aber  in  demselben 
Augenblick  wandelte  sich  Gesser  ^^ieder  in  Joro 's  Ge- 
stalt um.  Die  weisse  Götlertcchter  Arjälamgari  sprach 
zu  Rogmo  Goa:  „Liebe  SchAvägerinu,  von  heute  an  wer- 
den dich  alle  die  vielen  Schutzgeister,  л\  eiche  hier  ver- 
sammelt sind,  grüssend  ehren.  Wirst  du  aber  auch,  wenn 
man  dir  von  diesem  Festinalde  irgend  eine  Speise  reicht, 
dieselbe   essen?"    Rogmo  Goa  antwortete:   „Ich   werde!" 


—     81      — 

Nach  Beendigung  des  Festmahles  überreichle  die  weisse 
Götlinn  Arjälamgari  der  Rogmo  Goa  ein  gekocht  zube- 
reitetes Kind  in  einer  Schüssel,  aber  Rogmo  Goa  ass  es 
nicht.  Darnach  überreichte  sie  ihr  den  Finger  eines  gestor- 
benen Menschen;  Rogmo  Goa  schnitt  und  kaute  daran 
und  spie  ihn  aus.  Da  sprach  die  weisse  Göllinn  Arjä- 
lamgari: „Was  haben  wir  verabredet?"  Nachdem  sie 
diess  gesprochen,  zerstreuten  sich  alle  Theilnehmer  des 
Festes.  Rogmo  Goa,  ihrer  Bewegung  nicht  Meister,  er- 
griff die  weisse  Göttertochter  Arjälamgari  beim  Rock- 
schoosse.  Diese  sprach  zu  ihr:  „Was  ist  dein  Begehr, 
Schwägerinn?''  worauf  Rogmo  Goa  antwortete:  „Ich  er- 
bitte mir  ein  Kind  von  dir."  Arjälamgari  entgegnete: 
„Hättest  du  dieses  gegessen,  so  hättest  du  drei  Söhne  ge- 
boren, die  Gesser  übertreffen,  drei  Söhne,  die  Gesser 
gleich  gewesen  seyn  würden  und  drei  Söhne,  geringer  als 
Gesser;  aber  ach,  Schwägerinn,  du  hast  es  nicht  vermocht! 
wie  viele  verlangst  du  jetzt?"  Rogmo  Goa  erwiederte: 
„Ich  überlasse  es  dir,  weisse  Götterlochler,  wie  viele  du 
verleihen  willst."  Hierauf  entgegnete  diese:  „So  sollst  du 
hundert  und  acht  haben."  Die  weisse  Göttertochter  führte 
die  Rogmo  Goa  zurück  in  ihre  Wohnung  und  entfernte 
sich  dann. 

Als  Joro  einstmals  ausgegangen  war,  kam  Rogrho  Goa 
weinend  zu  ihrer  Schwiegermuller  und  sprach:  „Ach,  Müt- 
terchen, von  so  lange  her,  bis  jetzt,  leide  ich  in  jeglicher 
Art  und  Weise;  dein  Sohn  lebt  nicht  nach  Sitte  mit  mir 
als  seinem  Weibe;  statt  dieser  beständigen  Leiden  ist  es 
angemessener,  auf  schickliche  Weise  zu  sterben;  Erlik 
Chaghan  (der  Todtenrichler)  mag  dann  zwischen  uns  ent- 
scheiden! Das  Weisse  meiner  Augen  ist  gelb  geworden,  das 
Schwarze  meiner  Augen  (der  Augapfel)  ist  gebleicht!"  Nach 
diesen  Worten  ging  sie  hinaus.  Nachdem  Rogmo  Goa  sich 
entfernt  hatte,  rief  Joro's  Mutter  denselben.  Er  kam  und 
sie  sprach   zu  ihm:  „Rogmo  Goa,  deiu  Weib,   sagt,   dass 

6 


—     82     — 

eie  «terben  wolle;   sie  sagt,  von  eo  lange  her  bis  jetzt  leide 
ich  und   will   nun   die  Eiilscheidnng  dem  Erlik  Chaghan 
anheimstellen.    Statt  der  Tochter  eines  angesehenen  Mannes 
den  Tod  zu  bereiten  und  mir  einen   bösen  Namen  zu  ma- 
chen, Ware  es  besser  von  dir,  mein  Sohn,  in  gebräuchlicher 
Weise  zu  leben. ''      Joro    entfernte    sich   und   legte  sich  in 
Gessers   Gestalt   (verwandelt)   nieder.     Rogmo   Goa,   die 
draussen  durch  eine  Spalte  gelauscht  hatte,   lief  hinein  und 
warf  sich  über  Gesser.     Dieser  sprach:    „Es  ist  Sitte,  dass 
der  Mann  auf  der  Frau  liege,  nicht  aber  die  Frau  auf  dem 
Manne."     Hierauf  Hess   er  die  Rogmo  Goa   sich  mit  dem 
Gesichte  nach  den    vier    Gegenden    wenden  ,    wobei  er  ihr 
jedesmal   zu  neun,   in   allem  sechs  und  dreissig  Ermahnun- 
gen (Belehrungen)  gab;  er  sprach:  „Als  ich  geboren  wurde, 
gab  es  eine  teuflische  schwarze  Krähe,  welche  den  Kindern 
im  ersten  Jahre  die  Augen  aushackte'*^).    Nachdem  ich  über 
mein  Auge  die  neunfache    eiserne  Fangschlinge   gelegt    und 
die  teuflische   schwarze  Krähe  gefangen  und  getödtet  hatte, 
erzeigte  ich  mich  da  nicht  als  der  über    seine  Augen   noch 
ein  Auge   vermehrende  Gesser  Chaghan?  —  In  meinem 
zweiten    Jahre  pflegte  der   Kungpo    genannte    Teufel   mit 
Zähnen  einer  Ziege,  mit  einer  Hundsschnauze  und  wie  eine 
eiserne  Bestie  gestaltet,    unter  der  Gestalt   des  Erkeslong 
Lama  zu  erscheinen'"),  dtni  Kindern  die  Zungenspitze  ab- 
zubeissen  und  sie    stumm   zu  machen.     Als  ich  nun  meine 
fünf  und  vierzig  Zähne  zusammenbiss  und  ohne   saugen    zu 
wollen  dalag,    fiagte   er   meine   Eltern:    „War  dieses    euer 
Kind  von   Geburt  an  so,    oder   ist   es  erst  kürzlich  so  ge- 
worden?-*   worauf   meine    Eltern    erwiederten:    „Л'^оп    der 
Geburt  an  hatte  es  bisher  Mund  und  Nase;  ob  es  vor  Kur- 
zem gestorben   und  also  geworden    ist,    wissen   wir   niclit." 
Hierauf  Hess  der   Lama  an  seiner  Zunge  saugen ;    „  es  fängt 

39)  Vergl.  S.  n. 
«))  VergL  S.  18. 


—      83      — 

ein  wenig  an  der  Zunge  zu  saugen  an,"  rief  er;  und  dann 
,,jelzt  saugt  es  vortrefflich!"   wobei   er  seine  Zunge  immer 
weiter  zum  Saugen  hinstreckte.      Als  ich  ihm  sodann  wäh- 
rend des   Saugens   die   Zunge  an   der   Wurzel   mit    meinen 
fünf   und    vierzig    schneeweissen    Zähnen    abbiss    und    ihn 
tödlete,  erwies  ich  mich  in  meinem  zweiten  Jahre  da  nicht 
als    der  über  seine   Zunge   noch    eine   Zunge    vermehrende 
G^'esser   Chaghan?  —  Als   in    meinem    dritten  Jahre    die 
verzauberten  Berghasen'*)  die  Gestalt  der  Erdoberfläche  um- 
wandelten und  dem  Monghol -Volke  viel  Schaden  zufügten, 
verwandelte   ich   mich   in   einen  alten   Ochsenhirten,    nahm 
mein  kleines   stählernes  Beil  mit,    ging   hin   und  fand   die 
Berghasen   von   der  Grösse   von  Ochsen   umhergehen.      Als 
alter  Ochsenhirte   schlug  ieh   diese   Ochsen  zwischeu   beide 
Hörner  und  tödtete  sie.    Er\vies  ich  mich  damals  in  meinem 
dritten  Jahre,  als  die  verzauberten  Berghasen   die   Erdober- 
fläche umwandelten  und  dem  Monghol  -  Volke  Schaden  zu- 
fügten,   als   ich   die   verzauberten   Berghasen   tödtete,    nicht 
als  der  wohlthätige  Held  und  Bogda  Gesser  Chaghan?  — 
In  meinem   vierten  Jahre   zog   ich  nach   Boldschomurun 
Chogolai '*)•,    daselbst  waren   die  sieben  Alwin,    welche 
täglich  siebenhundert  Menschen   und   siebenhundert  Pferde, 
TOU  welcher  Eigenschaft   oder    Bestimmung   sie    auch    seyn 
I     mochten,  verzehrten.      Als  ich   in  meiner  Verwandlung  als 
t     Joro  diese  sieben  Alwin  ins  Meer  stürzte  und  tödtete,  als 
1     ich  die    dreihundert   Mann   Räuber,    Vagabunden   und    ge- 
j    meines    Gesindel,    als    ich    ferner   den    Mangus    (Pviesen) 
i     Ik  Tonggorok    tödtete,  erwies   ich  mich  da  nicht  als  der 
i    Herrscher  in  den   zehn  Gegenden,    der  heilbringende   Held 
[    und  Bogda  Gesser  Chaghan?  —  In  meinem  fünften  Jahre 
j    zog  ich  zur  Niederlassung  nach  E  n  g  k  i  r  c  kü  i  n  D  s  c  h  u  ^'^)  und 

1         31)  Vergl.  S.  20. 

I         32)  Vergl.  S.  37. 

33)  Vergl.  S.  Vi. 


=-     84     — 

machte  dieses  Engkireküiu  Dschu  zu  einer  beglückten, 
herrlichen  Gegend.  Als  ich  hier  in  Nulumlal  a'*)  die  drei- 
hundert Künstler  des  Erdeni  Ghaghau  aufhielt,  indem 
ich  durch  magische  Kraft  aus  drei  Tagen  einen  machte  und 
sie  in  der  daraus  entstehenden  schrecklichen  Hitze  von 
Wespen  und  Bremsen  umschwärmen  Hess,  als  icii  in  dieser 
wasserlosen  Gegend  die  dreihundert  Kauüeute  mir  unter- 
ihan  machte  und,  um  die  Wohlthaten  meiner  Eltern  zu 
erwiedern,  den  Tempel  des  Chomschim  Bodhisatwa 
erbauen  liess-,  als  ich  solchergestalt  Engkireküin  Dschu 
zu  einem  heglückten,  herrlichen  Ort  gemacht  hatte,  erwies 
ich  mich  da  nicht  als  Bogda  Gesser  Chaghan?  —  Als  in 
meinem  sechsten  Jahr  du,  Kogmo  Goa,  in  Begleitung  dei- 
ner drei  ausgezeichneten  Bogenschützen  und  deiner  drei 
starken  Kingkämpfer  kamsl"'^)^  als  du  dich  vor  den  ver- 
sammelten zehntausend  Mann  als  Rogmo  Goa,  die  magi- 
sche \erwandlung  einer  Dakini,  darstellest^  als  ich  deine 
drei  starken  Kämpfer  tödtele  und  deine  drei  ausgezeichneten 
Schützen  im  Bogenschiessen  besiegte^  als  ich  das  Haupt  der 
dreissigtausend  Mann  verwirrt  machte  und  dich  erwarb-,  als 
sodann  der  Fürst  Tschotong,  abermals  von  Neid  und 
Scheelsucht  getrieben,  dreissigtausend  Mann  zu  einem  Wett- 
rennen zusammenberief  nnd  zum  Preise  einen  geschuppten 
Panzer,  den  Daghoris-choi  genannten  Helm,  den  To- 
mortsok  genannten  scharfen  Säbel,  nebsl  dem  Tümen 
odun  genannten  Schild  bestimmte  und  dabei  feststellte,  dass 

34)  Dieses  N  u  1  u  m t a  I a  ,  auch  öfters  N il  u ni t a  1  a  geschrieben 
üiid  yefmulblich  identiscli  mit  Engkireküin  Dschu,  war  nach- 
her die  beständig*  Resident  Gesser 's.  Es  ist  wohl  unstreitig, 
gleichwie  Borotala  und  Schi ra lala,  eine  wirklich  existirende  Ge- 
gend in  jenen  ,  noch  von  keinem  Eurupäischen  Fusse  betretenen 
Asiatischen  Regionen.  In  Ssanang  Sselsen's  Geschichte  der  Ost- 
mongolen kommt  Nilumtala  S.  2'11  vor. 

35)  Vergl.  S.  53  nnd  67. 


-  —     85     -- 

wessen  Pferd  den  Sieg  davon  tragen  würde,  demjenigen 
sollte  ausser  diesen  Kleinodien  auch  Rogmo  Goa  zu  Thei 
werden;  als  damals  die  Volksmenge  sich  versammelte  und 
ich,  meine  himmlische  Grossmutter  Absa  Gürlse  bittend 
und  Räuchcrwerk  streuend,  das  braune  geistige  Pferd  be- 
stieg, die  dreissiglausend  Mann  im  AYettrennen  besiegte 
jenen  mannigfachen  kostbaren  Waffenschmuck  gewann  und 
ihn  meinem  altern  Bruder  Dsesse  Schikir  schenkte*,  als 
ich  damals  Alles  meinem  Willen  unterwarf,  erwies  ich  mich 
da  nicht  als  das  Oberhaupt  Gesser  Chaghan?  —  iVls  in 
meinem  siebenten  Jahre  der  Fürst  Tschotong,  abermals 
aus  Neid  und  Scheelsucht,  ankündigte'*'),  dass  wer  den  Stier 
durch  einen  Scliuss  erlegen  und  zuerst  dessen  Schwanz  von 
dreizehn  Wirbeln  abschneiden  würde,  derjenige  solle  die 
Rogmo  Goa  bekommen;  als  damals  alles  Volk  zusammen- 
kam und  ich,  obgleich  zuletzt,  den  Stier  mit  dem  Alankir- 
Bogen  und  dem  Schigi  nak  -  Pfeile  in  den  Mittelpunkt 
zwischen  beiden  Augen  traf  und  erlegte,  erwies  ich  mich 
<la  nicht  als  der  alles  A'^olk  unter  seine  Macht  beugende 
und  den  Tschotong  beschämt  nach  Hause  schickende, 
treffliche  Schütze  Gesser  Chaghan?  —  Als  in  meinem 
achten  Jahre  der  Fürst  Tschotong  abermals  ankündigte''), 
dass  derjenige,  welcher  während  eines  einlagigen  Jagdzuges 
zehnlausend  Stiere  erlegen  und  dann  über  den  Strom  Uktus 
einen  Durchgang  bereiten  würde,  die  Rogmo  Goa  erhalten 
solle;  als  damals  der  Fürst  Tschotong  und  alles  Volk 
zusammenkam  und  Joro,  sein  räudiges  braunes  Füllen  rei- 
tend, in  einlägigem  Jagdzuge  zehntausend  Stiere  erlegte  und 
über  den  Strom  Uktus  einen  Durchgang  bereitete,  erwies 
ich  mich  da  nicht  als  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden, 
als  der  wohlthälige  Bogda  Gesser  Chaghan?  —  Als  in 
meinem  neunten  Jahre  der  Fürst  Tschotong.  abermals  von 

36)  Vergl.  S.  10. 

37)  Vergl.  S.  72. 


—      86     — 

Neid  und  Scheelsucht  gequäll.  ankündigte *•),  dass  derjenige, 
welcher  im  Stande  sex,  den  Л'ogel  Garuda  durch  einen 
Schuss  zu  erlegen  und  sich  dessen  zwei  schöne  Schwanzfe- 
dern zu  erwerben,  die  Rogmo  Goa  erhalten  solle;  als  da- 
mals alles  Volk  zu  diesem  Schauspiele  sich  versammelte, 
wandelte  ich  in  meiner  Gestalt  als  Joro  auf  der  Erde  und 
in  meiner  magischen  Verwandlung  am  Himmel.  Als  ich  an 
den  Ort  (der  A^ersammlung)  ankam,  wxr  alles  Volk  beschäf- 
tigt, nach  dem  Garuda  zu  schiessen,  erreichte  ihn  aber 
nicht.  Nachdem  der  Sohn  des  Badmari,  Namens  Bam 
Schürtse  mitten  durch  das  Nest  des  Garuda  geschossen 
hatte,  kam  ich  und  rühmte  den  Garuda,  welcher  hierauf 
sich  zu  zieren  und  zu  flattern  anfing.  Als  ich  damals  den 
Garuda  mitten  durch  den  Kopf  schoss,  durch  meine  magische 
Verwandlung  ihm  seine  beiden  schönen  Schwanzfedern  ab- 
nahm und  sie  dir  aufsteckte,  erwies  ich  mich  da  nicht  als 
der  alle  Bogenschützen  übertreffende  ausgezeichnete  Schütze 
Gesser  Chaghan?  —  Bin  ich  nicht  Bogda  Gesser,  der 
in  seinem  zehnten  Jahre ,  um  sich  dankbar  gegen  die  Wohl- 
tljaten  seiner  Eltern  zu  erweisen,  dem  Chomschim  Bo- 
dhisatwa  einen  Tempel  aufbaute?  —  Bin  ich  nicht  der 
reiche  Gesser  Chaghan,  der  in  seinem  elften  Jahre  den 
Fürsten  aller  bösen  Krankheiten,  den  Rogmo  ?s'agpo  ge- 
nannten Teufel  tödtete?  —  Bin  ich  nicht  der  Allherrscher 
(jesser  Chaghan,  der  in  seinem  zwölften  Jahre  den  Für- 
sten der  Wassersucht,  den  Teufel  mit  eisernen  Ohrringen 
fing,  tödtete  und  dadurch  den  Л\  asscrgeschwülslen  ein  Ende 
machte?  —  Bin  ich  nicht  Bogda  Gesser  Chaghan, 
welcher  in  seinem  dreizehnten  Jahre  den  Fürsten  der 
Brandbeulen  (der  Pest),  den  grossköpfigcn  Tcultl  tödtete 
und  dadurch  der  Pest  ein  Ende  machte?  —  in  meinem 
vierzehnten  Jahre  zog  ich  mit  Adschu  3Iergen,  der 
Tochter    des    Drachenfürsten  ,    auf   die    Jagd.    —    Während 

38)  Vergl.  S.  79. 


--,      8*7      — 

Adschu  Mergen  und  Gesser  Chaghan   zusammen  jag- 
ten,  stiess  Gesser  Chaghan  auf  siehen  wilde  Stiere;  ich 
(Gesser)   schoss  sie  alle  Sieben  durch    und  durch,  so  dass 
der  Pfeil  in  der  Erde   stecken    blieb.      Adschu    Mergen 
stiess  darnach  auf  neun  Stiere;  Adschu  Mergen  schoss  alle 
neun  Stiere  durch  und  durch,   so  dass  der   Pieil  im  Felsen 
stecken   blieb.      jNun   dachte   ich,   Gesser,   bei   mir   selbst: 
„  Wie  kann  ich  erfahren,  ob  (mein  Gefährte)  ein  Mann  oder 
ein  Weib  ist  !•'      Während  dessen  begegnete  uns  ein  Stier. 
Da  ich,    Gesser,    ihn   nicht  in  die  Schussweite  zu  bringen 
vermochte,   trieb   ich   ihn   aus   der    Mille    des    Volkes    (der 
Jagdgenossen)  heraus.     Adschu  Mergen  jagte  hinler  mir. 
Als  ich,  Gesser,  rückwärts  schauend,  sie  erbhckle,  rief  ich 
ihr   zu:    ,,Du   bist   nur  ein    Weib:    der  Mensch   hinter  mir 
scheint  nur  ein  gemeines  Weib  zu  seyn."      Adschu  Mer- 
gen erwiederte:  „Hast  du  mich  wirklich  als  Weib  erkannt!" 
und  erlegte  den  Stier  mit  einem  Schuss.    Ich,  Gesser,  kam 
hinzu,   riss  den  Pfeil  (aus  der   Wunde),   drückte  ihn  unter 
die   Armhöhle   und  stellte    mich    als   todt   hingestreckt.     Da 
sprach  Adschu  Mergen:  „Gestern  habe   icli   den  Temur 
Chadai,  Sohn  des  Amalai  getödtet  und  sein  schwarzbrau- 
nes   Pferd  erbeutet;    nun   aber   habe   ich   den   Henscher   in 
den    zehn    Gegenden    getödtet    und    nehme     sein    braunes 
Pferd."     Mit    diesen   Worten   führte   sie    das  Pferd  hinweg, 
während  Gesser  regungslos  liegen  blieb.    Gesser  wandelte 
eine    seiner    magischen    Kräfte    in    einen    andern   Menschen 
um,  welcher  rief:  „Weil  Adschu  Mergen  den  Herrscher 
in   den   zehn   (jegenden,    Gesser   Chaghan    getödtet   hat, 
Jiaben   sich   dessen   Bruder   Dsesse   Schikir  und   alle  drei 
Volksabtheilungen  versammelt  in  der  Absicht,  die  Adschu 
Mergen    zu    lödlen    und    zu    plündern."      Hierauf    löste' 
Adschu  IMergcn    ihr   verstecktes    Haupthaar  und   mit  den 
Worten:    „Möge   meine   rechte    Flechte  meinem  Vater  und 
meinem  Bruder  kein  Unglück  bringen!"  liess  sie  die  rechte 
Haarseile    herabfallen.      Sodann    mit    den    Worten:    „Möge 


—     88     — 

meine  linke    Flecbte    meiner   Mutter    und    Sclnvester    kein 
Unheil  bringen!"   Hess    sie   die  linke  Haarseite  herabwallen. 
Endlich  mit  den  Worten:  „Möge  mein  Scheitelzopf  meinen 
Sclaven   nnd   meiner   Dienerschaft    kein    Unglück   bringen!" 
liess  sie  das  Scheitelhaar  auf  den    Rücken   herabwallen.      So 
wie  Gesser   erkannte    (dass   sie   ein  Weib  sey),    sprang    er 
auf  und  rang   mit    ihr.      Einmal  warf  sie   den   Gesser  auf 
die  Knie;   da  sprach  Gesser:    „Kämpfen  die  Männer  nicht 
dreimal  hinler  einander?  Klopfen  sie  sich  nicht  viermal  den 
Staub   aus?-'      Abermals    begann    der   Ringkampf   und    ich, 
Gesser,    warf   sie    nieder.      Gesser  sprach:    „Ich   nehme 
dich  zum  Weibe!"    und  als   Adschu    Mergen   einwilligte, 
sprach    Gesser    weiter :    ..Wenn    dem    so    ist ,    wirst    du 
meinen  kleinen   Finger  ablecken?"    war  Adschu  Mergen 
auch  damit  einverstanden,  worauf  Gesser  sich  in  den  klei- 
nen  Finger   stach   und  sie   das  Blut   ablecken  liess.  —  Nun 
gingen    Beide    zum    grossen    See,    um   Wasser    zu    trinken.. 
Als   sie  zum  Wasser  kamen,  sah  Gesser  das  Abbild  eines 
Pfeiles    im    Wasser    schimmern    und  sprach :    „  Hinler    mir 
war  Niemand  mit  gespanntem    Bogen."     Als  er  nun  hinter 
sich  schaute,    erblickte   er   Adschu  Mergen    mit  gespann- 
tem Bogen   und   fragte  sie:   „Was   hast   du  vor?"  Adschu 
Mergen  antwortete :    „Auf  dich  habe  ich  den  Bogen   nicht 
gespannt;  es  gilt  einem  Fisch  im  See."  In  der  lliat  rölhcle 
sich  das  Wasser  von  dem  gelroffenen  und  getödleten  Fisch. 
Als   Beide   an   das   Ufer  des   See's    gelangt  waren    und   ge- 
trunken hatten,    zog   Gesser  seine  Kleider  aus,    sprang  in 
den   See   und    schwamm   an   das  jenseilige   Ufer.     Adschu 
Mergen,  erhitzt  und  in  Schweiss,  konnte  nicht  ridiig  blei- 
ben,  sondern  zog  ebenfalls  ihre  Kleider  aus  und  sprang  in 
den  See.      Diess   wussle   Gesser,    ei'  pfiff  und    es  entstand 
ein  Wirbelwind,  der  ihre  Kleider  in  die  Höhe  hob,  wo  sie 
an    der    Spitze    eines    Baumes    hängen     blieben.       Nachdem 
Gesser  zurückgekehrt  war  und  seine  Kleider  wieder  ange- 


—      89      -~ 

legt  hatte,   kam  Adschu    Mergen,   der    es   fröstelte,    und 
setzte  sich  auf  Gessers  Schooss. 

Nachdem  Gesser,  nach  den  vier  Gegenden  hingewen- 
det, je  zu  neun  Belehrungen  ertheilt  hatte,  sprach  er:  „Er- 
wies ich,  der  ich  in  meinem  vierzehnten  Jahre  die  Toch- 
ter des  Drachenfürsten  zum  Weibe  nahm,  mich  dadurch 
nicht  als  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  als  der  Held 
Bogda  Gesser  Chaghan?  —  Dass  ich  nun  in  meinem 
fünfzehnten  Jahre  den  Göttern  gleich  Blitze  schleudere 
und  den  Drachen  gleich  donnere,  beweise  ich  dadurch." 
Indem  er  diess  sprach,  blitzte  es  mit  der  Götterstimme 
und  der  Donner  des  Drachen  krachte  dazu'^),  wobei  ein 
Regen  von  Wasser  des  Lebens  herabfiel.  Während  Gesser 
sprach,  hörte  Rogmo  dann  weinend,  dann  lachend  zu. 


ZWEITES  CAPITEL. 

Gessers  Zug   gegen    den    in    einen   Ungeheuern   Tiger 

VERЛVANDELTEN     RiESEN     UND    DESSEN    BeSIEGUNG. 


In  der  Nordgegend  hauste  die  Verwandlung  eines  Man- 
gus  (Riesen)  in  der  Gestalt  eines  schwarzgestreiften  Tigers 
von  der  Grösse  eines  Berges.  Seine  Körperlänge  nahm 
hundert  Meilen  AVegeslänge  ein.  Aus  dem  rechten  seiner 
Nüstern  loderte  Feuer  und  aus  dem  linken  wirbelte  dicker 
Rauch  empor.  Einen  Menschen  erblickte  er  in  der  Entfernung 
einer  Tagereise  und  erschnappte  Um  zum  A^erschlingen  in 
der  Entfernung  einer  halben  Tagereise.  Die  drei  siegreichen 
Schwestern  des  Herrschers  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan,  Namens  Dschamtso,    Dari  und  Udam,   diese 

39)  Nach  der  Meinung  der  Tibeter  und  Mongolen  sind  die  Blitze 
Pfeile  einer  auf  einem  Drachen  iu  den  Wolken  reitenden  Gottheit, 
und  der  Donner  wird  als  die  Stimme  dieses  Drachen  angeseheu. 


—     90     — 

Schwestern  kamen  zu  Gesser  und  sprachen  zu  ihm: 
.ЛҮ^Зб!  du  es  auch,  liebes  Rotznäschen.  dass  in  der  Nord- 
gegend die  Verwandlung  eines  Riesen  in  der  Geslall  eines 
schwarzgestreiflen  Tigers  von  der  Grösse  eines  Berges 
haust?"  Ferner  sprachen  die  drei  durch  magische  Ver- 
wandlung siegreichen  Schwestern:  ,,Dass  dieses  dein  A^olk 
auf  Dschambudwip  unter  der  Gewalt  dieses  Tigers  sieht, 
ist  gegen  die  Ordnung;  suche  daher  ihn  mit  Vorsicht  zu 
bekämpfen  und  zu  besiegen!"  Gesser  erwiedcrte:  „Meine 
Schwestern  haben  vollkommen  Recht!  ich  habe  es  nicht 
gewusst;  nun  aber  will  ich  hingehen  und  ihn  besiegen." 
Sogleich  schickte  er  einen  Boten  zu  seinem  edelii  Bruder 
Dsesse  Schikir  und  zu  seinen  dreissig  Helden,  mit  dem 
Befehle,  sie  Einen  nach  dem  Andern  zu  sich  herzuberufen. 
Als  Alle  sich  versammelt  hatten,  fragte  Dsesse  Schikir: 
„Mein  Bogda,  zu  welchem  Zwecke  hast  du  uns  herberufen?" 
Gesser  Chaghan  antwortete:  „Hast  du  nichts  davon  ge- 
hört, mein  Dsesse?  in  der  Nordgegend  haust  ein  schwarz- 
gestreifter Tiger  von  der  Grösse  eines  Berges*,  einen  Men- 
schen erblickt  er  in  der  Entfernung  eiupr  Tagereise  und 
erschnappt  und  verschlingt  ihn  in  der  Enlft-rnung  einer  hal- 
ben Tagereise.  Die  rölhfüssigen  Menschen  sollen  nicht 
länger  unter  der  Gewalt  dieses  Ungeheuers  verbleiben.  Da 
ich  bis  in  mein  fünfzehntes  Jahr  mein  Daseyn  in  verwan- 
delter Gestalt  (in  niederer  Gestalt  als  Joro)  zeigte,  so 
konnte  ich  euch  kein  einziges  Zeichen  meines  Heldenberufs 
geben,  nun  aber  will  ich  euch  ein  solches  Zeichen  geben: 
macht  euch  zum  Aufbruch  fertig!"  Gesser  Chaghan,  der 
Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  halte  sein  braunes  gei- 
stiges (magisches)  Pferd  bcslicgf-n.  er  hatte  seinen  ihau- 
schimmerfarbigen  schwarzhlauei»  Panzer  angelegt,  er  lialle 
seine  Avei.<;se  Schullerbedcckung  angelegl  ,  er  hatle  stiiicn 
weissen,  vic  aus  Sonne  und  Mond  vereint  zusammenge- 
setzten Helm  aufgesetzt ,  er  hatte  seine  dreissig  weissen 
Pfeile  mit  Kerben  von  Edelstein  und  seinen  straffen  schwär- 


—     91      -^ 

zen  Bogen  eingesteckt,  er  hatte  sein  geistiges  (magisches) 
ckei  Klafter  langes  Schwert  von  schwarzem  Erze  ange- 
schnallt und  rief:  „Du,  mein  Dsesse  Schikir,  Sperber 
unter  den  Menschen,  besteige,  mir  nach,  deinen  geflügelten 
Grauschimmel,  lege  deinen  geschuppten  Panzer  an,  setze 
den  Daghoris-choi  genannten  Helm  auf  dein  edles  Haupt, 
stecke  deine  dreissig  weissen  Pfeile  ein,  ergreife  (fasse)  dei- 
nen straffen  schwarzen  Bogen,  schnalle  deinen  Kürmi  ge- 
nannten Säbel  von  gegossenem  Stahl  um  und  folge  unmit- 
telbar nach  mir,  mein  Dsesse!  Sodann  du,  mein  Schumar, 
Adler  unter  den  Menschen,  besteige,  meinem  Dsesse  nach, 
deinen  Apfelschimmel  ,  lege  deinen  thauschimmerfarbigen 
schwarzblauen  Panzer  an ,  stecke  deine  dreissig  weissen 
Pfeile  ein,  fasse  deinen  straffen  schwarzen  Bogen,  schnalle 
deinen  Säbpl  von  unabstumpfbarer  Schärfe  und  vom  här- 
testen Stahle  um ;  und  folge  unmittelbar  hinter  meinem 
Dsesse!  Sodann  du  Bam  Schürtse,  Sohn  des  Badmari, 
besteige,  Schumar  nach,  deinen  trefflichen  Blauschimmel, 
lege  deinen  blau  angelaufenen  Panzer  an,  versehe  dich  mit 
deinem  ganzen  Walfengeräthe  und  folge  unmittelbar  hinter 
Schumar!  Sodann  du,  mein  Buidong,  mein  Verwandter 
von  Frauenseite,  besteige,  Bam  Schürtse  nach,  deinen 
Apfelschimmel,  versehe  dich  mit  deinem  ganzen  WafFen- 
gerälhe  und  folge  unmittelbar  hinler  Bam  Schürtse  als 
Anführer  der  dreissig  Helden  in  der  Art,  dass  Einer  nach 
dem  Andern  in  ununterbrochener  Linie  dir  folge!" 

Nachdem  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan  diese  Befehle  ertheilt  halte,  machle  er  sich  in 
Begleitung  seiner  dreissig  Helden  auf  den  Weg.  AVährend 
sie  hinzogen,  erblickte  er  in  der  Entfernung  einer  Tagereise 
den  schwarzgestreiften  Tiger  von  der  Grösse  eines  Berges, 
Als  Gesser  Chaghan  nun  rief:  „Dort  ist  der  schwarz- 
gestreifte Tig<r  von  der  Grösse  eines  Berges!-  schaute  auch 
der  edle  Dsesse  Schikir  hin  und  fragte:  „Ist  es  etwa 
das  gleich  Nebel  oder  wie  Rauch  sich  Ausbreilende  auf  dem 


—     92     — 

Gipfel  des  Berges?"  —  .,Das  ist  es.  mein  Dsesse  Schi- 
kir!"  sprach  Gesser.  Die  dreissig  Helden  fragten:  .,Was? 
"Wo?"  aber  Dsesse  Schikir  entgegnete  ihnen:  ..Geht 
ruhig  weiter!  ihr  seht  es  nicht.  Lassl  uns  immer  in  der 
Richtung  bleiben,  wohin  Gesser's  Zügel  lenkt!"  Der  Herr- 
scher in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  ritt  im 
massigen  Trott,  aber  der  schwarzgestreifte  Tiger  von  der 
Grösse  eines  Berges ,  noch  eine  halbe  Tagereise  entfernt, 
nahm  die  Flucht.  Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaghan  gab  seinem  magischen  Braunen  einen 
Hieb  über  den  Schenkel  und. verstärkte  dessen  Lauf-,  hinter 
Gesser  folgten  die  dreissig  Helden  in  einer  Reihe  nach 
ihrer  Ordnung.  Der  schvv  arzgestreifte  Tiger  von  Berges- 
Grösse  versuchte  aus  der  Entfernung  einer  Tagereise  Ges- 
ser Chaghan  zu  verschlingen,  verfehlte  ihn  aber.  Nach 
diesem  verfehlten  Versuche  erreichten  und  umzingelten  sie 
ihn.  Als  die  dreissig  Helden  sämmtlich  beisammen  waren, 
wollte  Gesser  versuchen,  welcher  von  ihnen  herzhaft  und 
welcher  es  nicht  sey  und  sprang  zu  dem  Ende  in  magi- 
scher Verwandlung  in  den  Rachen  des  Tigers.  Innerhalb 
des  Rachens  stemmte  er  seine  beiden  Füsse  gegen  die  un- 
tern Hauzähne  des  Tigers,  stemmte  sein  Haupt  gegen  dessen 
Gaumen  und  seine  beiden  Ellbogen  gegen  die  beiden  Mund- 
winkel desselben.  Buidong  mit  den  dreissig  Helden  er- 
griffen die  Flucht.  Dsesse  Schikir,  diess  sehend,  rief: 
„O  Weh,  warte  doch,  Buidong,  лvas  machst  du!"  Aber 
Buidong,  ohne  sich  umzusehen,  floh  weiter  fürs  erste  bis 
zur  Grenzscheide,  ehe  er  sich  zurück  zum  grossen  Volke 
begab.  Bei  Gesser  waren  geblieben  der  edle  Dsesse,  der 
Adler  der  Menschen  Sc hum  ar  und  Bam  Schürtse,  Sühn 
des  Badmari 5  diese  drei  Helden  waren  allein  übrig  ge- 
blieben. Traurend  sprach  Dsesse  Schikir  zu  den  beiden 
andern  Helden:  ..Den  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden, 
den  Vertilget  der  Wurzel  der  zehn  Uebel,  meinen  iieil- 
bringenden  Helden  und  Bogda  Gesser  Chaghan   hat  der 


—     93     — 

schwarzgestreifte  Tiger  von  Berges -Grösse  verschlungen. 
Der  nichtswürdige  B  u  i  d  o  n  g  ist  geflohen  und  hat  die 
dreissig  Helden  in  seine  Flucht  mit  forlgerissen.  Was 
лvшde  aus  dem  iheuern  Namen  meines  Bogda  werden, 
wenn  auch  wir  Drei  die  Flucht  ergriffen!  Was  würden 
die  mancherlei  grausamen  Feinde  sagen!  was  würden  die 
neidisch  -  grollenden  Verwandten,  was  die  drei  Schirai- 
ghol'schen  Chane  sagen!  was  ist  eure  Meinung,  meine  Ge- 
fährten?" Sie  antworteten:  „Was  können  wir  Beide  ent- 
scheiden: du,  unser  Dsesse  Schikir,  magst  wissen  was 
zu  thun  ist!'*  Dsesse  Schikir  sjirach:  „Das  kann  soviel 
heissen  als:  ich  möge  entscheiden,  ob  ein  Fest  gefeiert 
(d.  h.  nichts  gethan)  werden  soll;  ihr  gebt  aber  damit  wohl 
eure  Absicht  zu  verstehen,  entweder  umzukommen  oder 
davon  zu  kommen  (d.  h.  zu  siegen).  Diess  gesagt  spornte 
Dsesse  Schikir  mit  betrübtem  Herzen  seineu  geflügelten 
Grauschimmel  durch  einen  Schenkelslreich  an,  zog  seinen 
Kurmi  genannten  scharfen  Säbel  von  gegossenem  Stahl 
und  war  im  Begriffe,  den  Tiger  anzugreifen,  als  ihm  der 
Gedanke  einfiel:  „Mein  Gesser  Ghaghan,  der  Herrscher 
in  den  zehn  Gegenden,  besass  das  Vermögen  magischer 
Verwandlungen  j  er  mag  nun  todt  oder  noch  am  Leben  seyn, 
so  muss  ich,  auf  den  Fall,  dass  er  noch  leben  sollte,  bis 
zu  seinem  edeln  Körper  zu  gelangen  suchen."  Mit  diesem 
Gedanken  steckte  er  den  Kurmi  genannten  Säbel  von  ge- 
gossenem Stahl  ein  und  fiel  den  Tiger  an,  den  er  am 
Stirnfell  packte  und  mit  dem  linken  Arm  umschlungen  hielt. 
Während  der  Tiger  würgte  und  sich  schüttelte,  riss  Dsesse 
Schikir  ihm  mit  der  festgekrallteu  Hand  das  Stirnfell  her- 
unter, schwang  sich  dann  hinauf  und  bekam  dessen  beide 
Ohren  zu  packen,  Avodurch  er  ihm  die  Bewegung  raubte. 
Nachdem  Dsesse  solchergestalt  den  Tiger  in  seiner  Gewalt 
hatte,  zogen  die  beiden  andern  Helden  ihre  Schwerter,  stie- 
gen ab  und  kamen  heran.  Unterdessen  rief  Gesser  Gha- 
ghan aus  dem  Innern  des  Tigerrachens  Folgendes:   „Mein 


—     94     — 

edler  fDsesse  Schikir,  dich  habe  ich  erkannt!  Verdirb 
nicht  das  Fell  dieses  Tigers:  wir  werden  ihn  durch  ein 
anderes  Mittel  lödten!  Denn  aus  dem  Kopffell  des  Tigers 
können  hundert  Helme,  so  wie  aus  dem  Fell  des  übrigen 
Körpers  hundert  und  fünfzig  Harnische  verfertigt  werden, 
Lass  den  Ticrer  los,  mein  Dsesse!"  Mit  Lachen  liess 
Dsesse  den  Tiger  los  und  rief:  ,,'Was  hat  mein  Bogda  da 
gesprochen!"  Unterdessen  hatte  Gesser  Chaghan  mit  sei- 
ner linken  Hand  die  Kehle  des  Tigers  fest  erfasst,  лvoduгch 
er  ihn  zum  Wanken  brachte.  Sodann  zog  er  mit  der  Rech- 
ten sein  Messer  mit  krystallenem  Hefte  hervor,  stiess  es 
dem  Tiger  durch  die  Kehle  und  kam  heraus.  Nachdem 
Gesser  Chaghan  den  Tiger  getödtet  halte,  sprach  er: 
„Bist  du,  mein  Dsesse,  nicht  ein  Künstler?  Schneide  doch 
aus  dem  Kopflell  für  die  dreissig  Helden  dreissig  Helme 
zu,  so  auch  aus  dem  Fell  des  übrigen  Körpers  dreissig 
Harnische.  Das  Uebrigbleibende  vom  Fell  ллоПеп  wir  un- 
ter die  Besten  der  dreihundert  Hauplleule  vertheilen." 

Nachdem  Gesser  Chafjhan  den  Tifjer  g^elödlet  hatte, 
trat  er  mit  seinen  drei  Helden  den  Rückweg  an.  Unter- 
wegs sprach  Dsesse  Schikir:  „Mein  Bogda,  der  nichts- 
würdige Buidong  liat .  deine  dreissig  Helden  mit  sich 
fortreissend,  die  Flucht  ergriffen!  Welche  Schmach  deinem 
theuern  Namen!"  Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaglian  erwiederte:  „Mein  Dsesse  Schikir, 
schweige  davon!  Avährend  ich  von  meiner  kleinsten  Kind- 
heit an  die  Grausamen  unterdrückte  und  besiedle,  sebrauchte 
ich  den  Buidong  beständig  als  Wegweiser.  Dieser  Bui- 
dong ist  ein  solcher  AVegweiser,  dass  er  zum  Beispiel  in 
der  finstersten  Nacht  eine  irgendwo  hingesteckte  Nadel  nie 
verfehlen  wird.  Ueberdiess  ist  er  ein  vollkommener  Meister 
in  der  Kenntniss  der  Sprachen  aller  sechs  Wesengattungen. 
Darum    schweige    und    beschäme   ihn    nicht!    Sein   Titel  ist 


fortan  Mergen  Tewene. 


—     95     — 


DRITTES  CAPITEL. 


Wie   Gesser  Ghaghan  die  gestörte   Reichsverwaltung 

DES    KüME    GhAGHAN    VON    GhINA    IN    OrDNUNG    BRINGT. 


Die  Geinahlinn  des  Kürae  Chaghan  von  China  war 
Buddha  geworden  (gestorben).  Nach  dem  Tode  seiner  Ge- 
mahlinn  erliess  der  Chaghan  folgenden  Befehl:  „In  Folge 
dieses  mich  betreffenden  (Todesfalles)  soll  jeder  stehende 
Mensch  stellend  trauern,  soll  jeder  sitzende  Mensch  sitzend 
trauern,  soll  jeder  wandelnde  Mensch  fortwandelnd  trauern, 
soll  jeder  essende  Mensch  fortessend  trauern,  soll  jeder 
nicht  essende  Mensch  ungegessen  trauern!"  Als  alles  A'^olk 
sich  über  diesen  Befehl  unzufrieden  bezeigte,  versammelten 
sich  die  höchsten  Würdenträger  des  Chaghan  ausserhalb 
(des  Pallastes)  und  hielten  folgende  Berathschlagung:  „Die 
Chäninn  ist  gestorben,  ihre  Gebeine  sollten  beigesetzt  wer- 
den, die  Lamas  sollten  versammelt  werden,  um  von  ihnen 
Avährend  neun  und  vierzig  Tagen  Religionsschriften  lesen  zu 
lassen-,  es  sollten  unermessliche  Wohlthätigkeitsgaben  dar- 
gebracht werden,  der  Chaghan  sollte  eine  andere  Gemahlinn 
wählen  und  nehmen ,  er  sollte  das  ganze  Volk  erheitern 
und  vergnügen!  Diese  Gemahlinn  ist  ja  nicht  die  einzige 
Gestorbene:  Jeder  und  das  ganze  Volk  muss  ja  einmal 
sterben 5  wozu  also  ein  solcher  Befehl!  Wer  лväre  nun  wohl 
im  Stande,  diesen  Chaghan  zu  erheitern  (ihn  auf  andere 
Gedanken  zu  bringen)?"  Zu  der  Zeit,  als  sie  sich  darüber 
befragten  und  Niemand  ausfindig  machen  konnten,  lebten 
(am  Hofe  des)  Chaghan  sieben  kahlköpfige  Schmiede  (Metall- 
arbeiter)^ alle  Sieben  waien  Brüder.  Der  älteste  von  ihnen 
war  ein  unbesonnener,  sich  in  Alles  mischender  Kahlkopf, 
der  aber  ein  Weib  hatte,  welches  ihn  meisterte.  Als  dieser 
kahlköpfige  Schmid  seine  Arbeit  vollendet  hatte,  sprach  er 
zu  seinem   Weibe:    „Die  Minister   befragen   sich   darüber. 


—     96     — 

wer  wohl  den  Chaghan  zur  Besinnung  zu  bringen  im 
Slaude  seyn  möchte;  diese  Dummköpfe  wissen  es  nicht,  dass 
wenn  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  der  wohlthätige 
Held  Gesser  Chaghan  nicht  im  Stande  ist,  ihn  zur  Be- 
sinnung zu  bringen,  Niemand  anders  ausser  ihm  es  ver- 
mag." Sein  Weib  entgegnete:  „O  Weh,  was  für  ein  un- 
besonnener, verrückter,  nichtswürdiger  und  sündlicher  Kahl- 
kopf bist  du!  Woran  die  Minister  des  Chaghan  nicht  ge- 
dacht haben,  daran  willst  du  sie  erinnern!  Gehe  an  deine 
vor  dir  liegende  Arbeit  und  halte  das  Maul!'-  Als  der 
schwatzsüchtige  Kahlkopf  merkte  ,  dass  sein  AVeib  ihn 
nicht  würde  gehen  lassen,  sagte  er  ihr:  „Hole  doch  Wasser! 
auch  bin  ich  halb  verhungert;  lasst  uns  doch  Essen  kochen 
und  Mahlzeit  halten!"  Den  Boden  des  Gefasses  aber,  womit 
sein  Weib  nach  Wasser  zu  gehen  pflegte,  halte  er  vorher 
durchlöchert.  Nachdem  er  sein  Weib  nach  Wasser  forl- 
geschickt hatte,  begab  er  sich  in  die  Versammlung  der 
hohen  Beamten  und  sprach  zu  ihnen:  „Wer,  ihr  Herren 
Minister,  ist  derjenige,  der  den  Chaghan  zur  Besinnung  zu 
bringen  im  Stande  ist?  Habt  ihr  ihn  gefunden?"  Die  Mi- 
nister erwiederten:  .,Wir  haben  ihn  nicht  gefunden;  weisst 
du  etwa  Jemand,  der  den  Chaghan  zur  Besinnung  zu  brin- 
gen vermöchte?"  Der  Kahlkopf  versetzte:  „Der  Herr- 
scher in  den  zehn  Gegenden,  der  wohlthätige  Held  Gesser 
Chaghan  vermag  es."  Die  Minister  entgegneten:  „Das  ist 
eine  schwere  Aufgabe!  wenn  du  ihn  nicht  herzuschaften 
vermagst ,  лүег  sollte  sonst  ihn  herzuberufen  im  Stande 
seyn!"  Hierauf  erwiederte  der  Kahlkopf:  „Warum  nicht? 
ich  sehe!  nur  schafft  mir  ein  Pferd  und  einen  Begleiter!-' 
Die  Kronsbeamten  schafften  ihm  ein  Pferd  und  einen  Be- 
gleiter, der  kahlköpfige  Schmid  machte  sich  auf  den  Weg, 
langte  bei  Gesser  Chaghan  an  und  stieg  vor  dessen 
Wohnung  ab. 

Während  diess  oreschah,  hatte  Gesser  Chashan  durch 
magisches    Wissen   die  unbesonnene  Schwatzhaftigkeit   des 


—     91     — 

Kahlkopfes  erfabren  und  setzte  denselben  vor  dessen  Ein- 
treten durch  einen  Schreckbhck  in  Vervsirrung,  so  dass 
der  Kahlkopf  nach  seinem  Eintritte  nicht  wiisste,  ob  er 
sich  setzen,  ob  er  grüssen  oder  sich  verbeugen  sollte,  son- 
dern verblüfft  vor  sich  hinstarrte.  Gesser  Chaghan  sprach: 
„Woher  bist  du,  Taugeuichls?  Was  für  ein  nichtswürdiger, 
verrückter  Kahlkopf  bist  du  dochl  dich  zu  setzen  verstehst 
du  nicht,  fortzugehen  verstehst  du  nicht;  wie  ein  Narr  bleibst 
du  da  stehen!"  Der  Schmid  gab  keinen  Laut  von  sich. 
Nun  hörte  Gesser  Chaghan  auf,  ihn  durch  seinen  Schreck- 
blick zu  verwirren,  der  kahlköpfige  Schmid  kam  zu  sich, 
verbeugte  sich  und  sprach:  „Die  Gemahlinn  des  Küme 
Chaghan  л'Оп  China  ist  gestorben  und  der  Ciiaghan  hat 
Folgendes  befohlen:  „Jeder  stehende  Mensch  soll  stehend 
trauern;  jeder  nicht  wandelnde  Mensch  soll  an  seinem  Orte 
bleibend  trauern ;  jeder  \vandelnde  Mensch  soll  Avandelnd 
trauern  ;  jeder  essende  Mensch  soll  essend  trauern  und 
jeder  nicht  essende  Mensch  soll  ohne  Essen  trauern!"  Hier- 
auf hin  haben  die  hohen  Beamten  des  Ciiaghan  sich  bera- 
then  und  mich  hergesandt  in  der  Ueberzeugung,  dass  wenn 
Gesser  Chaghan,  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
sich  hinbegeben  würde,  der  Chaghan  wieder  zur  Besinnung 
kommen  möchte."  Gesser  Chaglian  rief:  „AVas,  bin  ich 
dazu  da,  alle  Chane  zu  trösten  und  zu  erheitern,  wenn  ih- 
nen ihre  Gemahlinnen  sterben?"  Der  Kahlkopf  ant\^ ortete 
hierauf  nichts.  Weiter  sprach  Gesser  Chaghan:  „Gut, 
ich  werde  hingehen;  aber  es  gibt  einen  schneeweissen  Berg 
lind  an  der  Sonnenseite  dieses  schneeweissen  Berges  ein 
Schneeweisses  blockendes  Lamm*);  das  müsst  ihr  mir  her- 
schaffen !  Ferner  gibt  es  einen  goldenen  Berg  und  auf  die- 
sem goldenen  Berge  eine  von  selbst  mahlende  goldene 
Mühle;  diese  schaÖ't  mir  her!  Sodann  gibt  es  einen  eiser- 
nen Berg  und  auf  diesem   Eisenberge  ein  herumhüpfendes 

1)  Ve.''gl.  für  die.ses  und  das  Folgende  S.  54. 


ene 
in 
m 


-■     98     — 

eisenblaues  Rind-,  dieses  schafl't  mir  her!  Ferner  gibt  es 
(noch)  einen  Goldberg  und  auf  demselben  einen  von  selbst 
um  sich  schlagenden  goldenen  Stecken  j  diesen  schafft  mir 
her!  Weiter  gibt  es  einen  kupfernen  Berg  und  auf  diesem 
Kupferberge  einen  kupfeifarbenen  bellenden  Hund;  diesen 
schafft  mir  her!  Einen  (drillen)  goldenen  Berg  gibt  es  noch 
und  auf  diesem  Goldberge  eine  herum  schwirrende  gold 
Brejuse;  diese  schafft  mir  her!  Eine  goldene  Schlinge,  u 
die  Sonne  zu  fangen,  gibt  es;  diese  schafft  mir  herl  I 
Neste  des  Ameisenkönigs  gibt  es  angesammellen  Goldstaub; 
diesen  bringt  mir  her!  Eine  silberne  Schlinge,  um  den 
Mond  zu  fangen,  gibt  es;  diese  schafft  mir  her!  Eine  Haod- 
voll  Sehnen  von  Läus(!n  gibt  es,  diese  bringt  mir  her! 
Eine  Hornbüchse,  gefüllt  mit  dem  Nasenblute  des  männli- 
chen schwarzen  Adlers  gibt  es;  diese  schafft  mir  her!  Eine 
Horubüchse,  gefüllt  mit  der  Milch  aus  den  Brüsten  des 
weiblichen  schwarzen  Adlers  gibt  es;  diese  schafft  mir  her! 
Eine  Hornbüchse,  gefüllt  mit  den  Thränen  der  Jungen  des 
schwarzen  Adlers  gibt  es;  diese  schafft  mir  her!  Im  Meere 
gibt  es  einen  saftigen  Kry stall  von  der  Grösse  einer  stei- 
nernen Walze;  diesen  schafft  mir  her!  Sollte  diess  Alles 
aber  nicht  zu  haben  seyn,  nun  so  gibt  es  sieben  kahlköpfige 
Schmiede,  die  alle  Sieben  Künstler  seyn  sollen;  darum 
schafft  mir  die  Köpfe  dieser  sieben  Schmiede  her!  Wenn 
ihr  mir  aber  diese  mancherlei  '.Kostbarkeiten  nicht  schafft, 
so  werde  ich  nicht  kommen."  —  „Gut!"  sprach  der  Kahl- 
kopf und  trat  den  Bückweg  an. 

Bei  seiner  Heimkunft  erzählte  er  die  Worte  Gesser 
Chaghan's.  Die  Kronsbeamlen  riefen:  „O  Weh,  wo  sol- 
len wir  so  vielerlei  Kostbarkeilen  finden;  könnten  wir  auch 
nur  ein  einziges  davon  habhaft  werden!  was  aber  die  For- 
derung betrifft,  das  Gehirn  der  sieben  kahlköpfigen  Schmiede 
heizuschaffen,  dazu  kann  Ralh  werden;  wir  tödlcn  die  Sie- 
ben und  machen  ihm  mit  ihrem  Gehirn  ein  Geschenk." 
Diess   gesagt,    erschlugen   sie  die   Sieben    und    sandten    die 


I 


—     99     — 

sieben  Köpfe  durch  zwei  Boten,  welche  sie  dem  Gesser 
Chaghan  überbrachten.  „Gut  ist  es,  dass  ihr  mir  zu  eiuem 
nöthigen  Geschäfte  Menschenköpfe  bringt",  sprach  dieser, 
setzte  einen  mit  Fleisch  angefüllten  Kessel  zum  Kochen  und 
kochte  in  einem  andern  Kessel  die  sieben  Menschenköpfe. 
Die  beiden  Gesandten  des  Küme  Chaghan  sassen  voll 
Furcht  und  dachten:  „Es  scheint,  dass  Gesser  Chaghan 
unsere  mitgebrachten  sieben  Menschenköpfe  kocht,  um  uns 
damit  zu  bewirthen."  Indess  nahm  er  das  SchafFleisch  aus 
dem  Kessel  und  setzte  es  den  beiden  Gesandten  vor^  die 
sieben  Menschenköpfe  hingegen  Hess  er  ganz  zerkochen 
und  nahm  blos  das  Schadelgebein  heraus,  aus  welchem  er 
sieben  Trinkschalen  verfertigte.  Unterdessen  sprach  er  zu 
den  beiden  Boten:  „Jetzt  geht  in  eure  Ileimathj  ich  werde 
bald  nach  euch  kommen."  Die  beiden  Boten  traten  hierauf 
den  Rückweg  an. 

Nachdem  die  sieben  Trinkschalen  aus  den  Schädeln 
fertig  waren,  distillirte  er  aus  Branntwein  Arasa  (Doppel- 
branntwein), sodann  aus  Arasa  distillirte  er  Chorasa,  aus 
Chorasa  distillirte  er  Schi  rasa,  aus  Schirasa  distillirte  er 
Borasa,  aus  Borasa  distillirte  er  Tagpa,  Tigpa,  Marfea 
und  Mirba,  in  Allem  sieben  Arten  Chorasa  (sehr  star- 
ken Branntwein),  welche  er  durch  ein  Beutelsieb  seihte 
und  dann  die  sieben  Arten  Chorasa  darbrachte,  indem 
er  sie  durch  einen  Wirbelwind  zu  seiner  Grossmutter 
Absa  Gürlse  liinaufschickte.  Die  Grossmutler  Absa 
Gürtse  empfing  das  Getränk,  genoss  es  und  wurde  davon 
berauscht.  „Ist  etwa  mein  Rotznäschen  gekommen",  rief 
sie,  лоп  oben  herabschauend.  —  Gesser  rief:  „Mütterchen, 
ich  möchte  dich  gern  besuchen;  lass  mir.  doch  eine  Leiter 
herab!"  —  „Mit  Rechl,  mein  Lieber!"  erwiederte  die  Gross- 
mutter und  liess  eine  Strickleiter  herab.  Gesser  rief: 
,,Wie,  mein  Mütterchen,  ist  es  deine  Absicht,  dass  ich, 
dein  einziger  Enkel,  herabfalle  und  den  Hals  breche,  dass 
du  mir  eine  Strickleiter  herabsenkest?  lass  eine  Kettenleiter 

1* 


—     100     — 

herab!"  Die  Grossmutler  senkte  hierauf  eine  Kellenleiter 
herab,  Gesser  Chaghan  stieg  dieselbe  hinan  und  kam  zur 
Grossmutter.  Er  sprach  zu  ihr:  „Mein  Müllerchen!  Rogmo 
Goa,  mein  Weib,  deine  unwürdige  Schwiegertochter,  hat  mir 
erzählt,  dass  ihr  A'aler  Sengeslu  Chaghan  eine  Menge 
Kostbarkeilen  besitze,  als:  einen  schneeweissen  Berg,  auf 
dessen  Sonnenseite  ein  schnecw  eisses  Lamm  blockt,  eine  «rol- 
dene  Mulde,  ein  eisenblaues  Kind,  einen  goldenen  Stecken, 
einen  Hund  mit  kupferner  Schnauze,  eine  goldene  Bremse, 
eine  Handvoll  Sehnen  von  Läusen,  eine  mit  Nasenljlut  von 
Ameisen  gefüllte  Hornbüchse,  eine  goldene  Schlinge  zum 
Fangen  der  Sonne,  eine  silberne  Schlinge  zum  Fangen  des 
Mondes,  eine  Hornbüchse  voll  Nasenblut  des  männlichen 
schwarzen  Adlers,  eine  Hornbüchse  voll  Milch  aus  den 
Brüsten  des  weiblichen  schwarzen  Adlers,  eine  Hornbüchse 
voll  Thränen  aus  den  Augen  der  Jungen  des  schwarzen 
Adlers,  einen  saftigen  Kryslall  aus  dem  Meere;  —  ist  diess 
wahr  oder  gelogen?"  Die  Grossmutler  erw'iederle:  „Woher 
sollte  jener  Nichtswürdige  alle  diese  Kostbarkeiten  herhaben; 
ich  aber  besitze  sie  Alle!''  —  „Wo  ist  diess  Alles,  Müt- 
terchen, zeige  es  mir  doch!"  entgegnete  Gesser,  worauf 
die  Grossmutler  sprach:  „Warum  sollt  ich  nicht,  mein  Lie- 
l)er,  dort  in  jenem  verschlossenem  Kästchen  sind  sie;  da, 
nimm!"  Mit  diesen  Worten  gab  sie  ihm  den  Schlüssel,  den 
Gesser  nahm,  das  Schloss  öffnete,  und  während  die 
Grossmutler  seitwärts  blickte,  die  mancherlei  Kostbarkeilen 
aus  dem  Kästchen  nahm  und  in  den  Busen  steckte.  Dann 
sprach  er.  „Nun,  mein  Mütterchen,  habe  ich  dich  besucht; 
jetzt  muss  ich  wieder  nach  Hause!"  Als  er  mit  diesen 
Worten  die  Kellenleiler  hinabzusteigen  im  Begriff  war,  rief 
die  Grossmutler:  „Mein  lieber  Joro,  warum  eilst  du  so 
sehr  nach  Haus?  wie  wäre  es,  erst  eine  Suppe  bei  mir  zu 
essen?"  Gesser  entgegnete:  „Mütterchen,  icb  Labe  dich 
gesehen  und  das  ist  mir  genug!  Was  liegt  mir  an  Thee  und 
Suppe."   —   Mit    diesen   Worten  stieg   er   die    KetleDleiler 


—     101      — 

vollends    hinab.      Zu    der    Zeit    war    es    Sitte,    wenn    man 
Jemand  das  Ausgeleite  gab,  ihm   Asche   nachzuwerfen.     So 
rief  denn  auch  die  Alte:    „Lebe  wohl,  mein  Lieber!"  und 
warf  ihm  Asche  nach.    Diese  Asche  sind,  sagt  man,  die  ein- 
zeln zerstreuten  лveissen  Wölkchen  (Schäfchen)  am  Himmel. 
Nachdem   Gesser  Chaghan  auf  die  Erde  herabgestie- 
gen war,  breitete  er  seinen  Rockschooss  ans  und  untersuchte, 
sie  auseinander  legend,    die    vielerlei    Kostbarkeiten.      Alle 
diese    Kleinodien    waren    da ,    mit    Ausnahme   von   Vieren, 
nämlich  des  Nasehblutes  des  männlichen  schwarzen  Adlers, 
der  Milch  aus  den  Brüsten  des  weiblichen  schwarzen  Adlers, 
der    Thränen    aus   den  Augen    der  Jungen    des    schwarzen 
Adlers  und  des  saftigen  Krystalls  aus  dem  Meere."  O  Weh, 
rief  Gesser,   indem    ich   meine  Herabkunft    beschleunigte, 
habe  ich  von  den  vielen  Kostbarkeiten  vier  derselben  mit- 
zunehmen   versäumt  5    woher    soll    ich    sie    nun    nehmen!" 
Der  Herrscher   in  den   zehn   Gegenden   Gesser  Chaghan 
gab  dem  am  Himmel  sich  aufhaltenden  männlichen  schwar- 
zen Adler   einen  Traum  ein.     Als  der  Adler  des  Morgens 
bei  Tagesanbruch  erwachte,  sprach  er  zu  seinem  Weibchen: 
Seit  meiner  Geburt  habe  ich  keinen  solchen  Traum  gehabt  5 
mir   träumte  nämlich   in    dieser  Nacht,    dass  am  Ursprünge 
des  Stromes   Nairandsa  eine   durch  achtjährige  Unfrucht- 
barkeit fett  gewordene,  krepirle  bunte  Kuh  liege,  und  dass 
icTi  hinging,  ihr  Fleisch  zu  verzehren.      Was   für  ein  herr- 
licher Traum   war  das."      Sein    AVeib    entgegnete    hierauf: 
„Es    ist  gegen  Sitte  und  Gebrauch,   dass   am   Himmel   sich 
aufhallende   Wesen   sich   auf  die   Erde   herab  auf  dort  lie- 
gendes   Aas    senken,    so    лvenig    es    Sitte   ist,   dass  auf  der 
Erde  wandelnde  Wesen  sich  zum  blauen  Himmel  erheben. 
Als  Gesser  Chaghan,  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegen- 
den  geboren  wurde,   geschah  diess  in  einer   Menschenhnut; 
man  sagt,  dass  er  sich  in  allen  zehn  Gegenden  verwandeln 
könne;   vielleicht   ist  jenes  Fleisch  seine  Spfise    und  (jenes 
Wasser,   der  Fluss)   sein  Trank.     Du  Li^l   unbekannt    mi^ 


—     102     — 

der  List  eines  Menschen,  der  über  magische  Verwandhm- 
gen  gebietet,  deshalb  bleibe  hier^  gehe  nicht  hin!"  Der 
Adler  versetzte:  „Ich  ^\erde  am  Himmel  kreisend  imihei- 
schweben  und  wenn  kein  Mensch  da  ist,  mich  herabsenken  ^ 
ist  aber  ein  Mensch  da,  so  drehe  ich  um  imd  komme  zu- 
rück. Ich  muss  doch  sehen,  ob  mein  Traum  Wahrheit 
oder  Täuschung  ist.-'  Mit  diesen  Worten  entfernte  er  sich 
und  sein  Weib,  das  ihn  nicht  zurückhalten  konnte,  blieb 
zurück.  Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  G  e  s  s  e  r 
C  h  a  g  h  a  n  hatte  eine  durch  achtj^irige  Unfruchtbarkeit 
fett  gewordene  bunte  Kuh  geschlachtet  und  ihren  Körper 
an  den  Quellen  des  Stromes  3iairandsa  hingelegt.  Leber 
die  Brust  des  Thieres  hatte  er  seine  eiserne  neunastige  Fang- 
schlinge aufgestellt.  Für  sich  selbst  hatte  er  eine  Grube 
gegraben,  in  welcher  er,  den  Zugfaden  der  Schlinge  hal- 
tend, versteckt  lag.  Unterdessen  kam  der  männliche  schwarze 
Adler,  kreiste  am  Himmel  umher  und  senkte  sich,  als  er 
fand,  dass  kein  Mensch  da  war,  herab.  Er  fing  mit  dem 
Hintertheile  der  Kuh  an ,  iiass  weiter  bis  zur  Brust  und 
nun  zog  Gesser  Chaghan  an  die  Schnur  seiner  neunar- 
migen  eisernen  Fangschlinge  und  fing  den  Vogel.  Nach- 
dem er  ihn  gefangen  hatte,  liess  er  ihn  herumspringen,  und 
während  er  sich  dabei  den  Schnabel  zex'Stiess,  sammelte 
Gesser  eine  HornJ>üchse  voll  von  dessen  Naseublute.  Ln- 
terdessen  schwebte  das  AVeibcheu  des  Adlers  weinend  am 
Himmel  umher  und  rief  ihrem  Manne  zu:  „Habe  ich  es  dir 
nicht  gesagt?  jetzt  ist  dir  der  Tod  gewiss  I "  Gesser 
Chaghan,  der  mittels  seines  magischen  AVissens  die  Trau- 
erworte des  weiblichen  Adlers  verstand,  sprach  zu  ihr: 
,ЛҮе1ЬЦсЬег  schwarzer  Adler  I  dein  Männchen  werde  ich 
nicht  tödlen^  dvi  aber  schafte  mir  aus  deinen  Brüsten  einjE; 
Hornbüchse  vpll  IVIüch  und  aus  den  Augen  deiner  Jungen 
eine  Hornbüchse  лоП  ihrer  Thränen.  Ferner  gibt  es  im 
Meere  einen  saftigen  Krystall  von  der  Grösse  einer  steiner- 
nen Walze,  den  schaffe  mir  herl  diese  drei  Sachen  schafle 


—      103      — 

herbei!    wonicht,    so   werde    ich    dein  Männchen    tödten." 
Bei  diesen  Worten  Hess  er  den  gefangenen  Adler  springen 
und  flallern.     Der  weibliche  Adler  erwiederte:    „Herrscher 
in    den    zehn    Gegenden!    furchtbarer    Gesser    Chaghan, 
lüdte  ihn  nicht!  ich  werde  die  (verlangten)  Sachen  zu  schaf- 
fen suchen."     Mit  diesen  Worten  entfernte  sie  sich,   säugte 
ihre   Jungen  nicht  und  sammelte  dadtirch  eine  Hornbüchse 
voll  Milch  aus  ihren  Brüsten.     Sodann  quälte  sie  ihre  Jun- 
gen  bis   zum  Weinen   und    sammelte  eine  Hornbüchse  voll 
Thränen  aus  ihren  Augen.     Zuletzt  fand  sie  auch  im  Meere 
den  saftigen  Krystall  von  der  Grösse  einer  steinernen  Walze 
und  holte  ihn  heraus.    Diese  drei  Sachen  brachte  und  über- 
lieferte sie  dem  Herrscher  in  den   zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan,  worauf  sie  sich  mit  ihrem    Männchen   entfernte. 
Sobald    der   Herrscher   in   den   zehn  Gegenden   Gesser 
Chaghan  alle  seine  Kostbarkeiten  beisammen  halte,  machte 
er   sich   auf  den   Weg    zum   Küme   Chaghan   von   China. 
Daselbst  angelangt,  ging  er  sogleich  in  die  Behausung   (den 
Pallast)  desKüjne  Chaghan  und  fand  denselben,  seine  ver- 
storbene Gemahlinn  in  den  Armen  haltend,  sitzen.    Gesser 
Chaghan    sprach    zu   ihm:    „Chaghan,    handelst    du   nicht 
ganz  verkehrt?   es   ist  nicht  Sitte,    dass    ein   todter   und  ein 
lebendiger  Mensch  beisammen  bleiben.      Wenn   sie  beisam- 
men bleiben,  so  ist  diess  für  den  Lebenden  von  schlechter 
A'^orbedeutung.      Die    Gebeine    deiner  Gemahlinn  beisetzen 
zu  lassen,   die  gesammte   Geistlichkeit   zu  versammeln  und 
Religionsgebräuche  verrichten   zu  lassen,  wäre,  nebst  Spen- 
dung von  milden   Gaben,    das   Erforderliche.      Dein    guter 
JRuf   und    deine   Ehre    vor   der   Welt  erfordern    es   ferner, 
dass  du  eine  (neue)  Gemahlinn  nehmest,    und  dem  ganzen 
Volke  Freude  und  Zufriedenheit  bereitest."    Küme  Cha- 
ghan sprach:  „Wer  und  woher  ist  dieser  verrückte  Mensch? 
nicht    nach    einem    Jahre ,    sogar    nicht    nach    zehn    Jahren 
werde  ich  diese  (die  todtc  Gemahlinn)  von  mir  lassen."  — 
;;Weun  dem  so  ist,  kann  dem  Chiighau  nicht  geholfen  wer- 


_      104     — 

den'%  sprach  Gesser  Chaghan  und  ging  hinaus.  Nachdem 
Küme  Chaghan  eingeschlafen  war,  kam  Gesser  wie- 
der, stahl  die  lodte  Gemahlinn  von  seinem  Schoosse  und 
legte  ihm  dafür  das  Aas  eines  Hundes  in  den  Schooss.  Beim 
Erwachen  sprang  Küme  Chaghan  auf  und  rief:  „O  Weh, 
O  Weh!  der  Menseh  von  gestern  hat  \vahr  gesprochen! 
Meine  Gemahlinn  ist,  während  sie  (bei  mir)  lag,  zum  Hunde 
geworden!  Nehmt  diess  weg  und  werft  es  hinaus!''  Wäli- 
rend  diess  geschah,  sprach  einer  der  Thürhüter :  ,.Der 
Gesser  Genannte  kam  herein  und  hat  sie  (die  todte  Ge- 
mahlinn) weggenommen  ;  aus  Furcht  konnnle  ich  nicht 
schreien."  Der  Chaghan  rief:  „O  Weh,  O  ^Vch,  dieser 
Gesser  hat  meine  Gemahlinn  Aveggenommen !  hülle  er  blos 
von  meinem  Schosse  entfernt,  was  für  den  Lebenden  sünd- 
lich und  verderblich  ist,  wozu  hat  er  mir  aber  den  Hund 
(in  den  Schooss)  geworfen?  Dafür  soll  er  sterben!"  Diess 
gesagt  Hess  er  den  Gesser  in  die  Schlangengrube  werfen. 
Gesser  spritzte  ein  wenig  Milch  aus  den  Brüsten  des 
ЛА eiblichen  schwarzen  Adlers  auf  die  Schlangen  5  davon 
wurden  sämmlliche  Schlangen  vergiftet  und  krepirten.  — 
Die  grossen  Schlangen  brauchte  der  Herrscher  in  den  zehn 
Gegenden  Gesser  Chaghan  sodann  als  Kopfkissen  und 
die  vielen  kleinen  als  Lagerstätte.  Nachdem  er  also  über- 
nachtet hatte,  sang  er  des  Morgens  beim  Aufstehen:  „  Ich 
glaubte,  dass  dieser  Chaghan,  als  er  mich  in  die  Schlangen- 
höhle werfen  liess,  ein  Chaghan  sey,  der  mich  durch  Schlan- 
gen könnte  tödten  lassen;  nun  aber  ist  es  ein  Chaghan, 
der  sich  darüber  freuen  mag,  dass  er  seine  Schlangen  durch 
mich  hat  tödten  lassen."  Der  Hüter  der  Schlangenhöhle 
verfügte  sich  zum  Chaghan  und  berichtete  alle  Worte,  die 
Gesser  Chaghan  gesungen  hatte;  er  sprach:  ,.  Dieser 
Mensch  ist  nicht  todt,  vielmehr  hat  er  alle  unsere  Schlangen 
gctücUet,  liegt  jetzt  und  singl."  Küme  Chaghan  befahl 
nun,  ihn  in  die  Ameisenhöhle  zu  werfen.  Gesser  wuide 
hinein    geworfen.      Er   spritzte    von   dem    Nasi-nblute   des 


—      105     — 

männlichen  schwarzen  Adlers  auf  die  Ameisen ,  wovon  sie 
sämmllich  vergiftet  starben.  Nachdem  Gesser  Chaghan 
die  Ameisen  gelödtet  hatte,  sang  er:  „Ich  glaubte,  dass 
dieser  Küme  Chaghan,  als  er  den  Gesser  in  die  Amei- 
senhühle  werfen  liess,  ein  Chaghan  sey,  der  mich  könnte 
tödten  lassen;  nun  aber  ist  es  ein  Chaghan,  der  sich  darü- 
ber freuen  mag ,  dass  er  seine  Ameisen  durch  mich  hat 
tödten  lassen."  Der  Hüter  der  Ameisenhöhle  begab  sich 
zum  Chaghan  und  berichtete  ihm:  „Jener  Mensch  hat  alle 
unsere  Ameisen  getödtet,  liegt  jetzt  munter  da  und  singt." 
]Jer  Chaghan  befahl  hierauf,  ihn  in  die  Läusehöhle  zu  wer- 
fen. Gesser  Chaghan  streute  ein  wenig  von  seinen  Läuse- 
sehnen auf  die  Läuse  ,  wovon  sämmtliche  Läuse  starben. 
Nachdem  er  die  Läuse  getödtet  halle,  sang  Gesser:  „Ich 
v\'ar  der  Meinung,  dass  dieser  Chaghan,  als  er  mich  in  die 
Läusehöhle  werfen  liess,  ein  Chaghan  sey,  der  mich  könnte 
lödlen  lassen;  nun  aber  ist  es  ein  Chaghan,  der  sich  darü- 
ber freuen  mag,  dass  er  seine  Läuse  durch  mich  hat  tödten 
lassen."  Der  Hüter  der  Läusehöhle  begab  sich  zu  seinem 
Cliaghan  und  berichtete:  „Jener  Mensch  liegt  da  und  singl, 
nachdem  er  alle  unsere  Läuse  getödtet  hat."  Der  Chaghan 
befahl:  „So  w^erfl  ihn  in  die  Wespenhöhle!"  Diesem  Be- 
fehle gemäss  nahmen  sie  den  Gesser  und  warfen  ihn  in 
die  Wespenhöhle.  Er  liess  seine  goldene  Bremse  los, 
welche  alle  Bienen  und  Wespen  vernichtete.  Nachdem  er 
die  AVespen  gelödtet  hatte,  sang  er:  „Ich  war  der  Meinung, 
dass  dieser  Chaghan,  als  er  mich  in  die  Wespenhöhle  wer- 
fen liess,  ein  Chaghan  sey,  der  mich  könnte  tödten  lassen; 
nun  aber  ist  es  ein  Chaghan,  der  sich  darüber  freuen  mag, 
dass  er  seine  Wespen  durch  mich  hat  tödten  lassen."  — 
Der  Hüter  der  Wespenhöhle  ging  hin  und  erzählte  seinem 
Cbaghan  alle  Wf)rle  Gesser 's,  worauf  dieser  in  die  Höhle 
der  wilden  Thiere  geworfen  wurde.  Gesser  Chaghan 
liess  seinen  Hund  mit  kupferner  Schnauze  los,  welcher 
alle    wiklc  Thicrc    \ciijicljlclc.      Dann   sang    Gesser  Cha- 


—      106     — 

ghan:     .,  Ich    glaubte,    dass    tlicser    Chaghan  .     als    er    den 
Gesser  iii  die  Höhle  der  \л1к1еп  Thicre  werfen  liess,    ein 
Chaghan  sey,  der  ihn  könnte  lödlen  lassen;  nun  sber  ist  es 
ein  Chaghan,    der  sich    darüber   freuen  mag,    dass  er  seine 
wilden  Thiere   durch  mich  hat   tödlen  lassen."     Der   Hüter 
dieser  Höhle  ging  zu  seinem  Chaghan   und  bcrichlete  ihm 
„Jener  Mensch  ist  nicht  todt-,    vielmehr  hat  er  alle  unsere 
wilden   Thiere   getödlet,    liegt    jetzt   da   und    singt."      Der 
Chaghan  befahl:  „So   werft   ihn  in  das  finstere  Loch!"  Mit 
seiner  die  Sonne  fangenden  goldenen  Schlinge  und  mit  sei- 
ner den   Mond  fangenden    silbernen   Schlinge  fing   Gesser 
Chaghan  die  Sonne  und  den  Mond,  und  übernachtete,  das 
finstere  Loch  dadurch  erleuchtend.      Als   Gesser  aufstand, 
sang    er:    „Ich  'glaubte,    dass   dieser   Chaghan,    als    er  den 
Gesser  in  das  finstere  Loch  werfen  liess,  ein  Chaghan  sey, 
der  ihn  tödten  könnte  ;    nun   aber   ist  es   ein  Chaghan,   der 
sich  darüber  freuen  mag,  dass  er  sein  finsteres  Loch  durch 
Gesser  hat  erleuchten    lassen."  —  Der   Hüter  des  Loches 
begab    sich    zu    seinem  Chaghan    und    berichtele    ihm    alle 
Worte  Gesser 's,  worauf  der  Chaghan  befahl,  ihn  ins  Meer 
zu  werfen.     Diess   geschah,    aber  Gesser    umfasste    seinen 
saftigen   Krystall    von    der   Grösse    einer    steinernen   Walze 
und  da  geschah  es,  dass  so   wie   er  hineingCAvorfen  \\urde, 
das  Meer  sich  in   zwei  Theile   theilte  und   trocken  wurde, 
so   dass   Gesser   um   seinen    Krystall   herumhüpfend    sang: 
„Ich  glaubte,  dass   dieser  Chaghan,  als  er  den  Gesser  ins 
Meer  werfen  liess,  ein  Chaghan  sey,  der  ihn  tödten  könnte; 
nun  aber  ist  es  ein  Chaghan,  der  sich  darüber  freuen  mag, 
däss    er    durch   Gesser  sein   Meer  hat  trocken  legen  und 
seinem    Volke    das    Wasser    hat    entziehen   lassen.  •'      Der 
Mensch,  der  den  Gesser   ins  Meer  geworfen  halle,   begab 
sich  zum  Chaghan  und  berichtete  ihm:    „Jenef  Mensch   ist 
nicht  lodt;  das   Meer  ist  vertrocknet  und  solcherlei  Gesang 
singt   er."      Der   Chaghan   befahl:    „So    setzt    ihn    auf    den 
kupfcriien  Esel  und  lödlel  ihn,  indem   ibv    von    vier  Seilen 


__      101      ~ 

vier  grosse  Blasbälge  in  Wirksamkeil  setzt!"  Gesser  Cha- 
ghan  nahm  die  schwarze,  durchaus  risslose,  Kohle  von  der 
Grösse  eines  Pferdekopfes  heimlich  zu  sich  und  bestrich 
sich  damit.  Als  die  Blasbalgtreter  kamen  und  von  vier  Sei- 
len ein  grosses  Feuer  durch  Blasen  anfachten,  liess  er,  als 
das  Feuer  ihm  nahe  kam,  durch  magische  Kraft  aus  sich 
selbst  Wasser  strömen  und  löschte  damit  das  Feuer  voll- 
ständig aus.  Nachdem  Gesser  das  Feuer  ausgelöscht  hatte, 
sang  er  in  früherer  Weise.  Die  Blasbalgtreter  gingen  hin 
und  berichteten:  „Jener  Mensch  ist  nicht  gestorben  5  so  und 
SU  hat  er  gesungen.'-  Der  Chaghan  befahl:  .,So  tödlet  ihn, 
indem  ihr  ihn  mit  scharfen  Waflfen  zusammenhauet!"  Als 
sie  nun  anfingen  auf  Gesser  Chaghan  zu  schiessen  und 
zu  hauen,  liess  er  durch  magische  Kraft  mittels  seines  gol- 
denen Steckens  die  Waff'en  zerschlagen  und  zertrümmern. 
Da  sie  ihn  niclit  lödlen  konnten,  gingen  sie  hin  und  be- 
richteten dem  Chaghan :  „  Was  das  für  ein  sündlicher 
Mensch  ist!  jetzt  wissen  wir  kein  Mittel  mehr,  ihn  zu  töd- 
ten:  es  ist  uns  unmöglich!  der  Ciiaghan  möge  selber  ent- 
scheiden!" Der  Chaghan  befahl:  „So  sammelt  eine  Anzahl 
Lanzen  (damit  Bewaffnete)  und  tödlet  ihn,  ihn  auf  die  Spi- 
tzen der  Lanzen  nehmend!"  Als  sie  nun  den  Gesser  Cha- 
ghar  fortführten,  nahm  derselbe  seine  goldene  Mühle  mit 
und  sprach  betrügerisch  und  zum  Schein:  „Gegen  diese 
(Todesarl)  habe  ich  kein  Mittel 5  nun  ist  mein  Tod  gewiss!" 

Gesser  Chaghan  hatte  die  Tochter  des  Kü'me  Cha--J 
ghau,  Namens  Küne  Goa,  durch  jaagisches  Wissen  ken-- 
nen  gelernt,  er  sprach:  „Dieser  Nichtswürdige  hört  nicht 
auf,  dich  auf  alle  Art  zu  quälen."  Gesser  Chaghan  be- 
festigte nun  einem  Papagei  einen  lausend  Klafter  langen 
seidenen  Faden  an  den  Fuss,  fasste  das  Fadenende  und 
that,  als  wolle  er  den  Papagei  als  Boten  in  seine  Heimath 
schicken.  Auf  der  Brustwehr  der  Feste  rief  er  dem  Pa- 
pagei mit  lauter  Stimme  zu:  „Mein  Papagei,  mache  dich 
schnell  аи1Чи'пЛҮс!^!  denn  der  K um c  Chaghan  von  China 


—      108      — 

will  den  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan 
lödlen.  Sage  meinen  drei,  mich  übertreffenden,  Helden, 
dass  sie  kommen  sollen  I  Sage  auch  meinen  drei,  mir  glei- 
chen Helden,  dass  sie  kommen  sollen!  Sage  dasselbe  auch 
meinen  drei  Helden,  geringer  als  ich!  Meine  (übrigen) 
dreissig  Helden  mögen  hernach  kommen  !  Meinen  neun 
Helden  f^age,  dass  sie  kommen  sollen,  das  Schloss  und  die 
Stadt  dieses  Chaghans  zu  zerstören  und  ihn  selbst  aufs 
schmählichste  umzubringen!  Sage  ihnen,  dass  sie  vor  sei- 
nen Augen  Alles  in  Asche  verwandeln,  dass  sie  vor  seinen 
Blicken  Alles  in  sch^varze  Kohle  verwandeln  und  dass  sie 
sein  ganzes  Volk  wegführen  sollen!  nun  mache  dich  auf 
den  Weg,  mein  Papagei!"  Der  Papagei  flog  davon  und 
Gesser  Chaghan  hielt  das  Ende  des  seidenen  Fadens. 
Küme  Chaghan  und  Alle  um  ihn  hatten  die  "Worte  ge- 
hört; sie  riefen:  ,.0  Weh,  was  thut  er!  den  einzelnen 
Gesser  waren  wir  nicht  im  Stande  umzubringen  und  nun, 
wenn  die  neun  Helden  kommen  sollten,  wird  von  uns  nicht 
das  Geringste  übrig  bleiben!  O  Gesser  Chaghan,  rufe 
doch  deinen  Vogel  zurück!  wir  werden  dir  Alles  geben, 
was  du  forderst."  Gesser  erwiederte:  „Mein  Л^ogel  ist 
schon  zu  Aveit  geflogen;  ich  mag  nicht!"  Nun  verbeugten 
sich  Alle  vor  ihm  und  riefen:  „Befiehl  Avas  du  willst,  wir 
werden  deinem  Befehle  nachkommen!"  Da  sprach  Gesser 
Chaghan:  „Gut!  wirst  du  mir  deine  Tochter  Küne  Goa 
geben?  dann  werde  ich  versuchen,  ob  ich  meinen  Vogel 
zurückrufen  kann."  Küme  Chaghan  erAviederte:  ..Ich 
werde  sie  dir  geben;  warum  sollte  sie  mir  leid  seyn!" 
Da  rief  Gesser  Chaghan:  .,Komm,  mein  Papagei!  und 
winkte  dabei  in  magischer  Weise,  während  er  den  lausend 
Klafter  langen  seidenen  Faden  anzog  und  den  Vogel  zu- 
rücknahm. Küme  Chaghan  nahm  den  Gesser  Chaghan 
mit  in  seine  Behausung  und  richtele  ein  grosses  Fest  an. 
Seiner  Tochter  Küne  Goa  sagte  er  heimlich:  „Meine  liebe 
Kiine  Goal  ich  muss  dich  dem  Gesser  geben;  denn  wenn 


—      109     — 

du  ihn  nicht  nimmst,  so  wird  er  uns  tödten  und  dich  den- 
noch nehmen."  Küne  Goa  erwiederte:  „Mein  Vater,  es 
scheint  dem  Verlangen  des  Herrschers  in  den  zehn  Ge- 
genden, Gesser  ChagJian's  gemäss  zu  seynj  wenn  er 
das  Leben  meines  Vaters  bedroht,  warum  sollte  ich  ihn 
nicht  nehmen?"  Der  Chaghan  genehmigte  diese  Worte 
und  gab  die  Küne  Goa  dem  Herrscher  in  den  zehn  Ge- 
genden Gesser  Chaghan  zur   Gemahlinn. 

Nachdem  Gesser  Chaghan  die  Küne  Goa  genommen 
lialte,  verblieb  er  drei  Jahre  daselbst.  Nach  Ablauf  der 
drei  Jahre  sprach  Gesser  Chaghan  zu  Küne  Goa: 
„Deinen  Vater  habe  ich  beruhigt  und  vergnügt  gemacht; 
bei  dir  und  in  deiner  Nähe  habe  ich  drei  Jahre  gelebt; 
jetzt  kehre  ich  heim,  komme  aber  wieder  her,  wenn  ich 
meine  Hauswirthschaft  und  meinen  Viehstand  untersucht 
haben  werde,"  Küne  Goa  erwiederte:  „O  Weh,  was 
sprichst  du  da,  mein  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaghan!  entweder  bleibst  du  hier  oder  ich  ziehe 
mit  dir!  was  soll  ich  hier  allein  bleiben!"  —  ,,Gut,  ver- 
setzte Gesser  Chaghan,  wir  wollen  ein  Zeichen  zwischen 
uns  Beiden  entscheiden  lassen!  lasst  uns  ausserhalb  des 
Schlosses  übernachten!"  Gesser  bestieg  seinen  magischen 
Braunen  und  Küne  Goa  ihr  Blauschimmel  -  Maulthier  mit 
einer  Blässe  und  beide  ritten  znm  Schlosse  hinaus,  um 
draussen  zu  übernachten,  wobei  sie  folgendes  Zeichen  ver- 
abredeten: „Wenn  dein  Vorschlag  gelten  soll,  dass  wir 
Beide  hier  bleiben  sollen,  sprach  Gesser,  so  soll  sowohl 
mein  magischer  Brauner  als  dein  Maulthier  zum  Schlosse 
herwärts  den  Blick  gerichtet  übernachten.  Wenn  aber  dein 
Vorschlag  ungültig,  meiner  aber  gültig  seyu  soll,  so  muss 
der  Blick  meines  magischen  Braunen  abwärts  und  nach  der 
Gegend  meiner  Heimath  gerichtet  seyn."  Dieser  Verabre- 
dung gemäss  legten  sich  Beide  schlafen.  Der  Herrscher 
in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  ging  am  andern 


—     110     — 

Morgen  früh  hinaus,  um  nachzusehen  und  fand,  flass  Beide, 
das  Pferd  und  das  Maulthier  ihren  Blick  nach  dem  Sclilosse 
hin  gerichtet  halten.  „Was,  rief  er,  soll  das  von  dir  bedeuten, 
wein  magischer  Brauner!  kehre  deinen  Blick  nach  der  Ge- 
gend meines  Hauses!'-  Der  magische  Braune  kehrte  seinen 
Blick  nach  derGegend  der  Heimath  und  Gesser  Ghaghan 
weckte  die  Rune  Goa  mit  den  Worten:  „Der  Morgen 
bricljt  an,  stehe  auf!  Nun,  лл-ir  haben  uns  ja  nach  Л^егаЬ- 
redung  eines  Zeichens  schlafen  gelegt:  jetzt  lasst  uns  sehen, 
wessen  Vorschlag  güllig  und  wessen  \"orschlag  ungültig  ist! 
lasst  uns  nach  dem  Pferde  und  dem  Maulthier  sehen!"  Küne 
Goa  ging  hinaus,  sähe  nach  und  sprach  dann:  „Dein  Vor- 
schlag ist  gültig,  der  meinige  ist  ungültig!  Die  Rückkeln- 
hängt  von  deinem  Beheben  ab;  vsenn  Gesser  Chaghan, 
mein  Herr,  zurückkehren  will,  so  mag  es  geschehen!"  Beide 
stiegen  auf;  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan  begleitete  die  Küne  Goa,  weil  sie  allein  war, 
bis  zum  Schlosse  und  trat  dann  seine  Heise  au. 

Unterwegs  kam  Gesser  Chaghan  an  einen  sehr  hohen 
Berg  und  dachte:  .,Л  on  so  lange  her  bis  jelzt  sind  meiner 
verrichteten  Thaten  schon  so  viele;  nun  will  ich,  mich 
Betrachtungen  überlassend,  hier  bleiben."  Während  er  da 
sass,  kamen  die  drei  siegreichen  Schwestern,  nebst  dem 
Boa  Dougtsong  Garpo  Genannten  herab  und  sprachen: 
„Unsd*  liebes  Rötznäschcn!  der  Obertheil  deines  Körpers 
zeigt  die  Fü'l'le  der  Buddhas  der  zehn  Gegenden;  der  Mittel- 
lheil deines  Körpers  zeigt  die  Fülle  der  vier  grossen  Göt- 
ter! Der  Untertheil  deines  Körpers  zeigt  die  Fülle  der  vier 
grossen  Drachenfürsten-,  welchen  du  züchtigest,  dessen  Sün- 
den fallen  afb;  welchen  du  tödtest,  dessen  Seele  wird  ei>- 
i'ettet.  Bist  du  nicht  Gesser  Chaghan,  der  Herr  dieses 
Dschambudwips?  was  für  eine  höhere  Buddhageburt  g^r- 
denkst  du  dü^ch  dein  Hiersitzen  zu  erwerben?"  Gesser 
sprach:  „Meine  Schwx'storn  haben  Kechl  I  weil  ich  und 
mein  Pferd  von  Müdigkeit  erschöpft  waren,  verweilli-n  wir 


—    111    — 

hier;  jetzt  lasst  uns  aufbrechen!"    Mit  diesen  Worten  stieg 
er  zu  Pferde. 

Als  Ge  SS  er  Ghaghan  seine  Reise  fortsetzte  und  gegen 
Morgen  nicht  fern  mehr  vom  ^iele  derselben  war ,  lag 
Rogmo  Goa  unter  ihre  Zobeldecke  verkrochen  schlafend. 
„Meine  Rograo  Goa!  statt  wie  ein  rothes  Kalb  im  zwei- 
ten Jahre  im  hohen  Grase  verkrochen  zu  liegen,  wäre  es 
besser  von.  dir,  gleich  einem  auf  dem  Gipfel  hoher  Berge 
laufenden  Hirschkalbe,  bei  Tagesanbruch  aufzustehen  und 
um  dich  herum  zu  schauen,"  (rief  Gesser  aus  der  Ferne). 
Rogmo  Goa  stand  auf  und  zog  sich  an.  In  Rogmo's 
Hause  befand  ich  ein  Diener,  Namens  Nantsong;  sie  rief: 
„Stehe  auf,  mein  wackerer  Nantsong!"  Der  Diener 
N  an  tsong  stand  auf.  Sie  rief  ferner:  ,j Stehe  auf,  wackerer 
Nantsong,  entferne  dich  laufend  und  komme  im  Trott 
wieder  !  Inwendig  lege  goldgeränderten  trockenen  Mist  und 
draussen  herum  silbergeränderten!  Das  Wasser  ist  der  Mut- 
ter gleich :  giesse  reichlich  davon  ein !  Das  Salz  ist  dem 
Tochtersohne  gleich:  lege  wenig  hinzu!  Der  Thee  ist  dem 
Vater  gleich:  lege  massig  hinein!  Die  Milch  ist  dem  müt- 
terlichen Oheim  gleich:  giesse  reichlich  hinzu!  Die  Butter 
ist  dem  Fürsten  glefcli :  lege  wenig  hinzu !  W^enn  es  siedet, 
so  stelle  es  dir  als  ein  wogendes  Milchmeer  vor!  Wenn 
du  es  herausschöpfest,  so  stelle  es  dir  vor,  als  wenn  die 
GeistUclxkeit  Religionsschriften  läse  !  Beim  Trinken  stelle 
CS  dir  vor  als  einen  in  sein  Loch  schlüpfenden  Altan 
Tsegtsegei!  Der  Vertilger  der  Wurzel  der  zehn  Uebel  in 
den  zehn  Gegenden,  mein  theurer  Bogda  ist  im  Anzüge 
begriffen;  beeile  dichj  den  Thee  zu  kochen!"  Der  wackere 
Nantsong  entgegnete  seiner  Gebieterinn  Rogmo  Goa: 
„Was  soll  dieser  dein  Befehl  bedeuten?  Dein  Körper  ist 
zwar  einem  goldenen  Kasten  gleicht  dein  Inneres  aber,  als 
wären  rohes  Leder  und  Sehnen  in  diesen  Kasten  geworfen. 
Mein  Körper  hat  zwar  Aehulichkeit  mit  dem  Schmecibauch 
eines  Pferdes,   mein    Inneres  aber  ist,  als  wäre  es  mit  dem 


—     112     — 

köstlichsten  Seidenstoff  ausgefüllt.  Gedenkst  du  den  Herr- 
scher in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  mit  einem 
blossen  Kessel  Thee  zu  vergnügen?  Gib  dem  am  Ursprünge 
des  Löwenllusses  wohnenden  Oheim  Arslan  davon  Kunde! 
gib  dem  am  Ursprünge  des  Elephantcnüusses  wohnenden 
Oheim  Saghan  davon  Kunde!  Gib  Kunde  dem  Dsesse 
Schikir,  seinem  Bruder!  Gib  Kunde  den  dreissig  Helden 
und  den  dreihundert  Hauplleuten!  Schicke  Botschaft  den 
drei  Volksstämmen!  dass  sie  Alle  mit  Gaben  zu  einem 
grossen  Feste  zum  Besuche  erscheinen !  Ist  Unrecht  in  diesen 
meinen  Worten?  ,,Diess  gesagt  verbeugte  er  sich  und  Rogmo 
Goa  erwiederte:  ,,Du  hast  wahr  gesprochen,  mein  Nan- 
tsong!  nimm  Eilpferde  und  beordere  sie  Alle  her,  damit 
sie  ihren  Gesser  Chaghan  besuchen!'  Der  wackere 
Nantsong  nahm  Eilpferde  und  beorderte  sie  her.  Sie 
kamen  alle  mit  Freuden,  brachten  Gaben  zu  einem  grossen 
Feste  mit  und  besuchten  ihren  Gesser  Chaghan.  Darnach 
zerstreute  sich  alles  Volk  und  ging  nach  Hause. 


VIERTES  CAPITEL. 

Gesser's    Zug    gf.gen    den    zwölfköpfigen    Riesen.      Er 

tödtet  denselben,   vernichtet   dessen  ganze  slppschaft 

und  befreit  seine,  ihm  vom  zwölfköpfigen  riesen 

GERAUBTE,    GeMAHLINN   ArALGHO    GoA. 


Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan 
hielt  den  Aufenthaltsort  seiner  Gemahlinn  Aralgho  Goa*) 
vor  dem  Volke  verborgen;  dass  derselbe  eine  Strecke  von 
mehr  als  einen  Monat  Weges  entfernt  lag,  wusste  das  Volk 
nicht;  der  Fürst  Tschotong  wusste  es  aber  und  machte 
sich  dahin  auf  den  Weg.    Er  bestieg  seinen  Küne  Birawa 

i)  Vergl.  S.  48. 


—      113      — 

genannten  Gelbscheck,  gürtete  sein  Bogengeräthe  um  und 
machte  sich  auf  den  Weg.  Als  er  bei  der  Tümen  Dschir- 
gh alang*)  ankam,  sprach  er  zu  ihr:  „Meine  geliebte,  schöne 
Schwägerinn!  Zeigt  derjenige,  der  sich  Herrsclier  in  den 
zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  nennen  lässt,  dir  auch 
nur  seineu  Schalteu?  Nachdem  er  die  Koichspflegc  des 
Küme  Chaghan  von  China  in  Ordnung  gebracht,  und  die 
Küne  Goa  zum  Weibe  genommen,  ist  er  nach  dreijähriger 
Abwesenheit  zurückgekommmen,  sitzt  jetzt  bc'  der  Rogmo 
Goa  und  kommt  nimmer  zu  dir.  Wenn  du  abwärts  blickest, 
erweckest  du  die  Lust  von  zehnlausend  Mensclien  und  wenu 
du  herwärts  blickest ,  erweckest  du  das  Vergnügen  von 
zehntausend  Menschen,  und  du,  meine  geliebte,  schöne  und 
reitzende  Schwägerinn,  musst  also  leiden!  ich  л\И1  dich 
nehmen!"  Tümen  Dschirghalang  erwiederte:  „O  Weh, 
O  Weh,  Oheim  Tschotong,  was  bedeuten  diese  deine 
Worte!   Wenn  auch  zehnlausend  Fürsten   Tschotono  zu- 

o 

sammen  herkämen,  könnten  sie  den  Vergleich  mit  einem 
einzigen  Schattenbilde  im  Traume  von  meinem  Gesser 
aushalten?  Diese  deine  Worte  möge  der  blaue  Himmel  da 
oben  hören!  die  braune  Erdfläche  hier  unten,  unsere  jetzige 
Mutter,  möge  sie  hören!  den  sich  bewegenden  Wesen, 
welche  sie  hören,  mögen  die  Ohren  taub  werden!  die  Au- 
gen mögen  ihnen  zerplatzen !  diese  deine  Reden  sind  Worte, 
die  man  nicht  in  den  Mund  nehmen  darf!  Sitze  ruhig  und 
still ,  geniesse  deinen  Thee  und  deine  Mahlzeit  und  kehre 
dann  nach  Hause!"  Hierauf  bewirthele  sie  ihn  aufs  Beste 
und  schickte  ihn  dann  nach  Haus.  Tscholong  kam  zurück, 
nächtigte  sieben  oder  achtmal  zu  Hause  und  kam  dann  лvie- 
der.  Er  sprach  zu  Tümen  Dschirghalang:  „Meine  vielge- 
liebte, schöne  Schwägerinn,  du  leidest  auf  eine  jammervolle 
Weise,  ich  will  dich  nehmen!"  Tümen  Dhirghalang  er- 

2)   Unter   diesem   Namen     erscheint    Aralgho    Goa    im   Verfolg 
dieser  Sage  fast  beständig;  er  bedeutet  „Zehntausend  Freuden." 

8 


—     114     — 

wiederte:  ,.0  Weh,  Oheim,  waren  meine  frühern  Worte 
etwa  nicht  die  eines  Menschen?  Hat  mein  Gesser  Cha- 
ghan.  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  und  Sohn  der 
machtvollkommenen  eлvigen  Gottheit  mich  etwa  verlassen? 
hat  er  etwa  heule  mich  dir,  Fürst  Tschotong,  überliefert? 
Hat  der  Sohn  der  reinen  Gottheit  Tuschita^),  der  Herr- 
scher in  den  zehn  Gegenden,  mein  Gesser  Chaghan 
mich  etwa  verlassen?  Hat  er  mich  etwa  seinem  Oheim, 
dir,  dem  Fürsten  Tschotong,  überlassen?  Habe  ich  nicht 
immer  erklärt,  dass  du  ein  Nichtswürdiger  seyest?  Hast  du 
mich,  deine  Schwägerinn,  je  als  leichtsinnig  oder  lüderlich 
erkannt?  Welchen  Namen  verdiente  ich,  wenn  ich  meinen 
Ruf  nicht  gegen  dich  Ijehauptelc  I"  Dann  rief  sie:  „Kommt 
her,  ihr  Holknechte,  und  bringt  euie  Stücke  und  Prügel 
mitl"  Sie  kamen,  prügelten  den  Fürsten  Tschotong  mit 
sammt  seinem  Pferde  durch ,  nahmen  ihm  sein  Pferd  ab 
und  liessen  ihn  zu  Fussc  abziehen.  Der  Fürst  Tschotong 
brauchte  auf  seinem  Heimwege  für  einen  Monal  AVeges 
zwei  Monate.  Der  Fürst  Tschotong,  der  ganz  geschunden 
nach  Hause  kam,  gebrauchte  Heilmittel,  wodurch  er  wieder 
hergestellt  wurde. 

Nachdem  der  Fürst  Tschotong  sieben  bis  acht  Tägfe 
zu  Hause  geweilt  halle,  dachte  er:  „Sollte  ich  nicht  ein 
Mittel  finden,  dich,  Tümen  D seh irgh alang,  von  Gesser 
zu  trennen!"  Er  nahm  für  hundert  Tage  Proviant  mit  und 
begaJ?  sich  zur  Höhle  des  Fluches.  Diese  halle  die  Eigen- 
schaft, einem  ]\Ienschcn,  es  mochte  seine  Absicht  seyn,  Л'ег- 
gnügen  oder  Leid  zu  schaflen ,  als  Mensch  im  Traume  zu 
erscheinen  und  mit  ihm  zu  sprechen.  Als  er  bei  der  Höhle 
des  Fluches  ankam,  lag  er  daselbst  drei  volle  Monate,  dessen 
ungeachtet  wollte  dem  Fürsten  Ts<:holong  nichts  in  den 
Sinn  kommen.  „O  Weh,  rief  er,  hast  du,  Höhle  der 
Verwünschung,    deine    prophetische    krall    \erloren?*"    ich, 

3)  Name  eiaer  der  höchsten  Göllerregionen  des  Wehsysten»;. 


—     115     — 

Tschotong,  sitze  nun  auf  dem  Trockenen  (habe  mich  auf- 
gezehrt); welches  schhmme  Schicksal!"  Nun  blieb  er  noch 
neun  Tage  lang  ohne  Nahrungsmittel  liegen,  als  in  der 
darauf  folgenden  Nacht  die  Höhle  der  Verwünschung  in 
Menschengestalt  dem  Tschotong  im  Traume  erschien  und 
zu  ihm  sprach:  „Mache  dich  Freund  mit  den  Viehhirten 
der  Tümen  Dschirghalang  und  trage  ihnen  dann  Fol- 
gendes auf:  „Füllet  einen  hölzernen  Kübel  mit  Blut,  einen 
andern  mit  dreifach  abgezogenem  Branntwein  und  einen 
dritten  mit  sauerer  Milch  5  die  Mündungen  dieser  drei  Kübel 
verbindet  und  verstopft  und  bindet  sie  an  das  Thürband 
der  Behausung  der  Tümen  Dschirghalang!  Wenn  sie 
die  Lampe  ausgelöscht  hat  und  eingeschlafen  ist,  dann  i'uft: 
„Herrinn,  die  Kühe  säugen!'-  Wenn  sie  fragt:  „Wie  viele 
säugen?"  so  antwortet:  ,, Hundert!"  Dann  л\ird  sie  sagen* 
„  Es  hat  nichts  zu  bedeuten  ! "  und  wieder  einschlafen. 
Wenn  sie  eingeschlafen  ist,  ruft  abermals:  „Herrinn,  die 
Kühe  säugen!''  und  wenn  sie  fragt:  „Wie  viele  säugen?" 
so  antwortet:  „Tausend!"  Sie  wird  abermals  sagen:  „Es  hat 
nichts  zu  bedeuten!"  und  wieder  einschlafen.  Dann  weckt 
sie  aufs  Neue  mit  dem  Rufe:  „Herrinn,  die  Kühe  säugen!" 
und  wenn  sie  fragt:  ,.W'ie  viele?"  so  antwortet:  „Alle 
Kühe  säugen!"  Wenn  sie  nun  aufspringt  und  mit  dem 
Kufe:  „Der  tägliche  Milchbedarf  für  meine  Eltern  wird 
ausgehen!"  hinaus  läuft,  so  wird,  wenn  der  Inhalt  der  dreic 
Kübel  dabei  verschüttet  wird,  diess  ein  Mittel  seyn,  die 
Tümen  Dschirghalang  von  Gesser  zu  trennen." 

Tschotong  machte  sich  auf  den  Weg  und  kam  zu  den 
Pferdehirten  der  Tümen  Dschirghalang.  Die  Pferde- 
hirten halten  ihre  Heerde  um  sich  herum  in  einen  Kreis 
versammelt  und  dachten:  „ЛҮепп  wir  uns  in  der  Mitte 
halten,  so  wird  er  glauben,  wir  seyen  nicht  da  und  vielleicht 
einen  Diebstahl  versuchen.'  Unterdessen ,  kam  der  Fürst 
1]schotong  heran  und  fragte:  „Wie  steht  es  mit  eurer 
Pferdeheerde?   ist   sie    gross    oder    klein?   ist  sie  fett  oder 

8* 


—    116    — 

mager?"  —  Einer  der  Pferdehirten  erwiederte:  ,. Meinst 
du  damit;  dass  wenn  sie  gross  ist,  wir  dir  einen  Theil 
davon  überlassen  sollen?  dass  wenn  sie  klein  ist,  wir  ge- 
straft werden  sollen?  Oder  hat  sie  dich  hergeschickt  uns 
2u  peitschen,  wenn  sie  mager  ist?  oder  uns  zu  belohnen, 
wenn  sie  fett  ist?"  Der  Fürst  Tschotong  rief:  „Packe 
dich  fort!  seht  einmal  das  Benehmen  dieses  Taugenichtses! 
Wie  untersteht  er  sich,  gegen  mich  solche  Reden  zu  füh- 
ren!" Diess  sagend,  schlug  er  das  Pferd  (des  Hirten)  über 
den  Kopf  und  dessen  Seite,  der  Hirte  aber  rief  seine  Ka- 
meraden mit  den  Worten:  „Kommt  herbei!  der  Oheim 
Tschotong  ist  gekommen  unsere  Pferdeheerde  zu  stehlen!" 
Da  kamen  alle  Pferdehirten,  umringten  den  Tschotong 
und  prügelten  ihn  mit  ihren  Fangstangen  durch.  Der  Fürst 
Tschotong  nahm  die  Flucht  und  kam  zu  den  Kameel- 
hirten.  Er  richtete  an  sie  die  nämlichen  Fragen-,  wurde 
aber  von  den  erzürnten  Kameelhirten  abermals  ausgeprü- 
gelt. Nachdem  er  ihnen  entflohen  war,  kam  er  zu  den 
Kuhhirten  ;  aber  da  geschah  es  ihm  gerade  wie  zuvor. 
Nachdem  er  den  Kuhhirten  entflohen  war,  kam  er  zu  den 
Schafhirten.  Auch  diese  befragte  er,  wie  es  mit  der  Schaf- 
heerde  stehe?  Sie  beantworteten  seine  Fiagen  gerade  so 
wie  die  Pferdehirten  und  der  nämliche  Hader  entstand. 
(Der  zerprügelte)  Tschotong,  dem  sein  ganzer  Körper 
schmerzte,  stahl  nun  ein  grosses  Schaf  und  entfernte  sich 
damit  auf  einen  Berg  in  der  Absicht  ,  sich  zu  erholen. 
Nachdem  er  sich  erholt  hatte ,  begab  er  sich  des  Abends 
in  der  Dämmerung  zum  Hüter  der  Kälber  der  Tümen 
Dschirghalang  und  fragte  denselben:  .,  Welche  von  den 
Hütern  dieser  fünferlei  Heerden  haben  es  am  besten  und 
welche  am  schlechtesten?"  Der  Kälberliirl  antwortete:  ..Was 
für  Vergnügen  können  wir  haben !  den  Regen  dürfen  wir 
nicht  Regen,  die  Hitze  nicht  Hitze  und  den  Koth  nicht 
Koth  nennen;  müssen  wir  nicht  beständig  und  überall  hin- 
ter den   vielen   Kälbern    herlaufen?    Was    den    Pfedehirten 


—     in    — 

betrifft,  so  sucht  er  sich  nach  Belieben  ein  Pferd  aus  und 
reitet  es 5  er  trinkt  seinen  Branntwein,  wenn  er  dazu  Lust 
bekommt  5  er  befriedigt  seine  Wünsche  nach  Belieben.  Bei 
allen  jenen  vier  Heerden  ist  wenig  Unterschied,  nur  wir 
führen  ein  mühseliges  Leben."  Tschotong  entgegnete: 
„Was  gebt  ihr  mir,  wenn  ich  euch  glücklicher  mache,  als 
die  Hüter  jener  vier  Heerden?"  Der  Kälberhirt  erwie- 
derte:  „Was  sollte  uns  für  unsern  Oheim  Tschotong  zu 
leid  seyn!  was  wir  zu  schaffen  im  Stande  sind,  werden  wir 
geben ,  was  wir  aber  nicht  besitzen ,  können  wir  nicht 
geben."  —  „Ihr  armen  Schlucker,  sprach  Tsc'hotong,  ich 
will  euch  recht  vergnügt  und  zufrieden  stellen!"- —  „Herr- 
lich!" rief  der  Kälberhirl  voll  Freuden,  schiachtele  ein 
Kalb  und  machte  dem  Tschotong  eine  Mahlzeit.  Dieser 
trug  hierauf  dem  Kälberhirlen  auf,  einen  hölzernen  Kübel 
mit  Blut,  einen  andern  mit  saurer  Milch  und  einen  dritten 
mit  stai'kem  Вга1т1\лр1п  zn  füllen  und  unterrichtete  ihn, 
was  er  ferner  zu  thun  liälle,  wox'auf  er  den  Heimweg  antrat. 
Der  Kälberhirl  füllte  die  drei  hölzernen  Kübel  mit  jenen 
Sachen  und  band  sie  lest.  Des  Nachts,  nachdem  die  Lampe 
ausgelöscht  war,  rief  er:  „Herrinn,  die  Kühe  säugen!"  Auf 
die  Frage:  „AVie  viele  säugen?"  war  die  Antwort:  ,. Hun- 
dert!"—  ,,Es  hat  nichts  zu  bedeuten!"  entgegnete  Tümen 
Dschirghalang  und  schlief  wieder  ein,  abermals  und 
abermals  rief  der  Kuhhirte ,  wie  frühei-  er\\ähnt.  worauf 
Tümen  Dschirghalang  aufsprang  mit  den  Worten:  „Mein 
Milchbedarf  wird  ausgehen!"  dabei  wurde  der  ganze  Inhalt 
der  an  dem  Thürbande  befestigten  drei  Kübel  verschüttet. 

Der  Duft  dieser  drei  Flüssigkeiten  drang  zu  dem  zwölf- 
köpfigen Riesen,  welcher  davon  erkrankte.  Er  rief:  „Gebt 
mir  meinen  rothen  Faden ,  womit  ich  wahrsage !  '  Als  er 
mm  untersuchte,  was  die  Ursache  seiner  Krankheit  sey, 
fand  er,  dass  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan  in  abgesonderter  Gegend  und  mit  abgesondertem 
Haushalte    eine   überaus   schöne  und    reitzende  Gemahlinn 


—      118      — 

unterhalte,  und  das*  von  Seilen  der  Höhle  des  Fluches  drei 
Kübel  voll  schlechter  Sachen  gegen  ihn  ausgeschüttet  seyen. 
„Sollte  der  Eine  nicht  vermögen,  was  der  Andere  vermag?" 
sprach  er  und  füllte  drei  hölzerne  Kübel  mit  den  nämlichen 
dreierlei  Sachen;  sodann  stellte  er  dem  Gesser  Chaghan 
ein  böses  Zeichen  und  schüttete  die  Kübel  aus.  Gesser 
Chaghan  erkrankte  und  unter  dem  ganzen  Volke  entstan- 
den Krankheiten  und  Seuchen.  Rognio  Goa  und  Tscho- 
tong  begaben  sich  zu  den  Zeichendeutern  Gesser 's,  Na- 
mens Moa  Guschi  und  Dangpo  und  zeigten  es  an  mit 
den  Worten:  „Seht  doch  sorgfältig  nach,  woher  es  kömmt, 
dass  Gesser  erkrankt  ist  und  dass  alles  Volk  an  Krank- 
heilen und  Seuchen  leidet!"  Die  Zeichendeuter  prüften  die 
Sache  und  erklärten  Folgendes;  „Unser  Gesser  Chaghan 
unterhält  in  einer  abgesonderten  Gegend  eine  schöne,  rei- 
Izende  Gemahlinn.  Nun  hat  ein  gegen  Gesser  feindseliger 
und  ihn  hassender  Verwandter  desselben  sich  bei  der  Höhle 
der  Verwünschung  bösen  Rath  geholt,  bei  (der  Dienerschaft) 
der  Tümen  Dschirghalang  ein  Zaubergemische  bereiten 
lassen  und  diess  gegen  den  Riesen  ausgeschüttet.  Da  der 
Riese  davon  erkrankte,  so  prüfte  er  seinen  wahrsagenden 
rothen  Faden  und  erfuhr  die  Ursache.  Alsbald  machte  er 
dasselbe  unheilbringende  Getränke  zurecht  und  schüttete 
es  herwärts  aus.  Daher  ist  Gesser 's  Unwohlseyn,  daher 
sind  sodann  die  Krankheiten  und  Seuchen  unter  dem  Volke 
entstanden."  Sie  (Rogmo  und  Tschotong)  fragten:  .,Wie 
ist  dem  nun  abzuhelfen?"  Die  Zeichendeuter  erwiederten: 
„Rogmo  muss  heimlich  List  anwenden 5  denn  wenn  diese 
Gemahlinn  vertrieben  wird,  so  wird  es  besser  werden,  in 
anderer  Weise  kanh  es  nicht  besser  werden;  das  Uebel 
(der  Bezauberung)  ist  zu  schlimm."  Rogmo  Goa  und 
Tschotong  kehrten  Beide  zurück  und  schickten  einen  Boten 
an  Tümen  Dschirghalang  mit  folgendem  Befehl:  „Die 
Krankheil  Gesser 's,  so  wie  die  Krankheilen  und  Seuchen 
UDter  dem  Volke  eolien  von  dir  herrülirenj  daher  befiehlt 


_      119     - 

man  dir,  wohin  beliebig  clich  zu  entfernen.  Wenn  du  dich 
entfernst,  so  wird  es  mit  Gesser's  Krankheit  besser  werden, 
wenn  aber  nicht,  so  wird  es  schlimmer  werden."  Sie  er- 
wiederLe:  ,,Tch,  Tümen  Dschirghalang,  verstehe,  o  Bote, 
deine  Worte!  Ist  es  Gesser,  der  mich  A'ertreibt  oder  sind 
Rogmo  undTschotong  deine  Herren?"  Der  Bote  antwor- 
tete: „Gesser  vertreibt  dich!"  Tümen  Dschirghalang 
entgegnete:  „Diese  Schandthat  rührt  von  Tschotong  her-, 
mein  Gesser  würd('  mich  nie  vertreiben;  die  Beiden,  Rogmo 
und  Tschotong,  sind  es.  die  mich  vertreiben.  Ich  werde 
mich  eulfernen!  möge  mrin  Herr  Gesser  Chaghan,  der 
Sohn  der  machtvollkomuicnen  ewigen  Gottlieit,  von  seiner 
Krankheit  genesen!  Durch  m<?in  heutiges  Leiden  komme 
ich  um  nichts  zu  kurz 5  ich  weiss,  dass  dieser  mein  Herr 
in  Kraft  des  frühern  Segens  mich  zurück  heimholen  wird. 
Du,  Bote,  kehre  zurück;  ich  werde  mich  entfernen!" 

Tümen  Dschirghalang  versammelte  alle  zu  ihrem 
Haus-  und  Hofhalte  gehörige  Armen  um  sich  und  empfahl 
ihnen  Allen ,  die  Besorgung  der  Hausgeschäfte  und  des 
Vieh 's  mit  derselben  Sorgfall  fortzusetzen,  ;ils  wäre  sie  noch 
da.  Dann  sprach  sie:  „Ich  höre,  die  Krankheit  meines 
Gesser's  ist  bedeutend;  dadurch  ist  plölzlicii  ancli  über 
mich  Leiden  gekommen.  Die  Ursache,  dass  ich  euch  um 
mich  versammelt  habe,  ist  diese."  Solches  gesagt,  theilte 
Tümen  Dschirghalang  ihre  Habseligkeiten  unter  Alle  aus 
und  trat  mit  Thränen  ihren  Weg  an.  Alle  zum  Haus-  und 
Hofhalle  gehörige  Armen  wurden  in  tiefe  Trauer  versetzt 
und  folgten  ihr  weinend.  Sie  riefen:  „Ach  iheure,  edle 
Herrinn,  warum  verlässl  du  uns,  dein  ganzes  Volk  und  Ge- 
sinde! Wie  wir  an  deiner  Freude  Theil  genommen  haben, 
wollen  wir  Alle  auch  mil  dir  leiden  und  sollten  wir  auch 
sterben  müssen,  so  mag  es  geschehen!"  Als  sie  ihr  m,it 
solchen  Worten  und  Thränen  vergiessend  nachfolgten,  sprach 
Tümen  Dschirghalang  zu  ihnen:  „Wenn  diese  Alle 
mitgehen,  so  wird  es  meinem  Herrn,  dem  Gesser  Chaghan 


—     120     — 

zum  Schaden  gereichen-,  wenn  Alle  mitgehen,  so  kann  es 
meinem  theuern  Herrn,  dem  Gesser  Chaghan  nur  schäd- 
lich seyn;  darum,  ihr  meine  Lieben  Alle,  kehrl  zurück'.- 
Sodann  theille  sie  alle  ihre  Kleinodien,  die  sie  milgenom- 
men  hatte,  um  aus  deren  Verkauf  ihren  Lebensunterhalt  zu 
ziehen,  unter  sie  aus  und  setzte  ihren  Weg  fort.  Alles 
Volk  kehrte  zurück  nach  Hause. 

Turnen  Dschirgha lang  verfolgte  einsam  und  aufs  Gera- 
thewohl  ihren  ЛVeg  und  kam  in  eine  Gegend  von  weisser 
Farbe,  in  welcher  alle  Thiere  und  Wesen  weiss  луагеп. 
Ein  weisser  Hase  kam  ihr  als  Bote  entgegen  und  gab  ihr 
das  Geleite.  Das  weissfarbige  Volk  richtete  eine  grosse 
Mahlzeit  an  und  gab  ihr  mit  den  Worten:  „Sie  ist  für  vin- 
sern  Chaghan  bestimmt!"  das  Ausgeleite,  wobei  ihr  ein 
weisse.s  Kleid  angelegt  und  sie  auf  ein  weisses  Pferd  gesetzt 
wurde.  Лоп  da  weiter  kam  sie  in  eine  buntscheckige  Ge- 
gend. Eine  Elster  kam  ihr  als  Bote  entgegen  und  gab  ihr 
das  Geleile.  Das  Volk  des  Landes  richtete  in  vorheriger 
Weise  eine  Mahlzeit  an,  begleitete  sie  in  nämlicher  Weise 
eine  Strecke  und  kehrte  dann  um.  Nun  kam  sie  in  eine  Ge- 
gend von  gelber  Farbe,  wo  sie  von  einem  Fuchse  als  abgeord- 
neten Boten  empfangen  wurde.  Die  Wesen  dieser  Gegend 
richteten  wie  zuvor  eine  Mahlzeit  an  ,  gaben  ihr  das  Aus- 
geleite und  kehrten  zurück.  Weiter  reisend  kam  sie  in 
eine  Gegend  von  blauer  Farbe,  woselbst  ihr  ein  Wolf  als 
Bote  zum  Empfang  entgegen  kam  In  bisheriger  Weise 
richteten  die  Wesen  dieser  Gegend  eine  Mahlzeit  an,  ga- 
ben ihr  dann  das  Ausgeleite  und  kehrten  zurück.  Л''оп  da 
weiter  kam  sie  in  eine  Gegend  von  schwarzer  Farbe.  Sie 
kam  ins  Wa.sser  des  Meeres  und  tappte  auf  Gerathewohl 
weifer.  Plötzlich  kam  ihr  aus  der  Entfernung  einer  Strecke 
eines  Pferdcwettlaufs  ein  glühend  heisser  Wind  entgegen. 
,,0  Weh.  was  ist  das!-'  rief  sie  und  ging  mit  Furcht  und 
Angst  weiter.  Nun  kam  der  Turnen  Dsch  irghalang 
aus   der  Weile   einer  Strecke    des    Wetllaufes    zweijähriger 


—      121      — 

Füllen  ein  schneidend  kalter  ЛVind  entgegen,  so  dass  Tümen 
Dschirghalang  hin  und  her  geworfen  nicht  auf  den  Füssen 
bleiben  konnte.  „Was  ist  das,  mein  Gesser  Chaghan!" 
rief  sie  und  setzte  weinend  ihren  Weg  fort.  Aus  der  Ent- 
fernung einer  Strecke  des  Weltlanfes  einjähriger  Füllen 
kam  ihr  nun  ein  Wesen  entgegen,  dessen  Oberlippe  ge^^en 
den  Himmel  strebte  und  dessen  Unterlippe  zur  Erde  her- 
abhing. Tümen  Dschirghalang  erschrak  vor  dem  zwölf- 
köpfigen Riesen,  ging  ihm  entgegen,  kniete  nieder,  verbeugte 
sich  und  sprach:  „Man  spricht  von  Chormus  da  oben,  dem 
Könige  der  Götter;  als  ich  in  dieser  Nacht  hier  ankam, 
übernachtete  ich  im  Freien.  Habe  ich  es  nun  jreträumt 
oder  war  es  Wirklichkeit:  aber  es  Avar  mir,  als  Avürde  es 
sehr  dunkel  und  ich  würde  gen  Himmel  emporgehoben. 
Ist  diess  etwa  Chormusda,  der  König  der  Götter?  wie 
kann  ich  ihn  erkennen !  Als  ich  an  diesem  Morgen  zu  Fusse 
nicht  weiter  kommen  konnte ,  legte  ich  mich  am  Ufer  des 
Meeres  schlafen.  Da  kam  aus  der  Mitte  des  Meeres  ein 
Ungeheuer  in  Fischgestalt  und  schnappte  mich  weg.  Viel- 
leicht war  es  auch  kein  Fisch,  sondern  ein  Drachenfürst; 
wie  kann  ich  dich  erkennen!"  Hier  verbeugte  sie  sich  und 
sprach  dann  weiter:  ,.Da  ich  höre,  dass  der  Herrscher  in 
den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  mich  geringschätzig 
behandelt,  so  habe  ich  mich  aufgemacht  und  bin  herge- 
kommen zum  zwölfköpfigen  Riesen.  Ist  diess  der  König 
der  Riesen?  ist  er  es  nicht?  Möchte  ich  doch  zu  einer 
Zeit  (einmal)  die  kuhmelkende  Sclavinn  eines  solchen 
Königs  werden!  oder  die  Magd,  welche  die  Asche  лveg- 
schafft!"  Mit  diesen  AVorlen  verbeugte  sie  sich.  Der  Riese 
lachte  Ha!  Ha!  und  sprach:  ,, Schön,  vortrefflich!  komm 
mit!"  und  steckte  sie  zu  sich.  Dann  sprach  er:  „Fürchte 
dich  nicht,  meine  Liebe,  ich  v^erde  dich  nicht  auffressen! 
Es  ist  diess  die  Kraft  meiner  Glücksbestimmung-,  ich  habe 
von  dir  gehört.  Ich  wusste,  dass  Gesser  Chaghan  eine 
schöne   Gemahlinn   besitze    und  hatte  die  Absicht,    sie  ihm 


—      122     — 

wegzunehmen;  da  ich  aber  hörle,  dass  dem  Herrscher  in 
den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  schwer  beizu- 
kommen sey,  Hess  ich  es  seyn.  Ich  weiss  noch  nicht, 
ob  du  meine  kiihmelkcnde  Sclavinn  werden  sollst  oder 
meine  wirkliche  Fronndinn  und  Hausfrau.'-  Diess  gesagt, 
nahm  er  sie  mit  sich  fori.  Als  der  Kiese  mit  Turnen 
Dsch  irghalang  in  seiner  Feste  angelangt  лүаг,  verschlang 
er  sogleich  zwei  oder  drei  seiner  schönen  Gaüinnen-,  die 
Tümen  Dschirghalang  machte  der  Riese  zu  seiner  Ge- 
mahlinn.  Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan  genass  von  seiner  Krankheil;  silhs  Volk  wurde 
von  Krankheiten  und  Seuchen  befreit. 

Der  Herrscherin  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan 
лүаг,  nachdem  ei-  die  Reichsordnung  des  Chinesischen  Küme 
Chaghan  hergestellt  hatte  und  drei  .lahre  in  China  ver- 
blieben war,  zurückgekehrt..  Nun  sprach  er:  „Seit  ich  zu 
dir,  meine  Rogmo  Goa,  zurückgekehrt  bin,  habe  ich  lange 
krank  gelegen;  jetzl  ist  es  Zeit,  meine  Tümen  Dschir- 
ghalang zu  besuchen."  Dann  befahl  er:  „Fangt  mir  mein 
braunes  magisches  Pferd!''  Das  magische  braune  Pferd 
wurde  gefangen,  aber  Rogmo  Goa  bemerkte:  „Vertilget 
der  ^Yurzel  der  zehn  Uebel,  mein  furchtbarer  Bogda !  deine 
Gemahlinn  Tümen  Dschirghalang  ist  schlecht  (untreu) 
geworden,  sagt  man;  wohin  willst  du  gehen I"  Gesser 
entgegnete:  .,\Vas  s])richt  diese  dal  in  ^\elcher  AVeise  sollte 
jene  meine  (Gemahlinn)  schlecht  gesAorden  seyn  I  Warte, 
ich  komme  hin!''  Rogmo  schickte  dem  Tscholong  einen 
Boten  und  Tschotoug  kam  zu  ihr.  Rogmo  und  Tscho- 
tong  machten  eine  Verabredung,  in  Folge  >\cl(licr  Tscho- 
long zu  Gesser  sprach:  ..Mein  Bogda,  ich  will  dir  die 
AVahrheit  berichten:  deine  Tümen  Dschirghalang  hat 
auf  den  T^'erdachl,  dass  du  sie  geiingscliälzig  behandelst, 
sich  .lufgemachl  und  ist.  w'iv  man  sagt,  zum  y.wull'kcipfigen 
Riesen  gegangen.  —  Rlril)e  also  und  gönne  dir  und  dei- 
nem  Pferde    die    nöthige  Ruhe!"     Der    Bogda    erwiederle: 


—     123     — 

„Liegt  die  Schuld  an  meinem  Weibe,  so  werde  ich  mein 
Weib  tödten;  liegt  aber  die  Schuld  am  Kiesen,  so  werde 
ich  den  Biesen  tödten  und  meine  Gemahlinn  zurückführen. 
Jetzt  gehe  ich!"  Mit  diesen  Worten  war  Gesser  Chaghan 
im  Begriffe,  zu  Pferde  zu  steigen,  als  Tscholong  ihn  auf- 
hielt, sprechend:  „Mein  furchtbarer  Bogda!  von  Klein  auf 
bin  ich  gewohnt,  mich  mit  Riesen  zu  messen  und  ihnen 
ihre  Beute  abzunehmen;  ich,  mein  Theurer,  werde  ihn 
verfolgen!"  Gesser  erwiederte:  ,, Oheim,  lass  es  seyn!  die- 
ser schändliche  Kiese  ist  für  dich  eine  zu  schwere  Aufgabe^ 
ich  werde  ihn  verfolgen!"  Tschotong  entgegnete:  „AVelche 
Schwierigkeiten  bietet  dieser  Nichtswürdige  dar;  ich  werde 
ihn  verfolgen!"  Gesser  versetzte:  ,.  Nun,  Oheim,  so  mache 
schnell!"  Hierauf  liess  er  eine  grosse  Fcstmahlzeit  anrich- 
ten, gab  dem  Tschotong  grosse  Geschenke  und  die  Hälfte 
seines  Volkes.  Nachdem  er  den  Tschotong  solchergestalt 
beschenkt  hatte,  ging  dieser  nach  Hause,  nahm  seine  Waffen 
und  machte  sich  auf  den  Weg  zur  Verfolgung  des  Kiesen. 
Am  zv^eiten  oder  dritten  Tage  aber  liess  der  Fürst  Tscho- 
tong dem  ganzen  Volke  öffentlich  anzeigen,  er  sey  erkrankt. 
Bald  darauf  liess  der  Fürst  Tschotong. öfientlich  anzeigen, 
er  wäre  dem  Tode  nahe.  Der  HeiTscher  in  den  zehn  Ge- 
genden Gesser  Chaghan  bestieg  seinen  magischen  Braunen, 
er  setzte  seinen  thauschimmerfarbigen  Helm  auf,  er  legte 
seinen  mit  Edelsteinen  doppelt  besetzten  schAvarzbiauen 
Panzer  an  ,  bewaffnete  sich  mit  allen  seinen  Waffen  und 
machte  sich  auf  den  Weg  zur  Aufsuchung  seiner  Tümen 
Dschirghalang.  Als  er  erfuhr,  dass  der  Fürst  Tschotong 
gestorben  sey,  begab  er  sich  dorthin  mit  den  Worten:  „Da 
es  heisst,  dass  ein  naher  Verwandter,  mein  Oheim,  gestor- 
ben ist,  so  muss  ich,  ehe  ich  mich  um  mein  abhanden  ge- 
kommenes Weib  bekümmere,  erst  das  Leichenbegängniss 
jenes  Verwandten  feiern  und  dessen  Seele  in  den  Himmel 
befördern."  Als  Gesser  Chaghan  ankam  und  hineinging, 
lag    der   eich    todtstellende   Fürst    Tscholong    auf  einem 


—      124     — 

Tische  mit  einem  scliirlcnden  und  einem  verschlossenen 
Auge  .  die  hnke  Hand  offen  ausgestreckt  und  die  rechte 
zusammengeballt,  den  linken  Fuss  ausgestreckt  und  den 
rechten  zusammengezogen.  ,,0  ЛҮеЬ,  Ohrim.  rief  Gesser, 
bist  du  ^virklich  gestorben  I  jn  unser  Obeim  ist  wirklich 
todt!  das  erste  Kind  meiner  ersten  Gattinn  ist  gleichfalls  ge- 
storben! —  Man  sagt,  dass  wenn  Jemand  mit  einem  ver- 
schlossenen und  einem  schielenden  Auge  stirbt,  diess  ein 
böses  Zeichen  sey.'"  Diess  gesagl  ,  nahm  Gesser  eine 
Handvoll  Erde,  kam  und  луаг  im  Begriff,  sie  auf  das  ofl'ene 
Auge  zu  streuen,  als  der  Fürst  Tscholong  das  offene 
Auge  verschluss.  —  „Ferner  sagt  man,  fuhr  Gesser  fort, 
dass  луепп  Jemand  mit  einer  verschlossenen  und  einer  ge- 
öffneten Hand  stirbt,  diess  ein  böses  Zeichen  sey,  als  for- 
derten die  nachgebliebenen  Kinder  noch  etwas  vom  \'aler." 
Als  er  mit  diesen  AVorten  sich  zur  offenen  Hand  hin\^andte, 
schloss  Tschotong  dieselbe.  ..Auch  sagt  man,  fuhr  Ges- 
ser fort,  dass  wenn  Jemand  mit  einem  zusammengezogenen 
und  einem  ausgestreckten  Beine  stirbt,  dies?  ein  schlimmes 
Zeichen  für  die  lebende  Nachkommenschaft  sey.  Als  Ges- 
ser sich,  diess  sagend,  zum  zusammengezogenen  Fusse  hin- 
wendete, streckte  Tschotong  denselben  aus."  Nun,  sprach 
Gesser,  wollen  Avir  unsern  Oheim  auf  ein  hohes  Holzge- 
rüste legen,  viel  Brennholz  aufhäufen ,  ihn  verbrennen  und 
seine  Seele  gen  Himmel  fördern.  Alsdann  will  ich  meine 
Tümen  Dschirghalang  aufsuchen".  Diess  gesagt,  hob 
er  den  Tschotong  auf,  legte  ihn  auf  ein  hohes  Holzge- 
rüstc  und  machte  ein  grosses  Feuer  an.  Der  Fürst  Tscho- 
tong sprang  auf  „Oheim!  sprach  Gesser,  man  sagt  von 
verstorbenen  Menschen,  dass  wenn  das  Feuer  ihnen  an  die 
Sehnen  kommt,  sie  aufstehen.  Diess  scheint  wahr  zu  seyn," 
sprach  er  und  warf  l)rennende  Holzscheite  gegen  ihn. 
O  Weh,  o  "Weh!  Au,  Au!  rief  Tscho tong ,  dein  Oheim 
ist  ja  nicht  todt!"  und  schrie  fürchterlich.  „Dann  komme 
her,    Oheim!"    entgegnete    Gesser    und    zog    ihn    mitten 


—      125     — 

durch  die  Flammen  zu  sich.  T  sc  ho  ton  g  hatte  sich  die 
Haare,  das  Gesicht,  die  Hände  und  Füsse  verbrannt.  „Was 
soll  das  von  dir  bedeuten,  Oheim  Tschotong?"  fragte 
Gesser.  Tschotong  er\Aiederte:  „Man  sagt,  dass  der 
zwölfköpfige  Kiese  beispiellos  grausam  und  furchtbar  sey, 
und  weil  ich  für  dein  Leben  besorgt  war,  wenn  du  hin- 
gingest, so  habe  ich  diese  List  gebraucht. "  Mit  den  Wor- 
ten: „Das  war  eine  überaus  hübsche  und  feine  List  von 
dir,  mein  Oheim!"  kehrte  Gesser  Chaghan  nach  Hause 
zurück. 

Nun  machte  Gesser  Chaghan  sich  zu  seinem  Zuge 
bereit.  Die  Lama's  und  Religionslehrer  kamen,  ihn  davon 
abzuhalten.  Er  sprach  zu  ihnen:  „Das  Sprichwort  sagt: 
Kommt  ein  guter  Lama,  so  erlöst  er  die  Seele;  kommt  ein 
miltelmässiger  Lama,  so  liest  er  Religionsschriften;  kommt 
ein  schlechter  Lama,  so  vernichtet  er  das  \'ieh  draussen 
und  die  Güter  und  das  Hausgeräth  drinnen.  Sie  sind 
gleich  zwei  Blinden,  die  zusammen  gehen  und  den  AVeg 
nicht  finden  können-,  gleich  einem  Paare  zusammengekup- 
pelter und  an  einen  Baum  gebundener  grosser  Kälber. 
Haltet  eure  Fasten  und  eure  religiösen  Gelübde  und  geht 
nach  Hause!"  Die  A^olksoberhäupter  und  Richter  kamen 
und  wollten  Gesser  zurückhallen,  er  aber-  sprach  zu  ihnen: 
„Sorget  bestens  für  die  Handhal)ung  der  Regierung  und  für 
die  Befolgung  der  Gesetze  und  Verordnungen!  richtet  nicht 
nach  Ansehen  der  Person!  geht  nach  Hause!"  Nun  kamen 
auch  die  dreissig  Helden  und  die  dreihundert  Hauptleule 
des  Heeres  und  wollten  ihn  zurückhallen-,  er  aber  sprach 
zu  ihnen:  „Es  ist  ungewiss,  oIj  nicht  während  meiner 
Abwesenheit  von  irgend  einer  Seite  her  Feinde  kommen 
möchten-,  daher  gehl  nach  Hause  und  sorget  dafür,  dass  eure 
Panzer,  Helme  und  euer  Waffengerälhe  in  guter  Ordnung 
bleibe!"  N.<chdem  Alle  nach  Hause  zurückgekehrt  waren, 
kam  auch  Rogmo  Goa  in  der  Absicht  ihn  zurückzuhalten; 
sie  sprach:    ,,Als  ich  geboren  wurde,  hüpfte   ein  Einhorn 


—     126     — 

auf  der  rechten  Seite  meines  Daches  herum,  auf  der  linken 
Seite  desselben  hüpfte  ein  Kuluk*)  herum;  an  einem  son- 
nenlosen Tage  schien  es  hell  und  klar,  und  an  einem  wol- 
kenleeren Tage  regnete  es;  auf  meiner  Herrenstütze  sass 
ein  Papagei  und  licss  seine  Stimme  hören ,  auf  meiner 
Fraiienslülze  sass  ein  Kukuk  und  Hess  seine  Stimme  hören 
und  auf  meiner  Stütze  der  Bogdas  sass  der  Urjangchalln 
Goa  genannte  Vogel.  Das  Avcisse  Schneegebirge  ist,  sagt 
man,  die  äussere  Grenze  der  Mitte,  der  Tsaghan  Arslan 
(weisse  Löwe)  das  innere  Kleinod,  die  kupfergrüne  Mähne 
der  Schmuck  des  Umfanges.  Diese  Drei  bestehen  von  frü- 
her Zeit  her.  Jetzt  und  immerdar  möge  uns  Beiden,  Gesser 
und  mir,  Glück,  Segen  und  Heil  verbleiben!  Das  schwarze 
Gebirge  ist,  sagt  man,  die  äussere  Grenze  der  Mitte,  der 
schwarze  Stier  das  innere  Kleinod,  und  Schvsauz  und  Hör- 
ner der  Schmuck  des  Umfanges.  Diese  Drei  bestehen  von 
flüher  Zeit  her.  Jetzt  und  immerdar  möge  uns  Beiden, 
Gesser  und  mir.  Glück,  Segen  und  Heil  verbleiben!  Ich, 
deine  Kogmo  Goa,  als  eine  solche  neunfache  Dakini- 
Verwandlung,  rathe  dir  (den  Zug)  ab."  Gesser  Chaghan 
sprach:  „Wenn  es  wahr  ist,  dass  meine  Gemahlinn  Kogmo 
Goa  eine  neunfache  Dakini- Verwandlung  ist,  so  möge  sie 
aus  dürrem  Erdreich  Wasser  hervorkommen  lasseU  ,  so 
möge  sie  aus  wüstem  Erdreich  Früchte  schaffen !•'  Alsbald 
scbaffte  sie  Obst  aus  wüstem  und  Wasser  aus  dürrem  Erd- 
reich. Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan  ver])lieb  sodann  noch  di*ei  Jahre  in  der  Heimath. 
Nun  bestieg  Gesser  Chaghan  seinen  magischen  Brau- 
nen, er  legte  seinen  vielfachen  kostbaren  AVaft'enschmuck 
an  und  war  zum  Zuge  fertig.  Seine  Gemahlinn  Pvogmo 
sprach:    .,Werin  der  Braune  den    Gesser   nicht  bis  an  das 

4)Vergl.  S.  56,  >vo.selb3l  das  TJiier  Uruluk  genannt  ist.  Ruiuk 
wt  Tibetisch  und  bedeutet  „ein  gehörntes  Schaf",  vielleicht  ein 
Argali  oder  wildes  Beigschaf. 


—     121     — 

Ende  seiner  Unternehmung  zu  bringen  vermag,  so  werde 
ich  ihm  Mähne  und  Schwanz  ahscheeren  und  zu  Asche  ver- 
brennen; wenn  aber  Gesser  liinter  dem  Vermögen  des 
Braunen  zurückbleibt,  so  möge  ihm  der  Daumen  abge- 
schnitten und  zu  Asche  verbrannt  werden!"  Sodarm  machte 
sie  Gesser's  Reiseproviant  zurecht  und  verpackle  ihn. 
Zucker  lind  Pvosinen  für  den  Braunen  hing  sie  demselben 
um  den  Hals.  Gesser  Chaghan  trat  die  Heise  an,  schaute 
aber  be.'ständig  hinter  sich.  Der  Braune  fragte  ihn:  „Warum 
schaues!  du  liickv.ärts,  \лепп  ein  Weib  solche  Reden  führt?" 
Gesser  Chaghan  setzte  seinen  Weg  fort.  Er  rftt  seinen 
Braunen  und  stieg  einen  hohen  Berg  bis  zu  dessen  Gipfel 
hinan.  Während  er  seinem  Pferde  Sprünge  und  Sätze 
machen  liess,  richtete  er  folgende  Bitte  an  seine  drei  sieg- 
reichen Schwestern:  „Mein  Boa  Dongtsong  Garpo!  Mein 
Arjawalüri  Ldgari!  Meine  Dschamtso  Dari  Udam^)! 
Meine  drei  siegreichen  Schwestern!  welche  Richtung  soll 
ich  einschlagen?  leb,  euer  Rotznäsolien,  jiclite  meine  Bitte 
an  euch!"  Die  drei  Schwestern  und  Schulzgenien  kamen 
in  der  Gestalt  eines  Kukuks  herab  und  sprachen,  indem 
sie  seinen  Weg  nach  der  Ostgegend  richteten:  „Lieiies 
Rotznäschen,  diess  ist  dein  Weg!  Gesser,  unser  Rolz- 
näschei\!  etwas  weiter  von  hier  gibt  es  eine  Verwandlung 
des  zwölfköpfigen  Riesen  in  der  Gestalt  eines  wilden  Stieres, 
dessen  rechtes  Hörn  den  Hin)mel  siülzt,  \Aährend  dessen 
linkes  Hörn  die  Erdlläche  berülirt.  Alles  Gras  eines  gan- 
zen Weideplatzes  frisst  er  zu  einer  einzigen  Mahlzeit  ab; 
alles  Wasser  eines  Bergstromes  von  dessen  Ursprung  bis 
zu  dessen  Mündung  verschlingt  er  anf  einmal  als  jedesma- 
ligen Trunk.  Mit  einem  solchen  furchtbaren  Feinde  hast  du 
es  zu  thun,  mein  Lieber  5  du  mtisst  ibn  aber  mit  Vorsicht 
besiegen!"   —   „Die     Worte    meiner    Schweslern    sind    ge- 


5)    Bekaiinllich    die    mit    ihm    zugleich   von    einer   und    derselbeu 
Mutter  geborenen  Schutzgeisler;  vergl.  S.  12. 


—     128     — 

gründet",  sprach  Gesser  und  ritt  лүе11ег.  Während  der 
wilde  Stier  in  einem  Satze  eine  Strecke  von  zehn  Sprüngen 
zurücklegte,  konnte  der  magische  Braune  blos  sieben  Sprünge 
in  einem  Salze  überspringen,  so  dass,  \vährend  der  Braune 
um  drei  Sprünge  zu  kurz  blieb,  Gesser  alle  seine  dreissig 
weissen  Pfeile  mit  Kerben  von  Türkis  (vergeblich)  ver- 
schoss.  Unterdessen  sammelten  die  drei  siegreichen  Schwe- 
stern die  Pfeile  und  Gesser,  welcher,  als  er  den  wilden 
Stier  nicht  treffen  konnte,  zurückkehrte,  fand  sie  nicht  mehr, 
denn  die  drei  siegreichen  Schwestern  hatten  sie  aufgesam- 
melt. Da  fing  Gesser  an  zu  jammern  und  zu  wehklagen: 
„O  meine  Schwestern,  was  soll  ich  mit  dem  wilden  Stiere 
anfangen!  während  der  wilde  Stier  in  einem  Satze  zehn 
Sprünge  zurücklegte  ,  brachte  es  der  magische  Braune  blos 
auf  sieben  und  weil  er  um  drei  zurückblieb,  habe  ich  alle 
meine  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von  Türkis  ver- 
schossen. Meine  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von 
Türkis  finde  ich  nicht  mehr!  O  Weh,  meine  Schwestern, 
was  soll  ich  nun  thun!"  Die  drei  siegreichen  Schwestern, 
seine  Schutzgeister,  erschienen  ihm  in  der  Gestalt  eines 
Kukuks  und  sprachen:  ..Unser  liebes  Rotznäschen,  warum 
weinst  du!  Bist  du  ein  Weib?  ein  Mann  pflegt,  wenn  er 
eine  Unternehmung  auszufüliren  gedenkt,  sich  nicht  läppisch 
zu  benehmen!  Deine  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben 
von  Türkis  werden  wir  dir  schaffen!  Wir  werden  für  dich 
zur  Erfrischung  vom  Lama  gesegnete  und  geheiligte  Speise 
und  für  deinen  magischen  Braunen  zum  Futter  Gerste  und 
AVeitzen  fertig  herschaffen !  Wenn  du  das  erhalten  haben 
Wirst,  dann  setze  deinen  ЛVeg  fort,  unser  lieber  Gesser!'" 
Im  Begriffe  aufzubrechen  fand  Gesser  Alles  vor  und  sprach: 
„Meine  Schwestern  haben  лдаЬг  gesprochen!"  Naclidem  er 
seine  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von  Türkis  ein- 
gesteckt, die  gesegnete  Speise  zu  sich  genommen  und  den 
magischen  Braunen  gefüttert  hatte,  setzte  er  seinen  Weg 
fort.     Er  verfolgte  die  Spur  des  wilden  Stieres,  da  es  aber 


—      129     — 

schon  spät  geworden  war,  sähe  er  sich  geuäthigt,  ira  Freien 
zu  übernachten.  Den  Zügel  seines  magischen  Brauneu  be- 
festigte er  an  deu  Saltelknopf,  legte  sicli  dann  auf  die  Seite, 
das  Gesicht  links  gesendet,  überdeckte  sich  den  Kopf  mit 
seinem  Hockschoosse  und  schlief  ein.  Mitten  in  der  Nacht 
kam  der  Avilde  jStier  hex-geschlichen.  Einmal  schnappend 
hatte  er  dem  magischen  Braunen  Mähne  und  Schweif  rein 
abgeleckt 5  ein  zweiles  Mal  schnappend  hatte  er  die  Federn 
der  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von  Türkis  rein 
abgeleckt;  da  sprach  der  magische  Braune:  .,Höre,  wilder 
Stier,  ich  werde  wahrlich  den  Herrscher  in  den  zehn  Ge- 
genden Gesser  Chaghan  \n ecken!"  Der  Siier  versetzte: 
„Gut,  Nichtswürdiger,  \\enu  du  so  sprichst,  so  sollst  du 
mich  morgen  nicht  einholen!"  Mit  diesen  Worten  liess  er 
aufGesser's  Gesicht  einen  berghohen  Haufen  seines  Kothes 
fallen  und  entfernte  sich  dann.  Gegen  Morgen  erwachte 
der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan 
mit  Schrecken  und  л^arf  den  Kolh  von  der  Höhe  eines 
Berges  von  sich;  dieser  Koth  überschüttele  eine  ganze 
Wiesenfläche.  Als  Gesser  aufsprang,  entdeckte  er,  class  sein 
magischer  Brauner  ein  Mähnen-  und  Schweifloscs  räudiges 
Füllen  geworden,  und  dass  seine  dreissig  weissen  Pfeile 
mit  Kerben  von  Türkis  federlos  gleich  Kinderpfeilen  ge- 
worden waren.  Er  jammerte:  „Wo  bleibt  ihr,  meine  vie- 
len himmlischen  Schutzgeisler,  während  der  Schutzgenius 
der  Menschheit  seinem  Berufe  nachgeht!  Was  macht  ihr, 
meine  vielen  Schutzgeisler  Alle !  Dir,  meine  drei  siegreichen 
Schwestern!  der  wilde  Stier  ist  gekommen,  hat  meinem  ma- 
gischen Braunen  Mähne  und  Schweif  rein  abgeleckt  und  ihn 
zu  einem  räudigen  braunen  Füllen  gemacht;  er  hat  die 
Federn  meiner  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von 
Türkis  rein  abgeleckt  und  meine  dreissig  weissen  Pfeile  zu 
federlosen  Kinderpfeilen  gemacht!"  Die  drei  schützenden 
siegreichen  Schwestern  kamen  in  der  Geslalt  eines  Kukuks 
herbei  und  sprachen  zu  ihm:  „Wenn  du  weinen  willst,  mein 

9 


—      130     — 

Lieber,  dann  gehe  nach  Hause  1  Der  Mann  hat  es  mit  seinem 
Feinde,  das  Weih  mit  der  JNebenbuhlerinn  zu  ihun!  Wenn 
ein  hohes  Ufer  vom  Unlerspühlen  nicht  einstürzt,  so  wird 
es  zum  festen  Fels;  Wenn  der  Mann  niclit  wankt,  so  wird 
sein  Muth  hart  wie  ein  edler  Kiesel  I  Deinem  ma<^ischen 
Braunen  werden  wir  AVeitzen ,  wovon  ihm  Miiline  und 
Schweif  ЛЛ  achsen  sollen ,  zum  Futter  gehen ;  dir  aber  wer- 
den Avir  vom  Lama  gesegnete  Speise  zu  deiner  Erfrischung 
vorsetzen-,  deine  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von 
Türkis  werden  wir  dir  befiedert  herstellen;  ob  sie  schlechter 
oder  besser  geworden  si^fl,  als  zuvor,  wirst  du  sehen!" 
Als  Gesser  nachsähe,  fand  er,  dass  die  Pfeile  unendlich 
schöner  waren,  als  zuvor.  Er  steckte  (He  dreissig  weissen 
Pfeile  ein,  genoss  die  gesegnele  Speise  und  fütterte  seinen 
magischen  Braunen  von  Morgen  bis  Mitlag  drcijnal.  \\олоп 
ihm  Mähne  und  Scliweif  wieder  wuchsen. 

Nun  machte  Gesser  Chaghan  sich  auf  den  Weg. 
Während  ei-  die  Spur  des  wilden  Stieres  verfolgte,  sprach 
er  zu  seinem  magischen  Braunen:  ..Mein  magischer  Brau- 
ner!  nun  mu^st  du  dem  wilden  Stiere  vorbeilaufen.  AVenn 
du  ihn  nicht  überholest,  so  werde  ich  deine  vier  Hufen 
abschneiden,  Sattel  und  Zaum  auf  den  Bücken  nehmen  und 
(zu  Fusse)  nach  Hause  wandein.'"  Der  magisclie  Braune 
versetzte:  „Die  Worte  des  Herrschers  in  den  zehn  Gegen- 
den, meines  Gesser  Chaghan's,  sind  gerecht!  dem  wilden 
Stiere  will  ich  srjion  vorbeilaufen  und  ihn  überholen;  du 
aber  musst  den  Avilden  Stier  in  der  Art  durch  das  W^eisse 
der  Stirn e  schiessen,  dass  die  Pfeilspitze  durch  das  Schwarze 
der  rechten  Seite  (des  Kopfe$)  fahrt,  Verfcblsl  du  ihn 
aber,  so  werde  ich  ausschlagen,  dich  al)\\eif(n  und  zu  dei- 
nen Schwestern  im  Hiinmel  zurückkehren."-  —  -,Gut,  mir 
ist  es  recht!"  sprach  Gesser,  und  gab  dem  Pferde  drei 
Hiebe  über  den  rechten  Schenkel  mit  seiner  magischen 
Peitsche.  Der  Braune,  dem  Gesser  ziirnend,  eriiob  sicli 
mit  ilnu  gen  Himmel.    Als  Gesser  Chaghan  den  Braunen 


—      131     — 

nicht  zu  zügeln  vermochle,  sprach  er  zu  ihm:  .,Wie,  mein 
maoischer  }3iauner.  hisl  du  ein  Falke  oder  SperJjer  gewor- 
den, der  am  Himmel  graugefleckte  Kraniche  jagt?  Gehe 
doch  ordentlich  auf  der  Erdfläche,  mein  Lieher  !•••  Der 
Braune  senkte  sich  zur  Erde  lierah ,  spiving  und  wülilte 
stampfend  die  Erde  durch,  dass  Schollen  und  Slaul»  dem 
Gesser  um  den  Kopf  flogen.  Gesser  sprach:  „Wie, 
mein  magischer  Brauner,  hist  du  ein  Regenhogen  geworden, 
dass  du  mit  deinen  Sätzen  das  ehene  Erdreich  aushöhlst? 
Laufe  gehührlich  und  ordentlich  auf"  der  Erdfläclie,  mein 
Lieber,  und  suche  das  hewusste  Ziel  zu  erreichen  I"  Der 
Braune  lief  nun  regelmässig  auf  der  Erdfläche  und  kam  deni; 
wilden  Stiere  zuvor.  j\un  rannte  Gesser  Chaghan  auf 
dem  magischen  Braunen  gegen  den  wilden  Stier  und  schoss 
ihn  dabei  durch  das  Weisse  der  Stirne  in  der  Art,  dass  der 
Pfeil  durch  das  Schwarze  der  leclilen  Seite  des  Kopfes 
fuhr.  Nachdem  er  solchergestalt  den  Stier  erlegt  halte, 
warf  er  sich  vom  Pferde,  lief  hinzu,  schnitt  drei  Wirbel 
des  Schwanzes  ah  und  nahm  sie  in  den  Mund.  Die  drei 
siegi'eichen  Scliwestern ,  seine  Schutzgenien  ,  kamen  vom 
Himmel  herab,  erschienen  ilnn  persönlich  und  sprachen: 
„Unser  liebes  Rotznäschen  !  dein  Angrilf  ist  der  eines  Hel- 
den; dein  Schuss  der  eines  Meisters!  dass  du  von  deinem 
magischen  Braunen  springst,  ihn  weit  hinter  dir  lässt  vmd 
hergelaufen  kommst ,  ist  die  Weise  eines  Narren  !  dein 
übereilles  Abschneiden  und  gleich  in  den  Mund  Nehmen 
ist  die  Weise  eines  Fressers  1  Iss  das  Fleisch  dieses  wilden 
Stieres,  nachdem  du  zuvor  davon  deinen  vielen  himmlischen 
Schutzgenien,  deinen  drei  siegreichen  Schwestern,  mit  einem 
Worte,  allen  deinen  vielen  Schutzgeistern  ein  reines  Opfer 
dargebracht  hast!"  Gesser  sprach:  „Meine  Sshwe.stern 
haben  wahr  gesprochen!  ich  weiss  nicht,  that  ich  es  aus 
Hunger  oder  aus  Rache."  —  Nachdem  er  ihnen  Allen  (deü 
Schutzgeistern)   nach   iJner  Ordnung    von  dem  Fleische  des 


—     132     — 

wilden  Stieres  ein  reines  Opfer  dargebracht  hatte,  genoss 
er  davon  gleichfalls. 

Als  Gesser  im  Begrifte  л\аг,  zu  Pferde  zu  steigen, 
sprachen  die  drei  siegreichen  Schwestern  zu  ihm:  ,, Unser 
liebes  Kotznäschen!  Weiler  hin  im  Lande  des  Schimnu  ist 
nichts  als  UnHalh,  Unsauberiieil  und  Abscheulichkeil  ^  dahin 
gehen  лvir  nicht,  du  mussl  daher  den  Weg  allein  machen. 
Untervvegs  kommst  du  an  einen  bezauberten  Fluss,  der 
eine  Schimnu-\'erwandlung  ist;  in  diesem  Flusse  strömen 
scheinbar  Pferde,  Menschen  und  Felsstücke  durch  einander 
imd  lassen  heulende  und  winselnde  Töne  hören ;  sprich 
die  Worte  Guru  Ssojagha,  schlage  dabei  dreimal  mit 
deiner  magischen  Peitsche  in  den  Fluss  und  passire  dann 
denselben.  Von  da  Aveiterhin  kommst  du  zu  einer  andern 
Schimn  u  -  \  erA\andlung  ,  nämlich  zu  zwei  an  einander 
schlagenden  Felswänden-,  um  zwischen  denselben  durchzu- 
kommen musst  du.  unser  Liebling,  selbst  ein  Mittel  aus- 
findig machen;  auch  bleibt  alles  Fernere  auf  deinem  Wege 
deinem  eigenen  Ermessen  überlassen. 

Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Ghaghan 
setzte  seinen  Weg  weiter  fori,  auf  Avelchem  er  in  der  That 
an  den  bezauberten  Fluss  kam.  ..Die  Worte  meiner  Schwe- 
stern sind  Avahr!"  sprach  er  und  Guru  Ssojagha  rufend, 
schlug  er  mit  seiner  magischen  Peitsche  dreimal  in  den 
Fluss,  worauf  er  denselben  passiite.  Weilerhin  gelangte  er 
zu  der  Aer^^andlung  des  Riesen,  den  zwei  Felsen.  ,,Diess 
sind,  sprach  ei,  die  zwei  Felsen,  von  welchen  meine  Schwe- 
stern gesprochen  haben."  Nun  wandelte  er  seinen  magi- 
schen Braunen  in  ein  räudiges  braunes  Füllen  um  und 
sich  selbst  in  einen  ganz  vertrockneten  gemeinen  Menschen. 
Als  er  den  Felsen  nahe  kam,  sprach  er  in  lislig-betrüge- 
rischer  Weise  Folgendes:  ,,Wie  hüJ)Sch  und  artig  würde 
es  sevn,  wenn  diese  Felsen  recht  bald  zusammenklappten! 
Wenn  sie  das  mit  knapper  Noth  aus  Tübet  gekommene 
räudige    Füllen    und    mich ,    den    vertrockneten    gemeinen 


—      133     — 

Menschen  erblicken,  werden  sie  sich  da  nicht  beeilen,  zu- 
sammenzuklappen ?  Ob  das  wohl  ihre  von  jeher  gewohnte 
Art  seyn  mag?  In  unserm  Lande  Tübet  gibt  es  solche 
Felsen ,  die  aus  der  Entfernung  einer  Tagereise  oder  we- 
nigstens einer  halben  Tagereise  schnell  zusammenklappen 
und  einen  Menschen  lödlen.  Hört,  ich  sterbe  vor  Furcht 
und  will  daher  umkehren  !'•  Die  beiden  Felsen  dachten: 
„Der  Mensch  hat  Recht!  der  arme  Schlucker  fürchtet  sich! 
Wir  wollen  in  der  That  aus  der  Entfernung  einer  Tage- 
reise zusammenklappend  ihn  tödten."  Demgemäss  entfern- 
ten sich  die  beiden  Felsen  sehr  лveit  auseinander.  ЛVährcnd 
Gcsser  Chaghan  die  beiden  Felsen  weit  auseinander 
gebracht  hatte,  spornte  nnd  peilsclite  er  seinen  magischen 
Braunen  und  sprengte  zwischen  durch.  Die  beiden  Felsen, 
in  der  Absicht,  den  Gesser  zusammenzucj^uetschen  und  zu 
tödten,  prallten  heftig  gegen  einander,  wovon  sie  in  Trüm- 
mer und  Stücke  auseinanderfallend  hingestreckt  wurden. 

Als  Gesser  Chaghan  Aveiter  gelaugle  und  zu  den  ver- 
schiedenfarbigen Volksstämmen  ^)  des  Pviesen  kam,  verwan- 
delte er  sich  in  die  jedesmalige  Farbe  und  kam  glücklich 
durch.  Weiterhin  begegnete  er  einem  Kameelhirten  des 
JKiesen.  welcher  einen  Stein  von  der  Grösse  eines  Kameeis 
als  Pieil  zugespitzt  hatte.  Gesser,  diess  sehend,  nahm 
einen  Stein  von  der  Grösse  eines  Kindes  und  spitzte  ihn 
gleichfalls  als  Pfeil  zxi.  Dann  rief  er  dem  Kameelhirten  zu: 
,, Kamerad,  wer  und  v\essen  bist  du?"  Dieser  antwortete; 
„Ich  bin  ein  Kuhhirte  !•'  —  „Gut,  sprach  Gesser,  lasst 
uns  zum  Spiel  einander  gegenseitig  Averfen!"  Antvsorl:  „Ich 
bin  es  zufrieden!''  Gesser  fragte:  ..Sollen  wir  einander 
gegeu  den  Obertheil  oder  gegen  den  Untertheil  (des  Kör- 
pers) Averfen?'-  Der  Kanieelhirle  antwortete:  „Ich  werde 
gegen  deinen  Obertheil  A\erfen  und  du  wirf  gegen  meinen 
ÜDlertheil!"  Nun  zielte  der  Kameelhirte   mit  seinem  Fels- 

6}  Vergl.  S.  120. 


—     134     — 

stücke  \oii  der  Grosse  eiues  Kameeis  gegen  Gesser  und 
warf,  aber  dieser  verv^andellc  sich  in  die  kleine  Gestall 
Joro's.  so  dass  der  Wurf  über  iJin  wegflog  xmd  ihn  ver- 
fehlte. „Nun,  Kamerad,  ist  die  Reihe  an  mir!"  rief  Ges- 
ser Chaghan  und  warf  den  Stein  in  niederer  Richtung 
gegen  die  Herzgrube  des  Kameelhirten ,  welcher  kraftlos 
hinsauk.  JNiin  warf  sich  Gesser  über  ihn,  überwältigte 
ihn  und  Iragle  ihn  aus:  „In  ллскЬег  Richtung  liegt  das 
Schloss  des  Riesen?  Ist  der  Weg  dahin  ohne  Beschwerde? 
Jn  welcher  (iegend  pflegt  der  Riese  zu  jagen?"  Der  Ka- 
nieelhirte  antwortete  :  ,.Das  Schloss  des  Riesen  ist  nicht 
weil  von  hierj  auf  dem  weissen  Himmels -Gebirge  herwärts 
hat  er  eine  Л\'асЬе  von  Götterkindern  hingestellt,  weiterhin 
auf  dem  gelben  Wellgebirge  hat  er*,  eine  AVache  von  Men- 
schenkindern hingestellt;  noch  weiterhin  auf  unserm  schwar- 
zen Riesengebirge  befinden  sich  Riesenkinder  als  Wache; 
alle  diese  Erscheinungen  wird  der  Göttersohn  leicht  erken- 
nen." Hierauf  lödlete  (jesser  Chaghan  den  Kameel- 
hirten und  lödlete  sodann  auch  die  folgenden  Hüter  der 
andern  drei    \  iehheerden  in  der  nämlichen  Weise. 

Als  Gesser  Chaghan  bei  der  Fortsetzung  seines  Weges 
zuni  \\  eissen  Himmelsgebirge  gelangte  und  die  Gotterkinder 
ihn  eiMicklen,  fingen  sie  an  zu  jammern  und  riefen:  „O  Weh! 
dieses  Land  pflegte  nie  ein  rolhfüssiger  Mensch  zu  betreten-, 
wenn  ein  Mensch  hieher  kommt,  so  wird  der  Riese  uns 
lödten !  Oder  is(  es  vielleicht  ein  Bogda?  Wie  mögen  wir 
das  erkennen?"  Gesser  beruiiigte  sie  mit  den  Worten: 
„Liebe  Kinder,  fürchtet  euch  nicht  und  tretet  näher!  ich 
bin  Gesser  Chaghan,  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegen- 
den. Wie  aber  koniml  ihr  hieber,  da  ihr  Götterkinder 
seyd?"  Sie  anlwortelen  :  .,  Wir  waren  ungehorsam  gegen 
unsere  Eltern  und  senku-n  uns  auf  die  Erdfläche  herab; 
während  \^ir  hier  spielten,  kam  ])lötzlich  der  zw ölfköpfigt; 
Riese,  schnaj)ple  uns  auf  und  brachte  uns  liieher.  Ev 
meinte,    Gesser  könnle  kojiimen,    und   slellte  uns  deshalb 


—      135       — 

als  Wache  hin."  Gesser  sprach:  „Nun,  Kinder,  wenn 
dem  so  ist,  was  gebt  ihr  mir,  wenn  ich  euch  den  Riesen 
tödte?'-  Sie  antworteten:  „Ach,  Bogda,  was  würde  uns  für 
dich  leid  seyn,  wenn  wir  etwas  hätten!"  Bei  diesen  Worten 
verbeugten  sie  sich  und  sprachen  weiter:  „Herrscher  in  den 
zehn  Gegenden  Gesser  C haghau!  Von  hier  weiterhin  liegt 
das  geJbe  Weltgebirge;  mit  den  Kindern  daselbst  sprich 
ebenso  \^ie  mit  uns  und  setze  deinen  AVeg  fort!  Von  da 
weiterhin  auf  dem  Gebirge  des  zwölfköpfigen  Riesen  hat 
derselbe  eine  Wache  von  Riesenkindern  hingestellt.  In  die- 
sem Gebirge  gibt  es  unersteigliche  Felsen  und  undurchdring- 
liche Wälder 5  es  gibt  daselbst  kein  Tageslicht  und  die 
Nacht  ist  furchtbar  schwarz  wie  der  dickste  Nebel;  daselbst 
wird  diess  hier  nöthig  seyn!"  Bei  diesen  Worten  langte 
eines  der  Kinder  einen  feuerleuchtenden  Krystall  aus  dem 
Busen  und  überreichte  denselben  mit  den  ЛVorten:  „Wenn 
du,  Bogda,  jenes  Gebirge  passiren  willst,  so  halte  diess  und 
es  Avird  dir  das  nöthige  Licht  auf  deinem  Wege  geben." 
Gesser  erwiederle:  „Arme  Kinder,  das  ist  sehr  wacker 
von  euch!"  Sie  sprachen  Aveiter:  „Wenn  du,  Bogda,  jenes 
Gebirge  überschritten  hast,  so  kommst  du  weiterhin  zu  drei 
hohen  Bergen;  an  dein  ilachen  Flussufer  des  mittleren  Ber- 
ges M  irst  du  einen  Menschen  von  der  Grösse  einer  Elle 
sitzen  sehen;  dieser  isl  ein  solcher  ausgezeichneter  Zeichen- 
deuter, dass  er  aus  seinen  rothen  Fäden  ohne  den  gering- 
sten Irrlhum  Vlies  A^eissagt').  Л^оп  diesem  Menschen  lass 
dir  dein  Schicksalszeichen  stellen;  findet  er  es  gut,  so  gehe 
weiter,  findet  er  es  sclilecht,  so  halte  ein!"  — „Vortrefflich!" 
sprach  Gesser  Chaghan,  und  setzte  seinen  AVeg  fort.  Er 
kam  zum  gelben  Weltgebirge  und  passirle  dasselbe,  nach- 
dem er  nach  der  Am'seisung  der  Götterkinder  gesprochen 
hatte.       Sodann    gelangte    er    zum    schwarzen    Gebirge    der 

1)  Im  Original:    „der  sich  im  Fleiochbraten  nie  täuscht.."    Dieser 
Vergleich  kommt  in  der  Folge  öfter  vor. 


—     136     — 

Rieseu.  Hinkommend  fand  er  in  der  That  einen  sehr  hohen  . 
steilen  imd  völlig  grasloson  Berg,  wo  kein  Unterschied 
zwischen  Tag  und  Nacht  bemerkbar  л\аг  und  ein  dicker 
iVebel  Alles  in  Scil^^arz  hüllle.  Er  stieg  an  der  Stelle  vom 
Pferde,  legte  einen  Baling^)  als  Opfer  hin  und  betete  zu 
seinen  vielen  Schutzgeistern:  „Ihr,  meine  vielen  himmli- 
schen Schulzgeister !  meine  drei  siegreichen  Schw  estern  I 
mit  anhaltendem  Donnergetöse  schickt  einen  Hagel  von  der 
Grösse  einer  Faust  herab!  ich  stehe  im  Begriff,  dieses  ge- 
fahrliche Gebirge  meiner  Todfeinde,  ihnen  zuvorkommend, 
zu  nassireu."  Alsbald  entstand  unter  Donnerschlägen  ein 
anhaltender  Platzregen  mit  Hagelstücken  von  Faustgrösse. 
Gesser  Chaghan  nahm  seinen  Krv stall  in  die  Hand  und 
galoppirle  auf  seinem  juagischen  Braunen  über  das  Gebirge. 
Die  Kiesenkinder  hatten  sich,  den  Hagel  fürchtend,  nieder- 
gelegt und  ihre  Köpfe  bedeckt j  Gesser  hatte  einen  faust- 
grossen  Stein  in  den  Busen  gesteckt,  w^mit  er  die  Köpfe 
der  Riesenkinder  einschlug  und  sie   tödtete. 

Darnach  gelangte  Gesser  Chaghan  zu  den  drei  Flüssen 
und  als  er  längs  dem  mittleren  derselben  aufwärts  ritt^ 
entdeckte  er  in  der  That  einen  Menschen  von  der  Grösse 
einer  Elle.  Alsbald  verwandelte  er  seinen  magischen  Braunen 
in  ein  räudiges  braunes  Füllen,  sich  selbst  aber  in  einen 
gemeinen  Menschen  und  stieg  ab.  Als  er  in  die  INähe 
(des  Zeichendeuters)  kam,  rief  er:  „Bleibt  mir  vom  Halse! 
dieser  ellenlange  Mensch  лvi11  aus  seinen  rnthen  Fäden 
Alles  ohne  Irrthum  weissagen?  ^^ elcher  Lügner !•'  Diess  ge- 
sagt, setzte  sich  Gesser  zu  ihm  und  spracli:  „Du  ellen- 
langer Mensch!  it-h  bin  gesonnen,  längs  dem  Tsaghan 
Muren  (weissen  Sirom)  aul"  den  Raub  von  Kameelwal- 
lachen  zu  gehen,  untersuche  doch  einmal  deine  Zeichen! 
Ferner  will  ich  läiig.'^  dem    Scbira  Muren  (gelben  Strom) 

8)  Eine  aus  Teig  gekneletr  pyramidcnartigo  I''igiir.  Die  Baliiig 
werden  häufig  als  Todtenopfer  gebiaucht. 


_      131      — 

auf  den  Raub  der  Pferdeheerde  mit  gelblichen  Hengsten 
ausgehen;  untersuche  doch  deine  Zeichen!  Endlich  bin  icli 
gesonnen,  längs  dem  Chara  Muren  (schwarzen  Strom)  auf 
den  Raub  der  Pferdeheerde  mit  sch"svarzen  Hengsten  und 
Blässe  auszugehen;  sehe  deine  Zeichen  nach!"  Der  ellen- 
lange Mensch  zog  einen  rothen  Faden  hervor  und  unter- 
suchte ihn;  dann  sprach  er:  .,Gehe  nicht  den  Tsaghan 
Muren  entlang,  denn  es  ist  Buddha's  Weg!  Gehe  auch 
nicht  den  Schira  Muren  entlang,  denn  es  ist  der  Weg  des 
Wellgebäudes!  Gehe  aber  längs  dem  Chaia  Muren,  weil 
dein  L  uternrhmen  gegen  den  Riesen  gericlilel  ist!  Du  wirst 
zw^ar  ein  wenig  zu  leiden  haben,  aber  das  schadet  nicht 
viel,  denn  du  wirst  deiu  Л^огЬаЬеп  ausrichlen.  "  Als  Gesser 
im  Begriff  war  aufzusteigen,  rief  ihm  der  ellenlange  Mann 
zu:  ,.Halt,  warte  noch  ein  лvenig!  es  gibt  noch  einen  Fa- 
den zu  untersuchen!"  —  Diess  gesagt  blickte  er  Gesser 
an  und  sprach  dann:  „Der  Obertheil  deines  Körpers  zeigt 
die  Fülle  der  Buddlias  der  zehn  Gegenden;  der  Milleltheil 
deines  Körpers  zeigt  die  Fülle  der  vier  grossen  Götter, 
und  der  Untertheil  deines  Körpers  zeigt  {\\e  Fülle  der  yier 
grossen  Drachenfürsten;  mit  einem  A\'orte,  bist  du  niclil  der 
Beheri'scher  des  Dschambnd wips  und  Herrscher  in  den 
zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan?  Sagst  du  noch  лч»п  mir: 
Wie  kann  dieser  nichtswürdige,  ellenlange  Mensch  ein  sol- 
cher Lügner  seyn  und  von  sich  glaiil>en  maclicn  wollen, 
er  könne  aus  seinen  rothen  Fäden  Alles  ohne  den  ge- 
ringsten Irrlhum  weissagen ?^^  Gesser  fragte  ihn:  .,Wohl- 
thätiger  Meister,  zürnst  du  mir  deshalb?-  Der  Mann  er- 
wiedcrte:  ..Warum  stjllle  ich  dir  zürnen?  Wenn  du  den 
mittlem  W^eg  zAvischen  diesen  hohen  Bergen  einschlägst, 
so  stösst  du  auf  eine  aus  einem  hohen  und  vielastigcn 
Baume  bestehende  Vei'wandlung  des  Riesen.  Wenn  Jemand 
nahe  bei  diesem  Baume  vorbeikommt,  so  hauen  scharfe 
Schwerter  aus  demselben  auf  einen  Solchen  los  und  tödten 
ihn;  diesen  musst  du  mit  Vorsicht  bcsiegenl"  —  „Wohlan", 


^      138      — 

sprach  Gesser  Chaghan  und  setzte  seinen  Wejjj  fort.  Als 
vv  diesen  Baum  von  Ferne  erblickte.  Hess  er  seinen  niagi- 
sclien  Braunen  sich  gen  Himmel  erhebeD,  sich  selbst  aber 
wandelte  er  in  einen  Bettler  um.  sein  magisches  drei  Klafter 
langes  SchvAert  von  schwnrzcm  Stahl  \  crwandelto  er  in 
einen  schAvarzen  Wanderstock  von  drei  islafler  Länge.  Alle 
seine  übrigen  Л\ай'еп  verwandelte  er  in  y.^^ci  kleine  Kuchen 
und  sein  kleines  Messer  mit  eiuem  Heile  von  Krystall  ver- 
steckte er  in  seinem  Aermel.  Er  näherte  sich  dem  Baume 
in  der  Gestalt  eines  Bettlers,  setzte  sich  in  dessen  Schalten 
und  fing  an  mit  seinem  kleinen  Messer  juit  einem  Hefte 
von  Krystall  die  Л\  urzel  des  Baumes  zu  unl(r\\  iUilcu.  \\  äh- 
rend  er  damit  beschäftigt  war,  wurde  aus  dem  Obc-itheile 
des  Baumes  ein  Mensch,  der  Scliwerter  zückte.  Gesser 
blickte  hinauf  und  schrie  mit  lauter  Stimme:  .,Als  ich  armer 
Bettler  herkam  und  mich  niedersetzte,  war  diess  ein  Baumj 
wie  ist  er  nun  zu  eiuem  mit  scharfen  Waffen  drohenden 
Menschen  geworden;  wessen  Verwandlung  mag  dieser  Baum 
seyu!  Ich  bin  ein  sich  in  dieser  Gegend  umlierl reibender 
Bettler!  Ist  diess  vielleiclil  eine  Baumverwandlung  des  Gottes 
Chormusda?  von  einem  solcheu  Baujue  sagt  man.  dass  wenn 
er  einen  Feind  erblickt,  er  denselben  plötzlich  tödte.  dass 
er  sich  aber  gegen  Arme  und  Bedürftige  gütig  imd  barm- 
licrzig  erweise:  ist  dieser  Baum  etwa  eine  \ervvandluug 
desselben?  Oder  ist  dieser  Baum  \iell(iclil  eine  \er\\and- 
lung  des  Herrn  des  Dschambud  w  i  ps.  ilcs  i'übelischen 
Gesser  Chaghan?  Davon  sagt  jnair.  dat^s  ^^enn  er  einen 
Feind  erblickt,  er  denselben  im  (irimme  lödte.  dass  er  aber 
allen  Armen  und  Bedürftigen  den  AVeg  zeige  5  ist  diess 
vielleicht  eine  Baum  Verwandlung  des  Allherrscher.s  Gesser 
(Chaghan?  Wie  kann  ich  das  erkennen?  Auch  gibt  es, 
sa"l  man,  eine  Вапт\ег\л  andliing  des  /wölfköpfi gen  Riesen- 
königs; sollte  diese  es  seyn,  so  keime  ich  ilit  Art  ihres  A'^er- 
fahrens  nicht,  ich  i)in  ein  geringer,  armer,  höchstbedüjltigcr 
Bettler,   der  in  dieser  Gegend  umherschweift j  da  bemerkte 


__      139      — 

ich  etliche,  an  der  Wurzel  dieses  Baumes  wachsende  Früchte, 
welche  ich  ausgraben  und  essen  wollte!'-  Die  Baumver- 
wandlung dachte:  ,,\Vie  schön  und  rührend  schwatzt  nicht 
dieser  Bettler!-  und  sprach  dann:  „Armer  Schlucker,  bleibe 
ruhig  im  Schatten  dieses  Baumes  sitzen,  grabe  die  Früchte 
aus  und  verzehre  sie!"  —  Während  nun  G csser  sich 
stellte,  als  grabe  er  Früchte  aus,  unterhöhlte  er  den  Stamm 
des  Baumes  und  schnitt  mittels  seines  kleinen  Messers  mit 
dem  Hefte  von  Krystall  eine  Wurzel  nach  der  andern 
durch,  worauf"  er  dem  Baume  einen  Stoss  gab  und  ihn  um- 
warf. Sodann  hieb  Gesser  mit  seinen^  drei  Klafter  langen 
Schwerte  \'on  schwarzem  Stahl  den  Baum  in  Stücke  und 
verbrannte  ihn. 

Weil  eine  der  wichtigsten  Verwandlungen  des  Riesen, 
während  derselbe  sich  auf  der  Jagd  befand,  gelödtet  wurde, 
bekam  er  selbst  plötzlich  starkes  Kopfweii  und  begab  sich 
in  den  grossen  See,  um  sich  abzukühlen.  Während  er  im 
Wasser  lag-,  schlief  er  ein.  Da  verwandelte  der  Herrscher 
in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  sich  in  einen 
giauen  Sperber,  kam  und  setzte  seine  Krallen  über  das 
linke  Auge  des  Kiesen  und  nahm  dann  sogleich  die  Flucht. 
Der  Riese  schnappte  nach  ihm,  verfehlte  ihn  aber,  stand 
auf  und  setzte  ihm  nach.  Gesser  ilog  auf  die  Spitze  eines 
hohen  Berges  und  verwandelte  sich  daselbst  in  einen  spie- 
lend umherlaulenden  Menschen  von  der  Grösse  einer  Elle. 
Als  der  Riese  hinkam,  wurde  Gesser  abermals  ein  grauer 
Sperber,  flog  davon  zum  grossen  See,  und  wurde  wieder 
ein  Mensch  von  der  Länge  einer  Elle.  Der  Riese  kam 
nochmals  zum  See,  Gesser  wurde  wieder  ein  Sj)erber 
und  flog  davon.  Als  der  Biese  ihn  nicht  einholen  konnte, 
kehrte  er  um  und  kam  nach  Hause.  Daselbst  augelangt 
sprach  er  zu  Tümen  Dschirghalang:  ,,0  Weh,  was  ist 
mit  mir  geschehen!  seit  meiner  Geburt  habe  ich  niemals 
so  viel  gelitten!  Während  ich  heute  auf  der  Jagd  war, 
bekam  ich  plötzlich  die  heftigsten  Kopfschmerzen.    Ich  ging 


—      140      — 

in  den  grossen  See  um  ein  Bad  zu  nehmen  und  schlief 
im  Wasser  liegend,  ein.  Plötzüch  kam  ein  grauer  Sperber, 
setzte  seine  Krallrn  über  mein  linkes  Auge  und  nahm 
dann  die  Flucht.  Während  ich  ihm  nachs<>izte,  flog  er  auf 
die  Spitze  eines  hohen  Berges,  wurde  daselbst  zu  einem 
Mäimchcn  von  der  Länge  eiiier  Elle  und  lief  spielend 
umher.  Ehe  ich  i}in  auf  meiner  Jagd  zum  Gipfel  des  hohen 
Berges  erreichte,  flog  er  abermals  zum  grossen  See  und 
wurde  лл•ieder  ein  spielendes  Männchen  л'оп  der  Länge  einer 
Elle.  So  wie  ich  Avicder  zum  See  kam.  flog  er  aufs  Neue 
davon,  so  dass  ich  alle  meine  .Mittel  vergeblich  erschöpfte. 
(Aus  Л  erdruss)  hierüber  dreht  sich  mein  Herz  im  Leibe 
um.  meine  kurzen  Rippen  /.ielien  sich  zusammen,  das  Haar 
meines  Hauptes  sträubt  sich  empor  und  meine  Gelenke 
und  Gliedmassen  sind  wie  zerbroclien.  ()  AVeh ,  луе1сЬе 
Sünde  ist  über  mich  gekommen!  Ist  е1л\а  der  Herrscher 
in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Ghaghan  gekommen?  isf 
es  der  Gott  Chormusda,  der  in  einer  A'erwandluug  ge- 
kommen ist?  sind  die  Diacheiifürsten  oder  die  Assuri  ge- 
kommen? \\  eiche  лпп  den  Fiircfitbaren  mögen  gekommen 
se\)i?  denn  ausser  diesen  \ieren  ist  iSiemand  im  Stande, 
es  jnit  mir  aufzunehmen,  indem  aller  Lebrigen  Sitze  mir 
unterworfen  sind.'-  Hiciauf  (млл  ierlerle  Tümen  Dschir- 
ghalang:  ..Mein  tapferer  Maoni  «ibi^hirh  der  Herrscher 
in  den  zehn  (jegenden  tresser  (.]  h  agh  a  n  .>i(li  zehnfach 
veiwandeln  kann,  so  besitzt  er  nicht  \  iel  Ver\',  aiullungs- 
mittel:  da  er  лоп  bnddhaisrhem  Ge.'^cbleciitc  ist.  so  ver- 
wandelt er  sich  nie  in  einen  \  "gel.  Ks  luüs.-en  also  л^ohl 
die  Assuri  gewesen  seMi-,  w.is  i>l  deine  Meljuing?-  Der 
Riese  versetzte:'*  Ja  л\оЬ1.  du  hast  Heclill'- 

Am  tilgenden  Tage  fiüb  Morgens  :;in|;  d<i  ilicse  auf 
die  Jagd.  Der  Hcn^chci  In  den  z.dm  (;.-gcndrii  Gcss.-r 
Chagfian  })e.-?lieg  .■meinen  magi.'^.hcii  IJiaunen  nnd  m.ioblc 
sicli  nach  dem  Schlosse  des  Kirsen  auf  den  NN'eg.  Da  das 
Schloss  des  Riesen  beispiellos   (ungemein)  lioch  gebaut  war 


—      141      — 

und  Gesser  nirgends  ein  Thor  linden  konnte,  so  sprach 
er  zu  seinem  magischen  Braunen  Folgendes:  ..Mein  raa- 
gisclier  Brauner,  erhebe  dich  mit  mir  in  die  Luft  bis  über 
dem  Schlosse  und  senke  dich  dann  in  die  Mitte  des  Innern 
des  Schlosses  gleich  einotn  lallenden  goldenen  Pfeil  herab, 
Wenn  du  nicht  mit  mir  auizusteigen  vermagst,  so  werde 
ich  deine  vier  Hufen  abschneiden,  Sattel  und  Zaum  auf  den 
Rücken  nehmen  und  nach  Hanse  wandern.  \Л  enu  ich  aber 
während  deines  Aufsteigens  herabfalle,  dich  im  Stiche  lasse 
und  auf  das  Schluss  dieses  S'chimnu  fallend  das  Leben 
verliere,  so  lasse  ich  mein  Fleisch  von  den  Hunden  fressen." 
Der  Braune  erwiederte:  „O  Weh,  mein  furchtbarer  Bogda, 
wozu  diese  Worte!  wozu  dein  wenn  und  wenn!  Habe  ich 
je,  wenn  du  einen  \  ursatz  ausfiduen  wolltest,  meine  Dienste 
vervveigcit?  Darum  komme  von  einer  Entfernung  von  drei- 
ssig  Sätzen  hergesprengt,  von  einer  kleinen  Pfeilschussvveite 
komme,  den  rechten  Zügel  anziehend,  fort,  l'orti  geschwind, 
geschwind!  rufend  her!  dann  werde  ich  selbst  schon  wissen, 
wie  ich  dich  Iiinan  bringe.'-  —  „Gut,  vortrefliichl''  erwie- 
derte der  Herrscher  in  den  zehn  (iegenden  Gesser  Cha- 
ghan,  indem  er  aus  der  Fntferuung  von  dreissig  Sätzen, 
mit  der  linken  Hand  den  Zügel  und  die  Mähne  innfassend, 
beide  Schenkel  fest  anschliessend  und  mit  der  rechten  Hand 
(dem  Pferde)  drei  Sclienkelhiebi;  gebend,  mit  Geschrei  ange- 
sprengt kam,  und  sodann  aus  einer  kleinen  Pfeilschussweite 
und  mit  dem  l\ufe  fort,  i'orti  geschwind,  geschwind!  den 
Zügel  anziehend  ans  Ziel  kam,  worauf  der  magische  Bi-aune 
ihn  in  die  Luft  hob  und  beim  Herabfahren  ihn  gleich  einem 
sich  senkenden  goldenen  Pfeil  in  die  Mitte  des  Innern  des 
Schlosses  brachte.  Hierauf  liess  Gesser  seinen  magischen 
Braunen  sich  gen  Himmel  erheben,  sich  selbst  aber  verwan- 
delte er  in  einen  Bettler,  alle«  seine  Waffen  in  zwei  kleine 
Kuchen  und  sein  magisches  drei  Klal'ter  langes  Schwert  von 
schwarzem  Stahl  in  einen  drei  Klafter  langen  schwarzen 
Wanderstab.     Sodann   stieg  er,   sich  auf  einem  Auge  blind 


—      142      -^ 

stellend,  auf  die  Brustwehr  des  Schlosses  und  rief:  „Was 
für  ein  herrliches  Schloss  ist  diessl  Ich  bin  ein  hier  in  der 
Gegend  umherschwärmender  ürnior.  hediirfliqer  Bettler  I  Ich 
habe  zwar  den  Gott  Chormusda  der  Höhe  gesehen,  ich 
habe  zwar  die  Drachenfürsten  der  Tiefe  gesellen-,  aber  die 
Schlösser  dieser  Beiden  sind  lange  nicht  so  schön!  Man 
sagt,  dass  der  Tülieiische  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaglian  ein  schönes  Srhloss  besitze 5  dasselbe 
habe  ich  aber  nicht  gesehen !  Auch  soll  der  zwölfköpfige 
Kiese  ein  schönes  Schloss  besitzen;  das  kenne  ich  gleich- 
lidls  nicht!  Bin  ich  л■ielleicht  auf  (jeralhewohl  untersuchend 
in  (Ins  Schloss  eines  dieser  beiden  Chaghane  gelangt?  Ich 
muas  den  Chaghan  und  die  Chäninn  dieses  Schlosses  sehen!-- 
Indem  er  also  mit  lauter  Stimme  und  sich  auf  seinen  Stab 
stützend  sich  der  Behausung  zuwendete ,  kam  er  an  die 
Thüre  eines  beispiellos  grossen  Aveissen  Hauses  mit  rothem 
Schornstein.  Soлvohl  am  rechten  als  am  linken  '^riiürpfosten 
lag  eine  Spinne  лоп  der  Grösse  eines  Kalbes  im  zweiten 
Jahre.  Als  Tümen  Dschirghalan"  die  Stimme  Gesser's 
hörte,  rief  sie:  „Oh,  Avns  ist  das!"  sprang  auf  vind  wollte 
hinaus  laufen.  Nun  aber  hatte  der  Riese  die  beiden  S])in- 
nen  von  der  Grösse  eines  Kalbes  im.  zweiten  .Tahre  als 
seine  A'^erwandlungon  zu  dem  Zwecke  hingestellt,  dass  sie 
die  Tümen  Dschirghalang  verschlingen  sollten,  wenn  sie 
es  Л ersuchen  würde  hinauszugehen.  Als  nun  Tümen 
Dschirghalang  erschien,  öffneten  beide  Spinnen  den  Ra- 
chen, um  sie  aufzuschnappen,  der  ■«rme  Bettler  a])er  schlug 
die  zwei  Spinnen  in  magisclier  AVeise  mit  seinem  schwar- 
zen Stecken  und  tödtete  sie.  Ihre  Stelle  Hess  Gesser  von 
zwei  ähnlichen,  aber  falschen  Spinnen  von  seiner  eigenen 
Verwandlung  einnehmen.  ./Mein  furchtbarer  Bogda,  woher 
bist  du  gekommen!'-  rief  Tümen  Dschirghalang,  den 
Gesser  weinend  um  den  Hals  fallend.  Als  Tümen 
Dschirghalang  weinte,  sprach  Gessej-:  „Ist  diess  nicht, 
was  man  ein  Weib  von  kurzem  Zügel  (wenig  Ueberlegung) 


—     143     ~ 

nennt!  Wenn  du  weinst,  wird  das  der  Riese  nicht  bemerken? 
Weine  nicht,  sondern  m;iche  mich  lieber  mit  den  Mitteln 
und  Kunstgritien  des  Kiesen  bekannt!"  Tümen  Dschir- 
ghalang  Hess  ilm  los  undGesser  fragte  sie:  „Was  bedeutet 
es,  dass  deine  rechte  Wange  geschminkt  und  deine  rechte 
Körperhälfle  geschmückt  ist,  \AOgegeji  deine  linke  Wange  mit 
Piuss  hcsclimiert  und  deine  linke  Körperhälfte  mit  schlech- 
tem Putze  heliangen  ist?"  Tümen  Dschirghala  n  o  erwie- 
derte:  ,,Dass  meine  rechte  Körperhälfte  geputzt  und  ge- 
schmückt ist  ,  dient  zum  Zeichen  .  dass  mein  eisehnter 
Gcsser  Chaghan  kommen,  den  ränkevollen  Päescn  durch 
List  fangen  und  tödten  und  ihm  seine  Köpfe  abhauen  wird  ^ 
der  schlechte  Putz  und  Anzug  meiner  Hnken  Körperhälfte 
bedeulet,  das  der  zv^öl^köpЛge  Ixiese  besiegt  werden  л'^ird 
Als  der  Kiese  mir  erzählte,  wie  und  in  л^  elcher  Weise  ein 
Sperber  ihm  gestern  das  Auge  krallte,  da  bemerkte  ich 
sogleicli,  dass  (hi  gekommen  sejst  und  stellte  ihm  dieses 
böse  Zeichen.  Ach,  mein  Bogda,  der  zvAölf'köphge  Riese 
ist  überaus  schrecklich  und  furchtbar;  es  möchte  dir  das 
Leben  kosten,  gehe  daher  lieber  heim!"  Gesser  er\>ie- 
derte:  ,.0  Weh,  meine  Tümen  Dsch  irahalana ,  was 
sprichst  du  da!  Wie  könnte  ich,  als  Herrscher  in  den  zehn 
Gegenden  Gesser  Chaghan.  nachdem  ich  dich,  die 
Meinige,  von  dem  zwölfköpfigen  Kiesen  habe  entführen  las- 
sen, ohne  die  аиГег1е£^1е  \'^crbindlichkeit  der  Besieauno-  des 
zwölfköpfigen  Riesen  zu  erfüllen,  auf  die  allgemeine  Aner- 
kennung als  Beherrscher  des  Dschambud wips  Gesser 
Chaghan  Anspruch  machen!  Wenn  er  mich  besiegt,  so 
mag  er  dich  behalten ;  besiege  ich  ihn  aber,  so  kehre  ich 
mit  dir  in  die  Heimath  zurück!''  Tümen  Dsch irghalang 
sprach:  ,,A'\ie  kann  ich  alle  Wege  und  Schliche  dieses 
Л^еггисЬ1еп  Kennen!  denn  seit  ich\on  dir  hieher  gekonuuen 
bin,  hat  er  mich  nie  aus  dem  Hause  gelassen.  Er  ist,  ein 
kupfergrünes  Maulthier  reitend,  auf  die  Jagd  gezogen  und 
pflegt  gegen  Abend,  wenn  die  Sonne  rolh  wird,  mit  einem 


—     144     — 

Elennlhier  beladen  zurück zukc;hren.  Das  Maulthier  pflegt, 
wenu  es  einen  Feind  in  der  iVälie  witlerl,  mit  der  Nase 
k.u  schnauben,  am  Gebisse  zu  kauen,  inil  allen  A'ieren  Salze 
zu  machen  und  die  Erde  aufzuwühlen.  Die  zwei  Eingangs- 
und Ausgangs  -  Grauschimmel  (Pferde  zum  abwechselnden 
Gebrauche)  pflegen  dann  hin  und  her,  einander  ablösend, 
zu  laufen.  Er  selbst  besitzt  als  Wahrsagungszeichen  rothe 
Fäden  und  ist  mittels  derselben  ein  solcher  Wahrsager, 
dass  er  Alles  ohne  den  geringsten  Irrthum  erfälirt.  Ach, 
mein  Bogda,  wo  soll  ich  dich  beigen!"'  Gesser  erwiederte: 
,.  Darum  sey  unbekümmert!  Suche  nur,  ihm  seine  Mittel 
und  AVege,  während  ich  horchend  liege,  mit  List  abzu- 
locken!-' Nun  sannen  Gesser  und  Tümen  Dschirgha- 
lang  die  List  aus,  eine  sieben  Klafter  tiefe,  lange  Grube 
zu  graben,  in  welche  Gesser  ki'ocli;  diese  Grube  wurde 
mit  einer  weissen  Steinplatte  bedeckt,  über  welche  eine 
mit  Mani  bemahlle  baumwollene  Decke ^)  gelegt  wurde. 
Diese  Decke  wurde  dünn  mit  Erde  überlegt ,  worüber 
Heu  ausgebreitet  und  dieses  mit  grünen  Kräutern  überlegt 
wurde.  Leber  dieses  Alles  wurde  ein  mit  Wasser  gefüllter 
Kessel  gestellt.  Im  dieses  \\'asser  herum  wurden  ausge- 
pflückte Federn  von  allerlei  Vögeln  gestreut. 

Am  Abend,  als  die  Sonne  roth  wurde,  kam, der  Kiese 
auf  seinem  kupfergrünen  Maulthier  mit  einem  Elennthier 
beladen  zu  seiner  Behausung.  Bei  der  Annäherung  fing 
das  Maulthier  an.  mit  der  Nase  zu  schnauben,  nahm  das 
(iebiss  zwischen  die  Zähne  und  kaute  darauf,  machte  Sätze 
und  Spiünge  und  Nvühltc  die  Erde  auf.  Die  Eingangs-  und 
Ausgangs  -  Grauschimmel  kamen  beide  hinwärts  und  her- 
wärts laufend  und  sich  abwechselnd  herges])riingen.  Der 
Riese    rief:    ..Das    ist    gewiss    ein   Kunstgrift"   meines    ver- 

9)  D.  li.  eine  mit  der  Formel  Om  maiii  päd  me  hum  be- 
srhriebene  Decke.  Die  genannte  Formel  wird  gemeiniglich,  der  Kürze 
halber,  schlechtweg  Maui  genannt. 


—     145     — 

schmitzten  Weibes!  das  ist  sicher  ein  listiger  Betrug  meines 
verschlageneu  Weibes !  Ist  etwa  ein  Feind  gekommen?  Meine 
Nase  empfindet  einen  Geruch  als  wie  von  Mistkäfern  \  gib  mir 
geschwind  meine  wahrsagenden  rothen  Fäden  her!"'  Tümen 
Dschirghalang  erAviederle:  „O  Weh,  o  Weh!  was  heisst 
das,  was  du  vom  Kunstgriff  deines  listigen  Weibes  sprichst? 
möchte  doch  mein  bewundernswürdiger  Gesser  kommen, 
den  arglistigen  Kiesen  überlisten  und  ihn  in  Stücke  hauen ! 
Was  bedeutet  das,  was  du  vom  listigen  Betrüge  deines  ver- 
schlagenen Weibes  sprichst?  möchte  doch  mein  segensreicher 
Gesser  Ghaghan  kommen,  dem  ränkevollen  Riesen  den 
Hals  abschneiden  und  ihn  seinen  vielen  Buddhas  zum  Opfer 
bringen!  Den  Gesser  verwerfend  und  dich  erwählend  habe 
ich  mich  entfernt  und  bin  zu  dir  gekommen;  was  habe  ich  in 
der  langen  Zeit  meines  Hierseyns  in  deinem  Hause  gethan, 
dass  du  mich  listig  und  betrügerisch  schiltst?"  Der  fliese 
versetzte:  „Wozu  jetzt  dein  Geschimpfe!  Gehe  hinein  und 
bringe  mir  meine  wahrsagenden  rotheu  Fäden!  Sorge  aber  da- 
für, dass  sie  nicht  zwischen  die  Beine  eines  Weibes  oder  un- 
terhalb eines  Hundekopfes  kommen,  weil  dann  die  Deutung 
der  Fäden  unzuverlässig  wird!  Bringe  sie  mir  an  der  rech- 
ten Mauerseite  (der  Thüre)  her!"  Tümen  Dschirghalang 
ging  hinein,  that  mit  den  Fäden  gerade  dasjenige,  was  ihre 
Deutung  uugewiss  machen  sollte  und  überreichte  sie  dann 
dem  Kiesen,  Welcher  auf  seinem  Mavdthiere  sitzend  die 
Zeichen  untersuchte."  O  Weh!  rief  er,  der  Herrscher  in 
den  zehn  Gegenden  Gesser  Ghaghan  ist  gekommen!  Es 
scheint,  er  ist  unter  meinem  Heerde  begraben  und  mit 
einer  weissen  Steinplatte  bedeckt!  Es  scheint,  er  liegt  mit 
schwarzer  Erde  übeistreul!"  Tümen  Dschirghalang  ent- 
gegnete: ,,Was  sprichst  du  da!  wer  wird  den  Gesser 
begraben 5  habe  ich  ihn  etwa  begraben?  Blauer  Himmel 
da  oben,  werde  mein  Vater  und  rufe !  Erdfläche  hier  unten, 
werde  ein  Mensch  und  rufe!  Horcht  und  vernehmt,  was 
zwischen  uns  Beiden  gesprochen  wird!"    Da  lief  eine  der 

10 


—     14в     — 

Verwandlungen  des  Gessers  als  Mensch  oben  vom  Himmel 
herab:  „Du  bist,  Gesser  geringschätzend,  hergekommen; 
jetzt  trage  dein  Sdiicksal!"  Sodann  rief  Gesser  selbst  aus 
der  Tiefe:  „Dks  Riesen  Gezanke  ist  ganz  unstatthaft !"  Als 
der  Riese  diess  hörte,  rief  er:  ,,Das  ist  doch  ]nerk%^ürdig!" 
und  lachte.  ,, Sodann  mit  denAVortcn:  „Einen  Faden  habe 
ich  noch  nicht  nachgesehen."  untersuchte  er  abermals  seine 
Zeichen  und  sprach  dann:  „Gesser  ist  gestorben,  er  liegt 
in  der  schv^arzen  Erde  und  ist  mit  einer  weissen  Steinplatte 
überdeckt,  diese  ist  mit  weissem  Schnee  überschneit.  Seit 
er  in  der  schwarzen  Eide  begraben  liegt,  ist  das  vertrocknete 
Kraut  zusammengefallen  und  (neues)  grünes  Kraut  ge- 
wachsen. Es  gi])t  einen  grossen  See  von  Erz,  an  dessen 
Ufer  sämmtliche  A^ögel  ihre  Federn  vaschen:  über  ihnen 
sitzen  Krähen  und  Elstern  und  treiben  ilir  Gespötte  (über 
Gesser).  Seil  seinem  Tode  ist  schon  ein  volles  Jahr  ver- 
flossen." Mit-  diesen  Worten  stieg  der  Riese  (von  seinem 
Maulthiere). 

Nnn  rief  der  Riese:  „Gib  mir  meinen  grossen  Zahn- 
stocher!" Nachdem  er  ihn  genommen,  stocherte  er  damit 
und  liess  zwei  bis  drei  (aufgeschnappte)  Menschen  (aus  dem 
Rachen)  faHen.  „Gib  mir  nun  mein  Essen!'-  rief  er  sodann 
und  Tümen  Dschirghalang  setzte  ihm  eine  Mahlzeit 
von  geschmorten  Menschenfingern  vor.  Der  Kiese  hielt 
seine  Mahlzeit  und  Tümen  Dschirghalang  setzte  sicli 
sodann  auf  seinen  Schoss.  „Mein  trefflicher  Gemahl", 
sprach  sie,  „als  du  vorhin  von  der  Jagd  zurückkamst,  hast 
du  ohne  allen  Grund  geschmählt;  weil  icli  den  Gesser 
für  schlechter  und  dich  für  besser  hielt,  ])in  ich  zu  dir  ge- 
kommen. Dieses  dein  Schluss  hat  keine  Pforte  (keineiT 
Au.sgang)5  wenn  du  nun  ausgegangen  bist  und  ich  (allein) 
im  Hause  zurückbleibe,  so  möchte  der  verruchte  Gesser 
kommen,  mich  tödten  und  sich  wieder  entfernen.  Wenn 
ich  nun  seine  Ankunft  erfahre;  so  möchte  ich  dich  gern 
gleich  davon  in  Kenntniss  setzen."      Der   Riese  entgegnete: 


—      14'3      — 

„Warum  nicht  gar^  dir  sage  ich  nichts!  Der  Mensch  ist  in 
dreierlei  Dingen  seiner  Sache  ungewiss:  einen  Sü'auch  rech- 
net er  nicht  zu  den  Bäumen,  einen  Sperling  nicht  zu  den 
Vögeln  und  ein  Weib  nicht  zu  seinen  Freunden.  Ich  will 
nicht!"  Tümen  Dschirghalang  versetzte:  „Als  du  mich 
hieher  brachtest,  verschlangst  du  deine  schönen  Gattinnen 
hier  im  Hause;  vielleicht  hast  du  eine  andere  Gattinn  ge- 
funden und  liegst  nun  mit  dem  Gedanken  hier,  mich  gleich- 
falls zu  verschlingen.  Sollte  also  der  verruchte  Gesser 
kommen  und  mich  tödten,  so  mag  es  geschehen !  was  kann 
ich  dabei  thun!  mein  Glück  möge  es  entscheiden!"  Mit 
diesen  Worten  legte  sie  sich  nieder  und  der  Hiese  sprach: 
„Tümen  Dschirghalang,  was  du  da  sprichst,  hat  Grund!" 
Diess  gesagt,  lachte  er  Ha,  Ha!  und  sprach  dann  weiter: 
„Lege  dich  näher  zu  mir!"  Er  nahm  sie  in  seine  Arme 
und  fuhr  fort:  „Hier  hast  du  zwei  goldene  Ringe!  wenn 
du  beim  Hinausgehen  den  einen  auf  die  Nasenspitze  legst, 
so  wird  das  Thor  meines  Schlosses  sich  dir  öfinen;  beim  Hin- 
eingehen stecke  den  andern  Ring  an  den  kleinen  Finger 
und  das  Thor  wird  sich  dir  zum  Eingang  öffnen.  Wenn 
ich  sage,  dass  ich  vorwärts  (nach  Osten)  gehe,  so  bedeutet 
diess  hinterwärts  (nach  Westen)."  In  dieser  Art  erklärte 
der  Riese  die  Art  seines  Ausganges  nach  den  vier  Gegen- 
den. Tümen  Dschirghalang  erwiederte:  „Gut,  mein 
trefflicher  Gemahl,  das  wollen  w  ir  auf  sich  beruhen  lassen ! 
Nun  sind  mir  zwar  Gesser's  Verwandlungen  sämratlich 
Stück  für  Stück  bekannt;  wie  willst  du  aber  den  Gesser 
besiegen,  wenn  er  herkommen  sollte.?  Von  deinen  Ver- 
wandlungen ist  mir  noch  nichts  bekannt;  nenne  sie  mir 
doch!  es  wird  mir  Vergnügen  machen,  dir  zuzuhören," 
Der  Riebe  sprach:  „Wenn  jener  Nichtswürdige  kommen 
sollte,  würde  ich  ihn  nicht  mit  dem  kleinen  Finger  tödten 
können?  Es  befinden  sich  nämlich  A'orwärts  von  meinem 
Hause  drei  verschiedene  grosse  Seen;  herwärts  davon  ist 
ein  fünffaches  Schilffeld.     Am  Ufer  des  nächsten  See's  hin- 

10* 


~      148      — 

ter  dem  Schilfe  [rennen  zwei  Stiere,  ein  weisser  und  ein 
schwarzer,  um  die  Weite.  Am  Morgen  siegt  der  лveisse 
Stier,  Ge  SS  er 's  Schutzgenius  und  am  Mittag  der  schwarze 
Stier,  mein  Schutzgenius.  Wenn  er  diesen  meinen  Schutz- 
genius tödlcn  solhe,  so  könnte  er  auch  mich  tödten;  wie 
wollte  er  es  in  anderer  Weise  anfangen?  —  AVeiterliin  gibt 
es  ein  grosses  Schloss,  in  diesem  Schlosse  wohnen  meine 
drei  Jüngern  Schwestern ;  sie  sitzen  gemeiniglich  auf  dem 
Wipfel  von  neun  rothen  Bäumen  5  wenn'  er  diese  tödten 
sollte,  so  könnte  er  auch  mich  überwältigen^  wie  sollte  er 
es  in  anderer  Weise  vermögen?  Links  davon  befinden  sich 
drei  grosse  Seen,  an  welchen  drei  Hirschkühe  spielend  um- 
lier  laufen.  Zur  Zeit  der  Mrttagrshitze  kommen  sie  aus  dem 
Wasser  und  legen  sich  am  Uier  ausruliend  nebeneinander 
nieder.  Wenn  er  alle  Drei  mit  Einem  Pfeilschusse  zu 
durchbohren  vermag  ,  sodann  den  Bauch  der  mittleren 
Hirschkuh  aufreisst,  aus  demselben  ein  goldenes  Kästchen 
nimmt,  dieses  öffnet  und  eine  darin  befindliche  kupferne 
grosse  Nadel  entzweibricht,  so  könnte  er  mich  vielleicht 
tödten^  wie  sollte  er  in  anderer  Weise  mir  etwas  anhaben 
können?  Rechts  ab  liegt  ein  Schloss,  woselbst  eine  ältere 
SchAvester  von  mir  als  magisclie  Verwandlung  wohnt,  diese 
verwahrt  einen  grossen  Käfer,  welchen  sie  mir  seit  meiner 
Geburt  noch  nie  gezeigt  halj  wenn  er  diese  Beiden,  welche 
jneine  Seele  sind,  tödtet,  so  könnte  er  vielleicht  auch  mich 
tödten;  wie  will  er  es  in  anderer  Weise  anfangen?  diess 
ist  das  Ende  meiner  Verwandlungen."  Mit  diesen  Worten 
legte  sich  der  Kiese  nieder,  aber  Tümen  Dschirghalang 
sprach  zu  ihm :  „Ach,  wie  du  doch  so  dumm  bist  I  Was  hatte 
ich  dich  vorhin  gefragt?  Fragte  ich  dich  nicht,  welche  von 
deinen  Verwandlungen  die  vornehmste  sey?  Gev>iss  hast 
du  noch  welche  j  sage  sie  her!"  Der  Riese  erwiederte: 
„Wenn  ich  eingeschlafen  bin,  so  kommt  aus  meinem  rech- 
ten Nasenloche  ein  grosser  goldener  Fisch  hervor  und  bewegt 
sicli  spielend  auf  meiner  rechten   Schulter 5  dann  kommt  aus 


—     149      — 

meinem  linken  Nasenloche  ein  kleiner  goldener  Fisch  hervor 
und  bewegt  sich  spielend  auf  meiner  linken  Schuller.  Sollte 
er  diese  Beide  auch  tödten,  was  hat  es  auf  sich!  ich  sterbe 
dann  als  Held  in  gleichem  Kampfe  mit  ihm!  Denn  wenn  er 
mich  gleich  tödten  sollte,  so  lebt  noch  mein  älterer  Bruder, 
ein  Lama  und  Beschwörer  (Zauberer),  ferner  meine  Mutter, 

-  eine  Jakscha  (Hexe)  und  endlich  ein  einzelnes  eigenes  Kind 
von  mir;  wie  Aermag  er  diese  Drei  zu  tödten?  Mich  selbst 
könnte   er  vielleicht    besiegen  5    wenn    er   aber  diese  meine 

t   Drei   tödten   sollte,   so    würde   ich   ohne  Nachkommenschaft 
.    sterben."  Tümen  Dschirghalang  sprach:  ,,Mein  in  Wahr- 

-  heit  vortrefi'licher  Gemahl,  nun  ist  mein  Wunsch  vollkom- 
men befriedigt!  Dass  ich  mit  dir  vereint  bin,  halte  ich  als 
Glück  und  Segen   für   mich!"   —   „Ha,  Ha,    nicht  wahr?" 

-  sagte  der  erfreute  Riese  mit  Lachen  und  legte  sich  nieder. 

Am  andern   Morgen   früh  stand  der  Riese  auf  und  vor- 
gebend,   nach    Vorne   auszugehen,    entfernte    er   sich   nach 
:  Hinten.      Tümen    Dschirghalang   weckte   den   Gesser, 
,  gab   ihm   die    zwei    goldenen   Ringe    und    erzählte  ihm  alles 
;  was  sie   vom  Riesen   vernommen   hatte.      „Wohl,    nun  hat 
es   keine    Gefahr   mehr!"    rief  Gesser,    liess  seinen  magi- 
I  sehen  Braunen  vom  Himmel  herabkommen  und  bestieg  ihn. 
.  Beim  Hinausreiten    legte   er   den   einen   goldenen    Ring  auf 
i  die    Nasenspitze,    worauf  das  Thor  sich  ihm  von  selbst  öff- 
nete.   Er  nahm  seinen  Weg  zu  den  drei  verschiedenen  Seen, 
j' bahnte    sich     denselben    durch    das     fünflach     verschiedene 
■  Schilf  und  fand  daselbst   am    diesseitigen  Ufer   den  weissen 
und  den  schwarzen   Stier   im  Wettlaufe   mit  einander    be- 
grifien.      Der    weisse   Stier   war  erschöpft,   schleppte  kaum 
i  seine  Füsse   fort,   die    Augen  waren    ihm  roth    unterlaufen 
i;und    weisser   Schaum   stand  auf  ihm;   neben  ihm  an  seiner 
Г rechten  Seile  keuchte  der  schwarze  Stier.     Gesser  spannte 
.seinen  Bogen  gegen  den  schwarzen  Stier,. schoss  und  durch- 
bohrte ihm  das  Herz,  worauf  er  ihn  mit  seinem  drei  Klaf- 


—     150     — 

ter  langen  Schwerte  in  Stücke  hieb.  Das  fünffach  Terschie- 
tlene  Schilf  steckte  er  in  Brand,  worauf  er,  ohne  sich  um- 
zusehen, die  Flucht  ergriff.  Bei  der  Pforte  angelangt,  steckte 
er  den  andern  goldenen  Ring  an  den  kleinen  Finger  und 
befolgte  die  gegebene  Anweisung.  Die  Pforte  öffnete  sich, 
als  Gesser  nun  aber  hinter  sich  blickte,  entdeckte  er,  dass 
die  drei  verschiedenen  Seen  dicht  hinler  ihm  ihn  zu  errei- 
chen im  Begriffe  waren.  Gesser  spornte  während  des 
Einreitens  in  die  Pforte  seinen  magischen  Braunen  an,  so 
dass  (die  drei  Seen),  oberhalb  des  Schwanzes  des  Braunen 
schnappend,  ihn  verfehlten,  worauf  das  Thor  sich  schloss 
und  die  Seen  an  ihre  früheren  Stellen  zurückwichen.  Ges- 
ser sprach  zu  seiner  Tümen  Dschirghalang:  „Tch  bin 
zurückgekommen,  nachdem  ich  jenes  böse  Wesen  getödtet 
habe."  Hierauf  verbrachten  Beide  die  Mittagszeit  vergnüg- 
lich und  behaglich;  am  Abend  aber  sprach  Gesser:  „Der 
Riese  kommt  wohl  bald!"  kroch  in  seine  Höhle  und  legte 
sieh  daselbst  nieder.  Am  Abend  kam  der  Riese  und  klagte: 
,^ОсЬ,  Och,  wie  schmerzt  mir  der  Kopf!  ist  Gesser  etwa 
gekommen?"  Tümen  Dschirghalang  erwiederLe:  „Mein 
treÖlicher  Gemahl,  was  ist  mit  deinem  Kopfe  gescliehen? 
hast  du  etwa  heute  nichts  zur  Mahlzeit  erbeutet?"  Der 
Riese  versetzte:  „Ich  habe  z^^ar  etwas  zu  essen  gefunden, 
aber  plötzlich  fing  es  in  meinem  Kopfe  an,  zu  klopfen  und 
zu  reissen." 

Am  folgenden  Tage  des  Morgens  ging  der  Riese  nach 
Vorne  hin  aus,  nachdem  er  angezeigt  hatte,  nach  Hinten 
sich  entfernen  zu  wollen.  Gesser  hingegen  nahm  seinen 
Weg  nach  Hinten  hin.  Als  er  zum  grossen  Schlosse  kam, 
fand  er  die  drei  jungem  Schwestern  des  Riesen  auf  dem 
Wipfel  der  neun  rothen  Bäume  sitzen.  Gesser  Chaghan 
verwandelte  sich  in  einen  schönen,  jungen  Mann,  begab  sich 
in  das  Innere  des  Schlosshofes  und  bis  an  den  Fuss  der 
neun  rothen  Bäume,  woselbst  er  unter  Spiel  und  Scherz 
Folgendes  sang:   „Wessen  sind  wohl  diese  drei  reilzendeu 


—     151     — 

Jungfrauen,  die  da  oben  auf  den  rothen  Bäumen  sitzen? 
Es  heisst ,  der  Gott  Chormusda  in  der  Höhe  habe  drei 
schöne  Töchter 5  sind  es  diese  vielleicht?  Auch  spricht  man 
von  den  drei  schönen  Töchtern  der  Drachenfürsten  der  Tiefe. 
Ferner  spricht  mau  auch  von  den  Töchtern  Gesser  Cha- 
ghans  und  von  den  Töchtern  des  Riesen-,  es  müssen  noth- 
wendig  die  Töchter  eines  dieser  Viere  seyn!  Wenn  diese 
so  schöne  und  reitzende  Jungfrauen  doch  zu  mir  herunter- 
kämen und  meipem  Spiele  zusäheii !  Oder  sind  es  Krähen, 
sind  es  Elstern?  Warum  sitzen  sie  da  oben  auf  den  l^äu-- 
men?"  Die  Jungfrauen  sprachen:  „In  Walirheit,  der  Mensch 
hat  vollkommen  Pvechtl  Sind  \vir  etwa  Vögel?  Warum 
sitzen  wir  für  nichts  und  wieder  nichts  auf  den  Wipfeln 
dieser  Bäume?"  Diess  gesagt,  stiegen  sie  herab,  sahen  dem 
Spiele  zu  ,  spielten  mit  und  fragten  ihn:  „Junger  Mann, 
wessen  und  woher  bist  du?"  Gesser  erwiederte:  „jlch 
bin  aus  dem  ewigen  Laude  im  Westen  hergekommen j  der 
Karma  von  den  Schwarzmützen  hat  mir  seidene  §chnüre 
von  hundert  xind  acht  Fäden  zum  Geschenk  gemacht;  tr^gt 
ihr  etwa  solche  Schnüre?"  Die  Jungfrauen  ervviederten : 
„Allerdings!  warum  sollten  wii'  das  Geschenk  des  grQS^en 
Lama  nicht  tragen?  Gib  her!"  Gesser  fragte:  „Wo  tragt 
ihr  sie?  am  Halse  oder  am  Fusse?"  Sie  erwiederten: 
,,  Warum  sollten  v\ir  sie  am  Fusse  tragen?  es  \ ersteht  sich, 
am  Halse!"  Gesser  versetzte:  „Kommt  Jier,  ich  will  sieei^ch 
umlegen!"  Hierauf  langte  er  aus  seinem  Busen  drei  Bogensen- 
nen,  legte  sie  ihnen, um  den  Hals  und  erdrosselte  sie.  Die 
neun  rotheu  Bäume  hieb  er  um  und  steckte  das  gfpsse 
Schloss  in  Brand,  worauf  er  zurück  kehrte.  Am  Abend  kam 
der  Riese  nach  Hause  mit  der  Klage,  dass  der  Kopf  ihm 
schmerze.  Тцтеп  ,Dschirghalang  sprach:  „Es  scheint 
dir  Vergnügen  zu  machen,  krank  zu  seyn;  du  hast  ja  nichts 
zum  Essen  mitgebracht.  Bleibe  lieber  einen  Tag  zu  Hause 
und  pflege  dich!"  Der  Riese  versetzte:  ,,Was,  meine  Liebe, 
sprichst  du  von  meiner  Krankheit!  das  hat  nichts  zu  bedeu- 


-.      152     — 

len  und  ich  werde  fortfahren,  auf  die  Jagd  zu  gehen." 
Diess  gesagt  schlief  er  ein. 

Am  folgenden  Morgen  gab  der  Riese  vor,  nach  Osten 
hin  ausgehen  zu  wollen  und  entfernte  sich  nach  Westen 
hin.  Gesser  nahm  seinen  "Weg  nach  Osten.  Gegen  Mittag 
schlich  er  sich  hin  und  kam  an  das  diesseitige  Ufer  des 
See's,  woselbst  die  drei  Hirschkühe  sich  ausruhend  neben 
einander  lagen.  Er  durchbohrte  sie  alle  Drei  mit  Einem 
Pfeilschusse  und  riss  der  mittleren  Hirschkuh  das  Einge- 
weide auf,  aus  welchem  alsbald  ein  goldenes  Kästchen  her- 
ausfiel. Dieses  zerschlug  er,  nahm  die  grosse  kupferne  Na- 
del heraus,  zerbrach  sie  und  kehrte  dann  zurück.  Am 
Abend  kam  der  Riese  nach  Hause  mit  der  Klage,  dass  der 
Kopf  ihm  entsetzlich  schmerze."  Bleibe  doch  Moigen  zu 
Hause  und  pflege  dich  gehörig!"  ermahnte  ihn  Tümen 
Dschirgh alang,  er  aber  erwiederte:  „Was,  meine  Liebe, 
denkst  du  dir  denn  von  meiner  Krankheit?  Morgen  werde 
ich  dich  herumführen  und  dir  allerlei  zeigen." 

Am  andern  Tage  früh  Morgens  stand  der  Riese  auf,  ver- 
band seinen  Kopf,  weckte  die  Tümen  Dschirghalang  und 
führte  sie  mit  sich.  Er  führte  sie  in  ein  grosses  güldenes 
Haus ,  in  welchem  eine  Menge  menschlicher  Leichname 
aufgehäuft  waren;  sodann  in  andere  schöne  Häuser,  welche 
mit  allerlei  Schmuck  und  Kostbarkeiten  in  Menge  verziert 
waren 5  diese  waren  mit  allerlei  Fleisch  von  Vieh,  Fischen 
und  Wild  angefüllt.  Endlich  lührle  er  sie  in  ein  altes 
hölzernes  Haus,  in  welchem  eine  Menge  Gold,  Silber  und 
kostbare  Güter  aller  Art  aufgehäuft  lagen,  und  sprach  dann 
zu  ihr:  „Wenn  ich  dieses  Alles  aufessen  wollte,  so  VAÜrde 
ich  in  einem  Tage  damit  nicht  lertig  \\  erden  j  deswegen 
habe  ich  es  aufbewahrt,  um  es  vor  meinem  Tode  zu  eisen. 
Krank  oder  nicht,  ich  will  auf  die  Jagd  gehen!"  Mit  diesen 
Worten  nahm  er  seine  Richtung  nach  Osten  und  Gesser 
entfernte  sich  nach  Westen  in  der  Richtung  jenes  Schlosses. 
Vor  Gesser  hüpfte  und  sprang  eine  weisslich- gelbe  Hirsch- 


—      153     — 

kuh  umher  und  kam  auf  ihn  zugelaufen.  Gesser  spannte 
den  Bogen  und  schoss  sie  durch  das  Weisse  der  Slirne  in 
der  Art,  dass  die  Pfeilspitze  hinten  am  Schwanzbeine  her- 
auskam. Die  Hirschkuh  entfloh  mit  dem  Pfeil  im  Leibe 
und  Gesser  verfolgte  sie  unausgesetzl,  bis  sie  in  das  grosse 
Schloss  entschlüpfte  und  dessen  neunfache  steinerne  Eingänge 
verschloss.  Gesser  zerschmetterte  zwei  der  Pforten  mit 
seinen  zwei  stählernen  Beilen,  ging  hinein  und  fand  ein 
altes  Weib  mit  grauem  Haar,  dessen  Hauzähne  der  untern 
Kinnlade  gegen  den  Himmel  strebten,  \s  ährend  die  Hauzähne 
der  obern  Kinnlade  die  Erde  berührten  und  mit  zwei 
Brüsten,  welche  herabhängend  die  Erde  bedeckten.  l)er 
Pfeil,  луекЬег  den  Scheitel  des  Weibes  durchbohrt  halte, 
guckte  mit  der  Spitze  oberhalb  des  Schwanzbeines  hervor, 
und  das  Weib,  in  der  Art  eines  Hundes  auf  der  Erde  sit- 
zend, schrie  in  einem  fort:  „O  Weh!  welcher  Jammer!  wel- 
cher Schmerz!"  Gesser  kam  in  der  Gestalt  eines  schönen 
]\Iannes  herein  und  fragte:  ,,Was  ist  dir  Ijegegnet,  Mütter- 
chen!" Das  Weib  erviiederte:  „Ich  war  gewohnt,  nach 
Herzenslust  auf  der  Erdfläche  herumzugehen,  die  Wesen 
zu  fangen  und  zu  fressen ;  so  war  ich  ganz  vor  Kurzem  im 
Begriffe,  einen  Menschen  zu  fangen  und  zu  fressen,  als  ich 
plötzlich  in  dieser  Art  durchschossen  und  in  diesen  Jammer 
gebracht  wurde.  Am  Gefieder  den  Pfeil  fassend  wollte 
ich  ihn  herausziehen,  aber  vergeblich  5  au  der  Spitze  ihn 
fassend  wollte  ich  ihn  herausziehen*,  doch  umsonst.  Das 
schwarze  Blut  quillt  aus  der  Schusswunde;  ich  bin  durch 
den  Schuss  bis  ins  innerste  ,Leben  verwundet.  Wer  bist 
du,  schöner,  reitzender  Mann?  ziehe  mir  doch  diesen  Pfeil 
aus!"  Gesser  erwiederte:  „O  Weh,  Mütterchen,  deinen 
Pfeil  kann  ich  nicht  ausziehen'!  ^Es  mag  wohl  ein  Pfeil  des 
Gottes  Chormusda  da  oben  seynj  oder  auch  ein  Pfeil 
\nn  den  Assuri  der  Alilte';  ich  kann  ihn  nicht  ausziehen!" 
Das  Weib  versetzte:  „Lieber,  lasst  uns  Beide  Mann  und 
Frau  werden!  Was  sagst  du  zu  dem  Vorschlag,  mein  Mann 


—     154     — 

zu  werden?"  Gesser  eiwiederle:  „Kennst  du  denn  mich, 
deinen  Jüngern  Bruder  nicht?"  Das  Weih  versetzte:  „Wer, 
sagst  du,  dass  du  seyst?"  Gesser  entgegnete:  „Bi"  ich 
denn  nicht  der  Riese,  dein  jüngerer  Bruder?"  Das  Weib 
versetzte:  „Seit  wann,  mein  Lieber,  ist  dein  Aussehen  so 
reitzend  geworden?"  Gesser  erwicderle:  „Seit  ich  die 
Gemahlinn  des  Gesser  Chaghan  genomraen  habe,  bin  ich 
so  schön  geworden."  Das  Weib  sprach:  „Nun  wohl,  aber 
warum  hast  du  auf  mich  geschossen?"  (iesser  antwortete: 
„Schwester!  seit  ich  geboren  bin,  hast  du  mir  meine  Seele, 
einen  Käfer,  noch  nicht  gezeigt-,  aus  Unwillen  darüber  habe 
ich  dich  erschossen."  Das  Weib  entgegnete:  „Weil  ich 
deinen  Leichtsinn  und  deine  Unbesonnenheit  kannte,  und  ^ 
für  die  schlimmen  Folgen  besorgt  war,  wenn  du  sie  (die 
Seele)  Jemanden  zeigen  solltest,  habe  ich  sie  dir  nicht  ge- 
geben 5  also  deswegen  hast  du  mich  getödtel?  Da  nimm!" 
Mit  diesen  Worten  warf  sie  ihm  (die  Seele) ,  sie  auf  der 
Erde  rollen  lassend  entgegen.  Da  sprach  (besser:  „Nun 
komm  her,  Schwester,  ich  v^ill  deinen  Pfeil  ausziehen!" 
Sich  stellend,  als  zöge  er  den  _Pfeil  heraus,  zerwühlte  er 
ihr  damit  das  Eingeweide  und  tödtete  sie  vollends.  Die 
Seele  verschloss  er  in  einen  dunkeln  Raum  des  Gebäudes 
und  brannte  alles  nieder. 

Am  Abend  kam  der  Riese  nach  Hause.  „O  Weh,  o 
ЛҮеЬ,  mein  Kopl!  schrie  er,  wälzte  sich  liegend  und  schlief 
endlich  ein.  Aus  seinem  rechten  Nasenloche  kam  ein  gros- 
ser goldener  Fisch  hervor  und  hüpfte  auf  seiner  rechten 
Schulter  umher.  Aus  seinem  linken  Nasenluche  kam  ein 
kleiner  goldener  Fisch  hervor  und  trieb  sein  Spiel  auf  der 
linken  Schulter  des  Riesen.  Tümen  Dschirghalang  füllte 
zwei  Quersäcke  mit  Kohlenstaub,  legte  sie  auf  ihre  Lagerstätte 
und  versteckte  sich  dahinter.  Dann  v\ eckte  sie  den  Gesser. 
Dieser  stand  auf  und  wetzte  sein  grosses  stählernes  Beil. 
,,Was  knarrt  und  scharrt  da!"  rief  der  Riese,  schnappte  und 
erschlang  den  vorderen  Quersack  mit  Kuhlen."    Was,  rief 


—     155     — 

Turnen  Dscbirghalang,  plauderst  du  da  im  Traume! 
Willst  du  mich  etwa  liegeud  fressen?"  Der  Riese  fragte: 
„Was  hat  da  gescharrt?"  Tümen  Dschirghalang  antwor- 
tete: „Während  ich  Garn  spann,  zerriss  der  Faden  und 
die  Spindel  fuhr  iil  den  Kessel;  davon  der  Ton."  Der 
Riese  versetzte:  ,,Das  muss  ich  erfahren!"  worauf  Tümen 
Dschirghalang  forlspaun  und  diesen  Ton  hervorbrachte. 
„Der  Ton  war  dem  ähnlich",  meinte  der  Riese  und  schlief 
wieder  ein.  Gesser's  Pfeile  machten  ein  rasselndes  Getöse; 
der  Riese  sprang  auf,  schnappte  und  verschlang  den  zweiten 
Sack  mit  Kohlen.  Tümen  Dschirghalang  rief:  „Wenn 
du  mich  verschlingen  willst,  so  verschlinge  mich  doch  lieber 
bei  Lampenschein  als  im  Dunkeln."  Der  fviese  fragte: 
„Was  hat  da  geknarrt?"  Tümen  Dschirghalang  erwie- 
derte:  „Ich  zog  unTermulhet  hier  am  Strick  und  da  ent- 
stand ein  solcher  Ton."  Der  Riese  befahl:  „Ziehe  noch  ein- 
mal!" Sie  that  es,  der  Riese  fand  den  Ton  älmlich  und 
schlief  wieder  ein. 

Nun  ergriff  Gesser  seine  beiden  Beile  und  kam  hinzu. 
Er  liess  die  Tümen  Dschirghalang  zwei  Händevoll 
Kohlenstaub  nehmen  und  befahl  ihr,  sogleich  nach  dem  Hiebe 
diesen-  Kohlenstaub  auf  die  Wunden  zu  drücken.  Hierauf 
hieb  Gesser  die  auf  den  Schultern  des  Riesen  befindlichen 
zwei  goldenen  Fische  mit  sammt  den  Schultern  durch  und 
Tümen  Dschirghalang  bedeckte,  der  Verabredung  ge- 
mäss, die  Wunden  sogleich  mit  dem  Kohlenstaube.  Der 
Riese  stürzte  hin,  stand  wieder  auf  und  rang  mit  Gesser. 
Dieser  warf  den  Riesen  nieder,  und  schnitt  ihm  seine  zwölf 
Köpfe  ab.  Als  er  ihm  bereits  elf  Köpfe  abgeschnitten  hatte 
und  im  Begriffe  war,  den  letzten  einen  abzuschneiden,  sprach 
der  Riese:  „A^ertilger  der  Wurzel  der  zehn  Uebel,  furcht- 
barer Bogda,  du  hast  mich  in  schmähliger  Weise  getödtel, 
obgleich  zwischen  uns  Beiden  keine  grosse  Feindschaft  ob- 
waltete; auch  halje  ich  keineswegs  aus  Missachtung  gegen 
dich  dein    Weib    genommen    und   hergebracht.     Lasst    uns 


—      156     — 

von  nun  an  Freunde  seyn !  Wo  es  einen  grollenden  Feind 
gibt,  den  lasst  uns  vereint  vernichten!  Lasst  uns  in  meinem 
Lande  überwintern,  v\"eil  es  in  demselben  während  des 
Winters  vsarm  ist,  und  weil  es  ^vährend  des  Sommers  in 
deinem  Lande  kühl  ist,  so  wollen  wir  zusammen  den  Som- 
mer dort  verbringen!"  Gesser  gab  seine  Einwilligung  und 
hielt  inne,  da  riefen  die  drei  Schлvcsteru  Dscharatso, 
Dari  und  Udam  auf  diese  AVorte  (des  Riesen)  vom  Him- 
mel herab:  „Liebes  Rolznäschen,  ллагит  glaubst  du  seinen 
Worten!  Wenn  sein  Körper  zu  Gusseisen  geworden  ist, 
so  kannst  du  ihn  nicht  mehr  tödlen  •,  mache  geschwind!', 
Als  Gesser  hierauf  dem  Riesen  die  Kehle  durchschneiden 
wollte,  schnurrte  das  Messer  darüber  hinvvegj  er  MoUte  ihm 
das  Messer  unter  die  Armhöhle  einstechen ,  aber  es  ging 
nicht  durch.  Da  stach  er  ihm' dasselbe  in  die  Weichen  des 
Bauches  und  zerriss  seine  Eingeweide,  worauf  das  flüssige 
Erz  abfloss  und  er  ihm  den  Kopf  abschnitt. 

Nach  dieser  That  bestieg  Gesser  Chaghan  das  Reit-' 
pferd  des  Riesen,  einen  schwarzen  Blässen,  verwandelte  sich 
selbst  in  die  Gestalt  des  Riesen  und  begab  sich  zu  dessen 
älterm  Bruder,  dem  zauberischen  Lama.  Daselbst  angelangt 
stieg  er  ab,  ging  hinein  und  verl^eugte  sich.  Während  er 
den  Schein  gab,  sich  einsegnen  zu  lassen,  schnitt  er  dem 
Lama  den  Bauch  auf  und  zerriss  dessen  Eingeweide.  Der 
Lama  vergass  O  m  auszusprechen  und  sagte  Päd.  Das 
schwarze  Blässpferd  war  unterdessen  gefallen;  Gesser  be- 
goss  dasselbe  mit  dem  Blute  (des  Lama),  worauf  es  v^ieder 
zum  Leben  kam. 

Nun  machte  Gesser  sich  zu  dem  Kinde  und  Erben 
des  Riesen  auf  den  Weg.  Er  kam  zu  dem  ^^^chlosse  mit  sie- 
benfacher Mauer  und  rief  ausserhalb  desselben:  „Mein  Kind!" 
Das  Kind  des  Riesen  antwortete:  „Komme  herein!"  und  ging 
ihm  entgegen.  Gesser  sprach:  „Reiche  mir  deine  Hand, 
damit  dein  Väterchen  dich  liebkose!"  Er  ergriff  die  Hand 
des  Kindes  durch    eine  Maueröffnung  und  sprach:    „Oeflfne 


—      157     — 

doch  das  Thor!,"  Das  Kind  öffnete,  aber  während  er  die 
Hand  desselben  sLreicheUe,  schnitt  er  sie  plötzlich  ab.  „Was 
machst  du,  Väterchen!"  schrie  das  Rind.  Gesser  sprang 
hinein  und  warf  sich  auf  das  Kind,  welches  schrie:  „O  Weh, 
was  machst  du!  in  schmählicher  Weise  ermordest  du  mich! 
Ich  besitze  als  Geschenk  von  meinem  A'^nler  eine  Heerde 
von  zehntausend  weissen  Pferden  und  unter  denselben  ein 
schneew eisses  Pferd*,  dieses  nimm  und  lasse  mich  los!"  — 
„Gut,  sprach  Gesser,  ich  habe  es  erfahren !•'  Ferner  sprach 
das  Kind:  „Gesser  besitzt  eine  Heerde  von  zehntausend 
schwarzen  Pferden,  unter  denselben  befindet  sich  ein  Pferd, 
schwarz  wie  Tinte ;  dieses  nimm  und  lasse  mich  los !  Ferner 
besitzt  er  eine  Heerde  von  zehntausend  Blauschimmeln  und 
unter  denselben  ein  Pferd,  blau  gleich  eineui  Türkis 5  dieses 
nimm  und  lasse  mich  los!  Sodann  besitzt  er  noch  eine 
Heerde  von  rothen  Pferden  und  unter  denselben  ein  rubin- 
rolhes  Pferd;  dasselbe  nimm  und  lasse  mich  los!  Was  sagst 
du  dazu?'.'  Gesser  versetzte:  „Deines  A'^aters  verruchtes 
Haupt,  du  nichtswürdiges,  verrücktes  und  dabei  bösartiges 
Wesen!  Wie!  wem  gehören  denn  alle  diese  Heerden,  ich 
mag  dich  nun  tödten  oder  nicht?"  Das  Kind  erwiederte: 
,,Ich  wünsche  dich  zum  Vater,  nimm  du  mich  als  Sohn  an!" 
„Gesser  versetzte:  „Jetzt  sprichst  du  einmal  vernünftig! 
sage  mir  aber  vorerst,  in  welcher  Weise  du  deine  Mutter 
zu  besuchen  pflegst. ''  Nachdem  er  das  Kind  vollständig 
ausgefragt  hatte,  schnitt  er  demselben  den  Kopf  ab. 

Gesser  nahu)  die  Gestalt  des  Kindes  an  und  kam  zur 
Behausung  der  Riesinn.  ,,Muttei-,  rief  er,  es  heisst  Gesser 
sey  gekommen:  zeige  mir  doch  an,  wo  die  kupferne  grosse 
Nadel  und  das  goldene  Siegel  ist.''  Die  Alle  zeigte  den  Ort 
an,  um  aber  ihrer  Sache  gewiss  zu  seyn,  ergriff  sie  ihren 
eisernen  Stab  und  näherte  sich,  Guru  Piakscha,  Guru 
Rakscha  rufend.  Das  Kind  bemäcljligte  sich  des  goldenen 
Siegels  und  der  kupfernen  grossen  Nadel  und  nahm  die 
Flucht.      Da   wurde   der  Allen  die  Sache  klar  imd  sie  ver- 


—     158     — 

folgte   das   Kind.      Dieses   zerbrach   das   goldene  Siegel  und 
die  kupferne  grosse  Nadel,  worauf  die  Alte  sogleich  starb. 

Nachdem  Gesser  Chaghan  den  zwölfköpfigen  Kiesen 
gelödtet  und  dessen  ganzes  Geschlecht  mit  der  AVurzcl 
ausgerottet  hatte,  sprach  seine  Gcmahlinn  Aralgho  Goa: 
„Nun  ist  das  ganze  Geschlecht  des  ZA^ölfl\öpGgen  Riesen 
mit  Sumpf  und  Stiel  ausgerotlel  5  nun  lasst  uns  Beide  in 
der  Nähe  der  goldenen  Pyramide  in  Pvuhe  leben!"  Hierauf 
überreichte  Aralgho  Goa  dem  Gesser  in  einer  goldenen 
Schale  ein  schwarzes  Getränk,  Bak  genannt.  Nachdem 
Gesser  dieses  Getränk  genossen  halte,  vergass  er  sich  selbst 
und  alles  bisher  Geschehene  völlig. 


FÜNFTES  CAPITEL. 

Der  Schiraighol'sche  Krieg,  die  \^eranlassung  zu  dem- 
selben  UND    DESSEN    UNGLÜCKLICHER  AüSGANG    ЛVÄHREND    DER 

Abwesenheit  Gesser's.  -^  Gesser  kehrt  zurück,  erneuert 
DEN    Krieg,    besiegt    und    tödtet    die    drei    Chane    von 

ScHIRAIGHOL  und  UNTERWIRFT  SICH  IHRE  UnTERTHANEN. 


Zu  der  Zeit  beriefen  die  drei  Chane  von  Schiraighol^) 
eine  RathsVersämmlung.  Der  Grund  zu  dieser  l'^ersamm- 
lung  war,  zu  berathen,  woselbst  man  eine  schöne  und 
passende   Bi'atit   für  den    Altan    Gereltu  Taidschi,    den 

i )  Ist  der  Mongoli.scbe  Name  der  südlichen  Mongolen ,  welche 
von  Alters  her  ihre  Sitze  in  der  Gegend  des  Kökenoor  und  am 
obern  Choangiiö  hatten.  Ihr  alter  Tibetischer  Name  ist  Tuluhun, 
bei  den  Chinesen  Tukohoen;  nun  werden  die  Mongolen  überhaupt 
bei  den  Tibetern  Ilor  oder  Ssogpo  genannt.  Vergl.  meine  „For- 
schungen im  Gebiete  der  Geschichte  Mittelasiens  S.  228"  und  „Ge- 
schiclite  der  Ostmongölen,  S.  359." 


—      159     — 

Sohn  dex  Tsaghan,  der  Hauptgemahlinn  des  Tsaghaii 
Gertu  Chan  finden  und  anwerben  könne.  Es  wurde  be- 
schlossen, rings  umher  Bolen  zu  senden,  um  die  fürsdichen 
Töchter  zu  besehen  5  da  aber  für  Menschen  und  Pferde  die 
Orte  nicht  erreichbar  seyn  möchten,  so  wurde  ein  weisser 
Sperber  mit  Hasenfleisch  gefüttert  und  hinauf  gesandt,  um 
nachzusehen  und  zu  berichten,  ob  die  Töcht  r  der  Him- 
melsgötter schön  seyen.  Ein  geschickter,  sprachbegabter 
Papagei  wurde  mit  Gewürm  gefüttert  und  abgesandt,  um 
nachzusehen  und  zu  berichten,  ob  die  Tochter  des  Chine- 
sischen Chaghan's  schön  sey.  Ein  prachtvoller  Pfau  wurde 
mit  Obst  und  Fiiichten  gefüttert  und  abgesandt,  um  nach- 
zusehen und  zu  berichten,  ob  die  Tochter  des  Ghaghau's' 
von  Balpo  (Nepal)  schön  sey.  Ein  Fuchs  w'urde  mit 
Sehnen  gefüttert  und  abgefertigt ,  um  nachzusehen  und  zu 
berichten,  ob  die  Tochter  des  Chaghan's  von  Enedkek 
(Hindustan)  schön  sey.  Endlich  wurde  ein  Rabe  mit  aller- 
lei guter  und  schlechter  Nahrung  gefüttert  und  abgefertigt, 
um  nachzusehen  und  zu  berichten,  ol)  die  Tochter  des  Cha- 
ghan's von  Tübet  schön  sey.  Hierauf  begaben  sich  Alle 
auf  die  Reise.  Der  weisse  Sperber  stieg  bis  in  den  Himmel 
und  kam  nicht  wieder  zurück.  Der  geschickte,  sprachkun- 
dige Papagei  kam  zurück  und  berichtete:  „Der  Chaghan 
von  China  hat  zwar  eine  Tochter,  Namens  Küne  Goa,  es 
hat  aber  Gesser  Chaghan  diese  Küne  Goa  genommen 
und  ist  nach  dreijährigem  Aufenthall,  nachdem  er  die  Re- 
gierungsangelegenheiten ihres  Vaters  in  Ordnung  gebracht, 
zurückgekehrt.  Ihr  (der  Küne  Goa)  Aussehen  und  ihre 
Gestalt  habe  ich  schön  gefunden  j  es  warten  aber  noch  die 
andern  Boten  und  w^ollen  Nachricht  bringen."  Der  Pfau 
kam  und  sprach:  „Das  Aussehen  und  die  Gestalt  der 
Tochter  des  Chaghan's  von  Balpo  ist  zwar  reitzend,  die 
Sprache  der  Welt  (die  Weltsitlen)  ist  ihr  aber  unbekannt; 
nach  meiner  Meinung  ist  sie  unpassender  als  die  hiesigen 
Töchter."      Der    Fuchs    kam    und  berichtete:    „Die   Toch- 


—     160     — 

ter  des  Chagban's  von  Enedkek  ist  von  Aussehen  und 
Gestalt  zwar  überaus  reilzend,  das  Uebel  aber  ist  ihre  An- 
hänglichkeit an  ihr  Land,  wo  sie  sich  damit  beschäftigt,  die 
schwarzen  und  weissen  Erbsen  zu  zählen." 

Der  Rabe  liess  sich  in  drei  Jahren  nicht  sehen;  im  dar- 
auf folgenden  Jahre  erschien  er.  Als  er  bei  seiner  Ankunft 
der  Wohnung  des  Ohara  Gertu  Chan  vorbei  kam,  krächzte 
er,  als  er  der  Wohnung  des  Schira  Gertu  Chan  vorbei- 
kam, pfiff  er,  und  als  er  bis  zur  Behausung  des  Tsaghan 
Gertu  Chan  gelangte,  blieb  er  flatternd  in  der  Luft  und 
sprach:  „Ich,  der  Rabe,  euer  Bote,  bin  aus  fernen  Landen 
hergekommen-,  seyd  iljr  verlangend  nach  meinem  Berichte?'' 
„Allerdings!"  versetzte  Tsaghan  Gertu  Chan,  schickte 
sogleich  Boten  zu  seinen  beiden  Jüngern  Brüdern  und  л'ег- 
sammelte  seine  Heeresmacht.  Er  sprach:  „Seht  doch  diesen 
armen  Raben!  seine  FJügelspitzen  sind  geknickt,  die  Klauen 
an  den  Füssen  hat  er  verloren  und  sein  Schnabel  ist  zer- 
brochen." Der  Chan  Hess  hierauf  ein  Schaf  schlachten 
und  rief  ihm  zu :  „K(mim,  armer  Rabe,  setze  dich  auf  dieses 
hier  und  stalle  deinen  Berichl  ab!"  Der  Rabe  erwiederte: 
„Ich  mag  nicht!  auf  dein  hingelegtes  Futter  selze  ich  micli 
nicht!"  Der  Chan  meinte,  der  Rabe  habe  Rechl,  liess  eine 
Slule  schlachten  und  forderte  ihn  auf,  sich  darauf  herab- 
zusenken. „Ich  mag  nicht,  entgegnete  der  Rabe  abermals, 
ich  habe  kein  Verlangen  nach  deinem  Futter!  Während  ich 
in  euern  Geschäften  umherzog ,  und  nach  Gefallen  am 
blauen  Himmel  schwebte ,  sind  mir  die  Enden  meiner 
Flügel  zerknickt,  mein  zum  Aufsuchen  des  Frasses  bestimm- 
ter Scbnabel  ist  mir  zerbrochen;  während  ich  nach  Gefallen 
auf  der  Erdtläche  herumhüpfte,  habe  ich  die  Klauen  mei- 
ner Füsse  eingebüsst."  —  „Der  Arme  hat  Recht,  dass  er 
über  seine  bitleren  Erfahrungen  jammert",  sprach  Schi- 
manbirodsa,  liess  ein  achtjähriges  Kind  schlachlen  und 
forderte  den  Raben  auf,  sich  darauf  herabzusenken.  Der 
Rabe  verweigerte  es,  blieb  fortwährend  am  Himmel  schwe- 


—   161   — 

Ьеп  und  sprach:  „Ich  gelangte  bis  zum  Gotte  Chormusda 
in  der  Höhe-,  der  Gotl  Chormusda  besitzt  drei  reitzende 
Töchter;  wenn  der  Chan  die  Eine  sich  erbitten  könnte, 
würde  sie  ihm  wohl  gegeben  •,  wenn  er  die  Andere  rauben 
könnte,  würde  er  sie  wohl  erhallen  können;  wenn  er  die 
Dritte  stehlen  könnte,  würde  er  sie  wohl  haben  können. 
Nun  aber  ist  der  Gott  Chormusda  furchtbar  und  grim- 
mig, so  dass  der  Chan  wohl  schwerlich  etwas  ausrichten 
möchte. "  Nun  wurde  dem  Raben  ein  goldener  Käfich 
hingestellt  und  ihm  zugerufen,  er  möchte  herabkommen 
und  seinen  Bericht  abstalten ,  er  aber  kam  nicht  herab 
und  sprach  weiter:  „Auch  die  Drachenfürsten  der  Tiefe 
haben  drei  schöne  Töchter;  nicht  minder  schön  sind  die 
drei  Töchter  der  Assuri;  aber  die  Drachenfürsten  sind 
sehr  stark  und  mächtig  und  die  Assuri  sehr  grimmig,  des- 
halb möchte  es  dem  Chan  wohl  schwerlich  gelingen,  sich 
die  Töchter  dieser  Fürsten  zu  verschallen.  Denn  die  Einen 
wie  die  Andern  (d.  h.  die  Drachenfürsten  und  die  Assuri) 
stehen  mit  Chormusda  auf  einer  Stufe  der  Macht;  was 
soll  ich  weiter  sagen!"'  Hierauf  wurde  dem  Raben  ein  sil- 
berner  und  ein  eiserner  Käfich  hingestellt  und  er  aufge- 
fordert, herabzukommen  und  seinen  Bericht  abzustatten; 
der  Rabe  aber  kam  nicht  hgrab  und  sprach  weiter:  „Auch 
gelangte  ich  in  das  Land  Tübet  zum  Herrscher  in  den 
zehn  Gegenden,  dem  heilbringenden  Bogda  und  weisen 
Chan.  Die  Gemahlinn  Gesser  Chan 's  heisst  Rogmo 
Goa;  der  Name  ihres  Vaters  ist  Sengeslu  Chan.  Der 
Körper  der  Rogmo  Goa,  wenn  sie  aufrecht  steht,  gleicht 
einer  mit  kostbaren  seidenen  Stoffen  überdeckten  Fichte, 
und  wenn  sie  sitzl,  einer  weissen  Ordu,  in  welcher  fünf- 
hundert Mann  zum  Sitzen  Plalz  haben.  Auf  ihrer  rechten 
Schulter  dreht  sich  eine  goldene  Fliege  und  auf  ihrer  lin- 
ken Schulter  eine  silberne  Fliege  im  Kreise.  Sitzl  sie 
rechts  in  der  Sonne,  so  scheint  sie  zu  schmelzen,  sitzt  sie 
links  im  Mondschatten,   so  scheint  sie  zu  erstarren.     Des 

11 


—     162     — 

Nacbts  beim  Lampenscbein  bat  sie  das  Ansehen,  als  hütete 
sie  hunderttausend  kriegerische  Rosse;  so  unendlich  herrlich 
ist  sie.      Das  Haus   in  welchem   sie   wohnt,  ist  eine  \\eisse 
Ordu,    in    welcher    fünfhundert    Mann    zum    Sitzen    Platz 
haben;  die  äussere  Bekleidung  dieser  Ordu  besteht  aus  den 
köstlichsten   seidenen   Stoffen,   die   Bänder  um  dieselbe  be- 
stehen  aus   unzerreissbarem,  vierfachem  seidenem  Drahtge- 
flechte,   die    Stützen    derselben    sind    goldene    Säulen.      In 
ihrem  Hause  befindet  sich  eine  weisse  Pyramide,  der  Juwel 
Tschintämani,  und  die  Religionsschriflen  des  Kandschur 
und    Tandschur    mit    goldenen    Buchslaben    geschrieben, 
sodann  noch  die  Kohle  ohne  Risse  oder  Sprünge.    Gesser 
Chaghan  ist  nicht  zu  Hause:    er  ist  noch  nicht  zurückge- 
kehrt, seitdem   er  gegen   den   zwölf köpfigen  Riesen   ausge- 
zogen   ist,    um    demselben    die    ihm    geraubte    Gemahl inn 
Aralgho  Goa  wieder   abzujagen.      Die   Götter  der   Höhe, 
die   Assuri   der   Mitte    und   die   Drachenfürsten    der   Tiefe 
haben   zwar  alle   schöne  Töchter,    a])er   unter   ihnen    keine 
einzige,  die  sich  mit  Rogmo  Goa  vergleichen  Hesse."    Der 
Chan   und   das   ganze   grosse  Kriegsheer  луагеп  über  diesen 
Bericht  sehr  erfreut;  sie  stellten  einen  hölzernen  Käfich  hin 
und  forderten    den    Rahen    auf,    herabzukommen,    welches 
dieser  aber  nicht  that.    Da  gerieth  Tsaghan  Gertu  Chan 
in  Zorn  und  rief:  „Willst  du  Nichtswürdiger  dich  als  zum 
Himmel   gehörig  ansehen?   bist   du   nicht   der  лоп  uns  auf- 
gefülüerte  und  auf  Bolschaft  ausgesandte  Rabe?"  Mit  diesen 
Worten   ergriff  er   Bogen    und   Pfeil   und  legte    den    Bogen 
spannend  an.    Der  Rabe,  in  Furcht  gesetzt,  fiel  auf  die  Asche 
und   liess   sich    greifen.     „Nun,    sprach    Tsaghan    Gertu 
Chaghan,    was  hast  du  von  Rogmo   Goa  gesagt,  erzähle 
es  noch  einmal!"  Der  Rabe  gab  hierauf  den  nämlichen  Be- 
richt wie   zuvor.      „Wie   schön   muss   nicht   Rogmo    Goa 
seyn,  wenn  der  Rabe  die  Wahrheit  spricht,  sagte  der  Chan, 
sollte    er  aber  auch  lügen,    so  muss  man  gestehen,    das  er 


—    16S    -. 

em  meisterhaft  wohlredender  Rabe   ist.     Nun,  Rabe,  gehe 
hin  und  friss  dein  Futter!" 

Hierauf  berathschlagten  die  drei  Chane  Folgendes :  „Woll- 
ten wir  berittene  Mannschaft  hinschicken,  so  würde  die  Reise 
zu  lang  dauern;  wann  лү1ач1е  sie  hinkommen!"  Endlich 
entschlossen  sich  die  drei  Schutzgenien  der  drei  Fürsten, 
sich  in  einen  Vogel  Gangga^)  zu  verwandeln  und  auf 
Kundschaft  sich  hinzubegeben.  Der  Schutzgeist  des  Tsa- 
ghan  Gertu  Chan,  Namens  Tsaghan  Uerkün  Tegri, 
verwandelte  sicli  in  den  weissen  Kopf  und  die  weisse  Brust 
des  Vogels,  der  Schutzgeist  des  Schira  Gertu  Chan, 
Namenä  Schira  Uerkün  Tegri,  verwandelte  sich  in  den 
gelben  Mitteltheil  des  Körpers  des  A^ogels  und  der  Schutz- 
geist des  Ghara  Gertu  Chan,  Namens  Chara  Uerkün 
Tegri,  verwandelte  sich  in  den  schwarzen  Schwanz  des 
Vogels.  Nachdem  die  Schutzgeister  der  drei  Fürsten  sich 
solchergestalt  in  einen  Vogel  Gangga  verwandelt  liatten, 
machten  sie  sich  auf  den  Weg.  Der  Vogel  gelangte  gegen 
Tages  Anbruch  zu  der  weissen,  fünfhundert  Mann  fassenden, 
Ordu  Gesser  Ghaghan's  und  setzte  sich  auf  den  Kranz 
des  Rauchfanges  derselben  mit  solcher  Gewalt,  dass  das 
imerschütterliche  weisse  Haus  in  starkes  Wanken  gerieth, 
dass  zwei  von  den  unzerreissbaren  seidenen  Wandbändern 
desselben  in  Stücke  zerrissen,  dass  die  unbeugsamen  gol- 
denen Stützen  desselben  sich  bogen.  Rogmo  Goa  sprang 
erschrocken  auf,  kleidete  sich  an  und  rief  den  Bars  Ba- 
ghatur,  einen  der  dreissig  Helden  Gesser  Chaghah's, 
welchen  dieser  liebte  und  ihn  (während  seiner  Abwesen- 
heit) als  Aufseher  seines  Hofes  bestellt  hatte.  .,0  Weh, 
rief  sie,  mein  Bars  Baghatur!  man  pflegt  zu  sagen,  wenn 
"der  Mann  schläft,  so  geht  Jagd  und  Krieg  rückgängig,  Avenn 
die  Frau  schläft,  so  gehen  die  häusliclien  Geschäfte  rück- 
'gängig,  und  wenn  der  Baum  liegt,    so  machen  die  Ameisen 

2)  Eine  grosse  Geierart 5  Sanskr.  GanggatschilU. 

11* 


«-     164     — 

Sich  Nester  darein.  Ob  der  zwölfköpfige  Riese  den  Herr* 
scher  in  den  zehn  Gegenden,  meinen  trauten  Bogda  gelödtet 
hat?  Ob  dieser  Vogel  als  eine  Verwandlung  des  fliesen  ge- 
kommen ist,  um  mich,  die  Ghaninn  Rogmo  Goa,  abzuholen? 
Ob  er  gekommen  ist,  den  Dsesse  Schikir  und  die  drei- 
ssig  Helden  zu  tödten?  Jedenfalls  ist  ein  ungewöhnlicher 
Vogel  gekommen  und  hat  sich  (auf  das  Haus)  gesetzt.  Ich 
bin  in  grosser  Furcht!"  Sodann  sprach  Rogmo  Goa  weiter: 
„Mein  Bars  Baghatur,  befestige  die  Senne  deines  straffen 
schwarzen  Bogens,  lege  die  Kerbe  deines  goldgeschmückten 
weissen  Pfeiles  ein  und  komm  heraus!"  Bars  Baghatur 
kam  heraus,  nachdem  er  die  Senne  seines  straffen  schwarzen 
Bogens  anziehend  befestigt  und  die  Kerbe  des  goldge- 
schmückten weissen  Pfeiles  eingelegt  hatte.  Als  er  den 
Vogel  erblickte,  entsank  ihm  der  Muth,  der  Griff  des 
straffen  schwarzen  Bogens  entschlüpfte  seiner  Hand,  der 
eingelegte  weisse  Pfeil  fiel  von  der  Senne  und  er  selbst 
starrte  wankend  und  zurückweichend  hin.  Rogmo  Goa 
sprach  mit  Thränen:  ,,0  Weh,  O  Weh!  den  Menschen,  der 
dir  den  Titel  Bars  Baghatur  (Tigerheld)  gegeben  hat, 
möchte  ich  tödten  und  dir  selbst  unreines  Wasser  über  den 
Kopf  giessen !  W^ie  kann  man  ein  Mann  seyn  und  vor  einem 
Vogel  allen  Muth  verlieren !  Ich  bin  zwar  nur  ein  Weib, 
aber  gib  mir  Bogen  und  Pfeil*,  ich  werde  den  Vogel  nie- 
derschiessen!"  Bars  Baghatur  erwiederte:  „Nicht  doch! 
was  würde  mein  Herr,  der  Herrscher  in  den  zelin  Gegen- 
den Gesser  Chaghan  sagen,  wenn  er  erfahren  sollte,  dass 
ich  meinen  Bogen  und  meinen  Pfeil  einem  W^eil)e  zum 
Schiessen  überlieferte!  Mein  Freund  Dsesse  Schikir  sein 
Bruder  und  die  dreissig  Helden  Alle  würden  mich  unter 
dem  Namen  „der  weibliche  Bars  Baghatur"  zum  Gegen- 
stande des  allgemeinen  Geredes  machen."  Diess  gesagt  er- 
fasste  er  den  Griff  seines  schwarzen  Bogens  mit  Festigkeit, 
legte  den  Pfeil  auf  und  spannte  den  Bogen.  Rogmo  Goa 
rief  ihm  zu:  „Verfehle  ja  nicht  das  Schlüsselbein I"  Er  ver- 


—     165      — 

fehlte  das  Schlüsselbein  und  schoss  einer  Seite  des  Vogels 
entlang  durch  dessen  Gefieder.  Der  Vogel  erhob  sich  und 
umkreiste  die  Rogmo  Goa  dreimal,  sie  anschauend.  Auch 
Roghao  Goa  schaute  dreimal  zu  ihm  hinauf.  Der  Vogel 
entfernte  sich.  Die  von  Bars  Baghatur  dem  Vogel  abge- 
streiften Federn  sammelten  Bars  Baghatur  und  Rogmo 
Goa;  sie  betrugen  im  Ganzen  dreissig  Eselladungen  und 
ihre  Kiele  allein  drei  Maulthierladungen. 

Der  Vogel   Gangga   kam   in   sein  Land  zurück;  er  be- 
richtete dem  Tsaghan  Gertu  Chan  Folgendes:  „Warum 
sollte   ich   die  Erzählung  des  bedauerlichen  Raben  wieder- 
holen!   was   er  gesagt,  ist  die   reine  Wahrheit.      Gesser's 
dreissig  Helden  und  sein  Bruder  Dsesse  Schikir  sind  da; 
Gesser  selbst   ist   noch   nicht   zurückgekehrt;    das  ist  alles 
der  Wahrheit  gemäss."     Tsaghan  Gertu  Chan  schickte 
hierauf  Boten   zu  seinen  zwei  Brüdern   mit  folgendem  Be- 
fehl:   „Niemand,   der  älter  als  dreizehn  Jahr  ist,  selbst  die 
Lamas    und    geistlichen   Schüler    nicht    ausgenommen,    darf 
hier  bleiben;    wer   zurückbleibt,   hat   das  Leben   verwirkt." 
Sein  mittlerer  Bruder  Sc  hira  Gertu  Chan  kam  und  sprach: 
„Mein  Bruder!  man  behauptet,  der  Herrscher  in  den  zehn 
Gegenden  Gesser   Chaghan   habe  sich  bei  seiner  Geburt 
blos  mit   einer  Menschenhaut  bedeckt;   er   soll  sich  in  allen 
zehn   Gegenden    verwandeln    können;    die    dreissig  Helden 
sollen    furchtbar    und    unbesiegbar    seyn ;     statt    gegen    ihn 
in  den  Krieg  zu  ziehen,  wäre  es  wohl  besser,  hier  zu  blei- 
ben." Tsaghan   Gertu  Chan  versetzte:   „Du   Nichtswür- 
diger, bleibe   hier  sitzen    als   einer  dem  die  Augen  ausge- 
platzt sind!    bleibe   hier  liegen   als  ein  von  einer  scheussli- 
chen  Krankheit  Ergriffener  I  ich    aber  werde  dennoch  dein 
Kriegsvolk  mit  mir  nehmen."     Mit  solchen  Schirapfworten 
enlliess   er  ihn.      Sodann  kam  sein  jüngster  Bruder  Schi- 
manbirodsa  und  sprach:   „Mein   theurer  Fürst   und  Bru- 
der! ist  nicht  Gesser  der  Sohn  des  Gottes  Chormus  da 
da  oben?  als  er  noch  im  Götterreiche  weilte,  hat  er  sehr 


—    166    — 

▼iele  Wesen  besiegt  ^  eben  so  jetzt,  obgleich  er  auf  die  Erde 
herabgekommen  ist.  Sein  Freund  und  älterer  Bruder  Dsesse 
Schikir,   der  als  Bändiger  der  Macht  aller  Wesen  geboren 
ist,  so  wie  auch  die  dreissig  Helden  sind  sämmllich  magische 
Geburten.     Wir  sind  nicht  im  Stande,  das  Weib  eines  der 
dreissig    Helden   zu   erbeuten,    geschweige   denn,    dass  wir 
die  Rogmo   Goa,    das  Schoossweib   des  Herrschers   in  den 
zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan's  ihm  abzunehmen  ver- 
mögen sollten.      Lasst  uns   daher   mit    diesem   Kriegsheere 
die  Länder  der  benachbarten  Fürsten  durchziehen  und  ihre 
Töchter    besehen!"'    Tsaghan    Gertu    Chan    erwiederte: 
„  Es    gibt    unter    ihnen    keine    einzige    schöne    Jungfrau. " 
Schimanbirodsa  versetzte:  „Wenn  es  unter  ihnen  keine 
gibt,    so    lasst    uns    unter    den    Töchtern   der  Grossen,    der 
Edeln  und  der  Fürsten  vom  Geblüte  aussuchen  j  sollte  sich 
unter  diesen  eine  finden,  so  nehmen  wir  sie,  richten  ihren 
Staat  und  Putz  ganz  so    ein,   wie  bei    Rogmo   Goa    und 
geben  ihr  den  Namen  Rogmo   Goa^  wer  wird  es  wagen, 
zu  sagen,  dass  sie  nicht  Rogmo  Goa  seyl"  Der  ältere  Bru- 
der fing  an  zu  schimpfen  und  zu  schelten:  ,, Bleibe  sitzen  als 
Einer,  dessen    Ohren  taub  gcAVorden!  bleibe  liegen  als  ein 
von  einer  schimpflichen  Krankheit  Befallener!"  mit  noch  vie- 
len andern   Schmähungen.     Schimanbirodsa  dachte:   „Er 
glaubt  wohl,  ich  fürchte  mich;"  imd  begab  sich  nach  Hause. 
Am  folgenden  Tage   sammelte  Tsaghan  Gertu  Chan 
sein  Kriegsheer  und  gab  den  Befehl  zum  Aufbruche.    Schi- 
manbirodsa   kam,    fiillte     eine    goldene    Trinkschale    mit 
starkem   BranntAvein,    überreichte  sie   seinem  altern  Bruder 
und  sprach:    .,Gibt  es    Furchtsame    in    deinem    Heere,    so 
gehöre  ich  walu-lich  nicht  dazu  5  im  Gegentheil   bin  ich  be- 
gannt als  Held!    Wir  pflegten   uns  gegenseitig  als  geliebte 
Kinder   des   Himmelsfürsten   anzusehen   und   zu  vergnügen j 
nun  stehen   wir   im   Begrifi'e,   unser  Daseyn  dem  Alles  um 
sich  zerreissenden  Gesser  Chan  zu  opfern!  Wir  sassen  ru- 
hig als  Kipder  der  machtvollkommenen,  »eisen  Himraelsgoll? 


«-     IGT     — 

heit5  nun  stehen  wir  im  Begriffe,  diesen  unsern  Körper  in 
schmälilicher  "Weise  gegen  Gesser  Chan,  den  Herrn  des 
Dschambudwips  zu  verlieren!  Lassl  uns  indess  anfbrecheri, 
wenn  es  seyn  soll!  was  aber  bedeutet  dein  Befehl,  dass 
auch  die  Knaben,  die  Lamas,  die  geistlichen  Schüler,  die 
Greise  und  die  Sclaven  mitziehen  sollen?  Gesser  Chan 's 
Dsesse  Schikir  und  die  dreissig  Helden  werden  von  unS 
sagen:  „Die  Schiraighol  haben  ihre  Schulknaben,  ihre 
Greise,  ihre  Kinder,  Weiber  und  Sclaven  mitgebracht;"  und 
ist  es  nicht  vorauszusehen,  dass  sie  mit  dem  Rufe  „Packt 
euch!"  uns,  gleichwie  ein  Falke  auf  eine  am  Ursprünge  des 
Stromes  Nairandsa  sitzende  bunCe  Ente  stösst,  anfallen  und 
nieder  strecken  werden?  Ist  es  nicht  besser,  mein  Fürst, 
wenn  es  heisst,  dass  nur  wenige  geblieben,  als  dass  viele 
umgekommen  sind?"  Tsaghan  Gertu  Chan  erwiederte: 
„Deine  vorherigen  Worte  waren  Unrecht,  deine  nachherigeu 
genehmige  ichl"  Statt  demnach  so  viel  (unnütze  Leute) 
mitzunehmen,  musterte  und  zählte  er  sein  Kriegsheer-,  die 
Zählung  des  Heeres  ergab  eine  Streitmacht  von  drei  Millio- 
nen drei  hunderttausend  Mann.  Die  drei  Schiraighol'schen 
Chane  traten  mit  ihrem  Heere  den  Feldzug  an. 

Der  Lagerplatz  des  edeln  Dsesse  war  weit  entfernt; 
derselbe  befand  sich  aufwärts  am  Flusse  Tsatsarghana, 
in  der  Gegend  Gurban  Tulgha.  Um  die  von  Bars 
Baghatur  (dem  Vogel)  abgeschossenen  Federndem  Dsesse 
zu  zeigen,  traten  Beide,  Rogmo  Goa  undfiars  Baghatur 
den  Weg  von  anderthalb  Tagereisen  zu  Dsesse  an.  Nach- 
dem sie  die  Nacht  hindurch  geritten  hatten*,  langten  sie  am 
frühen  Morgen  an.  Dsesse  Schikir  war  früh  aufgestan- 
den und  besorgte  die  Tränkung  seiner  Pferdeheerde  im 
Flusse  Tsatsarghana-,  er  rief  (als  er  die  Ankommenden 
erblickte)  aus:  „Was  ist  das!  \Veshalb  erscheint  unsere 
Rogmo  Goa,  die  um  einer  Kleinigkeit  willen  sich  gewiss 
nicht  auf  den  Weg  machen  wird,  mit  der  Morgenröthe? 
Rongsa,  fange  doch  meinen  geflügelten  Grauschimmel  ein!" 


—      168      — 

Der  geflügelle  Grauschimmel  wurde  eingefangen,  gesattelt 
und  gezäumt.  Dsesse  hängte  seinen  scharfen  stählernen 
Säbel  um  und  trabte  (den  Ankommenden)  entgegen.  „Was 
ist  es,  Kogmo  Goa,  rief  er  von  weitem,  was  du  in  der 
Hand  hast?  ist  es  ein  Baum?  ist  es  eine  Feder?"  Rogmo 
Goa  entgegnete:  ,.  Was  für  ein  Baum  sollte  es  seyn^  es  ist 
eine  Feder!"  Dsesse  sprach:  ,., Nun  weiss  ich  es!  Drei 
zukünftige  Dinge  weiss  ich  voraus  5  drei  verborgene  Dinge 
kann  ich  errathen.-'  Diess  gesagt  kam  er  herangesprengt 
und  fragte:  „Wie  war  der  Kopf?"  Antwort:  „Weiss!" 
Frage:  „Wie  war  der  Mittellheil  des  Körpers?"  Antwort: 
„Gelb!"  Frage:  „AVie  лүагеп  Füsse  und  Schwanz?"  Aut- 
Avort:  „Schwarz!"  Da  sprach  Dsesse:  „Die  drei  Schi- 
raighol'schen  Chane  haben  in  Erfahrung  gebracht,  dass  der 
Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  ,  mein  Bogda  abwesend 
ist  und  nähern  sich  nun  mit  Heeresmacht,  um  dich,  unsere 
Rogmo  Goa  zu  holen  und  dem  von  der  Tsaghan,  der 
Hauptgemahl inn  des  Tsaghan  ,Gertu  Chan  geborenen 
Sohn,  Namens  Altan  Gereltu  Taidschi  zum  AVeibe  zu 
geben.  Die  drei  Schutzgeister  der  drei  Chane  halten 
sich  in  einen  Vogel  Gangga  verwandelt,  welcher  herkam 
um  dich  zu  sehen.  Dass  nach  eurer  Aussage  der  Kopf 
des  A^ogels  weiss ,  dessen  Mittelkörper  gelb  und  dessen 
Schwanz  schwarz  war,  das,  meinte  Dsesse,  zeige  klar,  dass 
jene  drei  Schutzgeistcr,  sich  in  einen  Vogel  Gangga  ver- 
wandelnd, hergekommen  waren.  Vor  mehreren  Tagen,  fuhr 
Dsesse  fort,  trieb  sich  hier  ein  erbärmlicher  Rabe  umher j 
da  ich  durch  andere  Geschäfte  verhindert  war ,  habe  ich 
ihn  nicht  gctödtet;  von  diesem  Verruchten  stammt  die  Nach- 
richt her.  —  Nun  wohl,  obgleich  mein  Herrscher  in  den 
zehn  Gegenden  Gesscr  Chaghan  nicht  anwesend  ist,  bin 
ich,  sein  Freund  Dsesse,  sind  die  dreissig  Helden,  sind 
die  drei  Völkerschalten  etwa  nicht  da?  Lass  sie  (die  Feinde) 
kommen^  was  schadet  es!  bis  jetzt  sind  sie  noch  nicht  da. 
Furchte  dich  picht,  meine  Rogmo!  Um  aber  zu  erfahren, 


—      169     — 

ob  meine  Worte  übereinstimmen  oder  nicht,  so  überbringe 
diese  Feder  dem  Tschotong  und  zeige  sie  ihm!"  Bars 
Baghatur  und  Rogmo  Goa  überbrachten  und  zeigten  die 
Feder  dem  Tschotong.  Als  der  Fürst  Tschotong  die 
Feder  sah,  rief  er:  „O  Weh,  O  Weh!  die  Worte  meines 
Dsesse  sind  wahr!  die  drei  Chane  von  Schrraighol  wa- 
ren aber  nie  feindselig  gegen  uns  gesinnt;  sie  kommen 
blos,  um  dich,  Rogmo  Goa  zu  rauben.  Darum,  Rogmo 
Goa,  fliehe  und  verstecke  dich  auf  der  breiten  Insel  im 
Chatun -Strome!  verstecke  dich  in  der  Gegend  Ulaghan 
Dsülge  (das  rothe  junge  Gesträuch)!  Verstecke  dich  auf 
der  Ebene  Urtuchai  Schiratala!  A''erstecke  dich  in  den 
Felsklüflen  U n g i h n  chara  Chabtsaghai!  Auf  den  Weide- 
plätzen der  Pferde  lass  Kameele  weiden,  auf  den  Weide- 
plätzen der  Kameele  Pferde,  auf  den  Weideplätzen  der 
Schafe  Rindvieh  und  auf  den  Weideplätzen  des  Rindvieh's 
Schafe!  Lass  deine  Sclavinn  sich  in  deinen  Anzug  kleiden 
und  auf  deinem  Ruhebette  schlafen!  Wenn  sie  dich  also 
nicht  finden,  was  werden  sie  sich  da  um  uns  bekümmern!" 
Rogmo  Goa  und  Bars  Baghatur  begaben  sich  zu  Dsesse 
und  überbrachten  ihm  die  von  Tschotong  gesprochenen 
Worte.  Dsesse  rief:  „Was!  hört  einmal  das  Geschwätz 
dieses  Nichtswürdigen!  die  drei  Schiraighol'schen  Chane 
sind  nicht  feindselig  gegen  uns  gesinnt,  sagt  er 5  hast  du 
ihn  aber  nicht  gefragt,  warum  sie  denn  herkommen?"  Bars 
Baghatur  erwiederte:  „Diese  Frage  kam  mir  nicht  ins 
Gedächlnissj  seitdejn  ich  vor  dem  Vogel  verzagte,  kann  ich 
meine  Gedanken  nicht  recht  zusammen  finden."  Dsesse 
versetzte:  „In  Friedenszeit  lässt  sich  jener  Nichtswürdige 
(Tschotong)  als  Held  bewundern,  entsteht  aber  Krieg, 
so  faselt  er  thörigte  Dinge.  Sind  keine  Klugen  und  Ent- 
schlossenen da,  so  rühmt  er  sich  als  beherzt  5  soll  aber  mit 
Klugheit  und  Entschlossenheit  gehandelt  werden,  so  ver- 
kriecht und  versteckt  er  sich.  Kommt  ein  Tiger,  wohlan! 
wir  bekämpfen  ihn-,  kommt  ein  Bär,  wohlan!  wir  nehmen 


—    no    -- 

es  mit  ihm  auf.  Kommt  ein  Elephant,  wohlan!  wir  weichen 
ihm  nicht  aus.  Kommt  ein  Lowe,  wohlau!  wir  würgen 
uns  gegenseitig.  Kommt  ein  Mensch,  wohlan!  wir  иЪец 
gegenseitig  unsere  Kräfte.  Kommt  eine  schwarzgefleckte 
Giftschlange,  wohlan!  wir  werden  zum  Vogel  Garuda  und 
umkrallen  sie  von  ohen  herab.  Kommt  (der  Feind)  als 
brüllender  Tiger,  so  werden  wir  zum  blauen  (eisenfar- 
benen  ,  eisernen)  Löwen  mit  kupferner  (kupferfarbener) 
Mähne.  Was  also  weiter!  Auf,  ihr  dreissig  Helden!  ruft 
die  drei  Völkerschaften  auf!  ruft  die  ganze  Kriegsmacht  von 
Tübet  und  Tangul  zusammen!  Alles,  komme,  Reiterei 
und  Fussvolk!  Der  allgemeine  Sammelplatz  sey  am  untern 
Tsatsarghaua  -  Strome!  dass  Alles  sich  in  der  Nähe  dei: 
Behausung  Gesser  Chaghan's  in  der  Gegend  Ulaghaii 
Dsülge  sammle  I'^  Mit  diesem  Befehle  wurden  Boten  ab- 
gesandt. 

Dsesse  Schikir  bewaffnete  sich,  sammelte  selbst  sein 
eigenes  Kriegsvolk  und  zog  damit  in  Begleitung  von  Rograo 
Goa  und  Bars  Baghatur  zum  Sammelplatze.  Als  er  bei 
Gesser 's  Behausung  anlangte,  nahm  er  von  da  den  Nan- 
Isong  mit  sich.  Sodann  sammelte  er  die  dreissig  Helden 
an  der  Spitze  der  Kriegsmacht  von  Tübet  und  Tangut, 
sowohl  Reiterei  als  Fussvolk,  nach  der  Ordnung  um  sich. 
Als  Alles  auf  dem  Sammelplatze  versammelt  war,  fragte 
Dsesse  Schikir:  „Ist  das  Heer  beisammen?"  worauf  Schu- 
mar  erwiederte:  „Es  ist  beisammen!"  Da  sprach  Rogmo 
Goa:  ,,Lasst  uns  loosen!"  Dsesse  Schikir  erwiederte: 
.,Lass  das  Loosen  seyn,  meine  Rogmo!  ich  werde  hin- 
gehen um  zu  sehen  (zu  recognosciieu),  ob  die  Heeresmacht 
der  drei  Schiraighorschen  Chane  gross  oder  klein  ist.  Du, 
Adler  der  Menschen,  mein  Schumar,  komm  mit  mir!  Auch 
du,  mein  edler  fünfzehnjähriger  Nantsong,  begleite  mich!" 
Dsesse  ritt  seinen  geflügellen  Grauschimmel,  er  hatte  sei- 
nen geschuppten  Panzer  angelegt,  er  hatte  den  Daghoris- 
choi  genannten  Helm  auf  sein  edles  Haupt  gesetzt,  er  hatte 


—    ni    — 

seine  dreissig  weissen  Pfeile  eingesteckt ,  er  halle  seinen 
straffen  schwarzen  Bogen  in  dessen  Behälter  gesteckt,  er 
hatte  seinen  scharfen  stählernen  Säbel  umgürtet.  —  Schu- 
mar  ritt  seinen  Poixellanscheck ,  er  halte  seinen  schwarz- 
grauen, thauschiramerfarbigen  Panzer  angelegt,  er  hatte 
seine  dreissig  weissen  Pfeile  und  seinen  straffen  schwarzen 
Bogen  eingesteckt,  er  hatte  seinen  harten  schwarzen  Säbel 
mit  unabstumpfbarer  Schneide  umgürtet.  —  Auch  der  edle 
Nantsong  hatte  seinen  Porcellanscheck  bestiegen,  er  halte 
seinen  aus  hundert  Blechen  verfertigten  blauschwarzen  Pan- 
zer angelegt,  er  halte  seine  dreissig  weissen  Pfeile  und  sei- 
nen straffen  schwarzen  Bogen  eingesteckt,  er  hatte  seinen 
harten  schwarzen  Säbel  mit  unabstumpfbarer  Schneide  um- 
gürtet. 

Dsesse  Schikir  gab  den  Befehl  zum  Aufbruch  und 
alle  Drei  machten  sich  auf  den  Weg.  Sie  Hessen  sich  auf  der 
Spitze  des  Elessutu  Aghola  (Sandberg  od.  Sandgebirge) 
als  Wache  nieder.  Da  kam  plötzlich  eine  unerraessliche 
Menge  von  Wild  ihnen  entgegen  5  von  allen  auf  der  Erd- 
fläche laufenden  Wüdarlen  kamen  ihnen  Verwundete  und 
Unverwundele  entgegen.  Als  Dsesse  Schikir  diess  sähe, 
sprach  er:  „Eine  grosse  Staubwolke  erhebt  sich,  eine  Menge 
Wild  naht  heran  5  sicher  ist  die  Heeresmacht  der  drei  Schi- 
raighol'schen  Chane  im  Anzüge!"  Er  schaute  hin  und  in 
der  Entfernung  einer  Tagereise  erblickte  er,  dass  das  Heer 
der  drei  Schiraigholschen  Chane  den  C  ha  tun -Strom  auf- 
wärts entlang  im  Anzüge  sey  und  dass  die  vorausgesandten 
Späher  desselben  nur  eine  halbe  Tagereise  entfernt  seyeu. 
Hierauf  rückten  Schumar  und  Nantsong  vorwärts  und  als 
sie  hinschauend  das  nämliche  erblickten,  rief  Schumar: 
„Ja  wohl  hat  unser  Dsesse  Recht!  Was  für  eine  Menge! 
Wie  können  wir  die  Alle  tödten!  Mein  Dsesse,  was  für 
ein  schönes  Kriegsheer!  es  ist  als  wären  alle  Sterne  vom 
Himmel  auf  die  Erde  gefallen,  als  wären  alle  Blätter  und 
Blütheu  der  Erde  in  den  Himmel   gewachsen  !„  Der  edle 


—      П2      — 

Nantsoug   unlersuchlc   und   sprach:    „Schuniar,   was  be- 
deuten   diese    deine    Worte?    ЛҮоЬег   weisst  du  denn,  dass 
die  Kriegesmaclit  der  Schiraighol   so  zahlreich  ist?  wann 
hast  du  denn  versucht,  ob   unsere   Kriegsmacht  dagegen   zu 
gering  sey?    Wann  hast  du    gesehen,   dass  die   Blätter  und 
Blüthen   der   Erde   in  «den  Himmel   hinein  wachsen?  W^ann 
hast  du   beobachtet,    dass    die    vielen   Sterne    des   Himmels 
auf  die   Erde    fallen?    W^as   du,   Schumar,    da  für  unstatt- 
haftes, lügenhaftes  Zeug   schwatzest!  Schlecht  ist  der  Mann, 
der    im    Begriflfe,    ins   Feld    zu    ziehen,    erst    seine   W^afFen 
ordnet  und  nachbessert!    Schlecht   das  W^eib,    das    im    Be- 
griffe, auf  ein  Festmahl   zu  gehen,   erst  ihre   Kleidung  bes- 
sert! Ist  etwa    unser    W^affenschmuck    schlecht    gegen    den 
ihrigen?"    Schumar    erwiederte:    „Mein    Nantsong    hat 
Recht!  was  ich  sprach,  war  nicht  so  gemeint.    Das  Heer  des 
Tsaghan    Ger  tu  Chan    naht   heran   wie   siedende   Milch: 
sey  du,    mein   Dsesse,   derjenige,  der  hineinfährt,  wie  ein 
Rührlöffel    (in  die   Milch)!    Das  Heer    des  Schira    Gertu 
Chan    naht    heran    wie    eine    Feuersbrunst ;    der    Löscher 
will  ich,  Schumar,   seyn.      Das  Heer  des    Chara    Gertu 
Chan  naht  heran  wie  die  Wasserfluth  einer  Ueberschwera- 
mung:  sey  du,  Nantsong,  derjenige,  der  es  wegschafft,  wie 
ein  gezogener  Kanal  (das  Wasser)!  Was  weiter!  wir  wollen 
die   drei   Chane   angreifen!"    Auf  diese   W^orte   Schuraars 
entgegnete  Dsesse  Schikir:  „Ihr  Beide  habt  Recht!  zuerst 
wollen  wir  die  (vorausgeschickten)  dreihundert  Späher  töd- 
ten,   dann   wollen    wir   die  Reitpferde  (Remonte)   eines  der 
Chane    rauben,    irgend    einen    seiner  Leute   ausfragen    und 
dann  entscheiden,  ob  wir  zurückkehren  oder  angreifen  sollen. 
Ihr  Beide,    Schumar   und    jNantsong,    rückt    von    dieser 
Seite   vor   und   macht  Hall,  wenn   ihr  den  jenseitigen  Pass 
besetzt    habt!    ich  werde  sie    im   Rücken   mit  Geschrei  an- 
greifen und  gegen  euch  treiben  j  diejenigen  die  mir  entflie- 
hen,   tödtet  ihr!    diejenigen  die  euch   entfliehen,    werde  ich 
tödlen!"    Genau  nach  der  Verabredung  der  Drei  geschah 


«-     IIS     -« 

es:  nicht  ein  Einziger  (der  Späher)  blieb  nach,  der  Kunde 
hätte  geben  können.  Die  dreihundert  erbeuteten  Pferde 
(der  Späher)  banden  sie  dicht  zusammen,  errichteten  auf 
derselben  Anhöhe  (wo  die  Späher  gestanden  hallen)  einen 
Haufen  von  Sleinen  gleich  einem  Reilereihaufen,  den  sie  mit 
den  Harnischen  und  Helmen  (der  Erschlagenen)  bekleideten. 
Sodann  stürzten  sie  sich  auf  die  Remonteheerde  des  Tsa- 
ghan  Gertu  Chan,  aus  welcher  sie  zu  zehntausend 
und  zu  tausend  Pferde  raubten  und  sich  glücklich  davon 
machten. 

Der  jüngste  Bruder  des  Tsaghan  Gertu  Chan,  Na- 
mens Schimanbirodsa,  bestieg  dessen  weisses  magisches 
Pferd,  nachdem  er  an  den  vier  Füssen  desselben  vier  Am- 
bosse hatte  binden  lassen  und  auf  dessen  Rücken  ein  eiser- 
ner Ambos  befestigt  war.  In  solcher  Weise  ritt  er  ihnen 
(den  Helden)  nach  und  holte  sie  ein.  Wenn  das  Pferd 
nicht  in  beschriebener  Weise  beschwert  worden  wäre,  so 
würde  es  seine  Wuth  und  seinen  Muth  nicht  haben  bän- 
digen können,  sondern  hätte  seinen  Beiter  in  die  Luft  ent- 
führt. Dsesse  Schikir  wendete  sich  zu  seinen  beiden 
Gefährten  mit  den  Worten:  „Dort  nähert  sich  uns  einho- 
lend ein  Mensch  5  will  er  sich  mit  uns  unterreden,  so  will 
ich  ihm  Rede  stehen  5  sucht  er  Händel,  so  will  ich  mit  ihm 
streiten.  Ihr  Beide  treibt  unterdessen  die  Heerde  fort!" 
Diess  gesagt,  ritt  er  dem  Schimanbirodsa  entgegen,  wel- 
cher sprach:  „O  Weh,  welche  grosse  Heerde  haben  sie 
weggetrieben!  Seyd  ihr  Brüder?  wer  und  woher  seyd  ihr? 
nennt  eure  Namen!"  Dsesse  Schikir  erwiederte:  „Wir 
sind  die  Hüter  der  Rindvieh-  und  Schafheerden  des  Ges- 
ser  Chaghan  von  Tübet;  es  sind  uns  fünfzehnhundert 
Stück  Rindvieh  entlaufen,  deren  Spur  wir  verfolgten,  welche 
uns  zu  euern  dreihundert  Spähern  führte.  Eure  Späher 
Hessen  uns  durch;  Wir  gingen  der  Spur  weiter  nach  und 
kamen  zu  den  Leuten  von  zwei  eurer  Chane.  Als  wir 
unser  Rindvieh  von  ihnen  zurück  verlangten,    schrien  sie: 


^     114     - 

„Was  für  Rindvieh,  ihr  Tibelischen  Belller!"  und  scblugeO 
uns  und  unsere  Pferde  auf  den  Kopf.  Mit  den  "Worten: 
„Wer  ist  als  Mann,  wer  ist  als  Weib  geboren!"  nahmen 
wir  eure  Pferdeheerde  als  Ersatz-,  das  ist  Alles."  Schi- 
manbirotlsa  fragte:  „W^o  seyd  ihr  denn  gewesen,  dass 
euch  das  Rindvieh  entlaufen  konnte?-"  Dsesse  Schikir 
erwiederte:  ,,Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  unser 
Gesser  Chaghan  war  gegen  den  zwölfköpfigen  Riesen 
gezogen,  um  ihm  seine  gerauhte  Gemahlinn  Aralgho  Goa 
лvieder  abzujagen.  Nachdem  er  den  Riesen  gelödtet,  ist  er 
nun  mit  seiner  Gemahlinn  zurückgekehrt.  Nach  seiner 
Heimkunft  hat  er  ein  Fest,  gross  v,ie  ein  See  und  wie  eine 
Grasfläche  ,  angerichtet ,  zu  welchem  nicht  blos  die  Hüter 
seiner  Rindvieh-  und  Schafheerden ,  nicht  Idos  seine  Mist- 
und  Brennholzsammler,  sondern  Jedermann  Zutritt  hatte. 
Da  betranken  wir  uns,  schliefen  ein  und  unterdessen  ging 
unser  Rindvieh  davon. 

Schimanbirodsa  kehrte  zurück  und  berichtete  dem 
Tsaghan  Gertu  Chan  Alles  was  er  gehört  hatte.  Dieser 
erwiederte  jammernd.  ,,0  Weh,  O  ЛҮеЬ ,  dass  sie  mir  die 
Pferde  weggenommen  haben ,  mag  geschehen  se3'n ,  wenn 
aber  der  schändliche  Gesser  zurückgekehrt  ist,  so  lasst  uns 
schnell  umkehren!"  Schimanbirodsa  versetzte:  ,. Kehre 
um  unter  dem  Vorwande,  deine  Augen  seyen  geplatzt,  eine 
schändliche  Krankheil  hahe  dich  befallen!  ллаг  ich  es  etwa, 
der  deine  Heeresmacht  aufbot?  Nun  schweige  und  bleib, 
Nichtsv^ürdiger!  ich  aber  will  die  acht  vernunftbegabten 
gelblichen  Reitpferde  benifen  und  einladen,  und  von  ihnen 
den  Bescheid  erfahren."  Mit  diesen  Worten  entfernte  er 
sich  und  berief  aus  Aveiter  Ferne  (die  acht  Pferde)  zu  sich 
mit  folgenden  Worten:  „Bin  ich  Tiicht  der  durch  Bestim- 
mung der  Götter  geborene  Chara  Gertu  Chan,  euer 
Schimanbirodsa,  der  euch  gezäumt  und  geritten  hat?  Wo 
ist  nun  eure  gewohnte  Weise,  während  ihr  über  den  Gip- 
fel des  schwarzen  Gebirges    zieht,    äh  Elennlhiere  durch- 


zuschlüpfen?  Bin  ich  nicht  euer,  durch  göttliche  Schicksals-« 
bestimmung  geborene,  edele  Schimanbiroclsa,  der  euch 
gesattelt  und  geritten  hat?  Wo  ist  nun  eure  gewohnte 
Weise,  während  ihr  längs  der  Sonnenseite  des  hohen  Ge- 
bildes zieht,  Hirsche  werdend  zu  entfliehen?"  Als  die  acht 
gelblichen  Pferde  die  Slimme  des  Schimanbirodsa  hör- 
ten, wieherten  sie  und  alle  andere  Pferde  thaten  es  ihnen 
nach.  Da  sprach  Dsesse  Scliikir:  „Schumar  und  Nan- 
tsong,  habt  ihr  es  bemerkt?  diese  acht  gelblichen  Pferde 
verstehen  die  menschliche  Sprache.  Als  jener  Mensch  mit 
ihnen  sprach,  wieherten  sie  und  ihnen  nach  alle  übrige 
Pferde.  In  welcher  Art  und  Weise  sie  sich  verwandeln 
werden,  in  der  Weise  verwandeln  wir  uns  auch  (stellen 
wir  uns  ihnen  entgegen).  Sejd  daher  vorsichtig  und  auf- 
merksam!" Diess  gesagt,  trieben  sie  die  Heerde  zusammen 
und  hielten  ihre  Bogen  gespannt  Als  sie  längs  dem  Gip- 
fel des  gelblichen  Gebirges  zogen,  wurden  (die  acht  gelben 
Pferde)  acht  gelbliche  Sleppenantilopen  und  schlüpften 
durch.  „Nun  gilts,  nun  gilts!"  rief  Dsesse  Schikir.  Die 
Drei  schoben  sich  zwischen  sie,  trennten  sie  in  drei  Theile 
und  erschossen  alle  acht  mit  drei  Pfeilen.  Nun  nahm  die 
ganze  Pferdeheerde  unter  Gewieher  und  Gegrunze  die 
Flucht.  Da  sie  (die  drei  Helden)  der  Heerde  nicht  mehr 
Meister  werden  konnten ,  sprengten  sie  ihr  mit  Geschrei 
nach  und  stürzten  sie  von  dem  hohen  steilen  Ufer  des 
Chatun-Stromes  herab,  wo  sämmtliche  Pferde  im  Wasser 
umkamen.  Dann  stiegen  die  Drei  gleich  gereitzten  Wolfen 
auf  die  Anhöhe  und  schauten  um  sich.  Unterdessen  kam 
Schimanbirodsa  zurück  und  berichtete  dem  Tsaghan 
Gertu  Chan:  „Es  sind  keine  gemeine,  schmutzige  Kuh- 
hirten, es  sind  Helden  von  den  Dreissig  des  berüchtigten 
Gesser.  Auf  dem  Wege  ihres  Ueberfalls  zerbröckelt  das 
Gestein,  zersplittert  das  Holz;  sie  haben  unsere  Reitpferde 
vollständig  vernichtet."  Tsaghan  Gertu  Chan  sprach: 
„Wenn  dem  so  ist,  so  lasst  uns  umkehren!"  Schimanbi- 


—      П6     — 

rodsa  versetzte:  „Sind  deine  neun  Worte  etwa  schon  er- 
füllt?  habe  ich  etwa  deine  Heeresmacht  hergeführt?  Ist  es 
nicht  rühmlicher,  wenn  es  heisst,  sie  sind  im  Kampfe  ge- 
blieljen  als,  sie  sind  feiger  Weise  zurückgekehrt?" 

Dsesse  Schikir  sprach  nun  in  verstellter  Weise  Fol- 
gendes: „Was  denkt  ihr  Beide  dazu?  Meine  Meinung  ist, 
dass  die  noch  nicht  erschienenen  Helden  uns  nachkommen 
mögen  und  dass  wir  jetzt  nach  Hause  gehen."  Hierauf 
sprach  Nantsong:  „Mein  Schumar,  halt  ein!  ich  werde 
antworten:  Als  wir  vom  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden, 
dem  ausgezeichneten  Gesser  Chaghan  den  Titel  der 
dreissig  Helden  empfingen,  war  es  da  dessen  Absicht,  dass 
dieser  unser  edle  Körper  zu  Hause  an  Krankheiten  sterben 
und  unsern  Weibern  und  Kindern  Anlass  zum  Heulen  und 
Schreien  geben  sollte?  Lasst  uns  erst  dann  uns  trennen, 
VNenn  vrir  zusammen  von  solchem  blutrothen  Thee  getrun- 
ken haben!"  Schumar  versetzte:  ,,Mein  Nantsong  hat 
P».ccht!  du,  mein  Dsesse,  mache  den  Angriff  auf  T  sag  h  an 
Gertu  Chan!  ich,  Schumar,  werde  den  Schira  Gertu 
Chan  angreifen,  und  du,  mein  Nantsong,  greife  den 
Chara  Gertu  Chan  an!  Was  ist  es  weiter!  Wenn  wir 
den  AngriiF  auf  die  drei  Chane  ausgeführt  haben  werden, 
dann  lasst  uns  nach  Hause  gehen  !"  Hierauf  erwiederte 
Dsesse  Schikir:  „Ihr  Beide  ha])t  vollkommen  Recht!"  dann 
sprach  er  weiter:  „Schumar,  lege  Räucherwerk  auf!  und 
du,  Nantsong,  giesse  (Wasser)  aus!"  Sodann  verbeugten 
sich  Dsesse  Schikir,  Schumar  und  Nantsong  alle  Drei 
und  beteten  zu  d<;n  Schutzgeistern  Gesser  Chaghan's: 
„Vater  Chormusda  in  der  Höhe,  vernimm!  Ihr  siebzehn 
machtvollkommenen  Gölter  der  Abtheilung  Is'wara  in  sei- 
ner Nähe,  veiiiehmt!  Ihr  drei  und  dreissig  Gö:ter,  die 
ihr  der  Pieihe  nach  dreissig  Helden  habt  herabgesandt,  er- 
barmt euch  eurer  Verwandten!  Ihr  erliabcnen  Buddhas  der 
zehn  Gegenden!  Arjalamgari  weisse  Göttertochler!  Absa 
Gürtse,  seine  Grossmuller!    Ihr  drei  siegreichen  Schwe- 


—    111    — 

Stern!  Irdische  Verwandlung  und  Vater,  Bergfürst  Oa 
Günlschid!  Ihr  vier  grossen  Gölter!  Du,  mittleres  Weltge- 
bäude! Ihr  vier  w^eissen  Drachenfürsten  der  Tiefe!  euch 
Allen  der  Reihe  nach  opfere  ich,  euer  Dsesse  Schikir, 
reines  Opfer.  Die  Veranlassung  zu  meinem  Opfer  ist  diese: 
Nicht  gegen  Gesser  Chaghan,  den  Herrn  dieses  D seh a m- 
budwips,  nicht  in  der  Absicht,  ihm  das  Weib  vom 
Schoosse  zu  nehmen,  sondern  um  meines  Gesser 's  Ge- 
mahlinn  Piognio  Goa  (in  seiner  Abwesenheit)  zu  rauben, 
rücken  die  drei  Schiraighol 'sehen  Chane  mit  Heeresmacht 
heran.  Deshalb  haben  wir  Drei  beschlossen,  sie  zu  über- 
fallen ^  solltet  ihr  diesen  unsern  Vorsatz  genehmigen,  so 
werdet  ihr,  seine  vielen  Schutzgeisler,  unsere  Gefährten! 
Begleitet  uns,  indem  ihr  nach  der  Ordnun""  den  Anblick 
von  Truppenmassen  zu  zehntausend  und  zu  tausend  Mann 
sehen  lasset!  Ihr  vier  grossen  Götter,  lasst  aus  den  vier 
Gegenden  einen  kleinen  Regen  mit  Nebel  und  trüber  Luft 
erscheinen!"  Sodann  sprach  Dsesse  weiter:  „Es  bleibt 
dabei,  dass  ich  den  Angriff  auf  Tsaghan  Gertu  Chan 
mache  ^  ich  werde  zehntausend  Mann  tödten  und  ihre  Köpfe 
als  Beute  nehmen;  du,  Schumar,  machst  den  Angriff  auf 
Schira  Gertu  Chan,  tödtest  zehntausend  Mann  und 
nimmst  von  jedem  einen  Daumen  als  Beute!  du,  Nantsong, 
machst  den  Angriff  auf  C bar a  Gertu  Chan,  tödtest  zehn- 
tausend Mann  und  nimmst  von  jedem  das  rechte  Ohr  als 
Beute!')  Diess  mag  uriser  Geschenk  seyn!"  Hierauf  er- 
mahnten sie  ihre  drei  Grauschimmel:  „Beim  Niederwärts- 
laufen lauft  wie  ein  Sturzbach!  beim  Seitwärlslaufen  wie 
ein  Moschusthier  und  beim  Geradeauslaufcn  wie  ein  Fuchs!" 
Als   Antwort  gähnten  die   drei  Pferde  dreimal,  hoben  drei- 

3)  Der  bei  allen  Völkern  Turan's,  seyen  es  Türkische  oder  Mon- 
golische, zu  allen  Zeiten  üblich  gewesene  Gebrauch,  von  den  erschla- 
genen Feinden  Köpfe,  Ohren  u.  s.  w.  als  Siegeszeichen  mitzunehmen, 
herrscht  bekanntlich  gegenwärtig  noch  bei  den  Osmanischen  Türken 

12 


-     118     - 

tnal  den  Scbweif  empor  und  schüttelten  sich  dreimal.  So- 
dann versahen  (die  Лг(М  Hehirn)  ihre  Pferde  mit  zwiefachem 
Schwanzriemen.  m\t  z\\i<!fa(hem  SallrlricTnen  50  wie  mit 
zwiefachem  Banchgurle  und  m-ichlen  sich  anf  den  Weg. 
Schumar  .«pracb:  ,.\Vo  аЪсг  wird  unser  Sammelplatz  seyn?" 
xVanl.song  erwiederle:  „Schweige,  mein  Schumar!  hat 
irgend  einer  von  un.*!  etwa  sein  Weih  nnd  seine  Kinder  mit- 
gebracht, oder  i?l  nirhl  Jeder  von  un.<  für  sich  allein  ge- 
kommen? nach  heendigten»  Geschäfte  werden  wir  uns  schon 
?.usammmenfind»'n  "  Di<  ss  gesagl,  ?е1?Леп  sie  ihren  Weg  fort. 

Was  soll  ich  weiter  erzählen!  Alles  geschah  nach  der 
vorherigen  Vcrabrrdnng.  üie  Drei  kamen  heran  mit  einem 
von  den  vielen  Sohntzgeistern  erregten  Pferdegetrappel, 
als  ob  Schlachtordnungen  von  zehntausend  und  von  tausend 
Mann  im  Anzüge  wären.  Nach  dem  Ueberfall  vereinigten 
sie  sich  wieder  und  (raten  den  Heimweg  an,  auf  welchem 
«ie  die  dreihundert  Pferde  der  Späher  mitnahmen  und  die 
Heimath  erreichten. 

Den  drei  Schiraighol'schcu  Chanen  war  zu  Muthe,  als 
wenn  beispielweise  der  Himmel  ?ich  um  sie  drehte,  als 
wenn  sie  plötzlich  von  einem  Tiger  иЬегГаИеп  wären.  Als 
die  drei  Chane  am  Morgen  aufstanden,  wollten  .sie  in  einer 
Zusammenkunft  «ich  b«'.«prechen-,  ;i1s  sie  ihr  vieles  getöd- 
tete«  Krieg-^voik  erblickten,  konnten  .«ie  sich  nicht  getrösten 
und  die  Zusammenkunft  unterblieb.  —  Nachdem  sie  die 
Gebliebenen  zusammrngehänft  hnllen,  kamen  die  drei  Chane 
in  der  Mittagszeit  zusnmmen.  T.*;aghan  Gertu  Chan 
sprach  mit  Thränen.  ..Es  schien  ein  grosses  Kriegsheer 
zu  seyn,  das  mich  überfiel,  war  es  aber  nicht!  es  schien  ein 
Raubübcrfall  zu  seyn.  \\аг  es  aber  nicht:  es  war  ein  ein- 
zelner Mensch!  Das  Pferdegetrappel  des  L'eberfalls  klang 
wie  von  Heerschaaren  von  zehntausend  und  von  tausend 
Mann:  was  fiu'  ein  wundervolles  Zeichen!"  Schimanbi- 
rodsa  sprach:  ..Habe  ich  dir  nicht  alles  vorausgesagt?  bist 
du  nicht  der  nichtswissende  grosse  Dummkopf?  Zu  yvelchera 


—     П9     — 

Zwecke  wären  denn  die  magischen  Verwandlungen,  wenn 
sie  sich  nicht  als  solche  zeigten?  Du  sprichst  (blos)  von 
diesen,  denkst  aber  nicht  daran,  dass  wenn  späterhin  die 
dreissig  Helden  kommen  sollten,  sie  mit  unsern  Truppen 
verfahren  werden,  wie  das  Beil  und  die  Hacke  mit  dem 
Walde.  Wollten  wir  sie  auch  jetzt  verfolgen,  so  können 
wir  sie  nicht  mehr  einholen,  und  da  wir  jene  Drei  zu  tödten 
nicht  im  Stande  sind,  so  ist,  statt  sie  (unnützere  eise)  zu  ver- 
folgen, unsere  Hauptpflicht  wohl,  die  Geheine  unserer  Ge- 
bliebenen zu  l)estatten."  Diess  gesagt,  ging  er  nach  Hause. 
Schumar  sprach  zu  seinen  Gefährten  Dsesse  und 
Nantsong:  „Was  sollen  wir  mit  diesen  Köpfen,  Ohren 
und  Fingern  machen?  lasst  uns  sie  wegwerfen!  Wir  selbst 
haben  ja  das  Verdienst  eines  Jeden  von  luis  erkannt!"  Hier- 
auf entgegneten  die  Beiden  ihm:  „Du  willst  sie  wohl  des- 
wegen wegwerfen,  Schumar,  weil  sie  eine  zu  schwere  Last 
sind?  wenn  Jemand  darunter  leidet,  so  sind  es  doch  wohl 
blos  die  Pferde  der  drei  Sclüraighorschen  Chane;  wem 
sonst  sind  sie  beschwerlich?  Lass  die  dreissig  Helden  sie 
sehen,  damit  sie  uns  auf  unserer  Bahn  nacheifern!  Lass  den 
Muth  der  Kleinmüthigen  dadurch  allmählig  gekräftigt  wer- 
den! Wir  wollen  sie  vor  dem  stets  hindernden  und  auf- 
haltenden Fürsten  Tschotong  ausschütten!"  Die  drei 
(Helden)  kamen  in  die  Heimath  zurück.  Schumar  schülr- 
tele  die  mitgebrachten  Köpfe ,  Ohren  und  Daumen  vor 
Tschotong  aus.  „Was  ist  das,  Kinder?"  rief  dieser,  ab- 
wärts gekehrt.  „Wie,  erwiederte  Dsesse  Schikir,  was 
ist  mit  deinen  Augen  und  Ohren  geschehen,  Oheim  Tscho- 
tong, dass  du  keine  Menschenköpfe,  Ohren  und  Finger 
erkennst?'  Als  es  hiess,  der  Feind  sey  gegen  uns  im  An- 
züge, was  bedeutete  da  deine  Aeusserung  gegen  Rogmo 
Goa,  er  habe  keine  feindselige  Absichten  und  niu-  sie  solle 
sich  verstecke^?  Gesser  Chaghan  ist  zwar  nicht  da;  bist 
du  aber,  Oheim  Tschotong,  als  Oberanführer  dieses  Heeres 
etwa  gleichfalls  abwesend?  ist  diess  hier  etwa  kein  Gescheßk 

12* 


—     180     — 

Von  Männern?"  Tscholong  entgegnete:  „Ich  befürchtete, 
mein  Lieber,  ihr  möchtet  umkommen,  und  deswegen  sprach 
ich  damals  so.  Eure  That  ist  vorl  refflich  !'•  Von  den  mit- 
gebrachten dreihundert  Reitpferden  machten  sie  den  bei- 
den Gemahlinnen  (Gesser's),  der  Rogmo  Goa  und  der 
Adschu  Mergen  ein  Ehrengeschenk,  jeder  der  dreissig 
Helden  bekam  davon  zu  einem  Pferde,  der  Rest  WTirde  an 
solche  unter  dem  Heere  vertheilt,  welche  unberitlen  waren, 
aber  Tscholong  bekam  keines. 

Rogmo  Goa  fragte:  .,An  wem  ist  nun  die  Reihe,  auf 
Kundschaff  auszugehen?  lassl  es  uns  durchs  Loos  bestim- 
men." Dsesse  entgegnete:  ., Zwei  Helden  werde  ich  selbst 
auffordern;  die  folgenden  mögen  nach  der  Loosbestimmung 
gehen.  Mein  Bandsrhur,  Sohn  des  Ambari,  steige  du 
zu  Pferd!"  Bandschur  ritt  seinen  Rappen;  er  hatte  seinen 
schwarzen  Harnisch  angelegt:  er  halte  seine  dreissig  weissen 
Pfeile  und  seinen  straffen  schwarzen  Bogen  eingesteckt;  er 
hatte  seinen  stählernen  Säbel  umgürtet.  Also  bewaffnet 
kam  er  zu  Dsesse  und  sprach:  ,,Mein  Dsesse,  ich  werde 
versuchen,  es  dir  gleich  zu  thun ;  oder  soll  ich  es  dir  zuvor 
thun?  Dsesse  Schikir  erwiederte:  „  Unsere  Unternehmung 
hat  etwas  lang  gedauert;  stürme  einige  Mal  mit  Windes- 
schnelle, gleich  wie  der  Falke  auf  die  am  Ursprung  des 
Nairandsa-Stromes  sitzende  bunte  Ente  stösst  und  komme 
dann  zurück!"  Bandschur  machte  sich  auf  den  Weg. 
Als  er  den  Gipfel  des  Elessutu  Aghola  (Sandgebirges)  er- 
reicht hatte ,  richtete  er  sein  Gebet  an  die  Schutzgeister 
Gesser  Chaghan's  und  machte  dann  seinen  Angriff  auf 
Tsaghan  Gerfu  Chan,  dessen  neunfache  Truppenlinie 
er  überGel  und  durchbrach,  die  neun  Fahnen  niedermähte 
und  die  neun  Standarten  zerbrach,  die  neun  (Regiments-) 
Köche*)  zusammenhieb,  die  neun  Heerden  Pferde  (der 
neun  Regimenter)  raubte  und  sich  dann  davon  machte, 

4)  Gleichwie  der  Kessel  bei  den  Völkern  Mittelasiens   das  Symbol 


—     181     — 

Als  Tsaghan  Gertu  Chan  am  folgenden  Morgen  auf- 
stand,  schickte    er  einen  Boten  an  seine  zwei  Brüder.     Die 
zwei  Brüder  kamen  zu  ihm  und  mit  Thränen  sprach  er  zu 
ihnen:  ,,Der Schändb'che  kam  gerade  wie  vordem  und  machte 
einen    Ueberfall. "      Schimanbirodsa    sprach:    „Warum 
erzählst  du  es  erst,  wir  wissen  es  schon!  Mit  deinem  Jam- 
mern richtest  du  nichts  aus;    wir   wollen  ihn  verfolgen  las- 
sen und  List  gegen  ihn  gebrauchen!"  —   „Welchen  tüchti- 
gen   Mann    könnten    wir    ihm    wohl    nachschicken?"    fragte 
Tsaghan    Gertu    Chan.      Die    Antwort    war:    „Lass    den 
Dschirghughan    Erekeilu    (Sechsdaum igen),    Sohn    des 
M  e  Г  g  e  n    herkommen  !    derselbe    mag     ihm    nachsetzen.  " 
Dschirghughan    Erekeitu    kam    und  Tsaghan   Gertu 
Chan  gab  ihm  seinen  eigenen,  unermüdlichen    Grauschim- 
mel, nachdem  derselbe  mit  zwei  Erdsäcken   beschwert  war. 
Dschirghughan    Erekeitu    versprach,    die   Worte  Tsa- 
ghan   Gertu    Chan's    dem   Bandschur   zu  überbringen, 
луепп  er  denselben  eingeholt  haben  würde  und  machte  sich, 
der  Spur  desselben  folgend,  auf  den  Weg.    Auf  dem  Gipfel 
des  Elessutu  Aghola  (Sandgebirges)  erreichte  er  ihn  und 
rief  ihm    zu:   „Du   nichtswürdiger   Tübetischer  Bettler   und 
Räuber,    gib  sogleich   unsere   Pferdeheerde   heraus!  Unsere 
Stuten  mit  jungen  Füllen   li'enne   nicht    von    denselben!    so 
trenne  auch  nicht  die  Stuten  von  ihren  überjährigen  Füllen! 
unsere    fetten    Pferde    übertreibe     nicht  !     unsere    mageren 
Pferde  richte  nicht  zu  Grunde!  unsere  blinden  und  lahmen 
Pferde    lass    nicht    in    der    Irre    laufen!     Warum    hast    du, 
Nichtswürdiger,     unseren    Tsaghan     Gerlu    Chan    über- 
fallen? warum   hast   du   unsere   neun  Fahnen   niedergemäht 
und  unsere   neun  Standarten    zerbrochen?    Warum  hast  du 
die  neun   (Regiments-)   Köche   zusammengehauen?    Warum 
hast    du    die    neun    Heerden    Reitpferde    geraubt  ?    Warum 

und  der  Vereinigungspunkt  der  Familie  ist,  so  ist  er  es  auch  bei  dea 
Regimentern. 


—     182     — 

hast  du  unter  zehntausend  Mann  Ordnung  und  Zucht  ge- 
stört? Glaubst  du  etwa  unter  tausend  Mann  auch  mich  ge- 
fressen zu  haben?  ЛҮагит  hast  du  die  Haare  (Schweife  der 
Standarten)  abgerissen?  Warum  hast  du  die  Stangen  zer- 
brochen? Ist  mein  Tsaghan  Gertu  Chan  nicht  eine  solche 
magische  Erscheinung,  die  durch  ibre  Herrlichkeit  gleichsam 
Sonne  und  Mond  verdunkelt?  Ich  bin  Dschirghughan 
Erekeitu,  der  Sohn  des  Mergen;  mit  einem  guten  Bo- 
gen schiesse  ich  auf  einmal  secbs  Pfeile  ab*).  Auf  einen 
Menschen,  der  ein  Fastengelübde  übernommen  hat,  schiesse 
ich  nicht;  denn  wenn  ich  das  thäte,  so  möchte  meine  Seele 
in  den  tiefsten  Ilöllenabgrund  kommen.  Also,  du  Nichts- 
würdiger, gib  unsere  Pferdeheerde  in  Frieden  frei!"  Ban- 
dschur, der  Solin  des  Ambari  entgegnete:  „Dass  deines 
Vaters  verruchtes  Haupt,  du  nichtswürdiger  und  dabei  bos- 
hafter Dummkopf!  Habe  icli  die  Heerde  etwa  genommen 
um  sie  dir  zu  geben?  Wie  unterstehst  du  dich,  reicher 
Schiraighol,  vom  Tübetischen  Bettler  eine  Pferdeheerde 
zu  fordern!  Packe  dich  in  Güte  von  dannen!  Was  du  von 
magischer  Erscheinung  und  Verwandlung  sprichst,  ist  Alles 
wahr,  und  dass  Gesser  über  gar  keine  solche  Л^erwand- 
lungen  gebietet,  ist  auch  wahr."  Mit  diesen  Worten  wollte 
Bandschur  sich  entfernen,  als  über  ihm  drei  graue  Adler 
hergeflogen  kamen  und  Dschirghughan  Erekeitu  ihm 
zurief:  „Siehe  einmal  her,  Tübelischer  Bettler!  Von  den 
über  dir  herfliegenden  Adlern  ist  der  erste  die  Mutter  und 
der  hintere  der  Vater;  den  mittleren  Adler  Averde  ich  in 
der  Art  schiessen,  dass  er  auf  dich  fällt,  und  dann  hast  du 
die  Verantwortung-,  verfehle  ich  ihn  aber,  so  fällt  die  Ver- 
antwortung auf  mich."  Diess  gesagt  schoss  er  und  der 
Adler  fiel  neben  Bandschur  auf  die  Erde.  Bandschu'' 
sprach:  ..Dass  deines  ^'aters  .  .  .  !  Beweist  je  ein  Mann  seine 

5)  Weil  er  sechi  Daumen  an  der  Hand  tiatte.  Beim  Bogcnscliies- 
sen  wird  nämlich  die  Senne  Ыо.ч  mit  dem  Daumen  angezogen,  wäh- 
rend der  ZeigeCnger  zum  Halten  des  Pfeiles  dient. 


~     183     — 

Mannhaftigkeit  an  Vögeln?  Hast  du  vorhin  nicht  gesagt, 
du  hallest  ein  Fastengehibde  üi>ernoiumen?  Was  wollte 
dein  Gerede  bedeuten,  du  dürfest  kein  \N  eseii  des  Lehens' 
berauhen ;'  Hat  etwa  dei  JLania,  der  dir  die  Fasten  aufer- 
legt hat,  dir  gesagt,  es  bähe  nichts  auf  sicli ,  Vögel  zu  töd- 
len?  Du  fürchtest  dich,  Nichts \Y(irdigerI  Nun  aber  schaue 
her!  Von  den  auf  den  Oipfeln  der  hinterwärts  liegenden 
drei  berge  heündlichen  drei  Hirschen  i»l  der  Hirsch  auf 
dem  Berge  rechts  das  Sinnbild  der  Mutter  und  der  Hirsch 
auf  dem  Berge  links  dis  Sinnbild  de»  \\4ters.  Den  Hirsch 
auf  dem  mittleren  Berge  werde  ich  schiessen.  Tmlem  ich 
nun  diesen  Hirsch  /u  schiessen  gedenke,  werde  ich  nicht 
gerade  auf  ihn  anlegen,  sondern  auf  den  Fuss  des  Berges 
in  der  Art,  dass  der  Pfeil  durch  den  Berg  aufwärts  zu  des- 
sen Gipfel  hinausfährt  und  den  Hirsch  erlegt.  Unterdessen 
merke  du,  ^^ichfs würdiger,  auch  darauf,  wohin  die  beiden 
Hirsche  rechts  und  links  fallen  werden!"  Als  Bandschur 
nun  seinen  Bogen  spannte,  hielt  er  an  denselben  folgende 
Anrede:  „Das  obere  Kerbende*')  meines  Bogens  ist  von 
Hirschhorn,  das  untere  Kerbende  desselben  vom  Hörne  der 
weissen  Steppenziege  5  die  Farbe  der  zwei  iunern  Flächen 
des  Bogens')  ist  schwarz  und  dessen  (rrifi*  ist  von  weissem 
Muschelschmelz  ;  die  Senne  des  Bogens  ist  gleich  dem 
blauen  Himmelsbogen.  Das  obere  Kerbende  meines  Bogens 
mögen  die  Buddhas  der  zehn  Gegenden  meines  Gesser 
Chaghan  schützen!  das  untere  Kerbende  desselben  mögen 
die  vier  grossen  Drachenfürsten  schützen!  die  beiden  iunern 
Flächen  des  Bogens  nu;gen  die  vier  grossen  Götter  schützen  1 
die  Senne  mag  der  blaue  Himmelsbogen  schützen!  Den 
Griff  halte  ich,  Bandschur  Baghalur,  selbst!  du.  mein 
Pfeil,  errege  einen  gelben  (Staub-)  Wirbelwind!"  Dies.« 
gesagt   liess    er   den   Pfeil    fahren  ;    er   erscho.'.s   den   Hirsch 

6)  hl  welcheu  die  Semienschleife  eingehakt  wird  umt  festsitet, 

7)  Nämlich  oberhalb  und  unterhalb  des  Griffe^. 


—     184     — 

clurch  den  Gipfel  des  Berges  hindurch ;  der  Hirsch  au  f 
dem  Berge  links  fiel  herwärls  herab  und  der  Hirsch  auf 
dem  Berge  rechts  hinwärts.  Der  Pfeil  wurde  zum  gel- 
ben Wirbelwinde  und  führte  den  Staub  empor.  Dem 
Dschirghughan  Erekeilu  sank  der  Muth;  er  schaute 
starr  hin,  indem  er  auf  dem  Pferde  ANankend  dessen  Mähne 
umfassl  hielt.  Bandschur  steckte  seinen  Pfeil  wieder  zu 
sich  und  trieb  die  Heerde  \^  eiler.  Dschirghughan  Eri- 
keitu  verfolgte  ihn  abermals,  hohe  ihn  ein  und  sprach: 
.,Du  nennst  dich  also  Bandschur?  Mit  edeln  Schulzen 
will  ich  mich  nicht  streiten,  gegen  mächtige  Fürsten  und 
Herren  ллиП  ich  mich  nicht  auflehnen,  mit  dir  will  ich  mich 
in  Geschicklichkeit  und  Fertigkeil  nicht  messen,  aber  ich 
erbitte  meine  Heerde  von  dir."  Bandschur  erwiederte* 
,.  Ach,  mein  Trefflicher,  wie  wäre  es,  wenn  ich  dich  tödtete, 
ehe  ich  deine  Heerde  mitnehme!  Aus  welchem  Grunde 
sollte  ich  sie  dir  zurückgeben?"  Dschirghuglian  Ere- 
keitu  entgegnete:  „Höre  Band  schür!  es  heissl,  der  Pfau 
sieht  auf  seinen  Schwanz,  der  geehrte,  wackere  Mann  sieht 
auf  seinen  Ruf.  Wenn  es  nun  nicht  anders  scyn  kann,  so 
gib  mir  wenigstens  als  Belohnung  für  ein  mir  bekanntes 
merkwürdiges  Zeichen  meine  beiden  Pferde,  ein  weisses 
und  ein  glänzend  schwarzes  heraus!"  Bandschur  gerielh 
in  Zorn  und  sprach:  „Vorhin  gabst  du  deinen  Schuss  für 
ein  Zeichen  aus,  jetzt  soll  wieder  ein  Zeichen  folgen,  wenn 
ich  dir  die  zwei  Pferde  gebe !  Woiin  kann  dein  Zeichen 
bestehen !  "Wenn  ich  dich .  feige  Memme ,  tödtete ,  wer 
könnte  da  von  einem  tapfern  Manne  den  drei  Schirai- 
gholschen  Chanen  die  Nachricht  überbringen?  Bios  deswegen 
unterlasse  ich  es.  "Willst  du  aber  ein  Bündniss  schliessen, 
gut!  so  gib  den  unermüdlichen  Grauschimmel  lier.  den  du 
reitest!  er  kommt  dem  geflügelten  Grauschimmel  meines 
Dsesse  gleich  ;  alsdann  werde  ich  dir  die  verlangten 
Pferde  geben  und  überdicss  noch  eine  Anzahl  anderer  von 
gleicher  Farbe:  diess  ist  Alles  was  du  von  mir  bekommst!" 


~      185      — 

Dschirgliiighan  Erekeilu  cnigegnele:  „O  Wcli,  o  AVeli, 
mit  welcher  Bolschafl  soll  ich  zunickkommen,  wenn  ich 
den  unermüdlichen  Grauschimmel  hergehe!"  Bandschur 
vei'setzte:  „So.  du  wolltest  dich  also  mit  List  in  den  Be- 
sitz der  Pferde  stellen!  Wenn  ich  dich  nun  lödte  und  den 
Grauschimmel  nehme,  wessen  ist  er  da?"  DscIj  irgh  ughan 
Erekeitu  erwiederte  :  .,  AVanim  wirst  du  gleicli  höse, 
Bandschur,  icli  will  ilin  ja  geben!"  Diess  gesagt  übergab 
er  dem  Bandschur  den  unermüdlichen  Grauschimmel 
und  empfing  dafür  die  beiden  Pferde,  nebst  einer  Anzahl 
anderer  von  gleicher  Farbe  mit  dem  Auftrage,  den  ganzen 
Hergang  seinen  drei  Chanen  treulich  zu  berichten. 

Dsch  irgh  ughan  Erekeitu  kam  zurück  und  erzählte 
seinen  drei  Chanen  den  ganzen  Hergang  seiner  Schicksale. 
„Wenn  ein  einzelner  Held,  sprachen  sie,  in  solcher  Weise 
einen  Berg  durchschiesst,  was  werden  die  drcissig  Helden 
zusammen  da  erst  ausführen!"  Auch  Bandschiir  kam  nach 
Hause;  den  unermüdlichen  Grauscliimmel  schenkte  er  dem 
Dsesse  und  die  vielen  übrigen  Pferde  wurden  in  vorheriger 
Weise  bestens  vcrtheilt.    Tschotong  bekam  keines  davon. 

„Nun,  s]irach  Dsesse,  mache  du  dich  zu  einem  Zuge 
fertig,  mein  l'laghan  Nidün  (Rolhauge),  Sohn  desSsumu! 
Ulaghan  Nidün  ritt  seinen  bläulichen  Rothschimmel, 
hatte  seinen  weiss  überzogenen  Panzer  angelegt,  hatte  sich 
mit  allen  seinen  Waffen  versehen  und  kam  zu  Dsesse,  an 
welchen  er  die  nämliche  Frage  richtete ,  wie  vordem 
Bandschur.  Dsesse  sprach  zu  ihm:  ,,Ueberfalle  sie  in 
der  Weise  eines  am  Ursprung  des  Gha  tun  -  Stromes  hor- 
stenden Sperbers!"  Ulaghan  Nidün  machte  sich  auf  den 
Weg-,  er  überfiel  den  Schira  Gerlu  Chan  mit  demselben 
Erfolge  vvie  Bandschur  bei  seinem  Ueberfall.  Ihn  ver- 
olgte,  von  Schira  Gertu  Chan  abgesandt,  Schimtschu, 
der  Sohn  des  Ai  Chongchor.  Auf  dem  Gipfel  des  Ele- 
ssutu  Aghola  hohe  erden  Ulaghan  Nidün  ein,  und  es 
entstand  der  nämliche  Wertstreit  und  Aufenthalt   wie  vor- 


--     186     — 

«lern."  Nun,  sprach  Seh imi sehn,  wenn  du  meine  Heerde 
nicht  herausgeben  willsl,  so  stelle  dich  mir  als  Held  ent- 
gegen und  ich  werde  als  gescliiekler  Schütze  scbiessen! 
Sollte  ich  fehlen,  so  stelle  ich  mich  dir  als  lleld  und  du 
übernimmst  die  Schützeurulle  I"  Llaghan  ^«idün  erwie- 
derte:  „Gut,  du  möchtest  sonst  sagen,  ich  hätte  Furcht  vor 
dir!  ich  werde  mich  dir  als  Held  entgegenstellen  und  du 
schiesse  auf  mich  als  geschickter  Schütze!-'  Diess  gesagt, 
stellte  er  sich  dem  Schimlschu  als  Held  entgegen  und 
dieser  spannte  den  Bogen  als  Schütze-,  als  er  aber  im  Begriffe 
war,  den  Pfeil  abzuschiessen ,  sperrte  Llaghan  Nidün 
einen  Ungeheuern  Rachen  auf  und  drehte  seine  rothe  Augen 
von  der  Grösse  einer  Trinkschale  im  Kopfe  herum,  wobei 
er:  „Schiess  doch!  Schiess  doch!-'  rief  und  laut  lachte. 
Schimtschu,  dessen  Muth  gesunken  war,  schoss  über  ihn 
hinweg."  Nun  Nichtswürdiger,  rief  Ulaghan  Nidün,  ist 
die  Reihe  an  mir  I  entferne  dich  weit  von  mir  bis  zur  Stelle, 
wo  mein  Pfeil  sich  senkt  5  daselbst  wird  er  dich  treffen,  ab 
wollte  er  dir  Kopf  und  Schädel  abtrennen.  Du  wirst  fallen 
und  wieder  aufstehen  und  vor  deinem  Tode  gerade  so  viel 
Zeit  haben,  dass  du  zu  den  drei  Schrraighorschen  Chanen 
gelangst  und  ihnen  meine  Thaten  erzählen  kannst;  daselbst 
wird  dich  die  verderbliche  Wirkung  meines  Pfeils  errei- 
chen." Ulaghan  Nidün  schoss  und  traf  den  Schimtschu, 
wie  er  ihm  vorausgesagt.  Er  sank,  stand  wieder  auf  und 
hielt  wankend  die  Mähne  seines  Pferdes  umfasst.  In  sol- 
chem Zustande  kam  er  nach  Hause,  erzählte  den  ganzen 
Hergang  mit  Ulaghan  Nidün,  und  gab  dann  mit  den  Wor- 
ten: „die  verderbliche  Wirkung  des  Pfeils  des  Schändlichen 
erreicht  mich!"  den  Geist  auf  Ulaghan  Nidün  kam  zu- 
rück und  verlheilte  die  vielen  mitgebrachten  Pferde  nach 
früherer  Weise.     Tschotong  bekam  keines  davon. 

Nun  wurde  geloosi ,  an  wen  die  Keihe  sey  ,  auf  Kund- 
schaft auszugehen;  das  Loos  traf  den  achtzigjährigen  Greis 
Tsargin    Der  edle  Nanlsong  aber  meinte.  ,, Statt  den  allen 


_     IST      — 

ehrwürcligen  Valer  ziehen  zu  lassen,  wei'de  ich  junger 
Mensch  ausziehen!"  Nantsong  rilt  seinen  Porcellanscheck, 
er  halle  sich  vollslänclig  bewaflnet.  Nun  halte  Nanlsong 
erst  vor  Kurzem  die  Tochler  eines  einheimisclien  Fürsten, 
die  Jungfrau  Mönggöldschin  Goa  gchciralhct.  Diese 
sprach  zu  ihm:  „Denke  nicht  von  mir,  mein  Trauter,  dass 
die  neuverheiralhe!cn  Frauen  vorlaut  seyen!  Als  ich  noch 
in  meiner  Eltern  Hanse  vvolmle,  halte  ich  einen  ausführ- 
lichen, sehr  schlechten  Traum;  nnlernimm  nicht  diesen 
Zug,  mein  Theurer!"  Nanlsong  gab  seine  Einwilligung 
und  blieb.  Unterdessen  kam  der  Fürst  Tschotong  und 
sprach  zu  ihm:  ,,Bist  du  nicht  ein  bewährter,  tapferer  Mann? 
Wenn  du  auf  die  Heden  deines  Weibes  hin  den  Tod  fürch- 
tend hier  bleibst,  wird  man  dich  nicht  für  einen  furcht- 
samen ,  feigen  Menschen  hallen  und  seinen  Spott  mit  dir 
treiben?  Was  habe  ich,  Fürst  Tschotong,  nicht  alles  aus- 
geführt, da  ich  fünfzehn  Jahr  all  war!"  —  „So  sey  es 
denn!"  sprach  Nanlsong  und  stieg  zu  Pferde.  Sein  Weib 
sprach  weinend:  ,,Ach,  mein  Lieber,  einmal  bist  du  glück- 
lich davon  gekommen 5  versuche  es  nicht  zum  zweiten 
Male!" 

Nantsong  machte  sich  auf  den  Weg 5  er  stieg  auf  den 
Gipfel  des  Gebirges  Elessutu  und  überfiel  von  da,  in  der 
nämlichen  Weise  wie  Ulaghan  Nidün,  den  Chara  Gertu 
Chan.  Ihn  verfolgte  auf  seinem  Kückzuge  der  von  Chara 
Gertu  Chan  ihm  nachgesandte  Aramlschu,  Sohn  des 
Racha,  und  erreichte  ihn  auf  dem  Gipfel  des  Gebirges 
Elessutu.  Was  soll  ich  erst  erzählen:  Alles  geschah  in 
der  vorherigen  AVeise.  Aramlschu  spannte  den  Bogen, 
um  Nantsong  zu  erschiessen,  aber  dieser  richlete  seine 
Bitte  an  die  Schutzgeister  Gesser's,  worauf  der  abgeschos- 
sene Pfeil,  von  einem  Wirbelwinde  gefassl,  über  ihn  weg- 
flog. —  „Nun  ist  die  Reihe  an  mir,  rief  Nantsong,  welchen 
Namen  und  Ruf  kann  ich,  Knabe,  aber  haben!"  Diess  ge- 
sagt,   schoss    er    den    gepanzerten   Mann  durch   und  durch, 


—      188     — 

und  iialim  dessen  Rüslung  und  Pl'eid.     Während  er  seinen 
ЛУе^    forlsolzlc ,     fiel    ihm    untorwecrs    ein:    „Werden    die 
dreissig  Helden   Gesser  Chaghan's  nicht  ihren  Spott  mit 
mir  hahen,  wenn  ich  die  IMerdeheerde  mithringe,   nachdem 
ich  ])los  diesen  Einzelnen    gclodlel  habe?    Alles  Л^о1к  wird 
mich    dann    verspolten   und    sagen:    „Nantsong  vermochte 
es   nicht,    Feinde   aufzusuchen:    nur   einen  Einzigen  hat  er 
erschlagen.'-     Nantsong  drehte  demnach   um   und  überfiel 
den     Agholain    Türgen    Biroa-,    er    liieb     zehntausend 
Mann  von  dessen  Kriegsvolk  nieder,  maclile  aus  ihren  Haar- 
zöpfen   ein    Pack    und   befestigte   dasselbe  an  den  Schwanz 
seines    Porcellanschecks ;     er    hieb     die    neun    (Regiments-) 
Köche  zusammen,   mähte  die  neun  Fahnen  und  Standarten 
nieder  und  trieb  die   neun  Pferdeheerden  (der  Regimenter) 
mit    sich    fort.      Ihn    verfolgte    Agholain   Türgen    Biroa 
und  holte  ihn  ein  auf  dem  Gipfel  des  Gebirges  Elessutu. 
Dort  rief  er  dem  Nantsong  zu:  „Du  Tübetischer  Räuber- 
junge, hast  du  mich,  den   Türgen  Biroa   genannten    Sohn 
des  Chans  л^оп  Balpo  denn  nicht  erkannt,    dass  du,  kampf- 
begierig, nicht  mit    den  drei  Schiraighol'schen  Cliänen  käm- 
pfest, dass  du,  schlachtbegierig,  nicht  mit  den  drei  Chanen 
dich  schlägst?  Du  Taugenichts,  warum  hast  du  meine  Haare 
abgerissen,  warum  hast  du  meine  Stangen  zerbrochen?  Lass 
meine   Heerde  in  Güte  frcij    wo  nicht,  so  sollst  du  es  ent- 
gelten!" Nantsong  entgegnete:  ,, Deines  A'^alers  verfluchtes 
Haupt!    Avenn    du    der    nichtswürdige    Agholain    Türgen 
Biroa  bist,    so   лvisse.    dass   ich  der  edle  Göttersohn  Nan- 
tsong  bin.     Sind   wir   nicht  die  magischen  Helden  des  un- 
überwindlichen   Gesser    C  h  a  g  h  a  n  ?    Was    Avusstest  du 
Schlechtes  von  meinem  Bogda,  dem  Herrscher  in  den  zehn 
Gegenden,  dass  du   zu  den  Schiraighorschen  Chanen  überge- 
gangen bist?  Hätten  wir  Drei,  Dsesse,  Schumar  und  ich 
diess  damals,   da  wir  zusammen  lierkamen,  gewussl,  gewiss 
wäre  dir  Niederträchtigen  der   Kojif  abgeschlagen  worden." 
Unterdessen  kamen  drei  Gänse  über  Nantsong  lierangeflo- 


—     189      — 

geu  und  Türgen  Biroa  sprach:  „Siehe,  Räuberjunge!  voll 
den  drei  Gänsen,  die  über  dir  herangeflogen  kommen,  will 
ich  die  mittlere  schiessen-,  ist  mein  Pfeil  darüber  hinausge- 
fahren ,  so  soll  desseu  Spitze  die  Aordere  und  dessen  Fe- 
derende die  hintere  Gans  trefiend  tödten.  Wenn  ich  diese 
drei  Gänse  mit  einem  Schusse  erlege,  so  lass  meine  Heerde 
l'rei!  sollte  ich  sie  aber  verfehlen,  so  magst  du  die  Heerde 
behalten!"  Nantsong  gab  seine  Einwilligung  und  Türgen 
Biroa  spannte  den  Bogen,  als  ziele  er  nach  den  Gänsen^ 
während  Nantsong  aber  hinaufblickte,  durchschoss  er  ihm 
beide  Armliöhlen.  Nantsong  stürzte  hin,  stand  aber  wie- 
der auf;  er  löste  sein  neuuklafterlanges  wollenes  Tuch  ab 
und  verband  damit  seine  beiden  Armhöhlen,  aus  welchen 
das  scliAvarze  Blut  hervor  quoll.  Nachdem  er  den  Blut- 
slrom  gestillt  halte,  rief  er  dem  Türgen  Biroa  zu:  „Dei- 
nes Vaters  verruchtes  Haupt !  du ,  nichtswürdiger  Bube, 
fürchtest  dichl  ist  diese  deine  That  nicht  der  von  zwei 
Weibern  ähnlich,  von  welchen  die  Eine  die  Andere  beim 
Zank  mit  der  Scheere  sticht?  Bin  ich  nicht  der  mannhafte, 
kernfeste  Held  Nantsong,  der  von  einem  Pfeile  von  dir, 
feigen  Buben,  nicht  umkommt  ?  Gehe,  Nichtswürdiger,  und 
komme  in  Erstaunen  zn  deinen  drei  Chanen:  ich  will  dir 
ein  Kunststück  zeigen!  Entferne  dich  weit  von  hier  und 
stecke  auf  deine  Mützenquaste  einen  Grashalm  und  an  die 
Spitze  des  Grashalms  stecke  ein  Dreckkügelchen  eines 
Schafes;  so  werde  ich  überhalb  der  Quaste  und  unterhalb 
des  Kügelchens  den  Grashalm  durchschiessen.  Erzähle 
dann  bei  deiner  Heimkunft,  dass  du  mir  mit  einem  grossen 
Pfeil  beide  Armhöhlen  durchbohrt  habest,  und  dass  ich, 
noch  nicht  lodt  seyend,  dir  dieses  Kunststück  habe  zeigen 
wollen!"  Türgen  Biroa  entfernte  sich,  den  Worten 
Nantsong's  gemäss,  weit  und  schaute  hinter  sich.  Nan- 
tsong spannte  den  Bogen  und  rief:  „Deines  Vaters  ver- 
ruchtes Haupt!  du  würdest  bei  deiner  Zurückkunft  gewiss 
sagen,  du  habest  mich  überlistet  und  ich  sey  der  Betrogene  !'* 


—     190     — 

Mit  diesen  Worten  schoss  er  den  gepanzerten  Mann  mitten 
durch  und  lödtete  ihn.  Sodann  schwang  er  sich  auf  seineu 
Porcellanscheck ,  .  rill  hin  und  hiel)  dem  Gefallenen  den 
Kopf  ab,  welchen  er  seinem  I^orcellanscheck  um  den  Hals 
hing.  Nachdem  er  das  Pferd  (des  Gefallenen)  erbeulet, 
trieb  er  die  vielen  Pferde  vor  sich  über  die  Hochfläche  des 
Gebirges  Elessutu. 

Während  seines  Rilles  in  der  wasserleeren  Gegend  fing 
er  bei  beständigem  Blutverluste  an  zu  ermatten  und  zu 
verschmachten  und  w^ar  im  Begriflf,  vor  Erschöpfung  vom 
Pferde  zu  sinken.  Wenn  er  auf  der  rechten  Seile  herab- 
zufallen im  Begriffe  war,  stützte  und  erhielt  ihn  der  Por- 
cellanscheck mit  der  rechten  Seite  seines  Halses  im  Sattel; 
wollte  er  von  der  linken  Seite  herabfallen,  stützte  ihn  das 
Pferd  mit  der  linken  Seite  des  Halses  und  erhielt  ihn 
aufrecht.  Nun  fiel  er  vorwärts  über  die  Mähne  des  Pfer- 
des und  während  dasselbe  durch  Emporstrecken  des  Kopfes 
ihn  aufhalten  wollte,  fiel  er  bewussllos  zur  Erde.  Da  ka- 
men zwei  Wölfe,  um  Nantsong's  Fleisch  zu  fressen  und 
zwei  Raben,  ihm  die  Augen  auszuhacken;  der  Porcellan- 
scheck aber  hatte  sich  zu  seinem  Schulze  mit  seinen  vier 
Beinen  über  ihm  gestellt  und  weinte,  an  Nantsong  den- 
kend, mit  folgender  Klage:  „Mein  nach  Gefallen  und  Will- 
kühr  am  Himmel  schwebender  Falke,  bist  du  ins  Netz  ge- 
fallen? Mein  nach  Gefallen  und  Willkühr  in  der  Tiefe  des 
Meeres  wandelnder  Fischkönig,  bist  du  von  Händen  fest- 
gehalten? Mein  auf  der  Erdfläche  nach  Gefallen  und  Will- 
kühr umher  wandelnder  Neffe  meines  Gcsser  Chaghan's, 
mein  Nantsong,  bist  du  vom  Schimnu  gepackt,  mein 
Versorger?  Die  drcissig  Helden  hielten  zusammen,  wie  die 
Töne  einer  Laute,  Mie  die  Glieder  des  Schilfrohrs;  wir 
dreissig  Schimmel  hielten  zusammen,  wie  die  Flügel  eines 
Vogels;  bist  du,  mein  Nantsong,  Snha  der  machtvollkom- 
menen Götter  von  einem  Menschen  des  Dschambudwips 
gefällt,  mein  Versorger?   Mein  durch    die  Schicksalbeslim- 


—     191     -= 

mUng  des  Hlmmelskönlgs  geborener,  theurer  Nantsongj 
bist  du  von  einem  schwarzköpfigen  Menschen  gelödtet, 
mein  Versorger?  ЛУепп  ich  euch  den  edlen  Leichnam  zu 
fressen  üherhcsse,  wer  denn  würde  mich  mehr  den  (treuen) 
Porcellanscljcck  nennen  !"  Wenn  während  dieser  Klage 
die  beiden  Wölfe  sich  von  hinten  hinzudrängen  wollten, 
schlug  der  Schimmel  aus,  wollten  sie  sich  von  vorne  hin- 
zudräncen,  bis  er  sie  und  hieb  nach  ihnen  mit  den  Vor- 
derfüssen. 

Unterdessen  war  Nanlsong  ein  wenig  zu  sich  gekom- 
men; z\^ischen  den  Beinen  des  Pferdes  liegend,  schielte  er 
nach  den  Haben  hin  und  sprach  zu  ihnen:  „Ihr  beiden 
Raben ,  wessen  sind  denn  nicht  nur  diese  meine  beiden 
Augen,  sondern  mein  ganzer  Leichnam?  es  ist  dieses  Alles 
ja  ohnediess  euer  Futter!  daruoi  begebt  euch  vorher  zu 
Dsesse  Schikir  und  den  dreissig  Helden  und  bringt 
ihnen  die  Nachricht,  dass  ich,  der  edle  Nantsong,  die 
Streiluiacht  des  Feindes  überfallen,  seine  Söhne  und  Töch- 
ter erbeutet  habe  und  sie  auf  der  Hochfläche  des  Gebirges 
vor  mir  treibend  im  Anzüge  bin,  dass  ich  aber,  in  der  was- 
serlosen Gegend  vor  Durst  verschmachtend,  dem  Tode  nahe 
bin!  Sagt  ihnen,  dass  sie  mir  Wasser  herbeischaffen  und 
was  sonst  nöthig  ist!  Ihr  Raben,  die  dreissig  Helden  ver- 
stehen die  Sprache  der  Vögel  nicht,  darum  sprecht  mit 
Buidong!"8) 

Die  beiden  Raben  eulfernlen  sich,  kamen  zum  Kriegs- 
heer und  umkreisten  dasselbe  schwebend.  Sie  riefen: 
„Buidong,  sammle  den  Inhalt  unserer  Stimme !"  Buidong 
schrie:  „O  Weh,  O  Weh!  die  Worte  dieser  Raben  brin- 
gen nichts  Gutes !"  und  sprang  mit  Klaggeschrei  auf.  Dsesse 
Schikir  rief  ihm  zu:  „Buidong,  was  gibts?  geschwind, 
laufe  her!  ich  errathe  es  indess;  unter  den  Männern  ist 
der  bepanzerte  und  behelmte  Mann  an  seiner  Stelle,  unter 

8)  Vergl.  S.  94. 


—     192     — 

Äen  Weibern  die  ausgewachsene  behaarte  Jungfrau  I  gewiss 
l)nngen  diese  Raben  Nachrichten,  die  Nanlsong  betref- 
fen.'" Buidong  ])erichlete  nun  die  ganze  von  Nanlsong 
den  Raben  aufgetragene  Botschaft.  Dsesse  und  Rograo 
G  o  a  vergossen  stille  Thränen ;  die  Nachricht  лог  dem 
Kriegsheer  verheimlichend  sprachen  sie:  „Unser  edle  Nan- 
tjsong  ist  im  Anzüge,  nachdem  er  eine  unerraessliche 
Menge  Vieh  erbeutet  hat^  wir  wollen  ihm  Wasser  entge- 
gen bringen.  Dsesse,  Rogmo  Goa  und  Buidong  mach- 
ten sich  auf  den  Weg;  da  sprach  Dsesse:  „AVir  wissen 
nicht,  ob  unser  Freund  gestorben  ist  oder  nicht;  hoffent- 
lich lebt  er  noch;  rufe  also  den  Arzt  Künggen  her!"  Mit 
diesem  Auftrage  schickte  er  den  Buidong  hin,  welcher 
zum  Arzte  Künggen  sich  begab  und  ihn  herberief.  Der 
Arzt  Künggen  und  sein  Weib  erwiederten  beide:  „In 
diesem  Jahre  ist  es  nicht  rathsam ,  nach  Osten  hinauszu- 
gehen; Ihut  man  es,  so  stirbt  man;  ich  will  nicht!"  Mit 
diesem  Bescheid  kehrte  Buidong  zurück  und  meldete  ihn 
dem  Dsesse  und  der  Rogmo  Goa.  Diese  gerieth  in 
Zorn  und  sprach:  „Höit  einmal  das  Geschwätz  dieses  Nichts- 
würdigen! \veil  mein  Gesser  Chaghan  nicht  da  ist,  weil 
ich  ein  Weib  bin,  so  willst  du,  gemeiner  Mensch,  nicht 
kommen,  da  es  unsern  Nantsong  gilt.  Wenn  ich  dich  da- 
für umbrächte,  wer  würde  es  mir  zum  Verbrechen  machen  I" 
Mit  diesen  Worten  nahm  sie  ihn  mit  und  alle  Vier  durch- 
zogen nun  die  Hochfläche  des  Gebirges  El  es su  tu,  ohne 
(Nantsong)  zu  finden,  als  aus  ungewisser  Ferne  ein  gros- 
ser dunkeler  Gegenstand  sichlbar  wurde,  лоп  welchem  sich 
eine  Staubwolke  bis  an  den  Himmel  erhob.  Als  alle  Vier 
dieser  Richtung  folgten,  erkannte  Rogmo  Goa  die  Ursache. 
„Es  ist  hier  die  Spur  des  magischen  Braunen  meines  Ges- 
ser's,  rief  sie,  wie  machen  wirs,  dass  wir  dieser  Spur 
folgend  hinkommen!"  Diess  gesagt,  hielten  sie  sich  dicht 
beisammen,  folgten  der  Spur  und  als  sie  nahe  hinzukamen, 
enldeckten  sie,  dass  um  Nantsong  die  ganze  grosse  Pferde- 


—     193     ~ 

lieerde  gleich  einer  Versammlung  Menschen  versammeil  war. 
Der  Porcellanscheck  kam  ihnen  Thränen  vergiesseud  enl- 
gegen;  auch  Dsesse  und  Rogmo  Goa  weinten.  Der  ma- 
gische Braune  Gesser's  hatte  den  Fall  Nantsongs  durch 
magisches  Wissen  in  Erfahrung  gebracht  und  war  gekom- 
men, um  die  Menge  der  Pferde  in  Nantsongs  Nähe  bei- 
sammen zu  erhalten.  Der  ArztKünggen  goss  Arznei  in 
die  verwundeten  beiden  Armhöhlen  Nantsongs  und  er 
wurde  hersfestellt.  Hierauf  erzählte  er  ihnen  seinen  Anoriff 
auf  die  drei  Schiraighorschen  Chane,  und  als  er  ihnen  die 
erbeuteten  Zöpfe  von  zehntausend  Mann  und  den  Kopf  des 
Agholain  Tür  gen  Biroa  zeigte,  lachten  sie  alle  herzlich. 
Während  sie  beisammen  sassen,  kamen  plötzlich  sechs 
Pfeile  angellogen  und  trafen.  Der  eine  Pfeil  traf  den  Nan- 
tsong,  der  andere  den  Buidong  und  der  dritte  den  Arzt 
Künggcn;  die  übrigen  drei  Pfeile  trafen  die  Pferde  der 
genannten  Drei.  „Was  ist  das,  mein  Dsesse!"  rief  Rogmo 
Goa,  stand  auf  und  weinte.  „Es  ist  ein  Kunststück  eines 
Menschen  von  der  feindlichen  Partei,  meine  Rogmo  Goa-', 
erwiederle  Dsesse,  „weine  nicht!"  Diess  gesagt,  zog  er  den 
Drei  die  Pfeile  aus,  goss  ihnen  von  der  x\rznei  des  Arztes 
Künggen  in  die  Wunde  und  schwang  sich  auls  Pferd.  Als 
Dsesse  Schikir  auf  den  Gipfel  des  Gebirges  gekommen 
war  und  sich  umsah,  entdeckte  er.  dass  der  zu  den  drei 
Schiraighol'schen  Chanen  gehörige  D schirghughan  Ere- 
keitii,  Sohn  des  Mergen,  aus  der  Ferue  mit  einem  guten 
Bogen  sechs  ^ute  Pfeile  auf  einmal  unter  Zauberformeln 
abgeschossen  hatte  mit  den  Worten:  „Welche  von  meinen 
Pfeilen  die  Menschen  verfehlen  möchten,  mögen  die  Pferde 
trefien,  und  welche  die  Pferde  verfehlen,  mögen  die  Men- 
schen trefl'en!"  Dsesse  Schikir  rief  ihm  zu:  „Bist  du, 
Nichtswürdiger,  nicht  der  feige  Dschirghughan  Ere- 
keitu,  Sohn  des  Mergen.?  Warum  hast  du,  Memme,  un- 
serm  Bandschur,  dem  Sohne  des  Ambari,  deinen  uner- 
müdlichen   Grauschimmel    überlassen?"    Dschirghughan 

13 


—     194     — 

Erekeitu  erwiederle:  ,,Du  5a2;est  es!  ich  habe  übrlefens 
ilen  Schuss  gethan,  weil  ein  Knabe  der  Eurigen  herkam 
und  bei  uns  Tod  und  Verwirrung  anrichtete."  Dsesse 
Schikir  sprach:  „So,  wenn  das  der  Fall  ist,  dann  bin  ich 
ohne  Vorw  urf!"  Mit  diesen  Worten  durchschoss  er  ihn,  da 
aber  die  Seele  des  Dschirghughan  Erekeitu  in  seinen 
sechs  Daumen  ihren  Sitz  hatte,  so  vermochte  dieser  Schuss 
ihn  niclit  zu  tödten^  er  sprang  auf,  ergriff  seinen  Bogen 
vind  spannte  ihn.  AVährend  des  Spannens  sprang  Dsesse 
Schikir,  der  es  durch  magisches  Wissen  erfuhr,  auf  ihn 
zu,  zog  seinen  Säbel  лоп  gegossenem  Stahl  tind  hieb  ihm, 
vvährend  er  im  Begriffe  stand,  den  Pfeil  abzuschnellen,  seine 
sechs  Daumen  mit  sammt  der  Senne  ab,  worauf  Dschir- 
ghughan Erekeitu  leblos  hinstürzte.  Dsesse  Schikir 
nahm  dessen  Panzer,  Pferd  und  sechs  Daumen  und  kam 
zurück. 

Bei  seiner  Zurückkunft  fand  Dsesse  Schikir  die  Rogmo 
Goa  weinend.  Er  sprach:  ,,Wenn  du,  Kogmo  Goa,  weinst, 
wer  soll  da  diese  Arznei  bedienen!  ich  halje  so  eben  den 
verruchten  Dschirghugau  Erekeitu  getödtet!"  i\un  be- 
reitete Dsesse  Schikir  eine  starke  Portion  der  Todle  bele- 
benden Arznei  des  Arztes  Künggen,  welche  Gesser 
Chaghan  in  seiner  Bestimmung  von  den  Göttern  mitge- 
bracht balte,  streute  Räucherwerk  auf  und  richtete  seine 
Bitte  an  die  Schutzgeister  Gesser  Chaghan's  mit  den 
Worten:  „Gott  Chormusda  in  der  Hölie,  Vater  meines 
Bogda,  des  Vertilgers  der  Wurzel  der  zehn  üebel  in  den 
zehn  Gegenden!  ihr  drei  siegreichen  Schwestern!  ihr  alle 
seine  Schutzgeistcr  der  Reihe  nach,  erbarmt  euch!  Wir 
wollen  die  entflohenen  Seelen  dieser  unserer  Drei  zurück- 
führen ,  die  Aveit  davongegangenen  Seelen  wollen  wir 
ihnen  wieder  verschaffen!  Macht  diese  лоп  mir  bereitete 
Arznei  leicht  wie  eine  Feder,  schnell  wie  einen  Pfeil!" 
Diess  gesagt  verbeugte  er  sich,  beräucherlc  die  drei  (Ge- 
bliebenen)  und   goss  ihnen  die  Arznei  ein,    wovon  sie  als- 


«a     193     ^ 

bald  alle  Drei  zum  Leben  kamen.  Der  Arzt  Künggen 
stand  auf  und  sprach:  ,.Mern  Körper  ist  noch  nicht  gehörig 
hergestellt."  Diess  gesagt,  trank  er  noch  von  der  Arznei 
und  gab  auch  den  andern  Beiden  davon  zu  trinken.  Die 
Wirkung  davon  war,  dass  alle  Drei  so  gesund  und  rüstig- 
wurden,  wie  zuvor.  Nachdem  der  Arzt  Künggen  den 
drei  Pferden  die  Pfeile  ausgezogen  hatte,  vermischte  er 
das  Fleisch  der  Daumen  des  Dschirghughan  Erekeitu 
mit  der  Arznei  und  behandelte  damit  die  Wunden  der 
Pferde,  welche  alsbald  genasen.  Nun  wählten  sie  aus  den 
vielen  Reilpferden  neun  der  fettsten  aus,  welche  sie  schlach- 
teten, siimmtlichen  Schutzgeistern  Gesser  Chaghan's  zum 
Opfer  darbrachten,  sich  verbeugten  und  dann  sich  auf  den 
Rückweg  machten.  Während  Rogmo  Goa  und  Buidong 
die  Heerde  trieben,  machten  Dsesse,  Nantsongr  und  der 
Arzt  Künggen  während  des  Reitens  eine  Schiessübung 
mit  dem  Kopfe  des  Türgen  Biroa.  Die  grosse  mitge- 
brachte Pferdeheerde  wurde  in  vorheriger  Weise  und  Ord- 
nung vertheilt;  Tschotong  bekam  nichts  davon. 

Die  drei  Schiraigholschen  Chane  traten  den  Rückzug 
an  und  lagerten  sich  zusammen.  Da  fiel  es  dem  Fürsten 
Tschotong  ein,  ihnen  nachzuziehen  und  ihnen  eine  Pfer- 
deheerde abzustehlen.  Er  ritt  sein  gelbgeflecktes,  Küne 
Biroa  genanntes,  Pferd  mit  schwarzem  Kopfe  und  weissem 
Schweife,  hatte  sein  Schirgholdschin  genanntes  Bogen- 
ge räthe  umgeschnallt,  seinen  Harnisch  von  rohem  Leder 
angelegt  und  sein  zweischneidiges  Schwert  umgürtet.  Also 
verfolgte  er  das  abziehende  Heer  und  als  er  dessen  Nach- 
trab eingeholt  hatte,  stahl  er  eine  Abtheilung  Pferde  und 
trat  damit  den  Rückweg  an.  Ihn  verfolgte  der  dem  Tsa- 
ghan  Gertu  Chan  angehörige  Tschissun  Oghoktschi 
Burküd  Chara  TüschimeP)  und  erreichte  ihn  auf  dem 
Gipfel  des  Gebirges  El essu  tu.  Unterdessen  spiach  der  JFürst 

9)  Dieser  lange  Name  bedeutet  „der  bluttrinkende  Adler,  der 
schwarze  Minister." 

13* 


—     196     — 

Tscholong  voll  Stolz  uud  Dünkel  mit  sich  selbst:  „Bin 
ich  nicht  ein  eben  so  tapferer  Mann  als  Dsesse?  von  die- 
ser meiner  Heerde  soll  Dsesse  auch  nicht  ein  einziges 
Pferd  bekommen!"  Tschissun  Oghoklschi  Bürküd 
Chara  Tüschimel  liörte  diess  und  dachte:  „Das  ist  ein 
feiger  Tropf!  Was  bedeutet  es,  dass  er  unterwegs  mit  sich 
selbst  plaudert  und  brummt;  dass  er  sagt:  „\senn  ich  nach 
Hause  komme,  werde  ich  dem  Dsesse  von  meiner  Heerde 
nichts  mittheilen!''  Er  hielt  sicli  sodann  in  einiger  Entfer- 
nung versleckt  und  überfiel  den  Tschotong  plötzlich  mi^ 
Geschrei.  Dieser  liess  seine  Heerde  im  Stich  und  ergrifl 
die  Flucht.  Als  er  eingeholt  wurde,  nahm  er  sein  Bogcn- 
gerälhe  und  verkroch  sich  damit  in  eine  ausgeweitete  Mur- 
melthierhöhle.  Tschissun  O  g  h  o  k  t  s  c  h  i  rief:  „Komm 
heraus,  Nichtswürdiger!  wo  gedenkest  du  denn  davon  zu 
kommen,  wenn  du  in  eine  Höhle  kriechst!"  Tschotong 
versetzte:  „Meine  Heerde  und  mein  Pferd  sind  in  deinen 
Händen,  was  aber  willst  du  mit  mir  machen!"  Tschissun 
Oghoktschi  ervviederte:  „Du  bist  ja  ein  sehr  freigebiger 
Mensch,  darum  gib  dein  Geräthe,  deinen  Bogen  und  deine 
Pfeile  her!"  Tschotong  übeilieferle  seinen  Bogen  uud  seine 
Pfeile;  das  Gefieder  der  dreissig  weissen  Pleile  kam  ganz 
mit  Erde  überzogen  (aus  der  Höhle).-  „Wenn  du  nicht 
gutwillig  herauskommst,  rief  Tschissun  Oghoktschi,  so 
werde  ich  dich  herausräuchern!"  Diess  gesagt,  sammelte 
er  seinen  Rockschooss  voll  Mist,  und  als  er  damit  kam, 
rief  Tschotong:  „Tödte  mich  nicht!  Gesser  ist  nicht  da, 
ich  aber  werde  euch  die  Mittel  schaßen  ,  dass  ihr  die 
Rogmo  Goa  holen  könnt."  Nun  kam  Tschotong  aus 
seiner  Höhle  heraus,  Tschissun  Oghoktschi  band  ihn 
und  brachte  ihn,  ihn  mit  der  Heerde  vor  sich  treibend, 
zum  Tsaghan  Gertu  Chan. 

Tscholong  wurde  seiner  Bande  entledigt  und  machte 
seine  Verbeugung.  Tsaghan  Gertu  Chan  rief  ihm  zu: 
„Stehe  auf!"  Schimanbirodsa   sprach:  „Wie  schön  neh- 


—      191      — 

men  sich  nicht  die  Beiden,  der  sich  niederbeugende  Fürst 
Tscholong  und  der  „Aufwärts!"  rufende  Chan  aus!  Was 
hast  du  denn  anzubringen,  mein  Lieber?  sj)rich!"  Der  Fürst 
Tschotong  sprach:  „Gesser  ist  nicht  zu  Hause j  er  ist 
noch  nicht  zurückgekehrt,  seit  er  gegen  den  Riesen  gezogen 
ist.  Dem  Busenfreunde  Gesser's,  seinem  altern  Bruder 
Dsesse  Schikir,  so  wie  den  dreissig  Helden  ist  zwar 
schwer  anzukommen,  dessen  ungeachtet  will  ich  schon  ein. 
Mittel  ausfindig  machen,  dass  ihr  die  Rogmo  Goa  holen 
könnt."  Sie  fragten:  „AVelches  Mittel?  sprich!"  Tschotong 
erwiederte:  „Gebt  mir  mein  Pferd,  jueinen  Panzer  und 
meine  ЛҮаЯеп  zurück !  gebt  mir  auch  eine  kleine  Heerde- 
abtheilung  schlechter  Pferde  !  damit  werde  ich  zurückkehren 
und  ihnen  anzeigen:  „Die  Heeresmacht  der  drei  Schirai- 
ghol'schen  Chane  ist  in  die  Heimath  zurückgekehrt;  da  ich, 
ihrer  Spur  folgend,  sie  nicht  mehr  erreichen  konnte,  habe 
ich  diese  ihre  zurückgelassenen  untauglichen  Pferde  mitge- 
bracht." Darauf  hin  wird  unsere  Kriegsmacht  auseinander 
gehen  und  die  dreissig  Helden  werden  sich  zerstreuen.  Ihr 
aber  kommt  mir  nach  und  nehmt  die  Rogmo  Goa!"  Die 
drei  Chane  genehmigten  diesen  Vorschlag  und  gaben  dem 
Tschotong  Alles  zurück.  Er  stieg  zu  Pferde,  entfernte 
sich,  kehrte  aber  лvieder  um  und  sprach:  „Gesser  und  ich 
streiten'  uns  um  Land  und  Leute;  wenn  ihr  die  Rogmo 
Goa  genommen  haben  werdet,  so  hofle  ich  von  euch  die 
Herrschaft  über  das  Volk  zu  erhalten."  Tsaghan  Gertu 
Chan  vei'sprach  ihm:  „Du  sollst  sie  haben!"  Tschotong 
verbeugte  sich,  machte  sich  auf  den  Weg  und  kam  nach 
Hause. 

Dsesse  Schikir  und  alle  (Hauptleute)  des  Heeres 
fragten:  „Oheim  Tschotong,  warum  bist  du  so  lange  weg- 
geblieben?" Der  Fürst  Tschotong  antwortete:  „Das  Heer 
der  drei  Schiraighol'schen  Chane  ist  plötzlich  aufgebrochen 
und  davon  gezogen.  Ich  verfolgte  die  Spur,  da  ich  dasselbe 
aber  nicht  einholen  konnte,    so  habe  ich  diese  zurückgelas- 


—      198      — 

senen  schlechten  Pferde  naitgehrachl.  Ihr  glaubtet  mich 
unfähig  zu  solchem  Lnlemehmen  und  habt  mich  dahei 
nach  eurer  Zurückkunft  hingeschickt j  nicht  wenig  habe 
ich  auf  meinem  Zuge,  um  eine  Pferdeheerde  wegzustehlen, 
ausstehen  müssen.  Indess,  so  schlecht  ich  auch  seyn  mag, 
so  hin  ich  ja  doch  dein  Blutsfreund  und  Verwandter.  Soll- 
tet ihr  mir  aber  nicht  glauben,  so  schickt  doch  Jemand 
um  nachzusehen!'''  Dsesse  Schikir  entgegnete:  ,, Warum 
das!  bist  du  denn  etwa  ein  Fremder?  du  bist  ja  unser 
Oheim  Tscholong.  Nach  deinen  Worten  zu  urtheilen  ist 
es  wahr,  dass  der  Feind  umgekehrt  ist  5  wir  und  das  ganze 
Heer  wollen  daher  auseinander  gehen!"  Kogmo  Goa 
weinte  und  sprach  zu  Dsesse:  ,,Wie  oft  hat  mein  Gesser 
dir  gesagt:  „Tschotongs  Gesicht  ist  weich  wie  Seide, 
seine  Worte  sind  süss  wie  feines  Backwerk,  aber  sein  Herz 
ist  hart  лvie  ein  Kiesel.  Innere,  heimliche  Angelegenheiten 
verhandelt  ihr,  Rogmo  und  Dsesse,  heimlich,  äussere, 
allgemeine  Angelegenheiten  mag  er  immerhin  erfahren;  wenn 
ihr  so  handelt,  sagte  er,  so  habt  ihr  von  dem  furchtsamen 
Lügner  nichts  zu  befahren."  Dsesse  versetzte:  „Meine 
Rogmo  Goa,  er  mag  ein  so  schändlicher  Lügner  als  mög- 
lich seyn,  hat  er  aber  einen  Beweis  geliefert,  dass  er  als 
Ueberläufer  Verrath  an  uns  übt?  Lasst  uns  in  Ridie  iin- 
sern  Hausgeschäften  nachgehen;  seine  Nachricht  ist  gewiss 
^^ahr!"  Diess  gesagt  zerstreuten  sich  Dsesse  Schikir  und 
das  ganze  Heer. 

Rogmo  Goa.  blieb  traurig  zurück;  sie  bewafinete  einen 
ihrer  Diener,  den  Arighon,  Sohn  des  Argha,  gab  ilnii 
ein  Pferd  und  fertigte  ihn  ab  mit  den  Worten:  „Gehe  hin 
und  seile  nach,  ob  es  wahr  oder  gelogen  ist,  dass  die  drei 
Schiraighorschen  Chane  mit  ihrem  Heere  auf  dem  Rück- 
zuge sind!"  Der  Bote  war  kaum  über  zwei  Bäche  gezogen, 
als  er  das  ganze  Heer  der  di'ei  Schiraigliol'schen  Chane  im 
Anzüge  erblickte. "  Wie  lange  kann  ich  noch  leben,  wenn 
ich  dem  Feinde  auch  glücklich  entginge!"  dachte  er,  und 


—      199      — 

stürzte  sich  unter  die  Feinde  in  den  Kampf.  Nachdem 
er  eintausend  Feinde  getödtet  hatte ,  blieb  er  selbst  auf 
dem  Platze. 

Die  feindliche  Heeresmacht  kam  heran.  Die  Aveinende 
Rogmo  Goa  ergrift'  einen  grossen  Säbel  vom  feinsten  und 
und  härtesten  Stahl,  den  Gesser  Chaghan  dagelassen 
hatte,  und  verbarg  ihn  unter  ihre  Kleidung.  Eine  Ge- 
mahlinn  Gesser  Chaghan 's,  Namens  Adschu  Mergen 
Chatun^°),  die  Tochter  des  Drachenfürsten,  v^ar  eine  ge- 
schickte Bogenschülzinn.  Zu  dieser  ihrer  Nebenbuhlerinn 
Adschu  Mergen  Chalun  schickte  Rogmo  Goa  hin  und 
liess  sie  rufen.  Adschu  Mergen  kam  und  Rogm'o  Goa 
sprach  zu  ihr:  „Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  mein 
Bogda,  ist  nicht  zu  Hause,  sein  Busenfreund  Dsesse  Schi- 
kir  und  die  dreissig  Helden  sind  abwesend,  sollen  vs'ir 
daher,  als  Weiber,  müssig  zusehen?  wir  wollen  gegen  die 
Heerführer  ins  Gefecht  gehen!"  Diess  gesagt,  übergab  sie 
der  Adschu  Mergen  einen  grossen  Bogen,  nebst  einem 
mit  tausend,  und  vierzig  Pfeilen  gefüllten  Köcher  Gesser 
Chaghan's.  Adschu  Mergen  umgürtete  sich  mit  dem 
Bogengerätlie  und  ging  hinaus,  dem  Feinde  entgegen.  Al- 
tan Gerel  Taidschi  war  aus  Besorgniss,  dass  der  Staub 
des  grossen  Kriegsheers  das  Anllitz  der  Rogmo  Goa  be- 
flecken möchte,  mit  vierzig  tapfern  Männern  vorausgeeilt.  — 
Adschu  Mergen  rief  ihnen  entgegen:  ,Jhr  vierzig  tapfere 
Männer,  die  ihr  gekommen  seyd,  die  Rogmo  Goa  zu 
holen,  seyd  ihr  die  Hautpleute  des  Heeres,  oder  was  seyd 
ihr?"  Sie  antworteten:  „Wir  sind  Hauptleute."  —  5,Gut, 
sprach  Adschu  Mergen,  so  trennt  euch  in  vier  Reihen  zu 
zehn  Mann!"  Als  sie  sich  in  vier  Abtheilungen  zu  zehn 
Mann  getrennt  hatten,  durchschoss  Adschu  Mergen  mit 
vier  Pfeilen  jede  der  vier  Reihen  zu  zehn  Mann.  Die 
vier  Pfeile  flogen  weiter  und  trafen   noch  eine  Anzaahl  der 

10)  Vergl.  S.  87  ff. 


—      200     — 

Mannschaft  des  Heeres.  Nachdem  Adscliu  Mergen  den 
Altan  Gerellu  Taidschi  getödtel  halte,  nahm  sie  dessen 
gelbliches  Pferd  mit  goldenem  Sattel  und  hestieg  dasselbe. 
Wo  sie  einen  Anführer  des  grossen  Heeres  erblickte,  drang 
sie  ein,  Alles  tödtend  und  Aernichtend.  Das  Heer  der  drei 
Schiraighorschen  Chane  ergrifl"  die  Flucht.  „Der  Fürst 
Tschotong  hat  uns  betrogen!  rief  Alles,  Gesser  ist  da 
und  tödtet  und  A^ertilgt  unsere  Hauptleute  und  Anführer  !"■ 
Lm  die  Ordnung  im  Heere  Avieder  herzustellen,  traten 
fünf  tapfere  und  vornehme  Männer  hervor 5  der  Eine  war 
der  jüngste  Bruder  des  Tsaghan  Gertu  Chan,  Namens 
Schimanbirodsa;  dieser  bewaffnete  sich,  bestieg  sein 
weisses  magisches  Pferd  und  trat  hervor 5  der  Andere  war 
Bürküd  Chara  Tschissun  Idektschi  Tüschimel^") 
der  Dritte  war  der  Tochlermann  des  Tsaghan  Gertu 
Chan,  Namens  Mantsuk  Sula,  Sohn  des  Ssolongha 
Chän^*'*)  der  Vierte  war  der  Tochtermann  des  Schira 
Gertu  Chan,  Namens  Mila  Gunlschuk,  Sohn  des  Chans 
von  Baipo;  der  Fünfte  war  der  Tochlermann  des  Chara 
Gertu  Chan,  Namens  Mongsa  Tüsker,  Sohn  des  Chänes 
des  Landes  Mon.  i^)  Diese  traten  vor,  und  trieben  das 
fliehende  Heer  mit  dem  Säbel  in  der  Faust  beisammen. 
Die  unermessliche  Heeresmasse  der  drei  Chane  drang  nun 
vor;  Ad  seh  u  Mergen  hatte  bereits  elftausend  Mann  todt 
niedergestreckt,  da  zerbrach  der  Bogen  und  die  Pfeile  waren 
ausgegangen.  Sie  sah  sich  nach  allen  Seiten  um  und  fand 
sich  ohne  Gefährten.  „Was  ist  nun  лvciter  zu  thun!"  sprach 
sie,  und  zog  mit  Haus  und  Vieh  ins  Gebirge. 

Nun  war  Rogmo   Goa  umringt  und   von   allen  Seilen 
drang  man  auf  sie   ein  um   sie  zu  fangen.     Gegen  die  von 

(11  Der  Nämliche,  den  wir  S.  195  haben  kennen  gelernt;  niu-  ist 
der  Name  etwas  verändert. 

12)  Oder    der    Sohn    des    Chans    von    Ssolongha,    das    heisst 
Korea. 

13)  Name  einer  Tibetischen  Provinz. 


der  rechten  Seite  auf  sie  andringende  Mannscbafl  hieb  sie 
mit  dem  Säbel  um  sich  und  streckte  zehntausend  Mann 
nieder.  Gegen  die  von  der  linken  Seite  auf  sie  Andrin- 
genden that  sie  dasselbe  und  lödtele  eben  so  viel.  Die 
von  vorne  und  von  hinten  Angreifenden  riefen  sich  zu  und 
gaben  sich  das  Wort,  gemeinschaftlich  vorzudringen,  ehe 
sie  (gegen  die  eine  oder  andere  Abtheilung)  den  Säbel 
schwingen  könne.  Solchergestalt  von  vorne  und  hinten 
zugleich  angegrifl'cn  und  gedrängt  ohne  Raum  und  Mittel 
zum  Entkommen,  verwandelte  Kogmo  Goa  sich  magisch 
in  eine  graue  Bremse  und  erhob  sich  gen  Himmel.  Der 
Schutzgeist  des  T  s  a  g  h  a  n  G  e  r  t  u  Chan,  ein  weisser 
Elje,^*)  verwandelte  sich  in  die  Gottheit  Tsaglian  Uer- 
kün  und  jagte  die  Bremse.  Nun  schwebte  Rogmo  vom 
Himmel  niederwärts  5  da  verwandelte  der  Schutzgeist  des 
Schira  Gerln  Chan,  ein  gelber  Elje,  sich  in  die  Gott- 
heit Schira  Uerkün  und  jagte  ihr  nach.  Auf  Windes- 
flügeln schwebte  sie  zur  Erde  hinab;  da  verwandelte  der 
Schulzgeist  des  Chara  Gertu  Chan,  ein  schwarzer  Elje, 
sich  in  die  Gottheit  Chara  Uerkün  und  verfolgte  sie. 
Als  Rogmo  Goa  kein  anderes  Mittel  fand,  verwandelte  sie 
sich  auf  der  Erde  in  die  Gestalt  von  sechshundert  Nonnen. 
ЛVeil  die  drei  Schiraighorschen  Chane  sie  in  dieser  Geslalt 
nicht  erkennen  konnten  und  vermutheten,  dass  das  weisse 
magische  Pferd  sie  vielleicht  erkennen  würde,  liessen  sie 
dasselbe  hingehen.  Als  das  weisse  magische  Pferd  hinkam, 
zerrte  es  Rogmo  Goa  am  Besatz  ihres  Kleides  und  scharrte 
dabei  mit  den  Vorderfüssen.  Rogmo  Goa,  aller  fernem 
Mittel  beraubt,  wurde  nun  gefangen.  Gesser's  weisse  Py- 
ramide, sein  edler  Talisman  Tschinlämani,  seine  mit  Gold 
geschriebene,  Kandschur  und  Tand  schür  genannte,  grosse 

14)  Das  heisst  ,,em  weisser  Geier."  Dieses  Wort  hat  eine  dop- 
pelte Bedeutung;  ausser  der  angegebenen  bezeichnet  es  auch  eine  Art 
geflügelter  böser  Geister.     Vergl.  S.  16. 


—      202      — 

Sammlung  von  Religionsschriflen  ,  sein  Tempel  mit  den 
dreizehn  Kostbarkeiten,  ^^)  seine  schwarze  Kohle  ohne 
Sprung  oder  Riss,  alles  dieses  wurde  zerstört  oder  geraubt. 

Während  Piogmo  Goa  weinend  ihren  Weg  wandelte, 
rief  sie  einen  gemeinen  Menschen  von  Gcsser's  Leuten 
zu  sich 5  zu  diesem  sprach  sie:  „Mein  Gesser  hat  ein 
schwaches  Gedächtnisse  луспп  er  vom  Kiesen  zuiückgekehrt 
seyn,  mich  gerauht  und  alles  zerstört  sehen  wird,  wird  er 
vermulhlich  in  Olinmachl  fallen;  dann  räuchere  ihn  hiemit 
unter  der  Nasel"  Mit  diesen  Worten  zog  sie  ein  Haar  aus 
ihren  Augenwimpern  und  ühergnl)  es  dem  Menschen.  Dann 
gab  sie  ihm  noch  einen  Schöpllöffel  voll  Thränen  aus  ihren 
Augen  und  sprach:  ,,  Diess  giesse  ihm  in  den  Mund!" 
Solches  gesagt  zog  sie  ihres  AVeges. 

Gesser's  Bars  Baghatur  hatte  den  Dscsse  Schikir 
begleitet  und  w'ar  bei  einem  Trinkgelage  geblieben.  Als  er 
allein  und  betrunken  nach  Hause  kam  und  vernahm,  was 
geschehen  war,  bewaffnete  er  sich,  A'erfolgte  die  Heeres- 
macht der  drei  Schiraigliolschcn  Ghänc,  holte  sie  ein  und 
лvarf  sich  allein  ins  Getümmel.  Nachdem  er  funfzigtausend 
Mann  niedergehauen  halte,  sank  er  verschmachtet  und  er- 
schöpft zu  Boden.  Bars  Baghatur  wurde  getödlet  und 
das  Heer  setzte  seinen  Marsch  fort. 

Ueseskülengtu  Mergen  Kja  wollte  Gesser  einen 
Hülfsdienst  erweisen,  tödtete  fünftausend  Mann  des  feind- 
lichen Heeres  und  kam  glücklich  davon. 

iö)  An  andern  Stellen  dieses  "Werkes  Avird  er  ,.,(\vi  Tempel  von 
dreizehn  Wadschras"  (Diamanten)  genannt.  Es  ist  damit  ein 
buddhaistischer  Tenipol  (Sanskr.  Tscliaitja),  über  welchem  sich  ein 
pyramidaler  Thurm  von  dreizehn  Abstufungen  erhcht,  gemeint. 
Diese  dreizehn  Abstufungen  bedeuten  die  dreizehn  Bhuwanas  oder 
Götterregionen  der  sogeuanntcn  zAveiten  Welt  bis  zur  immateriellen 
buddhaischen  Monas.  Vergl.  u.  A.  meine  Abhandlung  in  den  Me- 
moiren der  Akademie,  Band  I,  S.  89  fF. 


—      203      -^ 

Band  schür ,  der  Sohn  dts  Am  bau  holte  allem  (das 
feindliche  Heer)  ein  und  warf  sich  ins  Getümmel.  Er  hatte 
bereits  eben  so  viel  Mannschaft  als  Bars  Baghalur  ge- 
tödtet ,  als  Bürküd  Chara  Tschissun  Idektschi  Tü- 
schimmel  ihm  seinen  Rappen  unter  dem  Leibe  erschoss- 
Nachdem  er  zu  Fusse  noch  lausend  Mann  niedergehauen 
halte,  sank  er  verschmachtet  und  erschöpft  zu  Boden. 

Ulaghan  Nidün,  der  Sohn  des  Ssumu,  sperrte  seinen 
Ungeheuern  Rachen  auf,  drehte  seine  tellergrossen  Augen 
in  rolhem  Flusse  und  warf  sich  ins  Getümmel.  Er  that 
es  dem  Bandschur  in  Allem  gleich,  bis  Mila  Gun- 
tschuk,  der  Sohn  des  Chinesischen  Daibung  Chaghan,^'') 
ihm  seinen  bläulichen  Rothschimmel  unter  dem  Leibe  er- 
schoss.  Zu  Fusse  forlfechtend  tödtele  er  noch  tausend 
fünfhundert  Mann  und  sank  dann  verschmachtet  und  er- 
schöpft nieder. 

Nun  erreichte  Schumar  das  feindliche  Heer  und  warf 
sich  in  den  Kampf.  Er  halte  bereits  eben  so  viel  feind- 
liche Mannschaft  getödtet  als  seine  Vergängcr,  da  erschoss 
der  Sohn  des  Chans  von  Solonggha,  Namens  Manlsuk 
Sula,  ihm  seinen  Porcellanschimmel  unter  dem  Leibe.  Er 
setzte  das  Gefecht  zu  Fusse  fori,  tödtele  noch  lausend  Mann 
und  blieb  dann  auf  dem  Platze. 

Temur  Chadi,  Sohn  des  Ambalai,  stürzte  sich  nun 
ins  Gefecht.  Nachdem  er  funfzigtauscnd  Mann  getödtet 
hatte,  blieb  er  todt  auf  dem  Platze. 

Nun  folgten  Jcke  Taju,  Bagha  Taju,  Jeke  Kü- 
gürgetschi,  Bagha  Kügürgetschi,  Uenülschin  Taju 
und  Rongssa.  Diese  Sechs  erreichten  das  Heer,  griffen 
an  und  lödteten  sechstausend  Mann.  Der  Sohn  des  Tür- 
gen Biroa,  Namens  Büke  Tsaghan  Manglai,  griff  diese 
Sechs  im  Rücken  an  und  tödtele  sie. 

16)  S.  200  ist  er  als  der  Sohu  des  Chans  von  Baipo  (Nepal) 
genannt. 


—     204      — 

Bam  Schürtsr,  der  Sohn  des  Badraari,  \\^r(  sich  auf 
den  Feind  und  haue  bereits  funfziglauscnd  Mann  in  Slücke 
gehauen.  Da  erschoss  Mongsa  Tüsker,  der  Sohn  des 
Chans  von  Mon,  ihm  seinen  trefflichen  Blauschimmel  un- 
ter dem  Leibe.  Zu  Fussc  das  Gefecht  fortsetzend  tödtete 
er  noch  zweitausend  Mann  und  sank  dann  todt  auf  den 
Platz. 

Der  edle  fünfzehnjährige  Nantsong  holte  allein  den 
Feind  ein  und  warf  sich  auf  denselben.  Nachdem  er  ihm 
vierzigtausend  Mann  getödtet  hatte,  eischoss  Bürküd  Chara 
Tschissun  Idektschi  Tüschimel  ihm  seinen  Porcel- 
lanscheck  unter  dem  Leibe.  Zu  Fusse  fortfechtend  töd- 
tete er  noch  dreitausend  Mann  und  sank  entseelt  auf  den 
Platz. 

Buidong  holte  gleichfalls  das  Ilecr  ein  und  warf  sich 
ins  Gefecht.  Nachdem  er  dem  Feinde  vierzigtausend  Mann 
getödtet  hatte,  blieb  er  entseelt  auf  dem  Platze.  Auch  die 
andern  Helden  folgten  der  Reihe  nach,  tödteten  zu  drei- 
hundert und  zu  zweihundert  Mann  und  blieben  auf  dem 
Platze. 

Gesser  hatte  einen  magischen  Helden,  mit  Namen 
Büdotschi.  Hatte  dieser  es  mit  Fussvolk  zu  thun,  so  ver- 
wandelte er  sich  in  einen  Feuerklumpen,  der  sich  unter 
die  Feinde  wälzte,  sie  verbrannte  und  tödtete.  Gegen  Rei- 
terei bediente  er  sich  einer  kostbaren  Schöpfkelle,  mit  лvel- 
cher  er  zu  Pferde  sitzend  Erde  aufschöpfte,  welche  alsbald 
als  Feuer  loderte;  dieses  schüttete  er  gleich  einem  Feuer- 
regen über  die  Feinde  und  tödtete  deren  eine  Menge,  sie 
durch  Feuer  verbrennend.  Yiele  a\h  dem  Heere  lauerten, 
um  ihn  zu  erschiessen,  sie  konnten  ihm  aber  vor  Funken 
und  Rauch  nicht  nahe  kominen.  Während  er  nun  von  dem 
Heere  der  drei  Schiraighorschen  Chane  Viele  tödtete  und 
Wenige  übrig  liess,  vrrsclimachtetc  und  erstickte  er  endlich 
selbst  in  den  Funken  und  dem  Rauche  seines  Feuers,  sank 
zu  Boden  und  wurde  getödtet. 


^     205     — 

Der  edle  Dsesse  Scliikir  hatte  seinen  "Wohnsitz  am 
obern  Tsatsarghana  -  Strome  in  der  Gegend  Ghurban 
Tulglia.  Als  er  den  Ausgang  und  das  Ende  (der  Helden) 
erfuhr,  bestieg  er  seinen  geflügelten  Grauschimmel,  nach- 
dem er  seinen  ganzen  reichen  Waffenschmuck  angelegt 
hatte.  Im  Begriffe,  sich  auf  den  Weg  zu  machen,  stiess 
der  achtzigjährige  Tsargin  auf  seinem  verschiedenfarbig 
gesprenkelten  gelben  Pferde  zu  ihm,  und  Beide  schlugen 
die  Spur  der  diei  Schiraighol'schen  Chane  ein.  Dsesse 
sprach:  „Siehe,  mein  Oheim,  von  Gesser's  grossem  Schlosse, 
Ulaghan  Siilge  genannt  an  bis  zum  Chatun  -  Strome 
haben  sie  gewirihschaflet,  als  wenn  Riesenwölle  in  eine 
grosse  Schafheerde  eingebrochen  луагеп.  Unserer  beiden 
Pferde  können  hier  zwar  hindurch,  welches  Pferd  eines 
Andern  aber  v^äre  im  Stande  über  dieses  Leichenfeld  zu 
gehen!  Ach,  meine  theuern  dreissig Helden!"  Unvermögend 
seinen  Grimm  länger  zu  bändigen,  sprach  er  zu  Tsargin: 
„Mein  Oheim,  nimm  deinen  Weg  hierhin!  Ich  will  unter- 
suchen, wie  viel  an  der  Zahl  von  dem  Heere  der  drei  Schi- 
raighorschen  Chane  geblieben  und  wie  viel  übriggeblieben 
ist."  Diess  gesagt  entfernte  er  sich,  bestieg  den  Gipfel  des 
diesseitigen  Berges  sowohl  als  den  des  jenseitigen  und  ge- 
dachte auf  seinem  Wege  trauernd  seines  Gesser's.  Er 
wehklagte:  „Solin  der  Götter  aus  der  reinen  Region  Tü- 
schid,  (Tuschila),  auf  der  ganzen  Erdiläche  berühmt,    aus- 

oerufen  und  anerkannt  als  der  Herrscher  in  den  zehn  Ge- 

o 

genden,  was  machst  du,  mein  Gesser!  Sohn  des  Gottes 
Chormusda,  magische  Erscheinung,  was  machst  du,  mein 
Gesser!  —  Du  mein  auf  dem  Gipfel  des  hohen  Gebirges 
wandelnder,  schwarzgestreifter  Tiger!  du  mein  auf  dem 
Grunde  des  unerm esslichen  Meeres  wandelnder  König  der 
Fische!  Deine  aus  der  reinen  Götterregion  Tüschid  auf 
deine  Bitte  dir  zur  Begleitung  mitgekommeneu  dreiösig  Hel- 
den, deine  auf  der  Erdfläche  bei  einer  grossen  Versammlung 
erworbene  Gemahlinn  Rogmo  Goa,   dein  in  seinem  fünf- 


—    йов'  — 

zehnten  Jahre  schon  als  Hehl  hewährter  und  berühmter 
Nantsong  lind  ich,  dein  inniger  Herzensfreund,  dein  edler 
Dsesse,  weinen  und  trauern!  Was  machst  du,  mein  theu- 
rer  Gesscr!  Hat  der  zwölfköpfige  Riese  dich  etwa  gelöd- 
tet?  Hat  deine  Gemahlinn  Aralgho  Goa  dich  etwa  durch 
List  gehahen  und  festgel^annt ?  O  ЛҮеЬ,  Avas  machst  du! 
O  Weh,  лvas  macht  ihr  Alle,  ilir  liimmlischen  Schutz- 
geister!" AVährend  er  solchergeslall  „mein  Gesser!  mein 
Gesser!"  rufend,  seinen  Weg  unter  Loh-  und  Klage- 
gesang fortsetzte,  erfuhr  Rogmo  Goa  diess  durch  magi- 
sches Wissen.  Sie  rief  dem  Dsesse  aus  Aveiter  Ferne  zu: 
„Mein  Dsesse,  Sperber  der  Menschen!  Zerbricht  gleich 
der  Baum,  so  bleibt  noch  die  Wurzel  nach!  Stirbt  gleich 
der  Mensch,  so. bleiben  seine  Kinder  nach!  Zerbricht  wohl 
ein  Baum  ohne  Wurzel?  Stirbt  wohl  ein  Mensch  ohne 
Nachkommen?  Durch  AAclches  Mittel  könnte  man  die  drei- 
ssi^  Helden  wieder  lebendiij  herstellen?  Der  Marsch  des 
Feindes  ist  langsam  und  beschwerlich.  Darum  gehe  hin 
und  bespreche  dich  mit  unserm  Gesser!  kehrt  dann  beide 
herwärts  und  nehmt  Rache  am  Feinde!"  Dsesse  Schikiv 
erwiederte:  „AVie,  würdest  du  лvährend  der  Besprechung 
auch  лvIedergekehrt  seyn?  Wirst  du,  Rogmo  Goa,  etwa 
bei  Zusammenkünften  mit  den  drei  Chanen  dein  edles  An- 
tlitz mit  Filz  überkleiden?  Was  soll  ich  antworten,  wenn 
mein  Gesser  kommt  und  mich  fragt:  „Was  hast  du  gethan, 
mein  Dsesse?  Besser  ist  es,  ich  sterbe?  Welchen  Nutzen 
könnte  mein  Leben  noch  haben,  wenn  ich  es  schonte!" 
Rosmo  Goa   sprach:    „Was    Tschotonjr  betrifft,    so   hat 


'&' 


>prac 


dieser  Niclilswürdige  aus  Furcht  vor  euch  von  den  drei 
Schiraighorschen  Chanen  Schutzbedeckung  genommen  und 
ist  A^rausgezogen." 

Dsesse  Schikir  kehrte  zu  Tsargin  zurück  und  sprach 
zu  ihm:  „!Mein  Oheim,  das  übriggebliebene  Heer  der  drei 
Schiraighorschen  Chane  ist  noch  vierhunderltausend  Mann 
stark,   die   Mannhaftigkeit   ist  ein  Antheil   der   Jugend,    das 


—     201     ^ 

Ziegenfleisch  taugt  nur,  wenn  es  noch  heiss  ist.*'  Tsargirt 
versetzte:  „Mein  lieber  Dsesse!  meine  Zukunft  ist  nahe 
vor  mir,  meine  Vergangenheit  liegt  weit  hinter  mir!"  Sie 
stiegen  sodann  auf  den  Gipfel  eines  hohen  Berges  und 
Tsargin  sprach:  „Wo  ich  auch  fallen  sollte,  mein  Lieber, 
so  sorge  für  eine  anständige  Bestattung  meiner  Gebeine ! 
Bin  ich  denn  etwa  eine  am  Kerzenlichte  versengte,  umge- 
kommene Motte?  Bin  ich  denn  etwa  von  Mehlthau  oder 
Reif  getroffenes,  verwelktes  Getreide?  du  aber,  mein  Lieber., 
begib  dich  zum  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  meinem 
heilbringenden  Gesser,  todtet  dann  die  drei  Schiraighol'- 
sehen  Chane  und  kehrt,  an  ihnen  Rache  genommen  habend, 
zurück!"  Dsesse  Schikir  erwiederte:  „Fürchtest  du  dich 
etwa,  mein  Oheim?  Wozu  die  vielen  Worte?  Vorwärts!" 
Er  gab  seinem  geflügelten  Grauschimmel  einen  Schenkel- 
liieb,  zog  seinen  unabstumpfbaren  Säbel  von  gegossenem 
Stahl,  wetzte  ihn  an  einem  schwarzen  Kiesel  und  sprengte 
vorwärts.  Er  ffriff  das  Schiraierholsche  Heer,  welches  sich 
an  den  Uebergangspunklen  des  Cha tun  -  Stromes  umher- 
trieb, im  Rücken  und  in  der  linken  Flanke  mit  Wuth  anj  er 
machte  es  gleich  einem  geschickten,  die  Getreideähren  re- 
gelmässig niedermähenden  Schnitter ;  er  machte  es  aber  beim 
Vertilgen  und  Zusammenhauen  auch  gleich  einem  unge- 
schickten, das  Getreide  unordentlich  mähenden  Schnitter. 
Den  Chatun- Strom  füllte  er  mit  Erschlagenen:  die  Strö- 
niunff  desselben  wurde  roth.  Dreimal  wiederholte  er  in 
Begleitung  von  Tsargin  seinen  Angriff,  tödtete  siebziglau- 
send Mann  und  drang  bis  zum  rechten  Flügel  des  Feindes 
durch.  Sodann  wandten  sich  Dsesse  Schikir  und  Tsar- 
gin zurück  und  tödteten  noch  zehntausend  Feinde.  Da 
fragte  Dsesse  Schikir:  „Weshalb,  Oheim  Tsargin,  hast 
du  mich  gerufen?"  Tsargin  erwiederte:  „Dort,  mein  Lieber, 
sind  fünf  bis  sechs  vornehme  Männer,  die  Rache  suchen; 
tödte  den  Einen  oder  den  Andern  derselben!"  Es  war  der 
jüngste  Bruder  des  Tsaghan  Gertu  Chan,  Namens  Schi- 


—     20S     — 

Jnanbirodsa,  welcher,  sein  \\cisses  magisches  Pfertl  reileiid 
lind  rail  Harnisch  und  Helm  gerüslet,  gegen  IJsesse  zog. 
Beide  brannten  vor  Begierde,  sich  zu  messen;  aber  dei' 
geflügelte  Grauschimmel  Dsesse's  und  des  Schimanbi- 
rodsa  weisses  magisches  Pferd  waren  gegenseitig  nahe  Л^ег 
wandte;  so  dass  Beide,  sich  erkennende,  Pferde  vor  einander 
zurückwichen  und  rückwärts  statt  vorwärts  gingen.  Obgleich 
Ds esse  sein  Pferd  mit  der  Säbelspitze  anspornte,  so  er- 
reichten sich  die  Gegner  doch  nicht.  Da  nahm  Dsesse 
seinen  Säbel  in  die  linke  Hand  und  hieb  im  Vorbereiten 
seinem  Gegner  die  Bogensenne  durch.  Indem  er  sich  Bahn 
durch  die  feindliche  'J'ruppenmacht  machte,  hieb  er  davon 
noch  zehntausend  Mann  nieder.  Dsesse  Schikir  hatte 
neunzigtauseud  und  Tsargin  zehntausend  Mann  getödtet. 
In  Allem  hatte  Dsesse  von  dem  Heere  der  drei  Schirai- 
ghol'schen  Gliane  hunderttausend  Mann  in  Stücke  gehauen, 
als  er ,  von  der  Blutarbeit  durstig  geworden ,  von  dem 
AVasser  des  Gha  tun  -  Stromes  trank.  Von  dem  blutigen 
Wasser  berauscht,  fiel  er  zu  Boden.  Schimanbirodsa  Hess 
einen  Baumstamm  über  ihn  werfen  und  hieb  ilim  den  Kopf 
ab,  welchen  er  mitnaiim  und  ihn  seinen  Truppen  übergal). 
Als  Piogmo  Goa  d<;u  Kopf  Dsesse's  ei'blickte,  schlug  sie 
an  ihre  Brust,  hielt  sich  die  Seilen  und  erbat  sich  von  den 
drei  Schiraighorscheu  Chanen  den  Kopf  Dsesse's,  welchen 
sie  herzte  und  mit  ihren  Thränen  benetzte.  Sie  ■\\chklagte, 
wie  folgt:  „AV^as  machst  du.  Herrscher  in  den  zehn  Ge- 
genden, Verlilger  der  AVurzel  der  zehn  Lebe],  mein  Bogda! 
Bist  du  duch  der  Sohn  des  Gottes  Chormusda  da  oben! 
dein  stürmend  durchl)rechender  Dsesse  Schikir  ist  aber 
geblieben!  O  AVeh,  mein  Dsesse!  der  Obertheil  deines 
Körpers  zeigte  die  Fülle  der  vier  grossen  Götter,  der  Alit- 
teltheil  desselben  die  Fülle  des  V\  ellgebäudes  und  dessen 
Untertheil  die  Fülle  des  weissen  Drachenfürsien  !  mehi 
Theurer!  mein  edler  Dsesse  Schikir!*'  Während  Kosfmo 


—     209     -^ 

Goa  also  jammerte  und  wehklagte,  entrissen  ihr  die  drei 
Schirarghol'schen  Chane  den  Kopf  des  Dsesse. 

Rogmo  hatte  die  Absichl,  den  Dsesse  durch  magische 
Kunst  wieder  zum  Leben  zu  bringen  und  suchte  zu  dem 
Ende  unter  den  vielen  Erschlageneu  einen  Körper  ohne 
Wunden ;  sie  fand  aber  keinen  einzigen  unverletzten  Leich- 
nam, denn  alles  von  Dsesse  zusammengehauene  Kriegs- 
volk war  verwundet  und  verstümmelt.  Sie  fand  aber  einen 
Sperber  und  führte  die  Seele  Dsesse 's  in  denselben  über 
Dann  nahm  sie  von  jedem  Manne  des  Heeres  der  drei 
Schiraighol'schen  Chane  einen  Pfeil  und  bildete  davon  einen 
Scheiterhaufen  für  den  Leichnam  des  Dsesse.  Auf  einen 
von  Dsesse 's  Pfeilen  schrieb  sie  einen  Brief  folgenden 
Inhalts:  „Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  Vertilger  der 
Wurzel  der  zehn  Uebel,  heilbringender  Held  Gesser  Cha- 
ghan,  mein  Bogda,  lebst  du  nicht  mehr?  ist  diess  (dein 
Ausbleiben)  das  Zeichen  deines  Todes?  Was  soll  ich  thun, 
wenn  da  gestorben  bist!  Lebst  du  aber  noch,  so  wisse, 
dass  du  von  mir,  deiner  in  deinem  sechsten  Jahre  erwor- 
benen Gemahlinn  Rogmo  Goa,  von  deinem  Dsesse  Schi- 
kir  und  den  dreissig  Helden,  von  deinem  Tempel  der  drei- 
zehn Kleinodien, '')  von  deiner  weissen  Pyramide,  von  dei- 
nem kostbaren  Talisman  Tschin tämani,  von  deinen  mit 
Gold  geschriebenen,  Kandschur  und  Tandschur  genann- 
ten, zwei  grossen  Sammlungen  der  Religiousschrifteu,  dass 
du,  mein  Gesser,  von  diesem  Allem  gelrennt  bist.  Deine 
dreissig  Helden  haben  sich  in  den  Kampf  geworfen  und 
sind  geblieben!  ich,  deine  Rogmo  Goa,  bin  gefangen  und 
als  Beute  behandelt!  Mein  Bogda,  komm  und  nimm  Rache!" 
Diess  gesagt  schleuderte  sie  durch  magische  Kunst^  den 
Pfeil  in  die  Luft. 

Der  geschleuderte  Pfeil  nahm  seinen  Weg  zum  Schlosse 
des   Riesen,    woselbst    Gesser    seinen   Sitz  hatte    und  traf 

П)  Yergl.  S.  202. 

14 


—     2t0      — 

Леп  Pfeillvasten  Gessers.  .,\Vas  war  das,  rief  Gesser, 
was  tönt  an  meinem  Pfeilkaslen?  Tümen  Dschirghalang, 
reiche  meinen  Pfeilkaslen  her!"  Tümen  Dschirghalang 
brachte  den  Pfeilkaslen.  Gesser  öffnete  denselben,  sähe 
nach  und  fand  und  erkannte  den  Pfeil  Dsesse's.  „Was 
bedeutet  das,  rief  er,  das  ist  ja  ein  Pfeil  meines  Dsesse! 
Er  las  die  geistige  (magische)  Schrift.  Javrohl,  in  der  That, 
meine  Roomo  Goa,  mein  edler  Dsesse  Schikir,  meine 
dreissig  Heiden,    die  waren  ja  Alle  da-,   wie  konnte  ich  sie 

vergessen! Sie    Alle    sind   vom  Feinde   überrumpelt! 

Wer   es   gewagt  hat,   sich    gegen    mich  aufzulehnen, 

dessen  Leber  durchbohre!"  Mit  diesen  Worten  schleuderte 
er  den  Pfeil  in  die  Lufl. 

Der  geschleuderte  Pfeil  Gesser's  durchbohrte  der  Haupt- 
tremahlinn  desTsa^han  Gertu  Chan  die  Leber  und  tödtete 
diese  Fürstinn.  Die  ganze  Mannschaft  des  Heeres  befragte 
sich  imter  einander:  ,,Isl  diess  ein  Pfeil  vom  blauen  Him- 
mel da  oben?  oder  von  den  Assuri  des  Mittelraumes? 
oder  von  den  Drachenfürsten  der  Tiefe?  oder  ist  er  ein 
Inzcichcn  ,  dass  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaghan  im  An/.uge  ist?"  Л"ог  Furcht  nahm 
Alles  die  Fhuhl. 

Ivoanio  Goa  freute  sich  in  ihrem  Herzen.  „Der  Herr- 
scher  in  den  zehn  Gegenden,  mein  Gesser  Chaghan,  ist 
noch  am  Leben",  dachte  sie.  .,Dein  geschleuderter  Pfeil 
hat  einen  \erhassten  Feind  getrofl'en  und  gelödtel!"  Hierauf. 
schrieb  sie  auf  denselben  Pfeil  abermals  einen  Brief  des 
Inhalts:  „Ich  werde  dich  neun  Monate  lang  in  der  Gegend 
des  Cha tun -Stromes  erwarten;  wenn  du  in  der  Zelt  von 
neun  Monaten  nicht  kommen  solltest,  so  werde  ich  die 
Gallinn  des  Tsaghan  Gertu  Chan  werden,  ach,  mein 
Bogda!"  Sie  schleuderte  sodann  den  Pfeil  in  die  Luft. 

Der  von  Kogmo  Goa  geschleuderte  Pfeil  traf  Gesser's 
Pfeilkasten    und    Gesser    rief:    „Was  tönt  da   in    meinem 


—     Uli     ~ 

Pfeilkasten?  Gib  meinen  Pfeilkasten  her!"  TümenDschir- 
ghalang  brachte  ihn,  Gesser  sah  nach,  fand  und  erkannte 
den  Pfeil  Dsesse's.  „Ist  das  nicht  derselbe  unlängst  ge 
kommene  Pfeil!  rief  er,  wie  konnte  ich  das  so  bald  ver- 
gessen!" Sodann  schleuderte  er  den  Pfeil  zurück  mit  den 
Worten:  „Wer  es  wagt,  sich  gegen  mich  aufzulehnen,  des- 
sen Leber  durchbohre!"  Nachdem  er  den  Pfeil  zurückge- 
schleudert hatte,  kam  Tümen  Dschirghalang  zu  ihm 
uud  fragte:  „Mein  furchtbarer  Bogda,  hungert  dich?"  Diess 
gesagt  reichte  sie  ihm  den  Bak  genannten  Trank,  ^^)  der 
Alles  vergessen  macht. 

Der  von  Gesser  geschleuderte  Pfeil  traf  einen  schwar- 
zen Kieselstein  von  der  Grösse  eines  Ochsen.  Als  Tsa- 
ghan  Gertu  Chan,  der  auf  dem  Steine  sass,  den  Pfeil 
schwirren  hörte,  rief  er:  „Dem  furchtbaren  Bogda  Gesser 
opfere  ich!"  Mit  diesen  Worten  goss  er  seine  Schale  mit 
Thee  vor  dem  Pfeile  aus.  Weil  Gesser  ein  Buddha  war, 
traf  der  Pfeil  den  schwarzen  Kieselstein  von  der  Grösse 
eines  Ochsen  und  zwar  dergestalt,  dass  die  Spitze  (an  der 
andern  Seite)  hervorkam.  Die  drei  Schiraighorschen  Chane 
versammelten  sichj  sie  versuchten  es  vergeblich,  den  Pfeil 
an  der  Spitze  herauszuziehen  5  eben  so  vergeblich  war  ihr 
Versuch,  ihn  am  Gefieder  herauszuziehen.  ,, Wessen  ist 
dieser  Pfeil,  riefen  sie  5  gehört  der  Pfeil  etwa  dem  Herr- 
scher in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan?"  In  frü- 
herer Weise  kam  Furcht  über  sie  und  sie  zogen  weiter. 
Piogmo  Goa  kam  hinzu 5  sie  sprach:  „Ist  es  ein  Pfeil  von 
meinem  furchtbaren  Bogda,  so  ist  es  ein  magischer  Pfeil j 
ist  dem  also,  so  löse  dich  selbst  ab  und  komme  auf  den 
Schooss  meines  Kleides;  bist  du  es  nicht,  so  bleibe  stecken!" 
Diess  gesagt  klopfte  sie  mit  der  Faust  auf  den  Fels,  wor- 
auf der  von  Gesser  geschleuderte  Pfeil  Dsesse's  sich 
losmachte    uud    auf  den    Schooss    der    Rogmo    kam.      Sie 

18)  Yergl.  S.  158. 

14* 


—     212     — 

sprach:  ,, Meinem  Bogda  habe  ich  von  Allem  Nacbricht 
zugesendet!*'  und  hielt  inne. 

Gesser  Chaghan  war  auf"  die  Gallerie  seines  Schlosses 
gestiegen  und  eingeschlafen.  Als  er  um  die  Mittagszeit 
umherschautc ,  erblickte  er  oben  лош  Schlosse  herab  eine 
Kuh,  welche  von  einem  allen  Weibe  geführt  wurde.  Er 
rief  der  Alten  zu  und  fragte  sie:  „Mütterchen,  deine  Kuh 
ist  wohl  schon  alt?  wie  kommt  es,  dass  ihre  Hörner  ganz 
verwittert  sind?-'  Die  Alte  erwiederte:  ,. Mein  Bogda,  diese 
meine  Kuh  ist  nicht  blos  alt,  sie  ist  ganz  abgestumpft.  Als 
Gesser  Chaghan  hier  ankam,  war  sie  ein  Kalb-,  seit  Ges- 
ser  Chaghan  hier  ist.  sind  schon  neun  Jahre  verflossen^ 
sie  ist  demnach  nicht  ohne  Grund  gealtert."  Gesser  dachte: 
„Л\  ie  ist  das!  wie  sonderbar I  wie  konnte  ich  das  vergessen! 
%vas  bedeutet  es,  dass  schon  neun  Jahre  verflossen  sind!" 
Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan 
begab  sich  in  seine  Wohnung;  Tümen  Dschirghalang 
kam  ihm  entgegen  mit  den  Worten:  „Mein  furchtbarer 
Bogda,  hungert  dich?"  und  gab  ihm  den  vorerwähnten 
Trank,  wodurch  er  aufs  iVeue  Alles  vergass. 

Als  Gesser  C  li  a  g h a  n  am  folgenden  Tage  abermals 
auf  der  Gallerie  seines  Schlosses  sass,  näherte  sich  um  die 
jMittagszeit  eine  Krähe  von  der  Seile  rechts.  Der  Herrscher 
in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  ging  ihr  entge- 
gen und  sprach:  „Siehe,  diese  arme  Krähe  kommt  gewiss 
so  eilig  her,  um  auf  den  Lagerplätzen  den  Koth  und  Mist 
und  an  den  durchgeriebenen  Pvückenstellen  der  Kameele 
den  Eiter  als  Nahrung  aufzu.<\ichen!''  Die  Krälie  erwie- 
derte: :.Der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan  hat  Hecht I  das  Land  meiner  Geburt  ist  die  Ge- 
gend der  Pyramide  links  ab  von  diesem  Schlosse  j  ich  bin 
gewohnt,  rechts  ab  nach  meinem  Frasse  zu  gehen  und 
wenn  ich  meine  Nahrung  gefunden  habe,  daselbst  zu  über- 
nachten, wo  ich  zu  übernachten  gewohnt  bin;  deshalb  bin 
ich  hieher  gekommen.     Ich  sitze  nicht  im  Moraste  versun- 


-_     213      — 

ken,  wie  Gesser  Chaghan,  der  Herr  des  Dschambu- 
dwips.  Ist  deine,  in  deinem  Geburtslande  Tübet  durch 
magische  Kraft  erworbene,  Gemahhnn  Rogmo  Goa  etwa 
hier?  Wo  ist  deine  Gemahlinn  Rogmo  Goa?  Wo  ist  dein 
Dsesse  Schikir,  wo  sind  die  dreissig  Helden?  Wo  ist 
dein  edler  Nantsong?  Wo  sind  sie  Alle?  Hast  du  sie, 
sie  dem  Tode  opfernd,  tödten  lassen,  hast  du  sie  ohne  Schutz 
lassend  dir  nehmen  lassen,  so  w^äre  es  auch  besser  von  dir 
gewesen,  mich  mit  Neckerei  und  Spott  zu  verschonen.'- 
Mit  diesen  Worten  entfernte  sich  die  Krähe.  Gesser  rief: 
..Weh  mir,  die  Krähe  hat  Recht!  wie  konnte  ich  diess 
Alles  vergessen!"  Er  sprang  auf  und  lief  in  seine  Woh- 
nung, ЛҮО  ihm  Tümen  Dschi  rghalang  wieder  mit  den 
Worten:  „Mein  furchtbarer  Bogda,  hungert  dich?'-  entge- 
genkam, ihm  den  vorerwähnten  Trank  ги  trinken  gab  und 
Alles  vergessen  machte. 

Am  folgenden  Morgen  stieg  Gesser  aberinaLs  auf  die 
Gallerie  seines  .Schlosses.  Während  er  dort  sass,  kamen 
Füchse  hergesprungen.''  Ach,  rief  Gesser,  diese  armen 
bedauerlichen  Füchse  kommen,  um  auf  dem  Lagerplatze 
allerlei  Nachbleibsel  zum  Frasse  zu  finden  und  sich  darum 
zu  streiten."  Die  Füchse  sprachen  die  nämlichen  Worte, 
wie  vorhin  die  Krähe  und  entfernten  sich.  Gesser  Cha- 
ghan rief:  „O  Weh,  Viie  konnte  ich  das  Alles  wieder  ver- 
gessen!-' und  lief  In  .seine  Behausung.  Tümen  Dschir- 
ghalang  reichte  ihm  abermals  den  bewnssten  Trank  und 
machte  ihn  Alles  vei-gessen. 

Nun  stiegen  Tsargrn,  Ssanglun,  Laitschab  der  Sohn 
des  Dsesse  und  Üeseskülengtu  Mergcn  Kja,  ihrer 
V  ier,  auf  einen  hohen  Berg  und  sassen  auf  dem  Gipfel  des- 
selben, ihres  Gesser  Chaghan,  des  Beherrschei's  der  zehn 
(^regenden  gedenkend  und  ihn  beweinend.  Unterdessen 
schwebten  auch  Gesser 's  Schutzgenien,  die  drei  Schwe- 
stern, in  Kranichgestalt  am  Himmel  kreisend  und  Klagetöne 
hören  lassend  über  ihnen.     Als  sie  geendigt  hatten,  sprach 


~     214     — 

Ueseskülengtu  Mergen  Kja:  „Gewiss  sind  diess  magi- 
sche Kraniche !  so  lange  wir  \vehklaglen,  schwebten  sie  um 
uns  herum.  Was  bedeutet  ihr  Klage-  und  Jammerton?" 
Der  Knabe  des  Dsesse,  Namens  Laitschab  stimmte  hier- 
auf ,  die  Kraniche  rühmend ,  folgenden  Klaggesang  an : 
„Herrscher  iu  den  zehn  Gegenden,  Vertilger  der  Wurzel 
der  zehn  Ucbel,  mein  Bogda!  Der  Obertheil  deines  Kör- 
pers zeigt vdie  Fülle  der  Buddhas  der  zehn  Gegenden!  der 
Mittellheil  deines  Körpers  zeigt  die  Fülle  der  vier  grossen 
Götter  nnd  der  Unlertheil  deines  Körpers  die  Fülle  der 
vier  grossen  Drachenfürsten !  Eine  einzige  deiner  magischen 
Verwandlungen  zeigt  deren  tausend  fünfhundert!  Л^оп  луе1- 
cher  Art  Verwandlung  sind  diese  Kraniche?  „O  Weh,  was 
macht  ihr!  kommt  doch  her!''  Diess  gesagt  verbeugte  er 
sich.  Die  Dschamtso,  Dari  und  Udam  genannten  Schwe- 
stern kamen  als  magische  Kraniche  herab  und  setzten  sich 
in  ihre  Nähe.  Useskülengtu  Mergen  Kja  befragte  sie, 
aber  sie  gaben  keine  Antwort.  Die  Vier  beschlossen  imn, 
Alles  was  sich  begeben  hatte,  in  einem  Briefe  zu  berichten. 
Mit  einem  Worte,  sie  gaben  eine  schriftliche  Schilderung 
von  Gesser's  ganzem  Verluste  und  von  Allem  was  ihm 
geraubt  worden,  und  sprachen  dann  (zu  den  Kranichen): 
„Vielleicht  ist  unser  Gesser  Chaghan  todtj  sollle  er  aber 
am  Lebeu  seyn,  so  überliefert  ihm  diesen  unsern  Brief! 
er  mag  dann  das  Weitere  entscheiden."  Die  Kraniche  flogen 
davon,  und  die  Vier  sprachen  voll  Freude  Einer  zum  An- 
dern: „Gewiss  sind  diess  magisch  verwandelte  Kraniche 
unsers  Bogda." 

Als  der  Kranich -Bote  ankam,  sassen  Tümen  Dschir- 
ghalang  und  Gesser  zusammen  auf  der  Gallerie  des 
Schlosses.  Tümen  Dschirghalang,  die  es  wusste,  dass 
Gesser  Heimweh  hatte,  hütete  ihn  beständig,  ging  mit 
ihm  aus,  wenn  er  ausging  und  begleitete  ihn  ins  Haus, 
wenn  er  hineinging.  Der  Kranich  schwebte  am  Himmel 
und    während    er    da    umherkreisU ,    dachte    er:     „Wenn 


—     215     — 

Tümen  Dschirghalaiig  diesen  Brief  sieht,  so  Aviid  sie  den 
Gesser  wieder  durch  eine  List  berücken  und  ihn  nicht 
fortziehen  lassen."  Er  liess  dalier  durch  magische  Kraft  ein 
starkes  Hagel-  und  Regenwetter  entstehen,  so  dass  Tümen 
Dschirghalang,  um  dem  Weller  zu  entgehen,  nach  Hause 
lief.  Gesser  verschlang  einen  auf  seinen  Schooss  gei'allenen 
Hagelstein  und  bekam  alsbald  Erbrechen.  Der  Kranich 
setzte  sich  zu  ihm  und  liess  seine  Stimme  hören.  ..Ach. 
rief  Gesser,  das  ist  ja  gerade  ein  solcher  Ki'anich.  wie  -es 
in  meinem  Lande  Tübel  gibt;  л>ай  für  ein  sonderbarer 
Kranich!"  Er  rief  den  Kranicli  zu  sich,  derselbe  kam  und 
nachdem  vv  den  an  seinem  Halse  befindlichen  Brief  dem 
Gesser  zugeworfen  hatte,  enlfernte  er  sich. 

As  Gesser  Chaghan  den  Brief  gelesen  hatle,  rief  er 
mit  lauter  Stimme  unter  Thränen:  „Er  enthält  i\achrichlen 
welche  den  edeln  Dsesse  Schikir,  die  dreissig  Helden, 
und  R Ogino  Goa  betreffen!  wie  konnte  ich  Alles  verges- 
sen!'- Weil  Tümen  D seh irgli alang  es  wussle,  dass  der 
magische  Braune  Gessers  demselben  ^Nachrlclit  geben 
würde,  so  halle  sie  ihn  mit  List  durch  Hafer  und  Wcilzen 
angelockl  und  gefangen,  ihn  sodann  in  einen  Unstern,  fest- 
verschlossenen  Stall  gesperrt,  ilirii  eiserne  Fesseln  und  einen 
eisernen  Halfter  angelegt  und  ihn  an  einen  schweren  Balken 
festgebunden.  Bisweilen  gab  sie  ihm  Heu,  dann  Hess  sie 
ihn  wieder  leer  ohne  Nahrung.  Als  der  magische  Braune 
die  Jammervvorle,Gessers  horte,  konnteer  seines  Grimmes 
nicht  länger  Meister  bleiben ;  er  schüttelte  die  eisernen 
Fesseln  ab,  zerriss  den  eisernen  Halfter,  stiess  das  Thor 
des  Stalles  gewaltsam  ein,  rannte  hinaus  und  lief  zu  Ges- 
ser, zu  welchem  er  heulend  sprach:  „Der  edle  Dsesse 
Schikir,  dein  Bruder,  deine  dreissig  Helden,  dein  aus 
Kostbarkeilen  erbautes  Schloss,  alle  deine  Güter  sind  zu 
Grunde  gegangen ;  dagegen  sind  der  zwölfköpfige  Riese 
und  deine  Gemahlinn  Aralgho  Goa  zu  Ehren  gekommen. 
Jetzt  jammerst  du,  nicht  wissend,  wohin  da  dich  Avenden 


—     216     — 

sollst."  Diess  gesagt  entfernte  sich  das  Pferd.  Gesser 
sprach:  „Mein  magischer  Brauner  hat  Eecht!  komm  her, 
mein  magischer  Brauner!-*  Aber  der  magische  Braune  lief 
weit  davon.  Gesser  Chaghan  lief  ins  Haus  und  rief: 
„Arglistiges,  betrügerisches  AVeib!  Gib  mir  geschvAind  mei- 
nen thauschimmerlarbigen  Helm,  meinen  mit  Kostbarkeiten 
doppell  besetzten  blauschwarzen  Harnisch  I  ЛҮо  sind  alle 
meine  kostbaren  Waffen!  bringe  sie  geschwind  her!"  Tu- 
rnen Dschirgb alang  sprach:  „Was  bedeutet  es,  dass  du 
mich,  wie  der  Riese,  ein  arglistiges  betrügerisches  Weib 
nennst!  um  eines  aus  dem  Lande  Tübet  auf  einem  räu- 
digen braunen  Füllen  gekommenen  abgezehrten,  gemeinen 
Menschen  willen  habe  ich  meinen  Gemahl,  den  Riesen 
umgebracht!"  Diess  gesagt  weinte  sie. 

Gesser  nahm  seinen  magischen  Zaum,  ging  und  rief: 
„Komm  her,  mein  magischer  Brauner!"  aber  der  magische 
Braune  kam  nicht.  Da  richtete  Gesser  wehklagend  seine 
Bitte  an  seine  drei  siegreichen  Schwestern  mit  den  Wor- 
ten: „Meine  Schwestern,  schafft  mir  doch  meinen  magischen 
Braunen!"  Die  Dschamtso,  Dari  und  Udam  genannten 
Schwestern  erwiederten  vom  Himmel  herab :  ,,  Dein  magi- 
scher Brauner  ist  böse  auf  dich  und  wird  Avohl  nicht  kom- 
men. Reite  aber  einstweilen  den  Darmati  genannten 
Grauschimmel  des  Schininu  (Riesen)-,  dein  Brauner  befin- 
det sich  auf  deinem  Wege  bei  einer  Heerde  von  Tschi- 
gitai  und  möchte  sich  dort  fangen  lassen."  Gesser  brachte 
den  Grauschimmel  hergeführt.  Zr  legte  Räucherwerk  auf 
und  richtete  seine  Bitte  an  seine  vielen  Schutzgeister  im 
Himmel  mit  folgenden  W^orten:  „Ihr  meine  Schutzgeister 
Alle!  ihr  wollet  mich  nacli  Reihe  und  Ordnung  vernehmen! 
ich  habe  euch  Räucherwerk  aufgestreut!  Ich  war  hergekom- 
men mit  dem  Vorsalze,  den  verruchten  Riesen  zu  tödlen. 
Nachdem  ich  den  Riesen  getödtel  habe,  vernehme  ich,  dass 
unterdessen  mein  theurer  Dsesse  Schikir  und  meine 
dreissig  Helden  von  Feinden  überfallen  sind)  diese  Feinde, 


I 


--      2П      — 

welche  mich  angegriffen  haben,  will  ich  verfolgen!  Werft 
mir  daher,  ihr  meine  vielen  Schulzgeister,  wer  Holz  will, 
ein  Slück  Holz,  wer  trockenen  Mist  will,  zu  einem  trockenen 
Rossapfel  zu!  ich  habe  den  Vorsalz,  das  Schloss  meines 
verhassten  Feindes  zu  verbrennen."  Die  vielen  Schulz- 
geisler  gewährten  gnädig  die  Bille  Gessers  und  liessen 
das  verlangte  Brennmaterial  in  Menge  zu  ihm  herab.  Er 
legte  die  Menge  des  brennbaren  Stoffes  um  das  Schloss 
und  zündete  es  an.  Als  der  Brand  zu  Tümen  Dschir- 
gh alang  drang,  gab  sie  sogleich  die  sämmthchen  versteckten 
"Waffen  heraus.  „Wohl  wahr  scheint  es  zu  seyn,  rief  Ges- 
ser,  dass  ich  hier  neun  Jahre  verweilt  habe!"  und  putzte 
den  verrosteten  Harnisch  mit  Kohlen  von  Pferdemist,  wo- 
durch er  sein  früheres  Ansehen  erhielt.  Dann  bestieg 
er  seinen  Grauschimmel.  Die  Seelen  der  sämmtlichen 
Schimnu  -  Wesen  verschloss  er  magisch  in  zwei  Imiti^') 
und  lud  sie  auf  das  weissfüssige  Pferd  des  Schimnu.  Nun 
trat  der  Vertilger  der  Wurzel  der  zehn  Uebel  in  den  zehn 
Gegenden,  der  heilspendende  Bogda  und  Held  Gesser 
Chaghan  in  Begleitung  seiner  Tümen  Dschirghalang 
den  Heimweg  in  sein  Land  an. 

Unterwegs  traf  Gesser  auf  seiner  Strasse  eine  Menge 
gelblich  -  brauner  Tschigitai  an!  Als  er  sie  erbhckte, 
sprach  er:  „Da  ich  neun  Jahre  im  Schlosse  des  Riesen  in 
Unthätigkeit  verbracht  habe,  so  sind  meine  Schultergelenke 
steif  geworden-,  ich  muss  doch  gegen  diese  Tschigitai 
wieder  Schiessübung  gewinnen."  Diess  gesagt  sprengte  er 
auf  seinem  Grauschimmel  neben  den  Tschigitai  her.  Wäh- 
rend er  mit  den  Tschigitai  in  einer  Reihe  galoppirte,  er- 
blickte er  hinler  den  Tschigitai  einen  sie  begleitenden 
Gegenstand.  ,, Welch  ein  sonderbarer  Gegenstand  ist  das!'' 
rief  er,  sähe  genauer  nach  und  fand,  dass  es  sein  magischer 

19)  Es  ist  mir  unbekannt,  was  diess  für  ein  Gefäss  odei-  Behäl- 
ter ist. 


—     218     — 

Brauner  sey.  ,,  Warte,  mein  magischer  Brauner!  rief  er, 
ich  Avill  nach  den  Chulan^'')  und  Tschigitai  schiesseu! 
wenn  du  nicht  warten  wirst,  so  werde  ich  dir  deine  vier 
Hufen  abschiessen  und  Aveiter  ziehen."  Der  magische  Braune 
kam  hergelaufen ,  legte  seinen  Kopf  auf  die  Mähne  des 
Grauschimmels  und.  fing  folgende  Klage  an:  „Rogmo  Goa 
pflegte,  um  meinen  Sattel  zu  zieren,  denselben  mit  einem 
Polster  von  reicliem  Seidenstoff"  zu  überlegen-,  damit  er 
warm  sey,  pflegte  sie  ihn  statt  der  Unterlage  mit  Zobel 
zu  füttern.  Den  Bauchgurt  flocht  sie  aus  weicher  Seide, 
damit  er  sanft  sey.  Die  Schnallen  machte  sie  aus  Gold, 
damit  es  glänze.  An  Wintertagen  pflegte  sie  ,  der  Kälte 
wegen,  mir  eine  Zobeldecke  aufzulegen  und  mich  dreimal 
täglich  mit  Hafer  und  Weilzen  zu  füttern.  An  Sommertagen 
band  sie  mich  im  Schatten  und  tränkte  mich  in  der  Mit- 
tagshitze mit  heilsamem  Wasset .  Sie  fütterte  mich  oft  mit 
Leckerbissen  für  Menschen,  mit  Zucker  und  Mandeln.  Ais 
zum  Thiergeschlecht  gehörig  brachte  sie  mich  des  Abends 
auf  gute  Grasweide.  Nun  bin  ich  nicht  blos  von  deiner 
Kogmo  Goa,  sondern  aucli  лоп  deinem  Dsesse  Schikir 
und  den  dreissig  Helden,  мш  Allem  was  dir  lieb  ллаг,  ge- 
trennt. Tümen  Dschirghalang  hatte  mich  in  einen 
finstern  Stall  gesperrt  und  njich  in  aller  AVeise  gequält;  das 
ist  die  Ursache  meiner  Unlust  und  meines  Leids."  Gesser 
erwiederte:  ,;Du  hast  Recht,  mein  magischer  Bi'auner!" 
Hierauf  fütterte  er  ihn  dreimal  mit  Hafer  und  Weitzen  und 
bestieg  ihn. 

Auf  seinem  fernem  W^ege  kam  er  zu  einer  лveisscll 
Ordu.  Ausserhalb  derselben  befand  sich  ein  schönes  Weib, 
welches  ihm  entgegenkam  und  ihn  einlud  mit  den  Worten: 
„Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  furchtbarer  Bogda  und 
heldenmüthiger  Chan,  steige  ab,  geniesse   Speise  und  Thee 

10)  Eine  andere  Art  Avilder  Pferde  als  der  Tschigitai  und 
in  den  Steppen  Mittelasiens  in  Menge  vorhanden. 


—     219     — 

und  reile  dann  weiter!"  Gesser  sprach  zu  Tümen 
Dschirghalang:  „Setze  die  Reise  fort!  ich  werde  hier  ab- 
sleigen."  Als  er  abgestiegen  war  und  umherschaule,  er- 
blickle  er  einen  mit  schwarzen  Hornkäfern  bespannten 
Pflug,  mit  welchem  das  Erdreich  gepflügt  und  sodann  mit 
Getreide  besäet  VAurde.  Der  aufgewaclisene  Hafer  und 
Weilzen  wurde  sodann  in  einem  Kessel  geröstet  und  zwei 
Kuchen  daraus  gemacht,  der  eine  mit  einem  Siegel,  der 
andere  ohne  Siegel;  diese  wurden  auf  Teller  gelegt  und 
der  Kuchen  mit  dem  Siegel  dem  Gesser  -vorgesetzt,  wäh- 
rend das  Weib  den  Kuchen  ohne  Siegel  für  sich  selbst 
hinstellte  und  hinausging.  Die  drei  siegreichen  Schwestern 
Gesser's  verwandelten  sich  in  einen  Kukuk  und  setzten 
sich  auf  den  Schornsteinkranz  der  Ordu,  топ  wo  sie  ihm 
zuriefen:  „Hast  du  es  nicht  bemerkt,  liebes  Rotznäschen? 
diese  Nichtswürdige  ist  gar  nicht  Willens,  dir  geniessbare 
Speise  vorzusetzen  5  sie  hat  in  die  vorgesetzte  Speise  Gift 
gemischt.  Diese  Verworfene  ist  eine  Muhme  des  zwölf- 
köptigen  Riesen."  Gesser  Ghaghan  verwechselte  nun  die 
Kuchen  und  stellte  den  mit  dem  Siegel  für  das  Weib  hin, 
den  aber  ohne  Siegel  nahm  er  für  sich  selbst.  Als  das 
Weib  zurückkam,  hereintrat  und  bemerkte,  dass  Gesser 
Chaghan  nicht  ass,  ergriff  sie  einen  schwarzen  hölzernen 
Stab  von  drei  Klafter  Länge,  rief  Sok,  Sok!  und  sprach 
zu  Gesser  Ghaghan:  „Warum  sitzest  du  müssig?  iss!" 
Gesser  nahm  den  Kuchen  ohne  Siegel,  ass  ihn  und 
sprach:  „Jetzt,  Weib,  iss  auch  deinen  Kuchen!"  Das  Weib 
ass  den  Kuchen,  ohne  zu  bemerken,  dass  es  derjenige  mit 
dem  Siegel  war,  sagte  dann  Sok,  Sok  und  schlug  den 
Gesser  mit  ihrem  drei  Klafter  langen  schwarzen  hölzernen 
Stabe  unter  den  Worten  Guru  Sok  dreimal  auf  den  Kopf. 
Gesser  dagegen  zog  das  Weib  unter  den  Worten  Guru 
Sojagha  dreimal  am  Kopfe,  worauf  das  Weib  zum  Esel 
wurde.  Er  führte  den  Esel  hinaus  zu  Tümen  Dschir- 
ghalang,   sammelte    eine    Menge    Brennmaterial    und   ver- 


—      220      — 

brannte  ihn.  Der  Esel  wurde  zum  Weibe  und  schrie  wie 
ein  Weib,  das  Weib  wurde  wieder  zum  Esel  und  schrie 
wie  ein  Esel,  wurde  aber  ohne  Rettung  versengt,  verbraunt 
und  musste  umkommen.  Gessers  Schulzgeisler  behielten 
das  Uebergewicht  und  das  ganze  Geschlecht  des  Riesen 
wurde  ausgerottet. 

Als  Gesser  darnach  seinen  Weg  fortsetzte  begegnete 
ihm  ein  Mann,  Namens  Ssegeltei,  von  dem  Uruk  genann- 
ten Volke,  welcher  sein  weisslichgelbes  Pferd  ritt,  seinen 
Köcher  mit  grossen  Pfeilen  gefüllt  hatte  und  ausrief:  „In 
diesem  Lande  gibt  es  keinen  Menschen,  der  mich  in  Furcht 
zu  setzen  vermochte."  Gesser,  der  diess  hörte,  sprach: 
„AVas  ist  das!  wer  war  das!"  Sodann  sprengte  er  heimlicl» 
ins  Gehölze,  band  seinen  magischen  Braunen  an  einen  Baum, 
legte  die  Kerbe  eines  grossen  Pfeiles  ein  und  wartete,  ver- 
steckt lauernd,  am  Wege.  Ssegeltei  kam  heran.  Gesser 
Chaghan  sprang  mit  Geschrei  auf,  spannte  den  Bogen  und 
Ssegeltei  ergriff  die  Flucht.  Gesser  rief  ihm  zu:  „Komm 
her,  Ssegeltei!"  Dieser  sah  sich  um  und  sprach:  „Was, 
welche  Schande !  das  ist  ja  der  schändliche  Gesser!" 
Ssegeltei  kam  zu  Ges.scr  und  dieser  fragte  ihn:  „Was 
bedeutet  dein  Gerede  von  vorhin,  dass  es  in  diesem  Lande 
Niemand  gebe,  der  dich  in  Furcht  zu  setzen  im  Stande 
wäre?  warum  bist  du  vor  mir  geflohen?"  Ssegel  lei  er- 
wiederte:  „Du  hast  Recht!  ich  hatte  dich  nicht  erkannt."  — 
,. Gut,  sprach  Gesser,  komm  mit!"  und  Beide  machten 
den  Weg  zusammen.  Da  sprach  Ssegeltei:  „Du,  Gesser. 
hast  mich  vorhin  einmal  in  Furcht  gesetzt,  jetzt  \verde  ich 
dir  einmal  Furcht  einjagen.  ЛҮепп  ich  dich  dabei  abwärts 
jage,  werde  ich  dir  den  Schwaijzriemen  durchhauen,  wenn 
ich  dich  aufwärts  jage,  den  Saltelgiut  und  wenn  ich  gei'ade 
aus  jage,  so  haue  ich  dir  den  Bauchgurt  durch."  Gesser 
genehmigte  diess  und  sie  setzten  ihren  AVeg  fort.  Da  sprach 
Ssegeltei:  „Du,  Gesser  und  ich  reisen  zwar  als  Freunde 
zusammen,  aber  ganz  ledig  und  leer.    Lasst  uns  irgend  eine 


^     22t     ~- 

Volksabtheilung  überfallen  und  ihre  Pferdeheei'de  weg- 
treiben!" Gesser  gab  seine  Einwilligung  und  Beide  übei- 
lielen  die  Pferdeheerde  der  Völkerschaft  Ssab  und  trieben 
sie  mit  sich  fort.  Ein  Mann  aus  der  Völkerschaft  Ssab, 
mit  Namen  Rongsa,  bestieg  seinen  Rappen,  hatte  seine 
spitzen  Pfeile  eingesteckt,  seinen  steinernen  Harnisch  ange- 
legt und  holte  sie  ein.  Ssegeltei  sprach:  „Ich  will  ihm 
begegnen!"  Gesser  erwiederte:  „Nein,  bleibe  du,  ich  will 
ihm  entgegengehen!"  Als  Beide  sich  darüber  stritten,  leg- 
ten sie  Loose  ein  und  übergaben  sie  der  Tümen  Dschir- 
ghalaug,  damit  sie  die  Entscheidung  herbeiführe.  Das 
von  Tümen  Dschirgh alang  geworfene  Loos  traf  den 
Ssegeltei,  und  dieser  ging  dem  Rongsa  entgegen.  Wäh- 
rend diess  geschah  sprach  Gesser:  „Bei  der  Ssab  genann- 
ten Völkerschaft  gibt  es  keinen  tüchtigen  Mann-,  meines 
Wissens  ist  der  Rongsa  Genannte  der  einzige.  In  meiner 
Jugend  wurden  wir  Verbündete  und  ich  machte  ihn  zu 
meinem  Geftihrten  und  Diener.  Er  bat  mich  damals  um 
einen  Harnisch  und  ich  schenkte  ihm  einen  steinernen 
Harnisch.  Wenn  sein  Harnisch  jener  seyn  sollte,  so  ist  er 
unverwvmdbar,  ausgenommen  dann,  wenn  du  gegen  den 
Sattelknopf  schiessest  und  ihm  die  Blase  durchbohi'st."  Sse- 
geltei stieg  ab  und  A'erkürzte  seine  Steigbügel  um  drei 
Handbreit.  Als  Rongsa  hinzukam,  schaute  er  einmal  über 
Ssegeltei  hin,  einmal  hinler  denselben,  einmal  seine  rechte 
und  einmal  seine  linke  Seite  und  einmal  unter  sich.  Rongsa 
stieg  ab  und  Ssegeltei  sprach  zu  ihm:  „Bei  unserem  vor- 
habenden Spiel  lasst  uns  Beide  vmsere  Steigbügel  kürzer 
machen!"  Rongsa  aber,  vermeinend,  dass  sein  Gegner  ihn 
betrügen  wolle,  verlängerte  seine  Steigbügel  um  drei  Hand- 
breit und  stieg  zu  Pferde.  Nun  fragte  er  seinen  Gegner: 
,,Wer  bist  du?"  und  Ssegeltei,  antwortete:  ,,Ioh  bin 
Ssegeltei,  von  der  Völkerschaft  üruk;  wer  aber  bist  du?" 
Antwort:  „Ich  bin  Rongsa,  von  der  \'^ölkerschaft  Ssab." 
S|segeltei  fragte:    „Was  bedeutete  es,    dass  du  über  mich 


—     222     — 

und  hinter  mich  schautest,  dnss  du  deine  rechte  und  deine 
linke  Seite  beschautest  und  dass  du  unter  dir  schautest?" 
Piongsa  eruiederle:  ..Dass  ich  üher  dich  hinweg  schaute, 
war,  um  zu  untersuchen,  ob  Viele  oder  Wenige  mit  dir 
sind.  Dass  ich  hinter  dich  schaute,  лүаг,  um  deinen  Gefähr- 
ten hinter  dir  zu  prüfen  •,  dass  ich  meine  rechte  Seite 
beschaute,  луаг,  um  zu  untersuchen,  ob  meiner  spitzen 
Pfeile  viel  oder  wenig  seyen-,  dass  ich  unter  mir  schaute, 
war,  um  zu  untersuchen,  ob  mein  Rappe  träge  oder  rasch 
sey.  Nun,  Räuber  meiner  Pferdeheerde,  der  du  mich  tödten 
willst,  schiesse  zu!''  Ssegeltei  entgegnete:  „Es  ist  wahr, 
dass  ich  deine  Pferdeheerde  geraubt  habe;  willst  du  sie  aber 
wieder  zurück  erwerben,  so  schiesse  du  zuerst!  fürchtest 
du  dich  aber,  nun,  so  gehe  deiner  AVege!"  Rongsa  spannte 
den  Bogen*,  er  zielte  und  schoss  nach  dem  Saltelknopf  des 
Sjsegeltei.  Dieser,  we'A  er  die  Steigbügel  verkürzt  hatte, 
hob  sich  im  Sattel;  der  Pfeil  fuhr  durch  den  Sattelknopf 
und  zwischen  den  Beinen  des  Ssegelfei  hindurch.  „Nun, 
sprach  Ssegeltei,  ist  die  Reihe  an  mir!  W^enn  ich  zu 
niedrig  schiessc  und  dein  Pferd  treffe,  was  hätte  ich  sonst 
davon,  als  die  Sünde!  ziele  ich  nach  deiner  Schnalle,  so 
fährt  der  Schuss  dir  durch  die  Leber-,  ziele  ich  nach  dei- 
nem Obertheil,  so  trifft  er  deine  Kehlgrube  und  du  musst 
sterben;  ich  will  daher  zwischen  Beide  in  das  schlechte 
Holz  deines  Sallelknopfes  schiessen!"  Diess  gesagt,  spannte 
er  den  Bogen  und  zielte;  Rongsa  konnte,  weil  er  seine 
Steigbügel  länger  gemacht  hatte,  sich  nicht  im  Sattel  heben, 
so  dass  der  Schuss  den  Sattelk)iopf  spaltete  und  dem  Rongsa" 
durch  die  Blase  fuhr.  Rongsa  zog  aus  seinem  Köcher 
einen  Pfeil  hervor  und  Ssegeltei  sprach  listigerweise  zu 
?hm:  „ЛУепп  du  ein  herzhafter  Mann  l>ist,  dem  ein  ein- 
zelner Pfeil  nicht  den  Garaus  machl,  so  schiessc  im  Galopp! 
bist  du  aber  ein  SchwäcJjliiig  und  hast  deinen  Rest,  so 
schiesse  unter  Bauchgrimmen!"  Rongsa  wollte  im  Galopp 
schiessen,   seine  Wunde  aber  brachte  ihn  ins  Wanken  und 


—      223      — 

er  fiel.  Nachdem  Ssegel tei  den  Rongsa  gelödtet  halte, 
legte  er  dessen  sieinerneu  Harnisch  an,  umgürtete  sich  mit 
dessen  Bngengeräthe  und  bestieg  dessen  Rappen.  Seine 
eigenen  Waffen  lud  er  auf  sein  gelblich- weisses  Pferd  und 
folffle  dem  Gesser  auf  dem  Fusse. 

Gesser  wollte  den  Ssegel  tei  zum  Uebermuth  reitzen, 
und  bestieg  zu  dem  Zwecke  seinen  Grauschimmel,^^)  nach- 
dem er  demselben  einen  schlechten  Sattel  aufgelegt  und 
einen  schlechten  Zaum  angelegt  hatte.  Als  Ssegeltei  den 
Gesser  eingeholt  hatte  und  dieser  nichts  sprach,  fing  jener 
an:  „Ich  habe  den  Ssegeltei,  vom  Volke  Uruk  getödlet, 
ihm  alle  seine  Waffen  abgenommen  und  selbige  auf  sein 
gelblich  -  weisses  Pferd  geladen;  nun  bin  ich  daran,  auch 
den  Gesser  Chaghan  zu  lödten  und  ihm  seinen  magi- 
schen Braunen  abzunehmen."  Diess  gesagt,  liess  er  seinen 
(steinernen)  Harnisch  ertönen ,  erhob  ein  Geschrei  und 
sprengte  heran.  Gesser  ergriff  die  Flucht.  Ssegeltei 
trieb  ihn  aufwärts  und  der  Sattelgurt  riss;  er  trieb  ihn 
unlerwäils  und  der  Schwanzriemen  riss;  er  trieb  ihn  ge- 
rade aus  und  der  Bauchgurt  riss.  Gesser  sprang  vom 
Pferde,  verwandelte  sich  in  einen  Knaben  mit  röthlich  -  gel- 
bem Gesichle  und  stand  schussferlig  mit  einem  grossen 
angezogenen  Pfeile.  Ssegeltei  schrie  brüllend:  „Halt,  höre 
doch,  Gesser,  ich  bin  es  ja!"  Gesser  erwiederte:  ,,Du, 
Mensch,  wolltest  dich  zum  Gott  erheben!"  Ssegeltei  kam 
zu  Gesser  und  sprach:  „Du  hast  mich  einmal  in  Furcht 
gesetzt  und  ich  dich  wieder  5  ist  nicht  Alles  nach  Verabre- 
dung erfolgt?"  Gesser  erwiederte:  „Es  ist  лүаЬг,  ich  er- 
schrak: war  es  aber  etwa  kein  Zeichen  des  Schreckens  von 
dir,  als  ich  mich  in  einen  Knaben  mit  röthlich -gelbem  Ge- 
sichte vervvaudelt  halte  und  den  grossen  Pfeil  gegen  dich 
gespannt  hielt,  du  mir  zubrülltest:  „Ich  bin  Ssegeltei?" 
Ssegeltei  wandte  sein  Gesicht  weg  und  lachte.     Nachdem 

21)  Vergl.  S,  216 


—     224     — 

sie  die  grosse  Heerde  unter  sich  getheilt  hatten,  trehriten 
sie  sich  und  Jeder  schlug  den  Weg  in  seine  Landschaft  ein. 
Als  Gesser  nicht  mehr  fern  von  Nulum  Tala  war, 
traf  er  auf  seinem  Wege  eine  weisse  Ordu  an.  Gesser, 
in  seinem  ganzen  Waffenschmucke,  bheb  vor  der  Thüre 
derselben  zu  Pferde  sitzen.  Ein  kleiner  Knabe  kam  heraus 
und  er  fragte  denselben:  „Wessen  ist  dieses  Haus,  mein 
Kleiner?-'  Der  Knabe  antwortete:  ..Das  Haus  gehört  der 
Adschu  Mergen,  Gemahlinn  des  Herrschers  in  den  zehn 
Gegenden  Gesser  Chaghan."  Dieser  fragte:  „Ist  deine 
Mutter  zu  Hause?"  Der  Knabe  erwiederte:  „Meine  Mutter 
besteht  einen  Wettkampf  mit  Gedergü  Ohara,  einmal 
siegt  Gedergü  Ohara,  ein  anderes  Mal  siegt  meine  Mut- 
ter.-' Gesser  sprach:  ,,Sagc  ihr,  mein  Kind,  dass  ich 
rechts  ab  weiter  fjezo"en  bin.  \\  enn  ich  hier  absteio^en 
AVoUte,  würde  das  mich  aufhalten,  da  ich  gerade  im  Begriff 
stehe,  meinen  Todfeind  zu  verfolgen."  Diess  gesagt,  ent- 
floh er  links  ab  weiter.  Adschu  Mergen  kam  mit  fer- 
tigem Bogen  und  eingelegtem  Pfeil  zum  Vorschein  und 
fragte  den  Knaben:  „ЛҮ eichen  Weg  hat  der  vor  Kurzem 
hier  gewesene  Л1апп  fingeschlagen?"  Der  Knabe  erwiederte: 
„Nach  der  rechten  Seite  hin  "  Adschxi  Mergen  schaute 
nach  der  rechten  Seile  hin,  entdeckte  aber  nichts.  Als  sie 
nach  der  linken  Seite  hinschaute,  erblickte  sie  in  der  Ferne 
jenseits  dreizehn  Biiclien  den  Oberlheil  des  Daghoriss-choi 
genannten  Helmes  schimmern.  Adschu  Mergen  schoss, 
traf  den  Helmschniuck  und  warf  ihn  herunter.  „Dieses  sün- 
dige Wesen  zürnt  nicht  mit  Unrecht,"  sprach  Gesser^ 
bückte  sich  vom  Pferde  herab,  nahm  den  Heltnschmuck  auf 
und  zog  weiter.  „Wenn  der  Vater  ein  Bösewicht  ist,  sprach 
Adschu  Mergen,  so  sind  es  auch  seine  Kinder  bis  zum 
Kleinsten."     Diess  gesagt  sciioss  sie  den  Knaben  nieder. 

Gesser    begegnete    auf   seinen    W^ege    einem    Zug   der 
Seini'^en.      Er   wollte   von  seinen  mülterliehen    Л  ervvandten 

o 

NachrichJt  einziehen,  da  sie  ihm  aber   auf  seine  Fragen   erst 


—     225     — 

im  folgenden  Jahre  Antwort  zu  geben  versprachen,  trieb 
er  ihnen  die  Pferdeheerde  weg.  Choa  Tabsu  Bajan  er- 
grift"  einen  Schöpflöffel  und  holte  ihn  ein.  Als  sie  den 
Gesser  erkannte,  rief  sie:  „Du  ruinirter,  nichtswürdiger  " 
Narr !  statt  meine  schlechte  Pferdeheerde  лvegzutreiben, 
\^  isse ,  dass  die  drei  Schiraighol'schen  Chane  gekommen 
sind,  dass  sie  deinen  Bruder  Dsesse  Schikir,  deinen 
edeln  Nantsong,  deine  dreissig  Helden  und  dreihundert 
Hauptleule  sämmtlich  getödtet  haben!  Wisse,  dass  sie  deine 
Gemahlinu  Rognio  Goa  entführt  liaben,  dass  sie  dein  gan-. 
zes  Besitzthum  mitgenommen  haben!  Wisse,  dass  der  Fürst 
Tschotong  deinen  Vater  Sanglun  als  Sclaven  gebraucht! 
Du  nichtswürdiger  Narr,  der  von  diesem  Allem  nichts  weiss, 
warum  solllest  du  meine  Heerde  wegtreiben!"  Nachdem 
Gesser  Alles  erfahren  hatte,  gab  er  die  Heerde  zurück. 

Gesser  zog  weiter  und  kam  in  die  Nähe  seines  Lagers. 
Der  Fürst  Tschotong  hatte  vor  dem  Schlosse  die  grosse 
weisse  Ordu  Gesser 's,  welche  Raum  für  fünfhundert 
Mann  hatte,  aufgeschlagen  und  bewohnte  dieselbe.  Gesser 
liess  sich  am  Flusse  Balacha  nieder.  Die  zwei  mitge- 
brachten Imiti  mit  den  Seelen  der  verschiedenen  Schim- 
nus  breitete  er  magisch  aus,  und  es  entstand  daraus  eine 
unermessliche  Volksmenge  mit  Vieh  ,  Avelches  Berge  und 
Flächen  bedeckend  weidete.  Dreissig  bis  vierzig  Ordus 
wurden  errichtet  und  unter  ihnen  eine  grosse  weisse  Haupt- 
ordu  mit  rothem  Rauchfang.  Nun  ging  Gesser  aus,  um 
sein  grosses  Schloss  zu  besehen  j  während  er  herumging 
und  seinen  Tempel  von  dreizehn  Kostbarkeiten^*)  nebst 
allem  Andern  gewahrte,  wurde  ihm  schlimm  zu  Muthe  und 
er  fiel  in  Ohnmacht.  Da  kam  der  Mann,  welcher  die  Be- 
fehle der  Rogmo  Goa  empfangen  hatte  und  räucherte 
dem  Gesser  mit  dem  Haar  aus  den  Augenwimpern  der 
Rogmo    Goa    unter    die    Nase,    auch    goss    er  ihm    einen 

•22)  Vergleiche  S.  202. 

15 


—      226     — 

Löffel  voll  Thränen  der  Rogmo  Goa  in  den  Mund.  Als- 
bald kam  Gesser  zu  sich,  stand  auf  und  nahm  den  Mann 
mit  sich  an  seinen  Hof. 

Der  Fürst  T  sehe  long  hatte  den  Sanglun,  den  Л'"а1ег 
Gesser  Chaglian's  zum  Aufseher  über  seine  grosse  Pfer- 
deheerde angestellt.  Der  Fürst  Tschotong  schickte  den 
alten  Sanglun  mit  der  Botschaft:  „Gehe,  Aller,  und  siehe 
nach,  was  für  eine  Menge  Л'"о1к  sich  am  Ursprünge  dieses 
unseres  Flusses  niedergelassen  hat.  Sage  ihnen,  dass  sie 
sich  um  unsere  Fürsten  und  Edeln  nichts  zu  bekümmern 
haben.  Nach  der  Zahl  der  Tage,  die  sie  hier  verweilen, 
sollen  sie  Vieh  entrichten!"  Der  alte  Sanglun  bestieg  sein 
Pferd,  nachdem  er  sein  Bogengeräthe  umgeschnallt  und  sein 
Zulegeschvvert  umgürtet  hatte.  unterwegs  stellte  er  Ver- 
gleichungen  an.  „Seit  der  Entfernung  meines  Gessers, 
dachte  er,  hat  solch  ein  schöner  Zug  nie  in  dieser  Gegend 
gelagert;  dieses  Lager  ist  ganz  dem  Lager  meines  Bogda, 
des  Л  erlilgers  der  Wurzel  der  zehn  Uebel  in  den  zehn 
Gegenden  ähnlich  5  wem  mag  Avohl  dieses  schöne  La- 
gerhaus gehören?"  Mit  solchen  trübseligen  Gedanken  kam 
er  an. 

Gesser  schaute  von  Innen  hinaus  und  rief:  „GeschAvind, 
Tümen  Dschirghalang,  setze  deine  Mütze  auf!  unser 
alter  Vater  kommt!  empfange  und  bewirthe  ihn  mit  Thee 
und  einer  Mahlzeit;  lass  ihn  dasjenige  nehmen,  dessen  er 
benöthigt  ist  und  fertige  ihn  ab !  Wenn  er  mich  erblickte, 
w  ürde  er  verwirrt  werden  und  nicht  wissen,  was  zu  thun. " 
Diess  gesagt,  lief  Gesser  seinem  Lager  zu,  zog  den  A'^or- 
hang  zu  und  knöpfte  ihn  fest.  Der  Alte  kam  uud  fragte: 
„AVer  wohnt  hier?  Wem  gehört  diess?  Tschotong  Chan 
hat  mich  hergesandt  mit  dem  Befehl,  dass  ihr  eilig  von  hier 
weiter  ziehen  sollt;  wo  nicht,  so  soll  nach  der  Zahl  der 
Tage  eures  Hierbleibens  euch  \''ieh  abgenommen  werden. 
Aus  welchem  Grunde  habt  ihr  euch  auf  unser  Land  nie- 
dergelassen?   lässt    er    fragen."     Tümen    Dschirghalang 


—     221     — 

erwiederle:  „Ach,  Alter,  der  Befehl  deines  Chans  ist  ge- 
recht! wir  sind  halbtodt  vor  Angst  und  werden  wegziehen. 
Unsere  Männer  sind  nicht  zu  Hause ;  sie  sind  auf  die  Jagd 
gegangen.  Sobald  unsere  Männer  zurückkehren,  werden  wir 
aufbrechen  und  wegziehen.  Unterdessen  steige  ab ,  Alter, 
trinke  Thee,  iss  Speise  und  gehe  dann  deiner  Wegel"  Der 
Alte  stieg  ab,  sperrte  seinem  buntgesprenkellen  Pferde  die 
Füsse,  legte  sein  Bogengerälhe  ab  und  trat  ein,  indem  er 
sein  Zulegeschwert  nach  люгпе  (vor  den  Bauch)  zog.  Tu- 
rnen Dschirghalang  breitete  eine  Filzdecke  für  ihn  aus, 
füllte  eine  grosse  Schale  von  Hörn  mit  Thee  und  reichte 
sie  ihm.  Nachdem  der  Alte  die  Schale  mit  Thee  genom- 
men und  sich  die  Schale  besehen  hatte,  lächelte  er;  nach- 
dem er  den  Thee  getrunken  hatte  und  die  Schale  zurück- 
gab, weinte  er.  Sodann  legte  Tümen  Dschirghalang 
ihm  das  A^orderviertel  eines  Schafes  in  die  Schale.  Da  der 
Alte  kein  Messer  bei  sich  hatte,  gebrauchte  er  sein  Zulege- 
schwert zum  Zerlegen,  konnte  aber  damit  nichts  ausrichten, 
Gesser  Chaghan,  innerlich  bewegt  von  diesem  Anblick, 
warf  ihm  durch  die  Vorhangspalte  sein  spitzes  Messer  mit 
dem  Hefte  von  Krystall  zu.  Der  Alte  nahm  das  Messer 
und  lachte;  nachdem  er  vom  Fleische  abgeschnitten,  ein 
wenig  gegessen  und  den  Rest  zurückgegeben  hatte,  weinte 
er.  Tümen  Dschirghalang  fragte:  „Man  pflegt  zusagen: 
das  Lachen  fordere  und  das  Weinen  gib  ab !  Was  bedeu- 
tele es,  dass  du  lachtest,  als  ich  dir  die  Schal«  mit  Thee 
überreichte  und  dass  du  weintest,  nachdem  du  den  Thee 
ausgetrunken  hattest?  Was  bedeutete  es  ferner,  dass  du 
beim  Anblicke  des  dir  zugeworfenen  Messers  lachtest,  als 
da  vom  Fleische  essen  wolltest  und  du  ,  in  Ermangelung 
eines  Messers,  dich  mit  deinem  Zulegeschwerte  vergeblich 
abmühtest,  das  Fleisch  zu  zerlegen?  Was  bedeutete  es, 
dass  du,  ohne  das  Fleisch  zu  essen,  weintest?"  Sanglun 
erwiederle:  „Deine  Fi'agen  haben  guten  Grund!  der  Vertil^- 
ger  der  ЛҮигге!  der  zehn  Uebel  in  den  zehn  Gegenden,  der 

15* 


—     228     — 

vohltbälige  lieldenmüthigc  Chan  war  mein  Kind.  Seit 
er  hingegangen  ist,  um  vom  zwölfköpfigen  Kiesen  seine  Ge- 
malilinn  Aralgho  Goa  zurück  zu  erobern,  sind  nun  neun 
Jahre  verflossen.  Ich  vermuthete  seinen  Tod,  da  ich  aber 
diese  Schale  von  Hörn  erblickte,  aus  welcher  er  immer 
Thee  zu  trinken  pflegte,  dachte  ich,  er  sey  vielleicht  zurück- 
gekehrt und  lachte.  Das  ist  ja,  mein  Theurer,  deine 
Schale  ,  wo  aber  bist  du  selbst?  bei  diesem  GedankQ^l 
mussle  ich  weinen.  Auch  ist  dieses  kleine  Messer  mit  dem 
Hefte  von  Krystall  ja  sein  Messer,  wo  aber  befindet  er 
selbst  sich  jetzt?  —  Dieser  Gedanke  machte  mich  Aveinen." 
Auch  Tümen  Dschir ghalanjj  weinte.  Gesser  konnte 
es  nicht  länger  aushallen,  stand  auf  und  fiel  dem  Alten 
weinend  um  den  Hals.  Als  Gesser  weinte,  erbebte  die 
ganze  Erdfläche.  „Sey  still,  mein  Alter!  sprach  er,  bist 
du  ein  Weib?  Auch  möchte  es  der  schändliche  T seh o ton g 
zu  früh  erfahren,  fuhr  er  fort^  alle  Wesen  der  Erde  sind 
ja  in  bebender  Bewegung!"  Diess  gesagt  rief  er:  „Slill!" 
streute  Piäucherwcrk  auf  imd  beruhigle  die  bebende  Erde. 
„Jetzt,  Alter,  sprach  er  zu  Sanglun,  gehe  still  und  ruhig 
nach  Hause  und  führe  dich  nicht  albern  und  kindisch  auf. 
Diess  hier  nimm  für  deine  Alte  mit  und  macht  euch  davon 
ein  gutes  Gericht!"  Diess  gesagt  überreichte  er  ihm  das 
Hinterviertel  eines  Ochsen.  Nachdem  er  seinen  Alten  ent- 
lassen hatte,  bewirkte  er  durch  manische  Kraft,  dass  der- 
selbe  vergass,  dass  er  da  gewesen  war.  Unterwegs  sprach 
der  Alte  mit  sich  selbst:  „Was  war  das?  ist  mein  Gesser 
gekommen?  ist  er  nicht  gekommen?  War  es  eine  Gesichts- 
täuschung? war  es  ein  Traum?  Sollte  er  auch  nicht  gekom- 
men seyn,  so  ist  es  doch  gewiss,  dass  in  diesem  Lande  mir 
Niemand  einen  Haullap])en,  geschweige  denn  das  Hinter- 
viertel eines  Ochsen  würde  gegeben  haben."  Diess  gesagt 
schlug  ei^  sein  buntgesprenkeltes  Pferd  mit  dem  Hintervier- 
tel auf  den  Schenkel  und  kam  nach  Haus. 

Nach  Hause  gekommen  warf  er  sein  Hintervierlel  hin, 


l 


—      229     — 

langte  sein  Zulegeschwert  hervor  und  rief:  „Warte,  du 
Herr  des  Landes!  sehe  zu,  Nichlsmirdiger,  wie  du  es  länger 
bleibst!  Die  Namen  Tschotong  und  Dsarai  werden  er- 
löschenj  die  Namen  Sanglunund  Geksche  Amurischila 
werden  emporblühen!"  Diess  gesagt,  rannte  er  mit  gezück- 
tem Schwerte  ins  Haus.  Der  Fürst  Tschotonof  rief:  „Seht 
einmal  den  Allen!  луаз  ist  ihm  angekommen?"  Diess  .ge- 
sagt, liess  er  drei  Mann  mit  Stöcken  von  frischem  Holze 
kommen  und  ihn  durchprügeln.  Inzwischen  erfuhr  es  Ges- 
ser  durch  magisches  Wissen,  dass  sein  Vater  geprügelt 
wurde.  Sanglun  rief:  „O  Weh,  O  Weh!  warum  mor- 
dest du  mich !  ich  habe  ja  das  Volk  am  Ursprünge  dieses 
Flusses  vertrieben!  Bei  der  Gelegenheil  begegnete  ich  da- 
selbst Wild  in  drei  Truppen  und  kam  voller  Freuden  her, 
weil  diess,  innerhalb  des  Flusslhals  eingesperrt,  eine  gute 
Jagd  für  euch  versprach."  Tschotong  sprach:  „Armer 
Alter,  du  hast,  Recht!"  liess  ihm  trockenen  Mist  zum  Lager 
zurechtlegen  und  sich  darauf  hinstrecken. 

Die  Mutter  Gesser's,  die  alte  Geksche  Amurtschila, 
lag  während  der  Nacht  weinend  neben  ihrem  Alten  uud 
fragte  ihn:  „Welche  Freude  haben  wir  Beide  gehabt,  mein 
Alter,  seit  der  Zeit,  dass  unser  Bogda  uns  verlassen  hat? 
und  nun  noch  deine  heutigen  Leiden!"  Der  Alle  erwie- 
derle:  „Liege  still  und  schweige!"  Die  Alte  versetzte^ 
„Nichtswürdiger,  kindischer  Lump!  in  der  Hofinung,  dass 
du  von  den  derben  Prügeln  krepiren  würdest,  freute  ich 
mich  und  lachte."  Der  Alle  entgegnete:  „Was  liegt  mir 
jetzt  daran!"  und  drehte  sich  auf  seinem  Lager  um.  Hier- 
auf die  Alte:  „Du  zu  Grunde  gegangener,  erbärmlicher 
Narr,  schweige  von  Anderm  uud  antworte  mir!  von  diesem 
Meinem  (Bogda)  ist  dir  gewiss  etwas  bekannt.  Glaubst  du 
etwa,  er  sey  ein  solcher  Dumm-  und  Querkopf,  wie  du, 
Elender?  Sey  vernünftig!"  Bei  diesen  Worten  streckte  sich 
die  Alte  hin  und  weinte.  Sanglun  beruhigte  sie  mit  den 
Worten:    „Sey  nur  ruhig  und  still,  meine  Alle!    Nachdem 


—     230     — 

ich  heute  jenes  Volk  zum  Wegziehen  genöthigt  halle,  be- 
gegnete mir  auf  dem  Rückwege  ein  Mensch,  der  mir  sagte: 
„Gesser  ist  nicht  gestorben,  er  lebt!  er  ist  gekommen, 
seinem  Alten  Freude  und  Vergnügen  zu  bereiten  und  den 
verhassten  Tschotong  zu  tödlen!"  Die  Alte  legte  sich 
mit  Freudenthränen  und  beruhigt  nieder. 

Am  folgenden  Tage  verwandelte  der  Herrscher  in  den 
zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  sich  in  einen  sehr  be- 
jalirten ,  umherstreifenden,  bettelnden  Lama*,  eine  seiner 
magischen  Kräfte  verwandelte  er  in  zwei  ihn  begleitende 
Schüler,  welche  auf  einem  Maulesel  den  geringen  Mund- 
vorrath  geladen  halten  und  das  Thier  führten.  Sie  kamen 
vor  Tschotong 's  Behausung  und  liessen  sich  daselbst  nie- 
der. Tschotong  sass  ausserhalb  auf  einem  Thronsessel, 
Er  schickte  zwei  Diener  ab  mit  der  Frage,  woher  und 
wessen  der  Lama  sey,  der  das  Ansehen  habe,  als  sey  er 
aus  fernen  Landen  gekommen?  Sie  kamen  und  fragten: 
,.Wer  bist  du?"  Der  Lama  erwiederte:  „Ich  bin  ein  hier 
umherwandernder,  bettelnder  Lama.  Ich  bin  bei  allen 
Chanen  der  Umgegend  gewesen."  —  Auf  die  Frage:  „Bei 
welchen  Chanen  namentlich  bist  du  gewesen?"  erwiederte 
er:  „Es  gibt  kein  Land,  wo  ich  nicht  gewesen  лүаге;  überall 
war  ich.  Habt  ihr  etwas  nülhig  zu  wissen,  so  fragt!  wo 
nicht,  so  lasst  es  seyn !"  Die  zwei  Diener  gingen  und 
statteten  dem  Tschotong  Bericht  ab.  „AVelch  ein  ange- 
nehm und  wohlredender  Bettel -Lama  ist  das,  rief  dieser, 
bringt  ihn  zu  mir!"  Als  der  Lama  zu  Tschotong  gebracht 
wurde,  fragte  dieser:  „Nun,  Lama  bist  du  auch  beim  zvvölf- 
köpßgen  Riesen  gewesen?"  Der  Lama  erwiederte:  ,,\Vohl 
war  ich  da!"  Frage:  ,,Gesser  war  hingegangen  j  hat  Gesser 
gesiegt?  hat  der  Riese  gesiegt?"  Antwort:  ,,Der  Riese  hat 
gesiegt  und  Gesser  ist  besiegt;  seit  er  todt  ist,  sind  nun 
nenn  Jahre  verflossen;  seitdem  beherrscht  und  schützt  die 
Oberlippe  (des  Riesen)  die  Sonne  und  dessen  Unterlippe 
die  Erdfläche."    Tschotong  sprach:  „Gut!  meine  Wünsche 


—     231     — 

sind  befriedigt!    Mein  edler  Vater  und  Lama,   komm  doch 
näher!"  Er    hess    den    Lama  auf   einem  Thronsessel  Platz 
nehmen.     Die  Muhme  Gessers,  Tschotongs  Weib,  fing 
an  zu  jammern:    „O  Weh,  O  Weh,  ihr  zehntausend  Wel- 
ten! Bist  du  gestorben,  Göttersohn!    ich  glaubte  dich,  mei- 
nen Bogda,  unsterblich!  Ist  nun    nicht  das  Geschlecht   (der 
Herrscher)  Tübets  erloschen,  mein   Bogda!"    Tschotong 
prügelte  sein  Weib  mit  den  Worten:  „Du  bist  also  immer 
noch  der  Freund  G esse r 's!"  Der  Lama  sprach:  „Ich  habe 
gehört,  Chan,  Gesser  sey  dein  Neffe;  ist  er  da  nicht  dein 
naher  Blutsverwandter?  das  ist  die   Qual   ihrer  Augen   (die 
Ursache  dass  sie  weint);  höre  auf!"  Dem  Befehle  des  Lama 
gemäss    hörte    Tschotong    auf,    sein    Weib    zu    schlagen. 
Unter    dem     Vorwande ,    den    wohlredenden    Bettel  -  Lama 
zu    beschenken,    befahl  Tschotong,    eine    Menge    Sachen 
herzubringen.    Er  richtete  eine  grosse  Mahlzeit  an;  die  vie- 
len  hergebrachten   Sachen   waren    nur    zum   Schein  und  er 
gab  dem  Lama  nur  wenig  davon.      Der  Fürst  Tschotong 
setzte  sich  und  sprach:  „Lama,   gib  diesem  meinem  Hunde 
doch    einen   Namen!"    Der    Lama    erwiederte:    „War    dein 
trefflicher   Hund  bis  jetzt  wirklich  noch  ohne  Namen!    nun 
dann    werde    ich  ihm  einen    Namen   geben."     Tschotong 
versetzte:  „Es  ist  ein  ganz  vortrcölicher  Hund!"    Der  ver- 
dienstvollen  Lama  gab  nun  dem  Hunde  folgenden  Namen: 
„ Vei-schlinge  zuerst   deines   Herrn   Kopf   und    packe    dich! 
dann    verschlinge    deinen    eigenen    Kopf  und  packe  dich!" 
Tschotong    sprach:  „Vorhin    war   diess  ein  wohlredender 
Bettel -Lama,  nun  ist  es  ein  übelredender  Bettler  geworden! 
Werft   ihn   hinaus   und  jagt    ihn  fort!"      Der  Lama  erwie- 
derte: „O  Chan;  ohne  von  dir  gejagt  zu  werden,  gehe  ich 
schon  von  selbst.     Wisse  aber,  dass  der  Vertilger  der  zehn 
Uebel  in  den  zehn  Gegenden,  der  wohlthätige  und  helden- 
müthige  Chan  und  Bogda  nicht  lodt  ist;    man  hört,    er  sey 
im    Anzüge    in  der  Absicht,    den  schändlichen  Tschotong 
zu  lödlen. "    Mit  diesen  Worten  entfernte  er  sich.    Tscho- 


—     232     — 

long  sprang  auf,  lief  und  gafTle   wie   unsinnig  hin  und  her 
und  schrie:  „O  Weh,  was  sagt  der  Mensch!" 

Der  Lama  nahm  seinen  Weg  nach  seinem  Schlosse  und 
begegnete  einem  Knahen,  welcher  fünf  buntgefleckte  Ziegen 
hütete,  dann  einmal  weinte  und  dann  wieder  sang.    Gesser 
sprach  zu  sich  selbst:  „Das  ist  weder  Gesang,  noch  Geheul; 
von  welchem  andern  Verwandten   mag  dieser  Knabe   л\'оЬ1 
der   Sohn    seyn?"    Er    ging    zu    ihm    hin    und    fragte    ihn: 
„Wem  gehörst  du,    mein  Sohn?"    Der   Knabe  antwortete: 
„Seit    ich    von    meinem    Vater    Dsesse    und  von    meinem 
Oheim,    dem    Herrscher    in    den    zehn   Gegenden    Gesser 
Chaghan  getrennt  bin,  seit  ich    Tschotongs   Knecht   ge- 
worden bin,   hat  noch   Niemand   mich   gefragt,   wer  ich  bin 
und    wem    ich  gehöre.      Wer  aber  bist  du,    Lama?"    Der 
Lama  sprach:    „Ich  habe  dich   zuerst  gefragt;    antworte   du 
auch  zuerst!"  Der  Knabe  erwiederte:  „Ich  bin  der  Sohn  des 
edeln    Dsesse    Schikir,   des    Bruders    und  Busenfreundes 
des   Herrschers   auf  dem   Dschambudwip   Gesser  Cha- 
ghan.   Nachdem  mein  Oheim  Gesser  gegen  den  zw'ollköp- 
figen  Riesen  in  den  Kampf  gezogen  луаг,  kamen  die  drei  Sclii- 
raighol'schen  Chane  in  der    Absicht,    die    Rogmo   Goa  zu 
rauben,  worauf  denn  Dsesse,   mein  Vater  und  Andere  ih- 
nen  entgegengingen,  ihre  ausgezeichneten  Männer  tödteten 
und  ihre  besten  Pferde  erbeuleten.    Indess  haben  sie  durch 
den  Verrath  des  tückischen   Tschotong  sämmtlich  ihr  Le- 
ben   eingebüsst    und    auch    mein  Vater   Dsesse   ist   todt. " 
Nachdem  der  Knabe  dieses  und  vieles  iVndere  erzäblt  hatte, 
weinte  er  und  sprach  dann  zum  Lama:  „Jetzt   antworte  du 
auch  auf  meine  Fxage!"  Der  Lama  erwiederte:   „Ich,  mein 
Sohn  ,    bin  ein   armer ,    in  der  Gegend  umherschweifender 
Bettel  -  Lama.      Bei    meinem    Umherwandern  habe   ich   ge- 
hört,   dass  der  Riese  gesiegt  hat  und    Gesser    besiegt  ist; 
näheres    weiss    ich    nicht!"    Der    Knabe    sprach    weinend: 
,.Wer  hätte  glauben  können,  dass,  nachdem  mir  mein  \"ater 
Dsesse   entrissen  worden,    ich    auch    meinen    Oheim,    den 


—     233      — 

heldenmüthigen  Gesser  Chaghan  легИегеп  würde!  da- 
durch  bin  ich,  UnglücklicLer,  dei-  Knecht  eines  Andern  ge- 
worden !  gern  möchte  ich  Kache  am  verhasslen  Feinde 
nehmen 5  ich  bin  aber  dazu  noch  zu  klein  und  schwach! 
AVollte  ich  es  auch  aufschieben,  so  wird  mein  Körper  und 
Daseyn  durch  Sclavendienste  geschändet  und  unfähip-  ge- 
macht werden.  Da  jene  meine  Beiden  (Vater  und  Oheim) 
ihre  Fortdauer  nicht  behaupten  konnten,  soll  ich  da  noch 
fortdauern?  ich  werde  auf  Mittel  zur  Verfolgung  (des  Fein- 
des) sinnen!"  Bei  diesen  Worten  weinte  der  Knabe  und 
der  Lama,  von  den  rührenden  Worten  und  der  Trauer 
des  Knaben  ergriflen,  weinte  ebenfalls.  Die  ganze  Erdfläche 
begann  zu  erbeben.  Der  Lama  sprach:  „Still,  mein  Sohn, 
deine  Festigkeit  und  Ausdauer  ist  rühmlich!"  Mit  diesen 
Worten  entfernte  er  sich,  der  Knabe  aber  ging  ihm  nach 
und  rief  dem  Lama,  er  möge  etwas  warten.  Der  Lama 
fragte:  „Was  gibts?"  Der  Knabe  sprach:  „Dem  Körper  ist 
das  Leben  nöthig  und  mir  ist  ein  Schutzmittel  nölhig!  Diese 
Schafkäse  habe  ich  als  Lohn  empfangen  dafür,  dass  ich  diese 
fünf  Ziegen  eines  Andern  hüte,  während  ich  meinen  Oheim, 
den  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan 
erwartete."  Mit  diesen  Worten  langte  er  die  Schafkäse  aus 
seiner  Tasche  heraus  und  sprach:  „Ach,  Lama  sprich  einen 
kräftigen  Segen,  zum  Wohl  meiner  Theuern;  erstens  zum 
Heil  der  Seele  meines  Vaters  Dsesse  und  dann  zum  Heil 
der  Seele  meines  Oheims,  des  Herrschers  in  den  zehn  Ge- 
genden Gesser  Chaghan!"  Diess  gesagt  überreichte  er  dem 
Lama  die  Schafkäse  und  sprach  dann  weiter:  „Dann  verleihe 
auch  mir  geheime  Kraft ,  die  mein  Leben  gegen  jeden 
F«ind  schützt !"  Der  Lama  nahm  die  Schafkäse  und  weinte  5 
er  sprach:  „Sey  still,  mein  Sohn!  der  Mann  muss  auf 
Mitlei  sinnen,  der  Waise  muss  geduldig  und  mit  Festigkeit 
ausharren!  Gesser,  der  Sohn  des  Gottes  Chormu'sda,  hat 
den  verderblichen  Riesen  getödtet;  er  ist  im  Anzüge,  um 
den    gleissnerischen ,    doppelzüngigen    Tschotong    einem 


—      234      — 

vertrockneten  Baume  gleich  zu  macLen;  alle  seine  nach- 
gebliebenen Iheuern  Waisen  \vir(l  er  mit  Gölterfreude  er- 
treuen! Der  Herrscher  Gesser,  der  Sohn  der  machlvoll- 
kommenen  Gottheil,  hat  den  AerhaSslen  Riesen  getödtelj  er 
wird  den  heuchlerischen,  verhasslen  Tschotoug  unter  seine 
Füsse  treten.  Du  wirst  den  Herrscher  Gesser  Chaghan 
wiedersehen  5  freue  dich  daher,  mein  Sohn,  mit  der  Freude 
der  mächtigen  Gölter!  Deine  Aeusserung,  du  möchtest  den 
Feind  jetzt  verfolgen,  wenn  du  nicht  zu  klein  wärest,  so 
wie,  dass  du  beim  Warten  Gefahr  laufst  (durch  Knechts- 
dienste) untauglich  zu  werden,  liefert  einen  Beweis  deines 
Heldenmuths.  Hier,  nimm!"  Mit  diesen  Worten  überreichte 
der  Lama  dem  Knaben  die  von  Tschotong  erhaltenen 
Sachen  und  entfernte  sich. 

Als  Gesser  alsdann  ausserhalb  seines  Schlosses  ujuher- 
ging,  begegnete  er  einer  alten  Frau,  welche  ihr  Oberkleid 
(dessen  Pvockschooss)  über  ihre  Schultern  befestigt  hatte  und 
darin  einen  Korb  trug.  Mit  durchgeriebener  linker  Scluilter 
sammelte  sie  trockenen  Mist,  wobei  sie  dann  einmal  Aveinlcj 
dann  wieder  sang.  Der  Lama  ging  auf  sie  zu  xmd  fragte: 
„Wer  und  wessen  bist  du,  Mütterchen?"  Als  die  Alte  den 
Lama  erblickte,  lachte  sie  und  weinte  sodann.  Der  Lama 
fragte  sie:  „Man  pflegt  zu  sagen:  Das  Lachen  fordere  und 
das  Weinen  überlasse!  —  ЛҮагат  hast  du,  Mütterchen, 
bevor  ich  zu  dir  kam,  einmal  gesungen  und  dann  gelacht? 
Warum  weinst  du  nun,  nachdem  ich  zu  dir  gekommen 
bin?"'  Die  Alte  erwiederte:  „Deine  Fi-age  ist  nicht  ohne 
Grund;  der  Yertilger  der  AVurzel  der  zehn  Uebel  in  den 
zehn  Gegenden,  der  heldenmüthige  Bogda  Gesser  Cha- 
ghan ist  mein  einziger  Sohn.  Es  sind  nun  neun  Jahre 
verflossen,  seit  er  gegen  den  zwölfköpfigen  Riesen  gezogen 
ist  Dieser  mein  Sohn  konnte  sich  in  den  zehn  Gegenden 
nach  Belieben  verwandeln;  dessen  ungeachtet  pflegte  er  so- 
wohl das  Muttermaal  an  der  Stirne  als  auch  seine  fünf  und 
vierzig  schneeweissen  Zahne  nie  zu  verwandeln.  Ich  hielt  dich 


—     235      — 

für  eine  seiner  Verwandlungen  und  deswegen  lachte  ich, 
nachher  glaubte  ich  mich  getäuscht  und  deswegen  weinte 
ich."  Diese  Worte  seiner  Multer  brachten  Gesser  ausser 
aller  Fassung.  Er  rief  seinen  magischen  Braunen  vom  Him- 
mel herab  und  bestieg  ihn  5  er  war  mit  seinem  ihauschim- 
merfarbigen,  mit  den  sieben  Kleinodien  doppelt  belegten 
blauschwarzen  Harnisch  angethan  und  halle  seinen  ganzen 
WafFeuschmuck  angelegt.  Er  fragte  seine  Mutter:  „Hast 
du,  mein  Mütterchen,  seit  meiner  Geburt  jemals  gesehen, 
wie  ich  Krieg  zu  führen  pflege?  Steige  auf  die  Gallerie  die- 
ses Schlosses  und  sehe  zu!  Gib  Acht  auf  alle  meine  Be- 
wegungen!" Diess  gesagt  umarmte  er  seine  Mutter  dreimal 
und  entfernte  sich.  —  Die  Mutter  weinte  und  lächle  ab- 
wechselnd; sie  wusste  (vor  Freuden)  nichl,  ob  sie  stand 
oder  sass. 

Gesser  machte  einen  Angriff  auf  Tschotong,  indem 
er  rechts  von  diesem  und  liinter  demselben  Staubwolken 
als  wie  von  einem  Heere  von  zehntausend  und  von  tausend 
Mann  aufsteigen  liess.  ,,0  Weh,  rief  Tschotong,  лоп 
wem  rührt  dieser  furchtbare  Staub  her!"  Er  lief  in  sein 
Haus,  spähte  von  Innen  hinaus  und  rief  seinem  Weibe  zu: 
„Der  Staub  rührt  von  jenem  Bösewichte  her 5  veri'athe  mich 
nicht!"  Diess  gesagt  легкгосЬ  er  sich  unter  einen  Kessel. 
Gesser  kam  heran,  liess  seinen  magischen  Braunen  sich 
bäumen,  Sätze  und  Sprünge  machen,  spähte  in  das  Innere 
des  Hauses  und  rief:  „Mein  Oheim,  meine  Muhme  Tscho- 
tong, seyd  ihr  da?  Erscheint,  mich  zu  bewillkommen! 
Ich,  euer  rotznäsiger  Joro,  bin  gekommen!  den  verhassten 
Kiesen  habe  ich  getödtet;  kommt  geschwind  heraus!"  Die 
Muhme  erwiederte:  „Dein  Oheim,  mein  Sohn,  hat  sich 
auf  dem  Kesselfelde  festgesetzt;  er  entfernte  sich  mit  den 
Worten:  an  der  Mündung  ist  die  Gefahr  erbeutet  zu  wer- 
den, deswegen  will  ich  mich  unter  den  Boden  verkriechen  !''• 
Tschotong  rief:  „Weib,  was  machst  du!"  und  kroch 
unter   seinen   Tisch.      Gesser  rief:    „Seyd  ihr   etwa   böse 


—      236     — 

auf  mich?  wollen  mein  Oheim  und  meine  Muhme  mich 
etwa  nicht  bewillkommen?  kommt  geschwind  heraus  I  "  Die 
Muhme  erwiederle:  „Dein  Oheim  hat  sich  auf  dem  Felde 
der  Tische  festgesetzt:  er  meinte,  auf  dem  Tischhlatte  sey 
Gefahr  erbeulet  zu  werden,  deswegen  hat  er  sich  unter  das 
Tischblatt  versteckt.'-  Tschotnng  rief:  ,,AVas  machst  du, 
Weib!"  und  kroch  unter  den  Satlelrücken.  Gesser  rief: 
„Mein  Oheim,  meine  Muhme  I  ich  liabe  grosse  Ungeduld, 
euch  zu  sehen,  kommt  doch  geschwind  I"  Die  Muhme  er- 
wiederte:  „Dein  Oheim  hat  sich  auf  dem  Sattelfelde  festge- 
setzt, er  hat  sich  unter  die  Rückenwölbung  versteckt,  weil 
er  auf  dem  Obertheil  die  Gei'ahr  fürchtete  erbeutet  zu  л^  er- 
den." Tschotong  rief:  ,,\\as  ])edeutet  das,  AVeib,  was 
machst  du!"  und  lief  zu  drei  grossen  Schläuchen  rechts  an 
der  Wand  des  Hauses;  in  den  mittleren  Schlauch  kroch 
er  und  befahl  seinem  Weibe,  die  Mündung  fest  zuzubinden. 
Das  Weib  band  den  Sack  zu  und  Gesser  sprach:  „Mit 
diesem  Nichtswürdigen  habe  ich  alles  Mögliche  vergeblich 
versucht!  Von  Osten  komme  eine  Aveisse  Wolke  von  der 
Grösse  eines  Schafes  herauf!  von  Westen  komme  eine 
schwarze  \\  olke  von  der  Grösse  eines  Rinds  herauf!"  Die 
beiden  Wolken  kamen  heraufgezogen,  stiessen  an  einander, 
erregten  einen  starken  Slmm  mit  lieftigem  AVirbelwind. 
Hagel,  Donner  und  Blitz.  Der  Wirbelwind  traf  die  Aveisse 
Ordu;  Gessers  grosse  weisse,  fünl'hundert  Mann  fassende, 
Ordu  Avurde  von  ihm  kreisend  durch  die  Luft  geführt  und 
vor  der  Behausung  der  Tümen  Dschirghalang  zur  Erde 
niedergesetzt.  Tümen  Dschirghalang  ging  hinaus,  der 
Ordu  entgegen  und  sprach:  „Wenn  diess  die  frühere 
weisse  Ordu  ist,  so  stütze  sie  sich  auf  diesen  meinen 
Pfeiler!"  Diess  geschah  und  die  Ordu  stützte  sich  auf  den 
goldenen  Pfeiler. 

Der  im  Sacke  steckende  Tschotong  wälzte  sich  unter 
dem  magisclieu  Braunen  hervor.  „Das  sind  ja  dieselben 
Säcke,    rief  Gesser,    welche  meine   Muhme  mir   gegeben 


—     231      — 

und  mein  Oheim  mir  hergebracht  hat!  ihr  habt  sie  wohl 
mit  Lebensmitteln  und  Früchten  für  euern  rotznä&igen  Joro 
während  seiner  neunjährigen  Abwesenheit  gefüllt!"  Diess 
gesagt,  stieg  Gesscr  ab  und  setzte  sich  reitens  auf  den 
Sack.  „Der  Sack  scheint  voll  Wind  zu  seyn,"  sprach  er, 
nahm  einen  Pfriemen  und  stach  damit  längs  dem  Schenkel 
(Tschotongs).  Dieser  zappelte  ein  wenig.  Gesser  stach 
tiefer  und  das  Gezappel  wurde  stärker.  Nun  steckte  Ges- 
ser sein  kleines  Messer  mit  dem  Hefte  von  Krystall  so 
weit  es  ging  den  Schenkel  entlang  in  den  Sack^  das  schwarze 
Blut  quoll  hervor  und  es  entstand  ein  Geschrei:  „O  Weh! 
Au,  Au!  ich  bin  ja  dein  Oheim  Tschotong!"  Mit  diesen 
Worten  sprang  er  auf  und  Gesser  sprach:  „Ja  лүоЫ  bist 
du  es,  mein  Oheim !  w  as  machst  du  da !  ich  hielt  dich  für 
einen  Sack!  Nun  aber  sage  mir,  Oheim!  Wessen  Blutsver- 
wandter war  Dsesse?  war  er  nicht  deiner?  wessen  Ver- 
wandte waren  die  dreissig  Helden!  waren  sie  nicht  deine? 
Wessen  Schwiegertochter  war  Kogmo  Goa?  nicht  wahr, 
deine?  Da  du  es  nun  so  (schändlich)  gemacht  hast,  so  will 
ich  meine  Lust  büssen^  wie  wäre  es  möglich,  meinem  Zorn 
Sclirankeu  zu  setzen!"  Alsbald  zog  Gesser  mit  dem  Kufe 
„AVehe  dir!"  sein  neun  Klafter  langes  Schwert  von  schwar- 
zem Stahl  und  warf  sich  auf  Tschotong.  Dieser  sprang 
auf  und  nahm  die  Flucht.  Gesser  bestieg  seinen  magi- 
schen Braunen,  rief:  „ein  Dieb!  ein  Dieb!  fangt  den  Dieb!" 
stellte  sich  ,  als  könne  er  ihn  nicht  erreichen  und  schlug 
dabei  mit  seiner  magischen  Peitsche,  ihn  vor  sich  her  trei- 
bend, unaufhaltsam  auf  ihn  los.  Tschotong  verkroch  sich 
in  eine  Erdhöhle.  „Li  diese  Höhle  hat  sich  ein  Fuchs 
verkrochen , ''  sprach  Gesser  und  legte  vor  derselben 
Feuer  an. 

Tsargin,  der  Oheim  Gessers,  sähe  im  Osten  eine 
weisse  Wolke  von  der  Grösse  eines  Schafes  und  im  Westen 
eine  schwarze  Wolke  лоп  der  Grösse  eines  Binds  aufstei- 
gen, er  sähe  wie  die  beiden  Wolken  zusammenstiesseu  imd 


—     238     — 

einen  furchtbaren  Staub  erregten ^  da  dachte  er:  „Ist  nicht 
vielleicht  der  A^erlilger  der  Wurzel  der  zehn  Uebel  in  den 
zehn  Gegenden,  mein  Bogda,  mein  Gesser  in  seiner  Hei- 
math angelangt?"  Alsl)ald  bestieg  er  sein  gelbgeflecktes 
Pferd  und  suchte  nach  Vermögen  schnell  hinzukommen. 
So  -wie  er  den  Gesser  erblickte,  rief  er:  „Juchhe,  mein 
Mütterchen,  Juchhe,  mein  Mütterchen!  eilte  hin  und  war 
im  Begriff,  beim  Absteigen  hinzufallen,  als  Gesser  ihm 
entgegenkam  und  ihn  auffing.  Gesser  und  Tsargin  um- 
armten sich  und  weinten  Beide.  Bei  Gessers  Thränen 
erbebte  die  ganze  Erdflächc.  „Still,  OheimI"  rief  Gesser 
und  machte  Tsargin 's  AVeinen  ein  Ende;  dann  streute  er 
Räucherwerk  auf  und  beruhifTte  die  Erde.  Tsargin  fragte 
ihn:  „Was  räucherst  du  hier  an  dieser  Erdhöhle?"  Gesser 
erwiederte:  „Mein  Oheim,  es  ist  ein  Fuchs  hineingekrochen, 
den  ich  wieder  hinausräuchern  л\^1."  Tsargin  versetzte: 
„Das  ist  kein  Fuchs,  mein  Lieber,  es  ist  wohl  der  ruchlose 
Tschotong;  лүаз  diesen  Schurken  betrifft,  so  verdiente  er 
wohl  getödlet  zu  лүегс1еп-,  er  ist  aber  aus  edelm  Geschlechte 
und  dein  naber  Blutsverv^andler.  Bezwinge  dich,  obgleich 
du  es  kaum  über  dicli  vermagst  und  tödte  ihn  nicht!  Avas 
du  nachher  thun  willst,  bleibe  dir  überlassen!"  Nun  rief 
Tsargin:  „Komm  hei'aus,  Tscho toiig!"'  Dieser  kam  aus 
der  Höhle  hervor.  Da  befahl  Gesser  seinem  magischen 
Brauneu:  „Л  erschlinge  diesen  neunmal  hintereinander  und 
entleere  dich  seiner  von  hinten  neunmal  hintereinander! 
Beim  letzten  Verschlingen  lass  es  länger  dauern,  ehe  du 
ihn  ausleerst !"  Der  magische  Braune  that,  wie  ihm  geheissen 
war,  verschlang  den  Tscho  long  neunmal  und  leerte  ihn 
neunmal  von  hinten  wieder  aus,  so  dass  dem  Tscholong 
zuletzt  nur  so  viel  Leben  als  ein  Haar  gross  blieb  und  er 
unter  beständigem  Fallen  und  Aufstehen  zitterte  und  beblr. 
Das  Weib  des  Tschotong,  seine  Muhme,  behandelte 
Gesser  mit  Güte,  schenkte  ihr  die  Hälfte  von  Tschotongs 
Leuten  und  Vieh,    trennte  sie  лоп  ihm  und  liess  sie  ihre 


—      ^39     — 

Niederlassung  in  der  Nähe  seines  eigenen  Hauses  nehmen. 
Dem  Tsargiu  schenkte  Gesser  Alles  was  er  vom  Riesen 
erbeutet  und  mitgebracht  hatte-,  seinen  Eltern  schenkte 
er  alles  noch  übrige  A'^ermögen  Tschotongs^  den  Sohn  des 
Dsesse  nahm  er  zu  sich  in  sein  Haus.  Nachdem  er  sol- 
chergestalt an  Tschotong  Rache  genommen  hatte,  erfreute 
und  erquickte  er  alle  Waisen  der  Seinen. 

,,Nun,  sprach  Gesser,  will  ich  gegen  die  drei  Schirai- 
ghol'schen  Chane  ziehen  und  Rache  an  ihnen  nehmen!" 
Er  bestieg  seinen  magischen  Braunen,  hatte  seinen  ihau- 
schimmerglänzendeu,  mit  den  sieben  Kostbarkeiten  doppelt 
überlegten,  blauschwarzen  Harnisch  angelegt,  seine  blitzfar- 
bene  Schulterbedeckung  umgelegt,  seinen  als  wie  aus  Sonne 
und  Mond  vereint  zusammengesetzten  weissen  Helm  auf 
sein  edles  Haupt  gesetzt,  seine  dreissig  weissen  Pfeile  mit 
Kerben  лоп  Türkis  und  seinen  straffen  schwarzen  Bogen 
eingesteckt,  und  sich  mit  seinem  drei  Klafter  langen  Schwerte 
von  schwarzem  Stahl  umgürtet.  Also  gerüstet  rief  er:  „Ist 
Jemand  da,  der  mit  mir  ziehen  will?"  Laitschab,  der  Sohn 
des  Dsesse,  erbot  sich  dazu  mit  den  Worten:  „Wenn  ich 
bei  dieser  Gelegenheit  nicht  Rache  nehme,  wann  soll  es 
geschehen?  ich  gehe  mit!"  Gesser  erwiederte:  „Ist  etwa 
unser  Beider  Zweck  verschiedener  Art?  An  deinen  Fein- 
den habe  ich  ja  selbst  Rache  zu  nehmen !  Du  bist  noch  zu 
klein;  daher  bleibe  zu  Hause!"  Dsesse 's  Sohn  ging  mit 
Thränen  nach  Hause.  Nun  trat  Tschotong  hervor  und 
sprach:  „Tch  werde  mitziehen!"  Gesser  erwiederte:  „Gut, 
komme  mit,  Oheim!" 

Gesser  nahm  seinen  Daghoris  -  choi  genannten  Bo- 
gen und  stieg  auf  den  Gipfel  eines  hohen  Berges.  Er  nahm 
einen  Ismanta  genannten  Pfeil  und  sprach:  „Mein  Is- 
raanta  genannter  Pfeil!  ich  bin  im  Begriffe,  gegen  die  drei 
Schiraighorschen  Chane  zu  ziehen  5  es  gibt  dort  Späher  und 
AVächter  des  verhassten  Feindes,  diesen  komme  zuvor  und 
wenn    du    sie  getödtet  hast,    so   bleibe  am  jenseitigen  Ufer 


—      240      — 

des  Chatun -Stromes  stecken 5  daselbst  werde  ich  dich  fin- 
den 5  wo  nicht,  so  trefi'e  das  Schloss  und  ich  werde  dich 
nachher  finden!"  Diess  gesagt  zog  er  den  Pfeil  an  und 
schoss  ihn  in  magischer  AVeise  ab. 

Bei  den  drei  Schlraighorscheu  Chanen  befanden  sich 
drei  ausgezeichnete  Münnei.  Der  Eine  von  ihnen  konnte 
eine  Strecke  Landes  übersehen,  welche  zu  durchreisen  drei 
Monale  erlorderlich  sind^  der  Andere  von  ihnen  war  so 
stark,  dass  Alles  was  er  umfasste,  sich  ihm  nicht  entreissen 
konnte  5  der  Dritte  von  ihnen  konnte  mit  seinen  ausge- 
breiteten Händen  Alles  aufiangen,  ohne  es  loszulassen.  Der 
eine  Landstrecke  von  drei  Monaten  Uebei'schauende  blickte 
hin  und  sprach:  „Es  ist  etwas  im  Anzüge;  ist  es  ein  Adler? 
ist  es  ein  Pvabe?  es  scheint  ein  Stück  Eisen  geftisst  zu  ha- 
jjen."  Seine  beiden  Gefährten  fragten:  „Wohin  ist  die 
Richtung?"  Jener  antwortete:  „Die  Richluug  ist  gegeu  uns! 
Der  Flug  ist  ungemein  schnell;  ich  kann  es  noch  nicht  er- 
kennen 1"  Plötzlich  stand  er  auf  und  schrie:  „Steht  ge- 
schwind auf,  Kameraden!  es  ist  weder  ein  Adler,  noch  ein 
Rabe;  es  ist  ein  Pfeil!  Du,  Fänger,  fange  ihn  geschickt  auf! 
der  Pfeil  kommt  gerade  auf  uns  zu!"  Der  Fänger  sprach: 
„Lass  ihn  auf  mich  losgehen!  warum  sollte  ich  ihn  loslas- 
sen, wenn  ich  ihn  lest  habel"  Der  Weitschauende  sprach: 
„Es  ist  ein  gefährliches  Ding!  Du,  Starker,  umfasse  den 
Mittelleih  des  Fängers;  ich  will  den  Miltelleib  des  Starken 
umfassen!"  Wälirend  sie  sich  also  umfasst  hielten,  streckte 
der  Fänger  seine  Hand  zum  Auffangen  aus  und  packte  den 
Pfeil  an  dessen  Mittellhcil.  Der  Pfeil  entführte  alle  Drei 
mit. sich  gen  Himmel,  flog  mit  ihnen  Jiis  zum  Chatun- 
Strome  und  fiel  mit  ihnen  an  einer  tiefen,  bodenlosen 
Stelle  desselben  plötzlich  herab.  Alle  di'ei  Aersanken  im 
Wasser  und  ertxanken.  Den  Pfeil  nahm  Boa  Donglsong, 
die  Schwester  Gessers,  und  warf  ihn  hinaus.  Der  Pfeil  blieb 
am  Ursprung  des  C ha  I  u  ii  -  Stromes  emporstehend  in  der 
Erde  stecken. 


—     24l     — 

Nun  machte  sich  Gesser  in  Begleitung  des  Tschotong 
auf  den  Wesf.  Er  hatte  dem  Tscliotonof  während  sieben 
Tagen  nlchlszu  essen  gegeben  ;  als  nun  derselbe  ganz  ver- 
hungert und  verschmachtet  mitzog  und  sie  auf  dem  Wege 
einen  Rossapfel  liegen  fanden,  sprach  Gesser:  „Für 
einen  Menschen ,  der  lange  ohne  Nahrung  war,  ist  diess 
eine  herrliche  Speise!"  Tschotong  erwiederte:  „Mein 
Proviant  ist  längst  zu  Ende 5  ich  will  es  essen!"  Gesser 
versetzte:  „Iss  es,  Oheim,  wenn  du  essen  willst!  du  möch- 
test denken,  es  sey  Mist,  es  ist  aber  Butter."  Tschotong 
ass  den  Mist  und  sie  setzten  den  Weg  foi't.  Weiterhin 
stiessen  sie  auf  ein  abgerissenes  Stück  eines  ledernen  Spann- 
riemens ^  da  rief  Gesser:  „Was  für  eine  köstliche  Speise 
liegt  hier!"  Tschotong  entgegnete:  ,, Warte  ein  wenig;  ich 
will  es  essen!'-  Gesser  versetzte^:  ,,Du  möchtest  denken, 
Oheim,  es  sey  rohes  Leder,  es  ist  aber  eine  magische  Speise  5 
iss  getrost!"  Tschotong  hob  den  Riemen  auf  und  ass  ihn. 
Als  sie  darauf  weiter  zogen,  fanden  sie  auf  ihrem  Wege 
einen  Mühlstein  liegen;  da  sprach  Gesser:  „Du,  Tscho- 
tong, gabst  meiner  R^ogmo  den  Rath,  sich  auf  Schiratala 
zu  verstecken;  auf  dem  Wege,  sich  dort  zu  verslecken,  hat 
sie  hier  ihren  Schmuck  verloren;  nimm  und.  trage  ihn!" 
Tschotong  konnte  ihn  nicht  aufheben  und  sprach:  „Wie 
kann  ich  ihn  tragen!"  Gesser  sprach:  ,,Ich  will  ihn  dir 
zu  tragen  geben;  ist  hier  nicht  ein  Loch?"  Diess  gesagt, 
zog  er  ein  Band  hindurch  und  hing  den  Mühlstein  dem 
Tschotong  mitten  über  den  Rücken.  Während  des  wei- 
tern Zuges  sprach  Tschotong:  „Jetzt,  mein  Bogda,  bin 
ich  ausser  Stande,  mit  dir  weiter  zu  ziehen!  ich  bin  ohne 
Proviant  und  sterbe  vor  Hunger;  lass  mich  umkehren!" 
Gesser  erwiederte:  „Du  wolltest  ja  mit  mir  den  Feind 
verfolgen,  Oheim!  wie,  bist  du  anderer  Meinung  geworden?" 
Tschotong  entgegnete:  „Im  Begrifte  zu  sterben  will  ich 
lieber  umkehren."  Gesser  sprach:  „Kehre  um,  Oheim!'- 
Er  betrachtete  ihn  und  sah  den  Knorpel  der  Schulterblätter 

16 


weiss  (lurclischimmern ,  an  der  Stelle  des  Herzens  das  Herz 
hervorstehen  und  unter  den  Armhöhlen  war  die  Lunge 
sichtbar.  Tschotong  trat  den  Heimweg  an;  er  trug  seinen 
Mühlslein  auf  dem  Kücken  und  erreichte  unter  Fallen  nnd 
Aulstehen  die  Heimath.  Als  Sanglun  ihn  erblickte,  rief 
er:  „Wehe,  Jammer!"  zerrte  den  Tschotong,  warf  ihn 
nieder  und  suchte  ihn  mit  dem  Mühlstein  zu  erdrücken. 
Tsargin  kam  hinzu  und  rief:  „Mein  Sanglun,  lödle  ihn 
nicht!  lass  ihn  los!  was  hättest  du  davon  ihn  zu  tudten!-' 
worauf  Sanglun  den  Tschotong  losliess. 

Als  Gesser  seinen  Weg  durch  die  Gegend  Schiralala 
genommen  und  über  den  Chatun-Slrom  gesetzt  war,  fand 
er  den  Ismanta  genannten  Pfeil.  „Ah,  rief  er,  du  hast  ge- 
wiss Einen  von  der  Mannschaft  des  verhassten  Feindes  ge- 
tödtet,"  und  steckte  den  Pfeil  ein.  AVährend  er  im  Trott 
seinen  Weg  fortsetzte  und  ohnweit  des  Chatun  -  Stromes 
den  Küsseleng-Übogha^'^)  umritt,  hörte  er  eine  Stimme: 
„Oh,  mein  Gesser!"  rufen.  „Was  ist  das!  dachte  er,  in 
dieser  wüsten  Gegend  lebt  weder  ein  Mensch,  noch  ein 
Hund,  noch  ein  Л^ogel;  was  für  eine  menschliche  Stimme 
ruft  mich?"  Er  schaute  hin  und  her  ringsum,  entdeckte 
aber  Niemand.  ,,Und  doch,  dachte  er  weiter,  rief  vorhin 
eine  menschliche  Stimme  „Gesser!^'  Wohin  ist  er  gera- 
then?  Wie  sonderbar!"  Als  er  seinen  Weg  fortsetzte,  rief 
es  abermals:  „Warte  doch,  Gesser!"  Als  Gesser  sich 
wieder  umsah,  kam  ein  Wesen  gleich  einem  Sperber  hei'an, 
mit  Kopf  und  Brust  eines  \'^ogels  und  mit  dem  Hintertheil 
eines  Menschen,  setzte  sich  auf  den  vordem  Sattelknopf 
und  wehklagte  Folgendes:  „Л  ertilger  der  Wurzel  der  zehn 
Uebel  in  den  zehn  Gegenden,  mein  heilbringender,  helden- 
müthiger  Chan  Gesser!  ich  bin  dein  Bruder  Dsesse 
Schikir,  dein  Busenfreund  hier  auf  dem  Dschanibu- 
dwip!"    Nun  erzählte   er  den  ganzen  Hergang  seiner  Tha- 

24)  Vergl.  S.  6  und  11. 


-»     24S     — 

ten  und  seines  Schicksals,  wobei  Gesser  in  Thrlinen  aus- 
brach. Die  ganze  Erdlläche  erbebte,  alle  Wesen  weinten 
vor  Rührunef.  Gesser  streute  Räucherwerk  auf  und  beru- 
higte  die  Erde.  „Wamm,  mein  Dsesse  Schikir,  sprach 
Gesser,  bist  du  traurig?  willst  du  hergestellt  seyn,  so  werde 
ich  dich  wieder  als  Mensch  herstellen  5  oder  willst  du  viel- 
leicht nun  zum  Gotte  Chormus  da,  meinem  Vater  gehen? 
nur  weine  nicht!"  Dsesse  erwiederte:  „Mein  Bogda,  darüber 
werde  ich  mich  noch  entscheiden;  nun  aber  schafie  mir  das 
Herz  des  Schimanbirodsa,  des  jüngsten  Bruders  Tsa- 
ghan  Gertu  Chän'sl  wenn  ich  das  esse,  bin  ich  für  jetzt 
befriedigt.  Dann  gibt  es  noch  (im  feindlichen.  Heere) 
mehr  als  zehn  ausgezeichnete  Männer-,  diese,  mein  Bogda, 
suche  durch  irgend  ein  Mittel  zu  tödten  vmd  wiif  ihre 
Seelen  in  den  Abgrund  der  Hölle!"  Gesser  sprach:  ,, Gut, 
es  soll  geschehen!"  Sodann  schoss  er  eine  Anzahl  Ge- 
birgswild  im  Gebirge  und  Feldwild  im  flachen  Felde  und 
sprach  zu  Dsesse:  „Bleibe  hier  und  iss  hiervon  bis  ich 
wiederkomme!" 

Gesser  setzte  seinen  Weg  fort  und  kam  in  Schi- 
raighol  an-,  er  stieg  auf  den  Gipfel  eines  hohen  Berges 
und  befestigte  gegen  Abend  den  Zügel  seines  magischen 
Braunen  am  Sattelknopf.  Sodann  schoss  er  unter  Zauber- 
worten einen  Pfeil  ab  und  sprach:  „Wenn  meine  Unter- 
nehmung von  Ei'folg  seyn  wird,  so  kehre  du,  einem  Herrn 
gehöriger,  Pfeil  während  der  Nacht  zu  deinem  Herrn  zu- 
rück-, wird  sie  erfolglos  seyn,  so  bleibe  dort  liegen!" 


Tsaghan  Gertu  Chan  sass  auf  seinem  goldenen  Thron 
und  trank  Thee.  Als  er  das  Schwirren  des  ankommenden 
Pfeiles  hörte,  lief  er:  „Dem  Herrscher  in  den  zehn  Ge- 
genden ,  dem  furchtbaren  Bogda  bringe  ich  reuig  Opfer 
dar!"  und  goss  den  Thee  aus  der  Schale  vor  dem  Pfeile 
aus.  Der  Gegenstand  des  Thee's  (als  Opfer)  bewirkte,  dass 
der  Pfeil    in    das    Fussgestell   des   goldenen   Thrones    fuhr. 

16* 


—      244      — 

Tsaglian  Ger  tu  Chan  spracli:  „Kommt  dieser  Pfeil  von 
den  obern  Gottern?  oder  von  den  Assuri  der  Mitte?  oder 
von  den  Drachenfürsten  der  Tiefe?  wäre  es  Gesser's  Pfeil, 
>vürden  ihn  unsere  drei  Männer  nicht  bemerkt  haben  ? 
Rogmo  Goa  wird  ihn  vielleicht  erkennen!"  Es  wurde 
nach  Kogmo  Goa  geschickt-,  diese  versuchte,  den  Pfeil 
am  Federende  fassend,  ihn  zu  zerbrechen,  aber  vergeblich. 
Da  sprach  sie:  „Bist  du  ein  Pfeil,  von  den  obern  Göttern 
oder  den  Drachenfürsten  der  Tiefe  gegen  einen  F^eind  ge- 
richtet, so  übernachte  hier!  bist  du  nicht  von  ihnen,  so 
kehre  zu  deinem  Herrn  zurück!"  Diess  gesagt,  befestigte 
sie  seidene  Fetzen  люп  fünf  verschiedenen  Farben  an  den 
Pfeil  und  lehnte  ihn  gegen  den  Thürpfosten.  Da  entstand 
ein  starker  \Virljelwind5  der  magische  Pfeil  wurde  empor- 
gewirbelt und  паЬщ  mit  Windesschnelle  seinen  Weg  zu- 
rück in  Gesser's  Köcher,  in  welchem  er  seine  leere 
Stelle  einnahm. 

Als  Gesser  am  folgenden  Morgen  aufgestanden  war, 
und  sich  Gesicht  und  Hände  gewaschen  halte,  sah  er  nach 
seinem  Köcher  und  erblickte  in  demselben  seinen  Pfeil,  an 
welchem  die  seidenen  Fetzen  gleich  Fähnchen  flatterten. 
Nachdem  er  den  Pfeil  betrachtet  hatte,  spiach  er:  „Mein 
Unternehmen  wii'd  Erfolg  haben;  mein  einzelner  Pfeil  hat 
von  den  nichtswürdigen  Schiraighol  fünferlei  mitgebracht !'' 
Diess  gesagt ,  machte  er  aus  den  seidenen  Fetzen  sechs 
Theile  und  opferte  sie  dem,  den  mütterlichen  und  Aäter- 
lichen  Segen  der  Schiraigholschen  Chane  bewahrenden,  Ge- 
birge Dsabssan  Küme,  wodurch  er  den  Segen  von  ilinen 
abwendete;  er  sprach  dabei  die  Worte:  „Seit  früher  Zeil 
warst  du  das  Gebirge  des  Heils  für  die  Schiraighorschen 
Chane,  zu  dieser  Zeit  sey  dasselbe  für  mich!"  Während  er 
sodann  Käucherwerk  aulslreule  und  religiöse  Formeln  h«;r- 
sprach,  eulstand  plötzliches  Erdbeben,  in  Folge  dessen  Gras, 
Steine  und  Bäume  verschwanden.     „Ah,   vorlrefllich!"    rief 


—     245     — 

Gesser,  stieg  zu  Pferde  und    kam  zum  Hoflager    der  drei 
Schiraighorschen  Chane. 

Die  Schiraighol'schen  Cbäne  hallen,  jeder  von  ihnen,  zwei 
Quellen,  aus  welchen  ihr  Trinkwasser  geholt  wurde;   unter 
diesen  befand  sich  eine   köstliche  Quelle  ,    die    den   Namen 
Tschablschalan  führte.  Zu  dieser  Quelle  pflegten  die  Töch 
ter  der   drei   Schiraighol'schen    Chane  hinzugehen,    Wasser 
zu  holen   und   sich   zu  baden.      Auf  dem  Wege   zu  dieser 
Quelle   verwandelte  sich   Gesser  in   einen  hundertjährigen 
Bettel -Lama,    seinen    magischen   Braunen    schickte    er   gen 
Himmel,  seinen  ihauschimmerfarbenen  blauschwarzen  Panzer 
verwandelte  er  in  einen  geistlichen  Regenmantel,  seine  blitz- 
farbenen  zwei  weissen  Schulterbedeckungen  verwandelte   er 
in   zwei    schwarze    geistliche  Ermel,    seinen  weissen  Helm 
verwandelte   er  in   eine  geistliche   Mütze,   sein  drei  Klafter 
langes  magisches  Schwert  von  schwarzem  Stahl  verwandelte 
er    in    einen    schwarzen    hölzernen    Stab    von    drei    Klafter 
Länge,  seine  dreissig  weissen  Pfeile   mit  Kerben  von  Tür- 
kis verwandelte  er  nebst  seinem    straffen    schwarzen  Bogen 
in  das  geistliche  Gewand  eines  Lama  und  streckte  sich  rück- 
lings   quer  über  den   Weg    zur    Quelle    als    ein  abgelebter 
Bettel -Lama.      Da  kam  die  Tochter  des   Tsaghan  Gertu 
Chan,     Namens     Tsassun     Goa,     welche     Mila  -  Gun- 
tschud,^^)    der    Sohn    des  Chinesischen   Kaisers  zur   Ge- 
raahiinn  genommen  hatte,  mit  ihrem  aus  fünfhundert  weib- 
lichen Personen  bestehenden  Gefolge    heran  und  vergnügte 
sich  unterwegs    mit  Hin-  und  Herwerfen    einer  Obstfrucht. 
Die  hin-  und  herseworfene    Frucht    fiel  zufällie  dem  rück- 


lings liegenden  Lama  in  den  offenen  Mund.  Die  Mädchen 
kamen  hinzugelaufen  und  riefen:  „Wer  bist  du,  Alter? 
stehe  auf!   was    bedeutet  es,   dass    du  die  Frucht,   mit  der 

25)  S.  200  ist  er  unser  dem  Namen  Mila  Guntschuk  als  der 
Tochtermann  des  Schira  Gertu  Chan  genannt  und  als  Sohn  dee 
Chan's  von  Balpo.     Vergl.  noch  S.  203. 


—     346     — 

wir  spielen,  mit  dem  Munde  aufFängsl?  Was  bedeutet  es, 
dass  du  auf  unserm  Wege  bleibend  hier  rücklings  ausge- 
streckt liegst?  Wer  bist,  du,  Alter?  stehe  geschwind  auf"  — 
Der  Lama  erwiederle:  „Ach,  meine  Kinder,  ich  bin  ein, 
in  dieser  Gegend  umhervvandernder ,  armer  Lama;  wenn 
ihr  gutherzige  Mädchen  seyd,  so  nehmt  die  Frucht  in  mei- 
nem Munde  nicht  zurück,  sondern  verbeugt  euch  lieber 
dreimal,  lasst  euch  den  Segen  geben  und  geht  nach  Hanse! 
seyd  ihr  aber  bösartige  Mädchen,  nun,  so  nehmt  mir  die 
Frucht  aus  dem  Munde  und  schreitet  über  mich  hinweg! 
ich  habe  nichts  dawider.  Denn  wo  ich  liege,  kann  ich 
mich  nicht  zum  Sitzen  aufrichten  und  wo  ich  sitze  ,  kann 
ich  mich  nicht  zum  Stehen  aufrichten."  Die  Mädchen  er- 
wiederten:  „Was  denkt  dieser,  dass  wir  ihm  unsere  Ver- 
beugung machen  sollten!'-  bohrten  ihm  die  Frucht  aus  dem 
Munde,  schritten  über  ihn  hinweg  und  holten  Wasser  aus  der 
Quelle.  Darnach  kam  die  Tochter  des  Schira  Gertu  Chan  , 
Namens  Ssumuu  Goa,  in  der  nämlichen  Weise  um  Wasser 
zu  holen,  mit  starker  Begleitung;  es  fand  derselbe  Zufall 
und  der  oben  erwähnte  Wortwechsel  statt,  nach  welchem 
die  Mädchen  zurückkehrten.  Darnach  kam  die  Tochter  des 
Chara  Gertu  Chan,  Namens  Tsoimsun  Goa,  deren 
Pflegevater  der  Künstler  Tchöirum  Darchan  war,  in  Be- 
gleitung von  fünfhundert  Jungfrauen,  Sclavinnen  und  Die- 
nerinnen. Der  Obertheil  ihres  Wassereimers  war  von  Perl- 
mutter, dessen  Mitteltheil  von  Krystall  und  dessen  Boden 
und  Unter theil  von  Gold;  einen  solchen  Wassereimer  trug 
sie  zum  Wasserholeu;  Das  vorige  Spiel  begann  und  die 
Frucht  nahm  abermals  ihren  Weg  in  den  Mund  des  Lama. 
Die  Sclavinnen  und  Dienerinnen  kamen  und  riefen:  „Höre, 
Alter,  packe  dich  von  dem  Wege,  der  nur  für  Frauen  ist !" 
Der  Lama  crwiederte:  „Wenn  ich  stehe,  kann  ich  mich 
nicht  setzen;  sitze  ich  aber,  so  kann  ich  nicht  aufstehen." 
Tsoimsun  Goa  kam  hinzu  imd  fragte:  „Warum  steht  der 
alte  Mann  nicht  auf?  wer  ist  er?"  Die  Dienerschaft  crwie- 


— •     241      — 

deile:    „Er  nennt  sich  einen  in  dieser  Gegend  umherwan- 
dernden,   hundertjährigen  Bettel -Lama.      Er  sagl,   dass  wo 
er  stehe,    da  könne  er  sich   nicht    niedersetzen   und  wo  er 
sitze,  da  könne  er  nicht  aufstehen.    Ferner  sagt  er  zu  uns  : 
AVenn  ihr  gutartige  Mädchen  seyd,  so  nehmt  mir  die  Frucht 
aus  meinem  Munde  nicht  weg!  verbeugt  euch,   eure  Fehle 
hekennend,  vor  mir  und  entfernt  euch,   nachdem   ihr   euch 
meine  Hand  zum  Segen    habt    auf  das   Haupt  legen  lassen! 
seyd    ihr    aber    bösartige   Mädchen,    so    mögt    ihr  mir    die 
Frucht    aus   dem  Munde   nehmen   und   über   mich  hinweg- 
schreiten."   Tsoimsun  Goa  fragte  ihn:  ,,Zu  welchen  Für- 
sten der  Nachbarsehaft  bist  dn  gekommen?  woher  kommst  du 
nun  und  wohin  gehst  du?"  Der  Lama  antwortete:  „Ich  habe 
alle  mögliche  Fürsten  gesehen.    Es  war  nun  meine  Absicht, 
in  das  ewige  Reich  zu  wandern  und  ich  habe  meinen  Weg 
dahin  durch  das  Land  der  drei  Schiraighorschen  Chane  ge- 
nommen.     Meine    Zukunft  ist  nahe,    meine  A^ergangenheit 
liegt  weit  hinter  mir,    und   da   ich  sehr  hoch  in  Jahren  bin 
und  unvermögend,  meine  Nahrung  zu  erwerben,  so  liege  ich 
hiei\     Tsoimsun  Goa  sprach:    „Wozu   sollte  ich  ihm  die 
Frucht  aus  seinem  Munde  nehmen?  und  gibt  es  etwa  kei- 
nen andern  Weg,  als  über  ihn  hinwegzuschreiten  ?"  Diess  ge- 
sagt,  beichtete   sie  dem  Lama,  verbeugte  sich  vor  ihm  und 
liess    ihn  seine  Hand  auf  ihr  Haupt  zum  Segen   legen  5    so- 
dann setzte  sie  ihren  Weg  oberhalb  des  Lama  und  densel- 
ben umgehend  fort. 

Mit  der  Tsoimsun  Goa  und  in  ihrem  Gefolge  war 
die  Hauptwahrsagerinn  des  Tsaghan  Gertu  Chan  gekom- 
men. „Warte  doch  Tsoimsun  Goa!"  rief  die  Hexe.  „Was 
gibts,  Zauberinn?"  fragte  Tsoimsun  Goa.  Die  Hexe  er- 
wiederte:  „Ich  habe  in  dieser  Nacht  einen  Trauni  gehabt, 
in  welchem  der  Vertilger  der  Wurzel  der  zehn  Uebel  in 
den  zehn  Gegenden,  der  weise,  wohlthälige  Chan  erschien, 
den  Tsaghan  Gertu  Chan  auf  seinem  goldenen  Throne 
übermannte  und  ihm  den  Kopf  abschlug.     In    Gemässheit 


—      248      — 

dieses  Traumes  glaube  ich,  dass  diess  kein  hundertjähriger 
Lama  ist^  es  ist  der  verwandelte  Gesser  Chaghan. 
Diess  hier  ist  kein  Regenmantel  eines  Lama ,  sondern 
Gesser  Chaghan's  blauschwarzer  Panzer-,  Diess  da 
sind  nicht  Ermel  eines  Lama,  sondern  Gesser  Chaghan's 
blitzfarbene  Schultcrbedeckungen  \  auch  ist  diess  keine 
Mütze ,  sondern  ein  kostbarer  weisser  Helm  ;  ferner  ist 
der  schwarze  hölzerne  Stab  von  drei  Klafter  Länge  in 
der  Hand  des  Lama  nicht  was  er  vorstellt,  sondern  er 
ist  ein  magisches,  drei  Klafter  langes,  Schwert  von  schwar- 
zem Stahl.  Ich  bin  also  überzeugt,  dass  diess  Gesser 
ist.  Tsoimsun  Goa  schalt  die  Zauberinn  mit  folgen- 
den Worten:  „Deines  Vaters,  deiner  Mutter  verruclites 
Haupt,  du  nichtswürdige  alte  Zauberhexe !  w  ie  unterstehst 
du  dich,  solch  verkehrtes  Zeug  zu  schwatzen!  Wenn  ich 
diese  deine  Worte  meinem  Oheim  Tsaghan  Gertu  Chan 
wieder  erzähle,  wird  er  dir  da  nicht  gleich  deinen  Kopf 
abschlagen  lassen?  Woher  sollte  Gesser  plötzlich  gekom- 
men seyn?  Wer  ist  dieser  Gesser?  Hüte  dich,  gegen  irgend' 
Jemand  so  etwas  zu  sprechen!"  Tsoimsun  Goa  war  eine 
magische  \"erwandlung-,  sie  schalt  deswegen  die  Zauberinn 
aus  und  verbot  ihr  zu  sprechen,  weil  sie  es  wohl  wusste, 
dass  (der  Lama)  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaghan  sey.  Sie  hatte  nämlich  die  Hoflnung, 
jnit  der  Zeit  entweder  seine  Geraahlinn  zu  werden,  oder 
seine  kuhmelkende  Sclavinn,  oder  auch  seine  die  Asche  aus- 
fegende Dienerinn,  deswegen  pflegte  sie  stets  von  ihrem 
Mahle  dem  Gesser  Chaghan  ein  Opfer  darzubringen. 
Gesser  gedachte  selbst  ein  wenig  der  Tsoimsun  Goa. 
Dann  rief  der  hunderijährige  Lama  ihre  Dienerschaft  zu 
sich.  ,,Was  gibts,  Lama?"  fragten  sie  und  dieser  erwiederle: 
„Eure  Quelle  wird  austreten,  schöpft  daher  kein  Wasser 
aus  der  Mitte :  ihr  würdet  lauter  Schlamm  bekommen ; 
schöpft  auch  nicht  nahe  am  Ufer,  weil  ihr  da  erdiges  Was- 
ser bekommen   würdet  j   schöpft   aber   weiter  als  die  Mitte 


—     249      — 

gegen  das  jenseitige  Ufer  bin,  mit  den  Füssen  auf  dem  dies- 
seitigen Ufer  bleibend,  so  werdet  ihr  reines,  heilsames  Was- 
ser bekommen."  Die  Dienerschaft  ging  hin  und  erzählte 
die  "Worte  des  Lama  den  Mädchen,  welche  verwundert 
ausriefen:  „Was  für  ein  merkwürdiger  Alter  ist  das!"  Als 
die  Zauberinn  diess  hörte,  dachte  'sie:  ,, Ungerechterweise  hat 
sie  mich  gescholten,  als  ich  ihr  sagte,  es  sey  Gesser- 
Warum  aber  sollte  diese  unsere  Quelle,  die  zu  keiner  Jah- 
reszeil auszutreten  pflegt,  nun  austreten?"  Also  denkend 
lief  die  Zauberinn  gerade  ins  Wasser,  fiel  in  die  Quelle 
hinein  und  ertrank.  Weil  die  Zauberinn  ihn  erkannt  hatte, 
liess  Gesser  die  Quelle  austreten  und  tödtete  die  Zauberinn. 
Die  Dienerschaft  schöpfte  nun  aus  der  Mitte  der  Quelle, 
es  war  aber  lauter  grüuer  Schlamm,  wie  der  Alte  es  vor- 
hergesagt hatte.  Sodann  schöpfte  sie  am  Ufer,  es  war  aber 
unreines  erdiges  Wasser.  Endlich  schöpfte  sie  nach  der 
Anweisung  des  Alten  und  Ijekam  reines  gesundes  Wasser. 
Nun  bewirkte  Gesser  es  durch  magische  Kraft,  dass  Nie- 
mand den  Eimer  heben  konnte.  Die  fünfhundert  Jungfrauen 
und  die  ganze  Dienerschaft  strengten  sich  der  Keihe  nach 
an,  den  Eimer  aufzuheben,  aber  vergeblich.  „Welcher  son- 
derbare Zufall !  rief  Tsoimsun  Goa;  zuerst  tritt  die  Quelle 
aus  ihren  Ufern,  dann  fällt  die  Zauberinn  hinein  und  er- 
trinkt und  nun  können  wir  Alle  den  Eimer  nicht  aufheben, 
den  ich  beständig  in  der  Hand  haltend  zu  tragen  pflegte. 
Bleibt  ihr  unterdesssen  hier!"  Diess  gesagt,  lief  sie  ganz 
allein  zum  Alten  und  sprach  zu  ihm:  „Erhabener  grosser 
Lama,  hebe  uns  doch  unsern  Eimer  auf!"  Der  Alte  erwie- 
derte:  „Du  bist  ein  leichtfertiges,  eigensinniges  Mädchen! 
Waren  etwa  blos  meine  frühern  Worte  meine  eigenen  und 
meine  spätem  die  eines  Andern?  Lass  mich  in  Ruhe!  ich 
kann  nicht  aufstehen!"  Die  Jungfrau  entgegnete:  „Ich  war 
niemals  leichtfertige  sollte  ich  etwa,  von  der  List  des  Herr- 
schers in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan's  besiegt? 
leichtfertig   geworden  seyn?   Ich    war    niemals    eine    Lüg- 


—     250     — 

nei-inn;  sollte  ich   etwa,  durch   die  magische  Verwandlungs- 
kraft  des  ehrwürdigen  Gesser  Chaghan's  besiegt,  gelogen 
haben?    Du    bist    kein    hundertjähriger   Lama^~  du  bist   der 
Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Ghaghan!   Ach 
Bogda  Gesser,  zeige  mir  doch  eines  deiner  Zeichen!,  Wenn 
du  es  mir  zeigen  wirst  und  ich  dieses  dein  Zeichen  irgend 
Jemand  wiedersagen  sollte,  so  möge  mich   dein  Schutzgeist 
holen!"  Der  Alte  sprach:  „Was  spricht  dieses  Mädchen  !"  und- 
machte  eine  Bewegung,    während    welcher    unter  ihm  eine 
goldene  Spinne   von    der  Grösse    eines   Kalbes   im   zweiten 
Jahre  hervorkam  und  seinen   Lauf  nach   dem   Schlosse   der 
drei  Schiraighorschen  Ghane  nahm.      Nachdem   die  Spinne 
das    Schloss   dreimal    umkreist   hatte,    kam   sie    zurück    und 
sprach:    „In    der  ganzen  frühern    Zeit  gehörte  es  den  drei 
Schiraigholschen  Chanen,    in    der  jetzigen   Zeit  aber  ist  es 
ein    Eigenthum    des    die     zehn    Gegenden    beherrschenden 
Chans   geworden!"   Diess  gesagt,   verkroch   sie   sich   wieder 
unter  den  Alten.    Als  das  Volk  ausserhalb  des  Schiraighol- 
schen Schlosses  die  Spinne  sah,    rief  es:    „Ein  Stück  Vieh 
ist  es  nicht,  ein  Wild  eben  so  wenig!    Was  ist  das  für  ein 
gehörntes  Ding?  Was  bedeutet  es,  dass  es  wie  ein  Mensch 
spricht?  Ist  es  vielleicht  die  Seele   der  dreissig  Helden  des 
Herrschers   in    den    zehn    Gegenden    Gesser    Ghaghan?" 
Als    Tsoimsun    Goa    die    Spinne    von    der  Grösse    eines 
Kalbes  im  zweiten  Jahre  sah,  sprach  sie:    „Bist  du  nicht  in 
der    That    der    Herrscher  in   den   zehn    Gegenden    Gesser 
Ghaghan?"  Hierauf  liess  Gesser  Ghaghan  sie  seine  vie- 
len magischen  \'^erwandlungskräfte  in  ein  grosses  Kriegsheer 
umgewandelt  sehen.  Nachdem   Gesser  ihr  seine  magischen 
Verwandlungskräfte  gezeigt  halte,  sprach  sie:   „Bogda,   lege 
dich  doch  heute  Abend,  in   einen    achtjährigen  AVaisenkna- 
ben  verwandelt,  an  dieser  Stelle  nnd   hebe   uns  jetzt  jenen 
Eimer  auf!"    Unter  Aechzen  und   Stöhnen   stand   der  Alle 
auf.     „Wie  kann  ich  alter  Mann,  sprach  er,    diesen  Eimer 
aufheben,    den    ihr  vielen  Mädchen   Alle   nicht  aufzuheben 


—      251      — 

vermochtet!  sollte  ich  es  aber  können,  so  flucht  mir  nicht, 
wenn  dabei  die  Reifen  abspringen  und  der  Eimer  entzwei 
gehen  sollte  !"  —  Die  Jungfrau  sprach:  „Warum  sollten 
л\чг  dir  fluchen!"  Während  Gesser  sich  den  Schein  gab, 
als  wollte  er  den  Eimer  aufheben,  liess  er  durch  seine 
magischen  Kräfte  die  Reifen  packen  und  der  Eimer  zerbrach 
in  zehn  Stücke.  Die  Mädchen  riefen  vveinend:  „Was  fiir 
ein  ruchloser ,  was  für  ein  schändlicher  Alter  ist  das ! 
Chara  Ger  tu  Chan  wird  uns  nun  umbringen!  Was  sollen 
wir  nun  anfangen!  Tsoimsun  Goa  schalt  die  Mädchen  mit 
den  Worten:  „Flucht  dem  erhabenen,  grossen  Lama  nicht! 
Wenn  mein  Vater  Jemanden  einen  Verweis  geben  sollte, 
so  wäre  es  mir;  was  geht  ihr,  Nichtswürdige,  ihm  an!" 
Dann  wandte  sie  sich  an  den  Lama  mit  den  Worten:  „Er- 
habener, grosser  Lama,  geruhe  duixh  das  Mittel  von  Zau- 
berformeln meinen  Eimer  wieder  ganz  zu  machen!"  Der 
Lama  sprach:  „Zurück  mit  euch,  Mädchen!  ich  weiss  nicht, 
ob  ich  alter  Mann  es  vergessen  habe  oder  nicht;  iudess  will 
ich  es  doch  versuchen,  mit  Gebet  an  die  erhabenen  Bud- 
dhas Zauberformeln  auszusprechen.  Zurück,  zurück,  ihr  Mäd- 
chen!" Hieraufsprach  Gesser  Zauberformeln  und  stellte 
den  Eimer  durch  magische  Kraft  in  ungleich  schönerer 
Gestak  wieder  her,  als  er  zuvor  hatte.  Die  Mädchen 
waren  voller  Verwunderung  und  bereuten  es  sehr,  dass 
sie  vorhin  dem  erhabenen  grossen  Lama  geflucht  hatten. 
Tsoimsun  Goa  begab  sich  sodann,  nachdem  sie  Wasser 
geschöpft  hatte,  mit  ihrer  Dienerschaft  und  ihren  Jungfrauen 
nach  Hause. 

Schimanbirodsa    war    auf  seine    Tochter    uneehalten 

o 

und  schalt  sie  mit  den  Worten:  „Wo  hast  du  diese  Nach- 
lässigkeit und  Unbesonnenheit  gelernt !  Wo  bist  du  gewesen 
in  der  Zeit,  dass  wir  seit  Morgen  schon  dreimal  gespeist 
haben?"  Die  Tochter  erwiederte:  „Wir  gingen  an  die 
Quelle,  um  zu  spielen ;  unsere  Quelle  war  ausgetreten ,  die 
Wahrsagerinn    fiel    hinein    und    ertrank.       Ich  liess    ihren 


—     252     — 

Körper  aufsuchen  und  habe  mich  dadurch  verspätet.  Lie- 
ber Vater!  auf  dem  Wege  nach  unserer  Quelle  liegt  ein 
achtjähriger  bettelnder  AVaisenknabe;  es  ist  ein  hübscher, 
witziger  Junge;  wir  wollen  ihn  erziehen  und  für  dich  ei- 
nen Diener  aus  ihm  bilden!'-  Der  Vater  versetzte:  „Fehlt 
es  uns  etwa  an  Armen,  die  wir  ernähren?  deinen  Bettler 
zu  ernähren  ist  Niemand  da !  kümmere  dich  um  so  etwas 
nicht,  Mädchen!"  Die  Tochter  zürnte  ihrem  A'^ater,  ging 
nach  Hause  und  kam  drei  Tage  lang  nicht  zum  Voi'schein. 
Nach  drei  Tagen  ging  Tsoimsun  Goa  zu  ihrem  Vater 
und  sprach:  „Mein  Vater,  der  erwähnte  Waisenknabe  liegt, 
wie  ich  höre,  bis  jetzt  noch  an  derselben  Stelle-,  nimm 
ihn  doch  und  lass  ihn  erziehen!-'  Der  A^ater  erwiederte: 
,, Meinetwegen,  ich  will  ibn  erziehen  lassen."  Voll  Freu- 
den fertigte  Tsoimsun  Goa  eilig  eine  Sclavinn  ab  und 
liess  den  Knaben  holen.  Gesser  hatte  aus  Elfenbein  einen 
Löwen  verfertigt,  den  er  hcrumspringen  liess  j  aus  Gold 
hatte  er  einen  fliegenden  Schmetterling  gemacht  und 
spielte  mit  diesen  Sachen.  Tsoimsun  Goa  nahm  diese 
Sachen  und  zeigte  sie  ihrem  Vater.  Dieser  fragte:  „Wer 
hat  diess  gemacht?  bring  mir  ihn  her!"  Der  Knabe  wurde 
gebracht  und  er  fragte  ihn:  „War  dein  Vater  ein  Künst- 
ler? von  wem  hast  du  diess  gelernt?"  Der  Knabe  erwie- 
derte: „Mein  Vater  starb,  als  ich  noch  ganz  klein  war,  aber 
mein  mütterlicher  Oheim  war  ein  Künstler.  Ich  habe  diess 
durch  Zusehen  abgelernt,  als  Tschöirung  Darchan^^) 
unlängst  Kunstarbeiten  machte."  Schimanbirodsa  sprach; 
.,  Dieser  wird  ein  gelehriger,  tüchtiger  Mensch  werden. 
Leber  Tage  bleibe  bei  meinem  Gefolge  und  scy  mein  Die- 
ner, und  des  Nachts  nächtige  mit  den  vielen  andern  armen 
und    nothleideuden  Kindern    in    dem    ( dazu    bestimmten ) 

IG)  Der  Pflegevater  der  Tsoimsun  Goa;  vcrgl.  S.  246.  Die 
fürstlichen  Kinder  >verden  >vahrend  ihres  Kindesalters  immer  im 
Hduse  eines  Unlerthans   und    mit  dessen  Kindarn  zusammen  erzogen. 


Hause!"  Sodann  gab  er  dem  Knaben  den  Namen  „der  von 
der  Erde  aufgeraffte  Oldschibai.'* 

Zu  der  Zeit  besassen  die  drei  Chane  eine  glückbrin- 
gende Aveisse  steinerne  Walze.  Oldschibai  bemerkte  dem 
Tchöirung  Darob  an  Folgendes:  „Wenn  man  diese  weisse 
Steinwalze  zei'schlüge  und  daraus  Harnische  machte,  was 
würden  das  für  herrliche  Harnische  seyu!"  Der  Künstler 
versetzte:  „Nimm  dich  in  Acht,  mein  Sohn,  solche  vorlaute 
Worte  gegen  Andere  zu  äussern !  ist  diess  nicht  der  glück- 
bringende Stein  der  drei  Chane?  wenn  sie  solche  Worte  von 
dir  hören,  werden  sie  dich  tödten."  In  der  folgenden  Nacht 
lud  Oldschibai  den  Stein  anf  den  Rücken,  trug  ihn 
hinweg  und  legte  ihn  unweit  der  Pforte  des  Künstlers 
Tschöirung.  Der  Künstler  Tschöirung  sah  ihn  am 
folgenden  Morgen  und  rief:  „Bei  meinem  Vater  und  mei- 
ner Mutter,  was  für  eine  schlimme  Vorbedeutung  ist  diess ! 
der  glückbringende  Stein  ist  von  seiner  Stelle  hieher  gezo- 
gen! was  wird  das  für  Folgen  haben!"  Während  der  fol- 
genden Nacht  hob  G  e  s  s  e  r  abermals  den  Stein  durch  magi- 
sche Kraft  auf  und  legte  ihn  gerade  vor  die  Pforte.  Am 
folgenden  Morgen  ging  er  und  rief:  „Komm  her,  Vater 
Tschöirung  Darchan!"  Der  Künstler  ging  hinaus  und 
rief:  „O  Weh,  was  ist  das!  er  sucht  uns  auf 5  seine  glück- 
bringende Kraft  ist  erschöpft!  der  Stein  kommt  selbst  und 
fordert,  dass  wir  Harnische  aus  ihm  machen  sollen!  Lama 
Nomlschi  und  du  Oldschibai,  behaut  den  Stein  vier- 
eckig-, wir  wollen  Harnische  daraus  machen!"  Lama  Nom- 
tsc hi  hatte  vom  Morgen  bis  Mittag  den  Stein  bebauen 
und  sprach  dann:  „Oldschibai,  behaue  du  jetzt  die  zwei 
(noch  übrigen)  Seiten!"  Oldschibai  sprach:  „Gut,  Lama 
Nomtschi,  setze  dich  aber  hinter  mich,  denn  man  kann 
nicht  wissen,  ob  nicht  das  Haueisen  vom  Stiele  fährt;  wenn 
es  dich  an  den  Schädel  trifft,  so  könnte  es  dir  das  Gehirn 
verletzen  und  dir  den  Tod  bringen."  Lama  Nomtschi 
erwiederle;  „Behaue  den  Stein,  Taugenichts,  ohne  viel  Ge- 


—     254     — 

schwätz!  warum  sollte  Jas  Haueisen,  das  mir  seit  dem 
Morgen  gelialten  hat,  nun  vom  Stiel  ahfahren!  flöge  es  aher 
auch  vom  Stiel  und  träfe  mich,  nun,  so  sterbe  ich."  01- 
dschibai  versetzte:  „Meinetwegen,  auf  mich  fällt  die  Schuld 
nicht!"  IJiess  gesagt,  schlug  er  durch  magische  Kraft  das 
Haueisen  vom  Stiel;  das  Haueisen  traf  den  Lama  Nom- 
tsclii  durch  den  Schädel  ins  Gehirn,  so  dass  er  zu  Boden 
sank.  Oldschibai  erhob  ein  grosses  Geschrei  und  spielte 
den  Untröstlichen,  indem  er  rief:  „Komm  doch  her,  Mei- 
ster Tschöirung!"  Der  Alte  rief:  „Was  gibts,  was  gibts!" 
und  kam,  seinen  Rockschooss  emporhebend,  mit  Eile  her- 
beigelaufen. Als  er  den  Lama  Nomtschi  erblickte,  um- 
fasste  er  dessen  Kopf  und  fragte  ihn  mit  Thränen:  „Was 
ist  mit  dir  geschehen?-'  Lama  Nomtschi  ervviederte:  „Ich 
hatte  zwei  Seiten  behauen,  war  ermattet  und  üljergab  die 
Arbeit  dem  Oldschiibai.  Dieser  sprach  \\ährend  des  Be- 
hauens  zu  mir:  „Lama  Nomtschi,  setze  dich  hinter  mich! 
man  kann  nicht  wissen,  ob  das  Haueisen  nicht  vom  Stiele 
fliegt. ''  Ich  antwortete  ihm:  .•,Wenn  das  bei  mir  festge- 
bliebene Haueisen  dir  vom  Stiele  fährt,  so  mag  diess  mein 
A'erhängniss  seyn!  Oldschibai  schlug,  das  Haueisen  flog 
herunter  und  traf  micli  an  den  Scheitel  j  es  ist  diess  mein 
vom  Schicksal  bestimmter  Tod."  Diess  gesagt  verschied 
er.  Trauernd  und  mit  Thränen  sprach  der  Alte:  „Das 
Uebel  kommt  von  dem  schändlichen  Glücksstein  und  dass 
er  sich  herbewegt  hat!"  —  Also  vernichtete  G'esser  durch 
manische  Kraft  den  weissen  Glücksstein  der  drei  Schirai- 
ghorschen  Chane  und  tödtete  den  Lama  Nomtschi,  weil 
derselbe  etwas  wusste. 

Tschöirung  Darchan  befahl  dem  Oldschibai:  „Trete 
den  Blasbdlg!  wir  wollen  aus  diesem  verderblichen  Steine 
zwei  Harnische  machen."  AVährend  sie  aibeiteten,  slahl 
Oldschibai  vom  Eisen  und  verbarg  es  im  Blasbalge;  von 
diesem   gestohlenen   Eisen   verfertigte  er   nachher   einen  ei- 


-.     255     ^ 

sernen  Haken  von  sechzig  Klafter    Länge    und  legte  ihn  an 
ehien  heimlichen  Ort. 

Der  Sohn  des  Türgen  Blroa,  Chans  von  Balpo,^'')  Na- 
mens Büke  Tsaghan  Manglai,  hatte  zu  seiner  Verlo- 
hungsfeier  mit  Tsoimsun  Goa  eine  grosse  Festmahlzeit 
veranstaltet  und  Chara  Gertu  Chan  hefahl  dem  01- 
dschibai,  der  Anordner  des  Festes  zu  seyn.  Die  drei  Chane 
A'ersammellen  sich  und  Oldschibai  war  mit  den  Anordnun- 
gen zumFeste  beschäftigt.  Da  kam  Büke  Tsaghan  Mang- 
lai, die  Senne  seines  gelben  Bogen  anziehend  und  rief: 
„Bin  ich  nicht  Büke  Tsaghan  Manglai,  der  den  Jeke 
Taju,  den  Bagha  Taju,  den  Jeke  Kügerge tschi ,  den 
Bagha  Kügergetschi,  den  Taigham  Onong  Tsong- 
tsching  und  den  Rongsa,  der  diese  sechs  Helden  des 
Herrschers  in  den  zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan's  ge- 
tödtet  hat?^^)  Ist  hier  Jemand,  der  Lust  hat,  bei  dieser  fest- 
lichen Gelegenheit  einen  Ringkampf  mit  mir  zu  wagen? 
der  Lust  hat,  meinen  Bogen  zu  spannen?''  Als  Oldschibai 
diese  Worte  hörte,  ward  er  von  Grimm  und  Wehmuth 
erfüllt,  trat  vor  ihn,  streckte  sich  aus  und  schrie:  „Wehe! 
Jammer!"  Büke  Tsaghan  Manglai  sprach:  „Seht  einmal 
den  Taugenichts !  streckst  du  dich  etwa  deswegen,  weil  du 
Lust  hast,  mit  mir  zu  kämpfen  und  meinen  Bogen  zu  sj)an- 
nen?"  Oldschibai  erwiederte:  „Wie,  bist  du  etwa  ein  Göt- 
tersohn? Bist  du  etwa  ein  Sohn  der  Drachenfürsten  der  Tiefe? 
Bist  du  doch  nichts,  als  ein  Menschen wesen  dieser  Welt  5  ein 
Menschenkind  gleich  mir.  Ein  gerittenes  Pferd  ist  vergnügt, 
wenn  es  sich  auf  der  Erde  wälzen  kann^  ein  Hund,  der  Wild 
gejagt  hat,  ist  zufriedengestellt,  wenn  er  seinen  Durst  in 
Wasser  stillen  kann!  Bin  ich  ein  Pferd?  bin  ich  ein  Hund? 
Warum  stösst  du  solche  Worte    gegen  mich  aus,    während 

11)  Vergl.  S.  188. 

28)  Siehe  S    203.  Der  Name  des  fünften   der  sechs  Helden  heisst 
dort  Unütschin  Taju. 


—     256     — 

ich  mich  freute,  dass  da  ein  Fest  veranstallen  wolltest, 
während  ich  beschäftigt  bin,  die  Anordnungen  zu  deiner 
grossen  Festfeier  zu  besorgen?  Du  solltest  eigentlich  mit 
bescheidenem  Munde  und  höflicher  Sitte  an  den  Chan  und 
Vater,  so  wie  an  die  Chaninn  und  Mutter  nebst  allen  Schwä- 
gerinnen die  Frage  richten,  ob  sie  aus  Güte  und  Gnade 
dir  dein  Weib  geben  wollen  oder  nicljt;  statt  dessen  trittst 
du  auf  als  Einer,  der  da  spricht:  „ЛҮоИеп  sie  mir  mein  Weib 
geben,  so  nehme  ich  es,  wo  nicht,  so  kehre  ich  heim, 
nachdem  ich  diese  drei  Chane  gelödtel  und  gebrandschatzt 
habe."  Man  erzählt,  Gessers  fünfzehnjähriger  Nantsong 
habe  deinen  A'^ater  gelödtet  und  dessen  Kopf,  um  den 
Hals  seines  Pferdes  gehangt,  mitgenommen;  ein  ähnlicher 
Held  bist  du,  Nichtswürdiger !'•  Büke  Tsaghan  Mang- 
lai  rief:  „Dass  dich  die  Pest!  seht  einmal  die  Frech- 
heit dieses  Bubenl"  Dann  rief  er  mit  grimmigem  Zorn- 
blicke: „Nun  wohlan,  so  spanne  diesen  meinen  gelben 
Bogen!"  Oldschibai  erwiederte :  „Es  möcbte  für  den 
Buben  Oldschibai  zu  schwer  seyn,  indess  will  ich  doch 
versuchen,  ihn  zu  spannen-,  die  Schutzgeister  der  drei  Chane 
mögen  entscheiden!"  Büke  Tsaghan  Manglai  gab  ihm 
den  Bogen  mit  den  Worten:  „Spanne  ihn  so,  dass  von  der 
innem  Fläche  so  viel  Hörn  übrig  bleibt ,  um  einen  Löffel 
daraus  zu  machen  und  von  d.er  äussern  Fläche  so  viel  Bast, 
um  das  Keimende  eines  Pfeils  zu  bekleiden!"  Oldschibai 
nahm  den  Bogen  und  spannte  ihn  mit  den  \Vorten:  „Statt 
eines  Löffels  Averde  zur  schwarzen  Kohle!  statt  Bast  werde 
zu  Asche!"-  Gesser  hatte  den  Bogen  durcli  magische  Kraft 
gespannt;  derselbe  wurde  zu  Asche  und  kohle  und  ging 
in   Hauch  auf. 

Nun  stand  Büke  Tsaghan  Manglai  auf  und  umfasste 
den  Oldschibai;  er  sprach:  „Wir  Beide  geben  einander 
nichts  nach;  bleibt  Einer  von  uns  auf  dem  Platze,  so  ent- 
stehe dem  Andern  keine  Verantwortung  daraus!"  Die  dxei 
Chane  riefen:  „Oldschibai,  lass   es   seyn!   er  möchte  dich 


—     557     — 

umbringen!"  dieser  aber  antwortete:  „Die  Scbutzgeister 
meiner  drei  Chane  mögen  entscheiden!  bleibe  ich  auf  dem 
Platze  ,  Avas  ist  daran  gelegen !  ich  sterbe  dann  ja  durch 
ihre  Hand."  Diess  gesagt,  begannen  sie  den  Ringkampf. 
Büke  Tsaghan  Manglai  versuchte  es  vergeblich,  seinen 
Gegner  emporzuheben,  ihn  aus  der  Fassung  zu  bringen 
oder  ihm  ein  Bein  zu  unterschlagen-,  Oldschibai  blieb 
unerschütterlich  als  wie  ein  in  die  Erde  eingetriebener 
Pfahl.  Gesser  richtete  folgende  Bitte  an  seine  Schulz- 
geister: „Ihr  meine  vielen  himmlischen  Schutzgeister!  und 
ihr,  zum  Weltsystem  Gehörige,  hier  auf  der  Erde,  mein 
magischer  Vater  und  Fürst  der  Berge  Oa  Guntschid! 
Ihr  sechs  Seelen  des  Piongsa,  des  Onong  Tsontsching 
Taju,  des  Jeke  Taju,  des  Bagha  Taju,  des  Jeke  Kü- 
gergetschi  und  des  Bagha  Kügergetschi,  erscheint  in 
der  Gestalt  von  sechs  Wölfen,  packt  diesen  hier  an  den 
sechs  Theilen  seines  Körpers  und  entführt  ihn!"  —  „Nun, 
sprach  Oldschibai,  ist  die  Reihe  an  mir!"  Er  packte  sei- 
nen Gegner,  hob  ihn  auf  und  warf  ihn  über  sich  hinwec- 
Dem  Luke  Tsaghan  Manglai  floss  das  Blut  aus  beiden 
Nasenlöchern,  sein  Hirnschädel  war  zerschmettert  und  er 
starb.  Die  von  Gesser  erbetenen  sechs  Seelen  kamen 
in  der  Gestalt  von  sechs  Wölfen,  packten  den  Todten  an 
den  sechs  Theilen  seines  Körpers  und  entführten  ihn.  Die 
drei  Chane  sprachen  lachend :  „Diesem  ist  sein  grosses  Maul 
schlecht  bekommen!"  Tsoimsun  Goa  stellte  sich,  als 
weine  sie*,  sie  sprach:  ..Sollte  ich  auch  einem  andern  Manne 
bestimmt  seyn,  so  wird  er  mich  als  ein  sündbehaftetes,  als 
ein  unglückbringendes  Mädchen  nicht  nehmen  wollen.  Ich 
werde  geachtet  werden  wie  ein  zehntausendjähriges  un- 
fruchtbares Reis,  wie  eine  tausendjährige  Schuldforderung." 
Die  drei  Chane  gaben  ihr  einen  Verweis  über  ihr  Weinen; 
sie  sprachen:  „Wird  nicht  Jedermann  dich  für  leichtfertig 
halten?  Sey  still  und  halte  dich  ruhig!"  Die  Gäste  des 
Festes  trennten  sich  und  gingen  auseinander. 

n 


Nun  kam  Mila  Güntschid*»)  der  Solin  des  ChinesJ- 
scben  Kaisers  und  Schwiegersohn  des  Tsaghan  Gertu 
Chän^  er  sprach:  „Büke  Tsaghan  Manglai  und  ich  wa- 
ren einander  gleich ;  wir  pflegten  uns  gegenseitig  nieder- 
zu\^erfen.  W  enn  zAvei  Manner  mit  einander  kämpfen,  so 
hat  es  nichts  auf  sich,  wenn  Einer  den  Andern  tödtet.  \Viid 
einer  überwunden,  so  steht  er  wahrscheinlich  wieder  auf^ 
Ideiht  Einer  aher  auch  todt  liegen,  so  hat  das  nichts  zu 
hedeuten:  es  entstehe  dem  Andern  daraus  keine  Verant- 
wortlichkeit!" Sie  umfasslen  sich.  Was  soll  ich  noch  erzäh- 
len^ Oldschibai  tödtele  ihn  in  der  Weise  wie  vorhin 
berichtet. 

Дип  kam  Mantsuk  Sula,  der  Sohn  des  Chans  von 
Ssolongha  und  Schwiegersohn  des  Schira  Gertu  Chan; 
er  sprach  die  nämlichen  Worte  wie  sein  Vorgänger  und 
der  Kampf  begann.  Auch  diesen  überwand  und  tödtete 
Oldschibai  durch  magische  Kraft. 

Hierauf  kam  Mongsa  Tüsker,  der  Sohn  des  Chans 
des  Landes  Mon  und  Gemahl  der  altern  Schwester  der 
Tsoimsun  Goa,  Tochter  des  Chara  Gertu  Chan.  Der 
Kampf  begann  und  endigte  mit  dem  Tode  desselben  nach  der 
oben  beschriebenen  Weise. 

Als  Gesser  solchergestalt  durch  magische  Kräfte  die 
besten  und  angesehensten  Männer  der  drei  Chane  getödtet 
hatte,  sprach  Fvogmo  Goa  zu  Tsaghan  Gertu  Chan: 
..Das  ist  kein  Oldschibai,  es  ist  Gesser  selbst;  tödtet  er 
nicht  deine  Besten  und  Angesehensten?  Schicke  doch  den 
Aghola  Oergöktschi  Büke  her!  tödtet  erden,  so  glaube 
ich  gewiss,  dass  es  Gesser  ist;  vermag  er  es  nicht,  so 
kann  er  es  meiner  Meinung  nach  nicht  seyn."  Tsaghan 
Gertu  Chan  schickte  nach  Aghola  Oergöktschi  Büke 
mit  dem  Befehle:  „Komm  und  kämpfe!"  Er  kam;  über 
jede  seiner  Scliultern  hatte  er  sieben  nasse  Hirschhäute  ge- 

29)Yergl.  S.  200  und  245. 


—     25Ö     - 

Vvorfeü  und  rief:   „Bist  du  da,   Knabe  Oldschibai?  komm 
geschwind  her!"  Oldschibai  kam  und  fragte:  „Was  gibts?" 
Der  Andere   ervviederle:    „Man  sagt  von  dir,  Oldschibai, 
du  seyst  ein   kräftiger  Kämpfer^    wir    beide  wollen  uns  im 
Ringkampfe  versuchen."     Oldschibai  versetzte:   „Du  hast 
bereits   im   Dienste   der  drei  Chane  deine  Kräfte  ihnen  ge- 
widmet 5  ich  habe  diess  noch  nicht  gethan.    Es  ist  also  kein 
Grund  zur  Eifersucht  vorhanden;  ich  mag  nicht!"  Aghola 
Oergöktschi  Büke    entgegnete:    „Das  ist  Feigheit!    ohne 
Widerrede,    lasst   uns  kämpfen!"    Oldschibai   erwiederte: 
,,Nun,    so  lasst  uns  denn   spielen,   wenn  es  seyn  muss!  du 
möchtest  mich  sonst  lödten,    wenn  ich  den  Kampf  verwei- 
gere."  Als  nun  Oldschibai  sich  zum  Kampfe  vorbereitete, 
nahm  sein    Gegner   von   seiner  Schulter   ein   nasses  Hirsch- 
fell, trat  auf  ihn  zu  und  warf  es  ihm  hin  rait  den  Worten: 
„Da,    nimm,  Taugenichts!"    Als  er  im  Begriffe  stand,  auch 
von  der  andern  Schlüter  ein   Fell  herunterzunehmen,    ent- 
gegnete   ihm    Oldschibai:    „Bist    du    hergekommen,    um 
Hirschfelle    zu    kämpfen?"     stand     auf    und    umfasste    ihn. 
Aghola  Oergöktschi  Büke  suchte  den  Oldschibai  aus 
der  Fassung  zu  bringen,  ihm  ein  Bein  zu  unterschlagen  und 
ihn  emporzuheben,  Oldschibai  stand  aber  fest  wie  ein  in 
die  Erdfläche  eingetriebener  Pfahl.     Mit  den  Worten:  „Ihr 
meine    nach    Fleisch    lüsternen    Schutzgeister ,     packt    sein 
Fleisch  an!  Ihr  meine  nach   Haaren  lüsternen  Schutzgeister, 
ergreift  ihn  bei  den  Haaren !  Ihr  meine  nach  Blut  lüsternen 
Schutzgeister,    haltet    euch   an    seinem    Blute !    Kommt    der 
Reihe  nach,  zerreisst  und  entführt  ihn!"   —  schleuderte  ihn 
der  Herrscher   in    den  zehn  Gegenden    Gesser  Chaghan 
über  sich  hinweg.    Die  Schutzgeister  Gesser 's  kamen  der 
Reihe    nach    und    führten  den  Körper    weg,     nachdem   sie 
ihn  in  Stücke  gerissen  hatten. 

Rogmo  Goa  sprach:  „Das  ist  gewiss  eine  magische 
Verwandlung  Gessers!  Wenn  es  Gesser  selbst  ist,  so 
■wird  er  mir  eines  seiner  Zeichen  offenbaren ;  ist  er  es  nicht, 


—      560     — 

So  wird  dless  auch  nicht  geschehen."  Diess  gesagt,  stieg 
sie  auf  die  weisse  Pyramide,  kämmte  die  rechte  Seite  ihres 
Haiiplhaars  ,  rief  G  e  s  s  e  r  "  s  Namen  lobend  und  preisend 
und  lieuchellc  Thränen.  Als  Gesser  in  der  Gestalt  dos 
Oldschibai  mit  einer  Mistgabel  in  der  Hand  herankam  und 
trockenen  Mist  aufsammelte,  als  er  die  rührenden  Schnier- 
zenstöne  der  Rogmo  Goa  und  ihren  sehnsuchtsvollen  Ruf: 
„Mein  Gesser,  mein  Gesser"  hörte,  dachte  er:  „Meine 
Pvogmo  ist  mir  nicht  untreu  geworden,"  und  zeigte  sich  ihr 
in  der  Geslalt  des  Buddha  Kai  Wadschra  Dhara,  des 
neunfachen  Buddha  Mandschus'ri.  Rogmo  rief:  „Ges- 
ser ist  gekommen  I"  stand  auf  und  ergriff  die  Flucht. 
Gesser  jagte  ihr  nach,  holte  sie,  ehe  sie  nach  Haus  ge- 
langle, ein  und  warf  sie  auf  eine  Steinplatte,  auf  welcher 
er  sie  dreimal  umwälzte  und  sie  durch  magische  Kraft  seine 
Ankunft  vei-gessen  machte. 

Als  Rogmo  Goa  nach  Hause  kam,  sprach  sie  Aveinend 
zu  Tsaghan  Gertvi  Chan:  „Ob  Gesser  gekommen  ist, 
ob  nicht,  kann  ich  nicht  sagen;  es  scheint  mir  alles  v>ie  ein 
Traum."  Tsaghan  Gertu  Chan  versetzte:  „Als  du 
hingingst,  wolltest  du  das  Weib  eines  ganz  ausgezeichneten 
Mannes  seyn.  jNimm  dich  in  Acht,  dass  ich  dir  nicht  von 
dem  Fleische  deines  Mannes  zu  essen  und  лоп  seinem 
Blute  zu  trinken  gebe!  Für  wen  hältst  du  mich,  für  wen 
hältst  du  den  Herrrscher  in  den  zehn  Gegenden  Gesser 
Chaghan?"  Diess  gesagt,  entfernte  er  sich. 

Darnach  sprach  Rogmo  Goa:  ..Wenn  er  (Oldschibai) 
wirklich  Gesser  ist,  so  werden  ihm  die  Schlangen  nichts 
anhaben-,  ist  er  es  nicht,  so  werden  sie  ihn  packen  und 
fressen-,  lass  ihn  in  die  Schlangengrube  werfen!"  Oldschi- 
bai wurde  in  die  Grube  geworfen.  Gesser  spritzte  ein 
wenig  von  der  Milch  des  weiblichen  schwarzen  Adlers  auf 
die  Schlangen 5  sie  wurden  Alle  davon  vergütet  und  kre- 
]>irlen.    Dann  legte  er  die  grossen  Schlangen  als  Polslerlager 


—     261      — 

und  die  kleinen  als  Kopfkissen  zurecht  und  legte  sich 
nieder.  Nun  sang  Gesser  in  der  Gestalt  des  Oldscliibai: 
„Als  dem  Gesser  sein  Reich  genommen  wurde,  als  Dsesse 
Schikir  und  die  dreissig  Helden  den  Worten  Tscho- 
tongs  Glauben  schenkten,  wurde  Gesser's  Rogmo  Goa 
von  meinen  drei  Chanen  entführt.  Auch  erzählt  man,  dass 
Roffmo  Goa,  seit  sie  xintreii  und  die  Gemahlinn  meines 
Tsaghan  Gertu  Chan  geworden,  dass  sie  seit  Gesser 
Chans  Entfernung  ihr  Gedächtniss  verloren  habe.  Nun, 
deines  Gessers  gedenkend,  möchtest  du,  Rogmo  Goa, 
gern  wieder  zu  ihm  zurück.  An  die  Schicksalsbestimmung 
meiner  drei  Chane  geknüpft,  habe  ich  mich  als  tüchtigen 
Mann  gezeigt-,  was  hilft  es  mir  aber!  indess  werde  ich, 
Oldschibai,  welche  Mittel  man  auch  gegen  mich  in  An- 
wendung bringt,  nicht  umkommen.  Die  Schutzgeister  mei- 
ner drei  Chane  mögen  über  mich  entscheiden!"  Die  drei 
Chane  erklärten  einstimmig:  „Oldschibai  ist  nicht  als 
Gesser  erkannt!"  und  liessen  ihn  aus  der  Grube  ziehen. 

Zu  der  Zeit  halte  Tsaghan  Gertu  Chan  zwei  Hunde, 
der  eine  (wie)  ein  Tiger,  der  andere  (wie)  ein  Leopard 
(gestaltet)  j  diese  Hunde  pflegten  Menschen  zu  fangen  und 
zu  fressen.  Rogmo  fing  diese  zwei  Hunde  und  legte  sie 
an  Ketten.  Sie  sprach:  „Holt  den  Oldschibai  her!  wenn 
er  wirklich  Gesser  ist,  so  werden  ihn  die  Hunde  nicht 
anfallen^  ist  er  es  nicht,  so  werden  sie  ihn  packen  und 
auffressen."  Oldschibai  hatte,  als  einer  der  trockenen  Mist 
sammelt,  seine  Mistgabel  in  der  Hand  und  kam  zu  ihr  ge- 
laufen. Rogmo  Goa  liess  die  Hunde  los  und  hetzte  sie  auf 
ihn.  Als  die  beiden  Hunde  auf  ihn  losstürzten,  liess  Ges- 
ser durch  magische  Verwandlung  sein  Ebenbild  mit  der 
Mistgabel  sich  wälzen  und  schaute  zu.  Rogmo  sprach"; 
„Wenn  er  wirkhch  Gesser  wäre,  so  hätten  die  Hunde  ** 

nicht  angefallen;  dieser  Oldschibai  ist  von  allem  ^^      -,  \ 

.   .    °  '  .erdacht 

gereinigt. " 


—     262     — 

Oldschibai  ging   nach  Hause-,    er    verwandelte    sich  in 
Gesser's    Gestalt   und  blieb  in   Oldschibai's   Gestalt    zu 
Hause.      Gesser    ritt    seinen    magischen  Braunen,  er  hatte 
seinen  ganzen  Wafl'enschmuck  angelegt ,    kam  in  Begleitung 
einer    grossen   magischen  Heeresmacht    und  lagerte    an  der 
Westseite   des   Schlosses    der   drei   Schiraighol'schen   Chane. 
Daselbst  pflanzte  Gesser  Bog  da    seine   Fahnen   und   Stan- 
darten  auf,    liess   die    Trompete  blasen  ,    an    verschiedenen 
Stellen    Gräben    ziehen,    viele    Kessel    aufstellen    und   eine 
grosse  Mahlzeit  anrichten.      Er  liess  seine   starken  Kämpfer 
und  geschickten  Bogenschützen  auftreten,    durch    sie  allerlei 
kriegerische  Spiele  auflühren  und  zeigte  eine  Menge  anderer 
magischer  Verwandlungen.    Die  drei  Schiraigholschen  Chane 
sammelten    ihr  Kriegsheer    und   rückten   ihm   entgegen  mit 
dem    Rufe:    „Gesser   ist    gekommen  I"    Als   ihr  Heer   mit 
Gesser's  Heere  zusammentraf,  zog  sich  letzteres  durch  ma- 
gische   l'^erwandlung    gleich    einer    blauen    Rauchsäule    gen 
Himmel    und    verschwand.      An    der    Lagerstelle,    bei    den 
vielen    Feuern,    wo    die    Speiseu    bereitet    waren,    lag    ein 
ganz    verlaustes  Kind.     Oldschibai  wollte  mit   gezogenem 
Schwerte  auf  dieses   kleine    Kind   losfahren,    als  Schiman- 
birodsa    ihm    zurief:    „Warte,    Oldschibail   wir   wollen 
Kunde    von    ihm    einziehen."      Dann   fragte    er    das   Kind: 
„Wem    gehörte    das    vor    Kurzem    hier    gewesene    Kriegs- 
heer?" Das  Kind  antwortete:    „Der  Herrscher  in  den  zehn 
Gegenden   Gesser    Chaghan    war  hergekommen,    um   an 
euch  Rache  zu  nehmen.    Als  er  bemerkte,  dass  eure  Heeres- 
macht stark,    die   seinige   dagegen  zu  schwach  sey,    dass  er 
den  Kampf  mit  euch  nicht  wagen   könne,    hat    er   sich   aus 
Furcht  zurückgezogen.*'  Schimanbirodsä  fragte:  „Warum 
bist  du  zurück  geblieben?"  Das  Kind  antwortete:  „Ich  bin 
ein    Waisenkind    eines    der    dreissig    Helden    und   kam   als 
Diener  eines  Andern  hiehcr.      Von  Läusen  und  Ungeziefer 
überwältigt    war  ich  vor    Ermattung   eingeschlafen   und  bin 
zurückgeblieben."  Oldschibai  sprach:  „Den  Hirsch  tödtet 


—     263     — 

mau  durch  das  Horu  des  Hirsches'*'),  sagt  das  Sprichwort, 
wie  wäre  es,  weun  ich  diesen  als  Feind  Gesser's  aufer- 
zöge?" Tsaghan  Gertu  Chan  erwiederte:  „Du  hast 
Recht,  Oldschibai!  nimm  ihn  mit  und  mache  aus  ihm 
einen  Mann'-'  Oldschibai  nahm  den  Knaben  mit  sich  nach 
Hause,  aber  während  der  Nacht  lief  er  ihm  davon.  Am 
folgenden  Morgen  kam  Oldschibai  zu  den  drei  Chanen 
und  sprach:  „Das  Kind  jenes  Ruchlosen  ist  davon  gelaufen!" 
Die  Chane  ervi'iederten :  „Ist  er  fortgelaufen,  was  ist  daran 
gelegen!  gehe  da  ruhig  nach  Hause!"  Oldschibai  kehrte 
zurück  in  seine  Wohnung. 

Rogmo  Goa  wollte  abermals  prüfen,  ob  (Oldschibai) 
Gesser  sey  oder  nicht.  Sie  liess  am  folgenden  Morgen  die 
Tsoimsun  Goa  und  den  Oldschibai  zu  sich  kommen 
und  sprach  zu  ihnen:  ,,Seit  ich  aus  Gessers  Lande  herge- 
kommen bin,  habe  ich  kein  Rauchopfer  dargebracht 5  kommt 
mit  mir!"  Rogmo  Goa,  Tsoimsun  Goa  und  Oldschibai 
machten  sich  ihrer  Drei  auf  den  Weg.  Rogmo  Goa 
sprach:  „Auf  dem  Feste  habe  ich  meinen  Schmuck  ver- 
loren-, man  sagt,  du,  Oldschibai,  habest  ihn  gefunden!'' 
Diess  gesagt,  wollte  sie  seine  Brustbekleidung  aufreissen, 
um  nachzusehen,  aber  Tsoimsun  Goa  winkte  ihm  mit 
den  Augen,  und  er  liess  es  nicht  zu.  Unterwegs  sprach 
Rogmo:  „Die  Brahmanen  der  Tage  des  Alterthums  stehen 
höher  als  die  Buddhas  der  Tage  unserer  Zeit."  Als  sie 
auf  dem  Berge  Dsussa  Gumba  Pvauchopfer  darbringen 
wollten,  sprach  Rogmo:  „Wenn  ein  Mann  anwesend  ist, 
wie  könnten  da  Weiber  opfern!  Oldschibai,  opfere  du!" 
Als  nun  der  Knabe  Oldschibai  Räucherwerk  auflegen 
wollte,  rief  er:  „Bergfürst  Oa  Güntschid,  weisse  Göttinn 
Arjälamgari,  Moa  Guschi,   Dangbo  genannte  Zeichen- 

30)    Gemeiniglich    sind    die   beiden    Enden    des  Bogens  mit  ihren 
Kerben  zum  Einhaken  der  Senne  von  Hirschhorn. 


—      264     — 

deuter,    Boa    Donglsong    Garbo,    Uglur    Udgari'*), 
Dschamlso  Dari  Ldam,  Gesser  Sserbo  Donrul),  Om 
Ah   Hum!"    und    legLe    Pväucberwerk    auf.      Rogmo    gab 
dazu  ihre  Einwilligung.     Daun  sprach  Rogmo   Goa:  „01- 
dschibai,    du  hast  allerlei  gesehen,  du  bist  von  Manchem 
unterrichtet,    ich    will    eine    Frage   an   dich   richten."      01- 
dschibai    e^wiederle :    „Ich    bin    es    zufrieden !"  — „Nun 
wohlan,    sprach    Kogmo  Goa,    Avas  bedeutet  jene   goldene 
Flache,  als  w'äre  sie  eine  solche,  auf  welcher  allen  Buddhas 
Opfer   dargebracht   wird?    Was    bedeutet    das    perlmutterne 
Becken,  gefüllt  mit  AVasser,  ähnlich  dem  Muschelschmelze? 
Was  bedeutet  das  lasurne  Becken,  gefüllt  mit  Wasser,  ähn- 
lich   dem    Lasur?    Was    bedeutet    die   alte    Frau,    die    eine 
Menge    Kinder    um    sich    spielen    lässt?    Was    bedeutet  die 
alte  Frau,    welche  eine  Menge  Kinder   von  sich  wegti'eibt? 
Was    bedeutet    das    zwei    den  Säbel    schwenkenden  Helden 
Aehnliche?  Was  bedeutet    das    einer  Pfeilkerbe    und  einer 
Bogensenne  Aehnliche?"  Auf  diese  Fragen   antwortete  01- 
dschibai:  „Gut,  ich  werde  dir  diess  Alles  erklären j   wirst 
du  aber  auch  weinen?"  Rogmo  erwiederle:  „Ja,  ich  werde 
w  einen  I"  Nun  sprach  Oldschibai:    ,,Ist  nicht  die  goldene 
Fläche ,     ähnlich    einer    solchen    wo     allen    Buddhas    Opfer 
dargebracht    werden,    Nuliim  Tala?    Ist  nicht  das  Becken 
von    Muschelschmelz ,    gefüllt    mit    Wasser    von    derselben 
Farbe    der    Tempel    des    Chomschim   Bodhisatwa,   den 
Gesser  in  seinem  zehnten  Jahre  erbaut  hat,  um  die  Wohl- 
thaten    seiner    Eltern    zu    vergelten?    Ist    nicht    das  lasurne 
Becken,  gefüllt  mit  lasurfarbenähnlichem  Wasser  der  Koke 
Naghor?  Ist  nicht  die  alle  Frau,  welche  viele  Kinder  um 
sich  spielen  lässt,  der  Barumra  genannte  Chan^^)  auf  dem 

31)  Yergl  .S.  7,  woselbst  diese  Älitgeburt  Gesser's  unter  dem  Na- 
men Arjawalori  Udgari  erscheint. 

32)  Verraulhlich    ein    hervorragender    Pik  des  Gebirges.     Die  Be- 


—     265      — 

Eiso-ebirge?  Ist  nicht  die  alte  Frau,  welche  viele  Kinder  aus 
ihrer  Nähe  vertreibt,  der  durch  die  Kraft  der  Schrecklichen 
entstandene,  Kighorsun  genannte,  schwarze  Berg?  Sind 
nicht  die  den  Säbel  schwenkenden  zwei  Helden  die  zwei 
Felsen  am  Ursprung  des  Chatun  -  Stromes?  Ist  nicht  das 
einer  Pfeilkerbe  und  einer  Bogensenne  Aehnhche  der  Cha- 
tun-Strom  selbst?"  fiogmo  Goa  dachte  bei  sich:  „Er  ist  in 
der  That  Gesser  selbst!"  Gesser,  der  ihre  Gedanken 
wusste,  bewirkte  durch  magische  Kraft,  dass  sie  ihre  Her- 
kunft und  deren  Ursache. völlig  vergass. 

In  der  folgenden  Nacht  erschien  Gesser 's  magisches 
Kind  und  überfiel  den  Tsaghan  Ger  tu  Chan.  Es  mähte 
die  neun  Fahnen  und  Standarten  nieder,  hieb  die  neun 
Regimentsköche  zusammen  und  trieb  die  neun  Pferdeheer- 
den (der  neun  Hegimente)  hinweg.  Am  Morgen  liess 
Tsaghan  Gertu  Chan  seine  beiden  Brüder  kommen  und 
erzählte  ihnen  mit  Thränen  in  den  Augen^.  ,,0  Weh,  welcher 
sonderbare  Vorfall!  war-- es  vielleicht  eine  magische  Ver- 
wandlung Gesser's?  in  dieser  Nccht  überfiel  es  mich  und 
ist  wieder  davon  gezogen,"  Schimanbirodsa  befahl  hier- 
auf, dass  Bürküd  Chara  Tschissu  -  idektschi  Tu- 
sch im  el  in  Begleitung  von  Oldschibai  ihm  nachjagen 
solUe.  Als  Beide  im  Verfolgen  ihn  einzuholen  im  Be- 
griff waren,  sammelte  Gesser's  magische  Kindverwandlung 
Steine,  steckte  sie  in  den  Busen,  und  rief,  vor  Beide  tre- 
tend, dem  Bürküd  Chara  Tschissu- idektschi  Tü- 
schimel  zu:  ..Du  hast  dich  dadurch,  dass  du  den  T scho- 
ten g  gefangen  hast,  als  einen  ganz  ausgezeichneten  Helden 
bewiesen!"  und  ging  ihm  mit  Steinwürfen  entgegen.  Als 
der  Tüschimel    sich    zurückzog,    kam    ihm    Oldschibai 


nennung   Chan  ist  bei  vielen  Gebirgen   oder  einzelnen  Theilen  der- 
selben gebräuchlich. 


—     266     — 

entgegen  und  empfing  ihn  ebenfalls  mil  Steinwürfen.  „Was 
ist  das,  rief  der  Tüschimel,  луагит  willst  du  mich,  deinen 
Kameraden  tödlen,"  —  „Deines  A^aters  verruchtes  Haupt, 
schrie  Oldschibai,  лүег  bist  du?  ein  verhasster  Feind  bist 
du !"  und  tödlete  ihn,  indem  er  ihm  der  Kopf  mit  Steinen 
zerschmetterte.  Sodann  band  er  ihn  mit  beiden  Füssen  an 
den  Schweif  seines  Pferdes  und  schleifte  ihn,  den  Kopf 
auf  der  Erde  hinter  sich,  während  er  die  Heerde  zurück- 
trieb. Bei  seiner  Zurückkunft  berichtete  er  (den  Chanen): 
„Es  war  gewiss  jener  ruchlose  Gesser;  als  mein  Tü- 
schimel ihn  einholte,  zerschmetterte  er  ihm  den  Kopf  mit 
Sleinvs  iirfen  und  als  ich  hinzukam ,  zog  er  sich  wie  eine 
aufsteigende  blaue  Rauchwolke  gen  Himmel.  Was  konnte 
ich  weiter  mit  ihm  anfangen?  es  blieb  mir  nichts  übrig,  als 
die  Gebeine  meines  Tüschimel s  und  die  Pferdeheerde 
zurückzubringen."  Die  drei  Chane  sprachen:  „Ist  der  Tü- 
schimel todt,  so  ist  er  eben  todt!  gut  ist's,  dass  du  am  Leben 
geblieben  bist.  Nun  gehe  nach  Hause  und  ruhe  dich  aus!' 
Oldschibai  fragte:  „Sollen  die  Gebeine  dieses  meines  Tü- 
schiraels  von  seinen  seit  längerer  Zeit  her  befreundet  gewe- 
senen Brüdern  bestattet  werden,  oder  befehlt  ihr,  dass  ich, 
erst  seit  heute  sein  Freund  und  Gefährte,  sie  bestatte?" 
Die  Chane  erwiederten:  ., Bestatte  du  sie!  wann  werden 
seine  Brüder  kommen!"  Oldschibai  schleppte  hierauf  den 
Leichnam  zum  Zusammenfluss  zweier  Flüsse  und  verscharrte 
den  Kopf  desselben  in  die  Erde,  so  dass  die  beiden  Beine 
aufwärts  gegen  den  Himmel  gestreckt  emporstanden.  Dann 
legte  Gesser  Räucherwerk  auf  und  rief:  ,.Ihr  meine  vielen 
himmlischen  Schutzgeister  und  ihr,  dem  W^ellsystem  an- 
gehörigen  Seelen  meiner  dreissig  Helden!  ich  habe  euch 
hier  mittels  eines  gefangenen  verhasslen  Feindes  ein  Weg- 
zeichen errichtet.  Keisst  allen  Schiraighorschen  Wesen  der 
Reihe  nach  die  Seele  aus  und  esset  euch  satt  an  ihnen !  Diess 


—      267      -" 

sey    eucli    Regel    und    Gesetz!"    Nach    dieser  Beschwörung 
kehrte  er  zurück. 

Rogmo  Goa  wolhe  nochmals  versuchen,  ob  Oldschi- 
bai  in  der  Wirklichkeit  Gesser  sey  oder  nicht.  Sie  stellte 
zu  diesem  Zwecke  zwei  Thronsitze  hin,  einen  goldenen 
und  einen  silbernen  und  hatte  dabei  den  Gedanken :  „Wenn 
er  blos  Oldschibai  ist,  so  wird  er  sich  auf  den  silbernen 
Stuhl  setzen 5  ist  er  aber  nicht  Oldscbibai,  sondern  in 
der  That  Gesser,  so  setzt  er  sich  gewiss  auf  den  goldenen 
Stuhl."  Oldschibai  wusste,  dass  sie  ihn  versuchen  wollte; 
er  erschien  dem  gemäss  in  einer  seiner  magischen  Ver- 
wandlungen als  Gesser;  als  solcher  ritt  er  seinen  magischen 
Braunen,  hatte  seinen  thauschimmerfarbenen  blauschwarzen 
Harnisch  angelegt,  seine  zwei  blilzfarbenen  Schul terbedek- 
kuugen  umgelegt,  den  wie  aus  Sonne  und  Mond  vereint 
zusammengesetzten  weissen  Helm  auf  sein  edlos  Haupt  ge- 
setzt, seine  dreissig  weissen  Pfeile  mit  Kerben  von  Türkis 
und  seinen  straffen  schwarzen  Bogen  eingesteckt.  Als  Ol- 
dschibai kam  er  und  setzte  sich  auf  den  goldenen  Thron- 
sitz; in  seiner  magischen  Verwandlung  als  Gesser  ritt  er 
seinen  magischen  Braunen,  machte  auf  demselben  Sprünge 
und  Sätze  und  stach  mit  seinem  neun  Klafter  langen  schwar- 
zen Schwerte  in  die  Brustwehr  des  Schiraighol'schen  Schloss- 
walles, wobei  er  rief:  „Zwischen  den  iSchiraighol  und 
Tübelern  hat  gar  keine  Feindschaft  bestanden;  war  es  etwa 
die  Verschuldung  des  gehörnten  Zickels?  oder  die  Ver- 
schuldung des  geschwänzten  Füllens?  Aus  welchem  Grunde 
habt  ihr  meine  Gemahlinn  Rogmo  Goa  hieher  entführt? 
Aus  welchem  Grunde  habt  ihr  meinen  Tempel  von  drei- 
zehn Wadschras  geplündert?  meine  zwei  grossen  Samm- 
lungen des  mit  goldener  Schrift  geschriebenen  Kandschur 
und  Tandschur,  meinen  kostbaren  Talisman  Tschin- 
tämani,  meine  schwarze  Kohle  ohne  Riss  und  Sprung  und 
meine  weisse  Pyramide  geraubt?  meine  dreissig  Helden, 
meine  drei  Völkerschaften,    meine    dreihundert  Hauptleule 


—      268      — 

weggeführt?"  Tsoimsun  Goa,  die  Tochter  des  Chara 
Ger  tu  Chan,  ervviedertc  hierauC:  „Du  denkst  vielleicht, 
ein  Mädchen  pflege  sich'  unbefugt  einzumischen;  wisse  aber, 
dass  deine  Rogmo  dir  zurückgegeben  werden  soll,  dass  die 
Stätte  deiner  dreissig  Helden  wieder  errichtet  Averden  soll. 
Dsesse  Schikir,  Schumar  und  iVanlsong  sind  gefallen, 
nachdem  sie  eine  unermessliche  Zahl  unserer  Truppen  ge- 
tödtet  hatten;  diess  mag  also  mit  einander  aufgehen.  Deine 
weisse  Pyramide ,  deine  schwarze  Kohle  ohne  Kiss  und 
Sprung,  dein  mit  Goldschrift  geschriebener  Kandschur 
und  Tandschur,  deine  dreihundert  Hauptleute,  deine 
drei  Volksstämme,  dein  Tempel  von  dreizehn  Wadschras, 
Alles  soll  dir  zurück  erstattet  werden,"  Gesser  schrie: 
,,lch  will  nicht!  es  genügt  mir  nicht!  schafft  mir  meine 
dreissig  Helden  lebendig  herl"  wo  nicht,  so  trifft  euch 
Verderben  und  Schmach!'-  Tsoimsun  Goa  erwiederte: 
„Wie  ist  es  möglich,  todte  Menschen  лvieder  zum  Leben  zu 
erwecken!"  Gesser  aber  schrie  fort:  „Weh  euch!  Weh 
euch!  gebt  mir  meine  dreissig  Helden!  und  stach  dabei 
mit  seinem  neun  Klafter  langen  schwarzen  Schwerte  durch 
die  Brustwehr  des  Schlosswalles,  so  dass  die  drei  Chane 
vor  Schrecken  erstarrten.  Oldschibai  stieg  auf  die  Brust- 
wehr der  Feste  und  suchte  das  neun  Klafter  lauge  Schwert 
zu  fassen,  verfehlte  es  aber.  Unterdessen  stieg  die  Ver- 
wandlung des  Oldschibai  (Gesser)  empor  gen  Himmel. 
Darnach  riefen  die  drei  Schiraighol'schen  Chane:  „Seht 
doch  diesen  Oldschibai;  er  n^  ill  mit  Gesser  aufbeben 
und  Tod  kämpfen!-' 

In  der  folgenden  ]N acht  nahm  Oldschibai  seinen  sech- 
zig Klafter  langen  eisernen  Haken  und  war  im  Begrifl', 
denselben  in  eine  Ecke  der  Gallerie  hakend,  hineinzuklettern, 
als  der  Schutzgeist  des  Tsaghan  Gertu  Chan,  die  Gott- 
heit Lerkün  Tsaghan,  ihn  an  den  Haaren  rücklings  nie- 
derriss.  Der  Fall  machte  dem  Gesser  Schmerzen,  er  lag 
eine  Zeillang,  stand  w  ieder  auf,  hakte  seinen  sechzig  Klafter 


-.     269     — 

langen  eisernen  Haken  abermals  ein  und  kam  in  die  Feste. 
Alsbald  lief  er  in  die  Behausung  des  Tsaghan  Ger  tu 
Chan,  fand  aber  die  Eogmo  Goa  nicht;  sie  war  in  den 
grossen  See  gegangen,  sich  zu  baden.  Rogmo  pflegte,  nach- 
dem sie  eine  Schale  starken  Branntwein  getrunken  und  das 
Herz  eines  Schafes  gegessen  hatte,  sich  schlafen  zu  legen. 
Den  Tsaghan  Gertu  Chan  erwürgte  Oldschibai  auf 
dem  Lager ,  riss  ihm  den  Leib  auf  und  schnitt  ihm  das 
Herz  aus.  Die  Schale  mit  starkem  Branntwein  und  das 
Herz  für  Rogmo  trank  und  ass  Gesser  selbst,  that  dann 
das  Herz  des  Tsaghan  Gertu  Chan  und  dessen  Blut  in 
die  Schale  und  stellte  sie  an  ihren  Ort.  Den  abgeschnitte- 
nen Kopf  des  Tsaghan  Gertu  Chan  legte  er  auf  das 
Kopfkissen  und  überdeckte  ihn  mit  der  Bettdecke;  sodann 
kroch  er  hinter  das  Hausgeräthe  und  legte  sich  dort  nieder. 
Rogmo  Goa  kam,  sie  trank  das  Blut  und  ass  das  Herz 
des  Tsaghan  Gertu  Chan;  sie  sprach:  „Wie  widerlich 
schmeckt  diess !  kommt  es  vielleicht  daher,  dass  ich  sihr 
ermüdet  bin?"'  Dann  rief  sie:  ,, Stehe  auf,  Chänh'  sie  zog 
dabei  die  Bettdecke  zurück  und  der  Kopf  rollte  herunter. 
„O  Weh!"  schrie  Rogmo,  und  auf  diess  Geschrei  kam 
Gesser  hinter  dem  Hausgeräthe  hervor  und  sprach:  „Ha. 
du  bist  Eine,  die  ihres  Mannes  Fleisch  isst  und  sein  Blut 
trinkt I"  Diess  gesagt,  fasste  Gesser  die  Hand  der  Rogmo 
und  zerrte  sie  hinaus.  Als  er  draussen  war,  sagte  er:  „Ich 
habe  meine  Peitsche  vergessen  I"  Er  ging  wieder  hinein 
und  erblickte  das  Kind  des  Tsaghan  Gertu  Chan  in 
seiner  eisernen  Wiege  liegen,  лvie  es  einen  eisernen  Bogen 
mit  einem  eisernen  Pfeile  anzog.  Es  dachte:  „Schiesse  ich 
jetzt,  komme  ich  ihm  vielleicht  zuvor;  schiesse  ich  nachher, 
dann  möchte  es  zu  spät  sej-n."  Gesser,  der  diess  wusste, 
packte  das  Kind  an  beiden  Füssen  und  mit  den  Worten: 
„Ist  es  mein  Kind,  so  fliesse  Milch;  ist  es  aber  das  Kind 
des  Tsaghan  Gertu  Chan,  so  lliesse  Blut!"  schleuderte 
er    es    gegen    den    Thürpfosten.       Es    floss    Blut    und    das 


—     210     -. 

Kind  starb.      Sodann   nahm   er   die    Rogmo    mit  und  ent- 
fernte sich. 

Chara  Gertu  Chan    und    Schira    Gertu   Cliän  sam- 
melten  ihre  ühriggebhebene,  noch    aus  Einer  Million  drei- 
hunderttausend Mann  bestehende,  Streitmacht  und  machten 
sich  zur  Verfolgung  auf.      Schimanbirodsa  ritt  sein  ma- 
gisches weisses  Pferd,    an   dessen   vier   Füssen   vier  eiserne 
Ambosse  befestigt    луагеп   und    dessen  Rücken    ein  eiserner 
Amboss  beschwerte,  und  holte  ihn  (Gesser)  ein.    Da  rief 
ihm    der  Herrscher    in    den  zehn  Gegenden,    der    heilbrin- 
gende, heldenmüthige  Bogda   Gesser  Chaghan   entgegen: 
„Bist   du   gekommen,    zu    tödteu    oder    um  dich  tödten  zu 
lassen?    bist    du    gekommen,    um   zu    siegen   oder   um    be- 
siegt zu  werden?"  Schimanbirodsa  erwiederte:  „Ich  bin 
nicht  gekommen   um    zu  tödten:    was    soll    ich    aber   sitzen 
und   überlegen,    nachdem  mein  älterer  Bruder  mir  getödtet 
ist!    Ich  halte    den    Ruf   eines    im    Kampfe    Gefallenen    für 
besser  als  den  eines  in  müssiger  Unthatigkeit   Gestorbenen  5 
deswegen  bin  ich  hergekommen!"    Gesser    Chaghan    er- 
wiederte: „Der  du  zum   Kampfe   gekommen    bist,    schiesse 
als  geschickter  Bogenschütze^  ich   will   als   Held   Stich  hal- 
len!" Diess  gesagt  stieg    Gesser   Chaghan    ab  und  stellte 
sich,    als   verlängere   er   seine    Steigbügel,    er  verkürzte  sie 
aber.      Nun  spannte    Schimanbirodsa  den  Bogen  mit  ei- 
nem  Pfeile,    dessen    Spitze    so    breit    wie    eine    Handtläche 
ЛУаГ5    er    schoss    und    der  Pfeil  fuhr  mit  Geräusch  zvvischen 
den  Beinen    Gesser  Chaghan's  hindurch.   Sodann   spracli 
Gesser:  „Mein  Dsessejst  grimmig;  er  will  dein   Fleisch 
essen!"    Diess  gesagt  durchschoss  er  ihm  die   Blase,    stürzte 
auf  ihn  zu  und  hieb  dem  Schimanbirodsa  den  Kopf  ab, 
welchen   er  seinem  magischen  Braunen   um   den   Hals  hing. 
Nun  kehrte  Gesser  Chaghan,   seinen  magischen  Brau- 
nen reitend,  zurück-,  er  sprach  zu  sich:    „Meine  Grossmut- 
ler  Absa  Gürtse  und  der  Gott  Chormusda  mein  Vater 
sagten  mir,  dass  während  meines  Aufenthalts  auf  Erden  ich 


—     211     — 

In  zwei  grosse  Kriege  verwickelt  werden  würdet  sie  ga- 
ben mir  damals  ein  eisernes  Messer  und  ein  goldenes 
Kästchen."  Als  er  dieses  öflnele  und  hineinsähe,  fand  er 
darin  eine  eiserne  Kugel  und  eine  Wespe.  Er  Hess  die 
Kugel  los  und  sie  fuhr  den  Feinden  durch  die  Ohren-,  er 
Hess  die  Wespe  los  und  sie  stach  den  Feinden  die  Augen 
aus.  Schira  Ger  tu  Chan  tappte,  des  Gesichtes  berauht, 
umher.  Da  sprach  Gesser  Chaghan:  „Mein  magischer 
Brauner !  diese  Million  dreihunderttausend  Mann  zu  Brei 
zusammenzutreten  ist  deine  Sache-,  sie  mit  meinem  neun 
Klafter  langen  schwarzen  Schwerte  zusammenzuhauen  ist 
meine  Sache  !"  Diess  gesagt,  stürzte  er  sich  unter  die 
Feinde;  der  magische  Braune  trat  sie  zu  Brei  und  das 
schwarze  neun  Klafter  lange  Schwert  hieb  sie  zusammen. 
Das  Geschlecht  der  Schiraighol  rottete  er  mit  der  Wurzel 
aus;  Die  Weiber  und  Kinder  führte  er  gefangen  hinweg. 
Den  kostbaren  Talisman  Tschintämani,  die  schwarze 
Kohle  ohne  Riss  und  Sprung,  den  mit  Goldschrift  geschrie- 
benen K  a  n  d  s  c  h  u  r  und  Tandschur,  die  dreihundert 
Hauptleute,  die  dreissig  Helden,  die  drei  Vulksstämme,  den 
Tempel  von  dreizehn  W  a  d  s  c  h  r  a  s  ,  Alles  erwarb  er 
zurück. 

Nun  trat  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden  Ges- 
ser Chagliau  den  Rückweg  in  sein  Land  an.  Er  hatte 
das  Herz  des  Ohara  Gertu  Chan  Seh imanbirodsa  mit- 
genommen und  gab  es  seinem  Dsesse  zu  essen;  er  sprach 
zu  ihm:  „Mein  Dsesse,  wenn  du  wieder  mein  Freund 
und  Gefährte  werden  willst,  so  werde  ich  dich  in  deinen 
frühern  Körper  umwandeln;  wenn  du  diess  aber  nicht 
willst,  sondern  lieber  bei  meinem  Vater,  dem  Gotte  Chor- 
musda,  wiedergeboren  zu  werden  wünschest,  so  werde 
ich  deine  Geburt  daselJist  besorgen."  Hierauf  erwiederte 
»Dsesse:  „Ich  habe  mich  und  meine  Kräfte  so  lange  dei- 
nem Dienste  gewidmet;  sollte  ich  nun  wieder  den  mensch- 
lichen   Körper    bekommen,    so  möchte  es  vielleicht  schwer 


—     212     — 

seyn,  ihn  in  der  zukünftigen  Wiedergeburt  zu  erhalten  Ich 
ziehe  es  daher  vor,  bei  deinem  Vater,  dem  Gölte  Chor- 
rausda,  in  der  Höhe  wiedergeboren  zu  werden."  Diesen 
Entschluss  genehmigte  Gesser  und  beförderte  die  Seele 
des  Dsesse  zu  seinem  Vater,  dem  Gölte  Chormusda. 

Darnach  zerschlug  er  (Gesser)  der  Rogmo  Goa  eine 
Hand  und  einen  Fuss  und  überlieferte  sie  einem  achtzig- 
jährigen Schafhirten.  Als  Rogmo  solche  Qualen  erdulden 
musste,  rief  sie:  „Wenn  mich  doch  die  Teufel  und  Un- 
holde holten!"  Durch  die  Macht  dieses  verkehrten  schwar- 
zen Fluches  kamen  die  Teufel  und  Unholde,  vergruben 
ihren  Hinterlheil  im  Eise,  warfen  ihre  Brust  in  den  Fluss 
und  setzten  ihre  Eingeweide  der  Sonnenhitze  aus.  Die 
Seele  der  Rogmo  Goa  verwandelte  Gesser  Chagh an  in 
einen  gelben  Ziegenmelker.  In  einem  schwarzen  Halbzelte 
halte  derselbe  eine,  schwarze  Ziege  und  lebte  von  der  Milch 
dieser  Ziege,  ein  Schälchen  voll,  und  von  der  Buller  dieser 
Milch,  ein  Stückchen  von  der  Grösse  eines  kleinen  Fro- 
sches. Von  oben  herab  rief  Dsesse  dem  Gesser  zu: 
„Mein  Gesser  Ghaghan,  diese  Rogmo  ist  dir  zweimal 
und  mir  einmal  nützlich  gewesen;  in  Anerkennung  davon 
stelle  sie  wieder  her  und  nimm  sie  zu  dir!"  Gesser  er- 
wiederte:  „Mein  Bruder  Dsesse  hat  Recht;  ich  will  sie 
wieder  herstellen  und  zu  mir  nehmen. "  Hierauf  ging  der 
weise  Gesser  Ghaghan  in  das  schwarze  Halbzeit,  nach- 
dem er  sich  in  die  Gestalt  eines  Andern  verwandelt  hatte, 
biss  in  das  Stückchen  Butter  von  der  Grösse  eines  kleinen 
Frosclies  und  berührte  mit  dem  Ende  seines  Bartes  die 
Milch  in  der  Schale;  alsdann  versteckte  er  sich.  Die  ver- 
\vandelte  Seele  der  Rogmo,  der  gelbe  Ziegenmelker  mit 
schwarzem  Vorderkopfe,  kam  und  setzte  sich  auf  den  Kranz 
des  Rauchfanges.  Er  sprach:  „Die  Bissspur  in  dieser  mei- 
ner Butter  hat  Aeliuliciikeit  von  dem  Abdruck  der  Zälmo 
meines  Gessers.  die  Bartspur  auf  der  Oberfläche  meiner 
Milch  hat  Aehnlichkeit    von    dem    Barte    meines  Gessers. 


^    21Z     — 

Ah,  mein  Bogda,  wenn  du  es  wärest!  bist  du  aber  ein 
Fremder,  so  werde  meines  Gleichen!"  Gesser,  der  die 
Rede  verstand,  warf  seine  eiserne  Schlinge  und  fing  den 
Ziegenmelker.  Nachdem  er  ihn  gefangen  hatte,  sammelte 
er  die  zerstreuten  Körpertheile  der  Rogmo.  Als  er  sie 
beisammen  hatte ,  stellte  er  sie  in  ihrer  frühern  Gestalt 
лvieder  her  nach  dem  Wunsche  des  Dsesse.  Sodann  nahm 
der  weise  Gesser  Chaghan  die  Rogmo  mit  sich  und 
kam  nach  Nulum  Tala  in  sein  Land.  Der  kostbare 
Tschintämani,  die  schwarze  Kohle  ohne  Spruug  und 
Riss,  die  zwei  grossen  Sammlungen  des  mit  Goldschrift 
geschriebenen  Kandschur  und  Tandschur,  der  Tempel 
mit  dreizehn  Wadschras,  Alles  wurde  erneut  und  herge- 
stellt. Umgeben  von  seinen  dreissig  Helden,  seinen  drei- 
hundert Hauptleuten,  seinen  drei  Völkerschaften  und  ihren 
zahlreichen  Nachkommen  lebte  er  ruhig  in  Götterfreude. 


SECHSTES   GAPITEL. 

Gesser  wird  durch  List  einfs  feindseligen  Zauberers  in 

EINEN   Esel   verwandelt.      Seine   Freunde   verschaffen 

IHM  durch    Zaubermittel    wieder    die    Menschengestalt 

und  er  nimmt  Rache  am  Zauberer. 


Während  Gesser  Chaghan  Freude  und  Vergnügen 
genoss,  geschah  es,  dass  eine  magische  Verwandlung  des 
mit  zehn  Kräften  ausgerüsteten  Riesen  in  der  Gestalt  eines 
grossen,  verdienstvollen,  heiligen  Lama  erschien.  Er  kam 
mit  einer  Menge  von  Kostbarkeiten  und  Schätzen.  Rogmo 
Goa  sprach  zu  Gesser:  „Diess  ist  ein  grosser  Heiliger! 
lasst  uns  Beide    hingehen    und    uns  vor   ihm    verbeugen!" 

18 


-     2T4     — 

Cesspr  ervvle^erlo:  „Wenn  er  zufällig  hergekommen  ist, 
so  mag  er  zu  mir  in  mein  Hans  kommen*,  wenn  er  gekom- 
jnen  seyn  \vircl.  werde  ich  ihm  meine  Л  erhengung  machen, 
ich  aber  gehe  nicht  zu  ihm.  Hast  du  Lust,  so  gehe  hin 
und  verheuge  dich!"  Rogmo  Goa  war  es  zutVieden  und 
ging  hin.  Als  sie  znm  Lama  kam,  verlieugte  sie  sich  und 
Hess  sich  von  ihm  dessen  Rosenkranz  auf  das  Haupt  legen. 
Darnach  holte  der  Lama  alle  seine  Koslharkeilen  und  Schätze 
hervor  und  zeigte  sie  der  Kogmo  Goa.  Diese  sprach: 
,, Woher  hat  der  Lama  alle  diese  Keichlhümer  und  Kost- 
barkeiten!" Der  Lama  ervviederte:  ,,De!n  Hewscher  in  den 
zehn  Gegenden  Gesser  Chaghan  mag  wohl  alle  Kost- 
barkeiten und  Schätze  l^esitzen:  ich  besitze  sie  nicht!"  Dar- 
nach verbeugte  sich  Kogmo  Goa  und  ging  nach  Hause. 
Dort  angelangt  sprach  sie  zu  Gesser:  ,.Dieser  Lama  besitzt 
einen  unerschöplHchen  Schatz  von  Kostbarkeiten-,  gehe  doch 
hin  und  verbeuge  dich  vor  ihm!"  Gesser  erwiederte:  „Was 
soll  er  mit  mir!  Nimm  du  mein  ganzes  Volk  mit  und  ver- 
beuge dich!"  Rogmo  Goa  nahm  das  Volk  mit  und  kam 
zur  Verbeugung.  Nachdem  diess  geschehen  war,  theilte  der 
Lama  alle  seine  Schätze  sowohl  an  die  Rogmo  Goa  als  an 
das  Volk  zu  Jedermanns  Zufriedenheit  aus.  Darnach  fragte 
der  Lama  die  Rogmo  Goa:  „Willst  du  meine  Hausfrau 
werden?"  Rogmo  erwiederte:  „A^ermagst  du  den  Gesser 
zu  besiegen?  wenn  du  das  vermagst,  so  will  ich  deine 
Hausfrau  werden."  Der  Lama  versetzte:  ,, Durch  irgend 
eine  List  vermöchte  ich  es  wohl,  ihn  zu  besiegen;  schaÖe 
du  ihn  mir  durch  irgend  einen  Kunstgriff  her!  ich  werde 
dann,  unter  dem  Scheine  ihm  den  Segen  zu  geben,  ihn 
in  einen  Esel  umwandeln."  Rogmo  Goa  gab  hiezu  ihre 
Einwilligung.  Nachdem  sie  zu  Hause  gekommen  war,  sprach 
sie  zu  Gesser:  „Es  ist  ein  ausgezeichnet  wundervoller 
magischer  Lama!  Unsern  Armen  und  Hülfsbodürftigcn  hat 
er  seinen  ganzen  Schatz  zu  ilirer  vollen  Befriedigung  ge-- 
spendet;    es  ist  ein  ganz  ausnehmend    sanftmüthiger,    barm- 


—     215     - 

herziger,  heiliger  Lama!  Komm  doch  mit  und  verbeuge 
dich  vor  ihm!  nach  der  Verbeugung  empfangen  wir  seine 
Güter  und  seinen  Segen."  Gesser  erwiederle:  „Wohlan, 
so  wollen  wir  uns  verbeugen  und  den  Segen  empfangen !' ' 
Er  begab  sich  zum  Lama,  verbeugle  sich  und  Avährend  er 
sich  den  Se^en  wollte  ertheilen  lassen,  nahm  der  Lama  ein 
gemaltes  Eselbild  und  legte  es  auf  Gessers  Scheitel,  wo- 
durch er  ihn  augenblicklich  in  einen  Esel  umwandelte. 
Nachdem  diess  gfeschehen  \\ai\  nahm  der  mit  zehn  Kräften 
ausgerüstete  Kiese  die  Roomo  zu  sich  und  Gesser  wurde 
mit  allerlei  teuflischem  Unrath  beladen. 

Zu  der  Zeit,  als  Gesser  zum  Esel  umgewandelt  und 
als  solcher  gebraucht  wurde,  traten  Leseskülenglu  Mer- 
gen  Kja,  der  alte  Tsargin,  Laitschab,  der  Sohn  des 
Dsesse,  und  alle  drei  Л  ölkerschafleu  zusammen  und  be- 
ralhschlagten  sich.  Sie  sprachen:  „Lasern  Gesser  hat  die 
magische  Vervvandlung  des  Riesen,  der  Lama,  in  einen  Esel 
umgewandelt;  wer  von  uns  vermöchte  es  wohl,  ihn  zu 
besiegen?  wohl  Niemand  anders  "als  Gesser "s  Gemahlinn 
Adschu  Mergen."  Demgemäss  wurde  Üeseskülengtu 
Mergen  Kja  zur  Adschu  Mergen  Chatun  abgeferligl. 
In  einem  einzigen  Monate  gelangte  er  an  ibren,  eine  Ent- 
fernung von  zehn  Monaten  Reise  betragenden,  Aufenthaltsort. 
Bei  seiner  Ankunft  erzählte  L  eseskülen  glu  Mergen  ^.ja 
Alles  was  sich  zugetragen  hatte.  Adschu  Mergen  erwie- 
derte:  „Wer  ist  der  Gesser  Chaghan  Genannte?  wer  ist 
der  Ueseskülengtu  Mergen  Kja  Genannte?"  Diess  ge- 
sagt, ging  sie  ins  Haus  und  verschloss  ihre  Thüi'e.  Nach- 
dem UseskülengLu  Mergen  Kja  drei  Wochen  rubig 
geharrt  hatte,  kam  Laitschab,  der  Sohn  des  Dsesse  an. 
Er  rief:  „Auf  meinen  Oheim,  den  Herrscher  in  den  zehn 
Gegenden,  den  heilbringenden  trefflichen  Gesser  Cha- 
ghan wird  unaufhörlich  nichts  als  teuflischer  jUnialh  gela- 
den, so  dass  ihm  seine  Eselslunge  schon  ausgegangen  und 
er  dem  Tode  nahe  ist!  Oh  Weh,  O  Weh,  Adschu  Mer- 

18* 


gen,  meine  МаЬше,  was  machst  du!  Komm  doch  aufs 
baldigste'.-'  Durch  Lailschab's  Worte  wurde  Adschu 
Mergen  erweicht  und  wcinle;  sie  liess  nun  Beide  ins  Haus. 
An  ihrem  Spiesse  scheuerte  sie  einen  ganzen  Monat  lang; 
um  ilire  Waffen  zu  scheuern  und  in  Ordnnng  zu  bringen, 
brauchte  sie  für  jedes  Slüek  einen  Monat  Endlich  war  sie 
zumAufbrucli  fertig;  sie  sprach:  ,.Mein  Laitschab,  bleibe 
du  hier;  du  bist  noch  zu  klein,  um  mir  bei  meiner  Un- 
ternehmung von  Nutzen  zu  seyn.  Du  aber,  Ueseskülengtu 
Mergen  Kja,  kannst  du  mein  Unternehmen  ausführen 
helfen?'-  Antwort:  „Ich  hoffe  es  zu  können."  Adschu 
Mergen  versetzte:  ..Nein,  du  kannst  es  nicht!"  sie  winkle 
hierauf  dreimal  mit  der  Hand,  verwandelte  dadurch  den 
Ueseskülengtu  Mergen  Kja  in  eine  kleine  Schnecken- 
muschel und  steckte  ihn  in  ihre  Tasche,  worauf  sie  den 
Weg  antrat. 

Als  Adschu  Mergen  nahe  am  Ziel  ihrer  Keise  war, 
verлvandelle  sie  sich  in  die  ältere  Schwester  des  mit  zehn 
Kräften  ausgerüsteten  Riesen.  Mit  Ungeheuern  Glotzaugen, 
mit  Augenbraunen,  die  bis  auf  die  Brust  herabhingen,  mit 
bis  auf  die  Knie  herabhängenden  Brüsten,  mit  gefletschten 
Zähnen  und  sich  auf  einen  neun  Klafter  langen  Stab  stützend, 
kam  sie  л'ог  die  Schlosspforte  des  Riesen.  Zum  Thorhütei- 
sprach  sie:  „Ich  bin  die  ältere  Schwester  des  mit  zehn 
Kräften  ausgerüsteten  Riesen ;  da  mir  zu  Gehör  gekommen 
ist,  dass  er  den  Gesser  besiegt  habe,  so  bin  ich  gekommen, 
ihn  zu  besuchen.  Gehe  hin,  mein  Freund,  und  berichte 
meinem  Bruder  diese  meine  Worte!"  Der  Thürhüter  ging 
hin  und  stattete  seinen  Bericht  ab.  Der  Riese  fragte  nach 
Gestalt  und  Aussehen,  und  der  Thürhüter  gab  davon  eine 
vollständige  Beschreibung.  Daraufhin  erklärte  der  Riese, 
dass  es  wirklicli  seine  Scliwester  sey  und  gab  den  Befehl, 
sie  einzulassen,  worauf  die  Alte,  auf  ihren  schwarzen  Stab 
gestützt,  eintrat.  Der  Riese  ging  ihr  entgegen,  empfing  sie 
und  führte  sie  zum   obern  Sitze.     Nachdem  sie  sicli  gesetzt 


—      211      — 

hatLe,  sprach  die  Alle:  „Wo,  mein  Lieber,  ist  die  Gemahlinn 
Ge  SS  er 's,  die  du  ihm  abgenommen  hast?  ich  möchte  sie 
sehen."  Der  Riese  gab  seine  Einwilligung,  und  stellte 
ihr  die  Rogmo  vor.  Als  sie  hereinkam,  betrachtete  die 
Alte  sie ,  die  Hand  über  den  Augen  haltend  und  rief 
dann :  „Oh ,  diess  ist  also  die  R  o  g  m  o  G  o  a  C  h  a  t  u  n 
genannte  neunfache  D  a  k  i  n  i  -  A^erwandlung !  Wie  schön, 
wie  herrlich!-'  Nachdem  sie  die  Kognio  besehen  und  be- 
wundert, sprach  sie:  „Tritt  doch  näher,  meine  Schwägerinn, 
und  bewillkomme  deine  Schwester!"  Nach  der  Begrüssung 
sprach  der  Riese:  „Meine  Schwester!  da  du  von  weit  her- 
gekommen bist,  so  besehe  dir  Alles!  Sehe  dir  Alles  an,  was 
ich  erbeutet  hal^e  und  nimm  davon,  was  dir  gefällt!"  Die 
Alte  ging  und  besah  sich  Alles-,  als  sie  damit  fertig  war, 
kam  sie  zurück  in  das  Haus  ihres  Bruders  und  sprach : 
,,Wie  schön,  wie  herrlich,  mein  Theurer,  ist  Alles!  ich 
bin  entzückt  von  dem,  was  ich  gesehen  habe!  Ich,  deine 
alte  Schw  estei-,  bin  durch  den  Anblick  aller  deiner  schönen 
Sachen  zufriedengestellt.  Nun  will  ich  wieder  den  Heim- 
weg antreten!''  Der  Riese  versetzte:  „Nimm,  meine  Schwe- 
ster, von  meiner  Beute,  was  dir  gefällt!"  Die  Alte  erwie- 
derte:  ,,Ich  alte  Frau  bedarf  aller  dieser  Sachen  nicht  ^  gib 
mir  aber  deinen  schwarzen  Esel,  so  werde  ich,  ihn  reitend, 
bequemer  nach  Hause  kommen."  Der  Riese  entgegnete: 
„Was  ist  daran  gelegen,  meine  Schwester;  ich  überlasse  ihn 
dir."  Hierauf  bemerkte  Rogmo  Goa:  ,,0h,  mein  Mann, 
weisst  du  als  Riese  es  etwa  nicht?  Was  Gesser  nicht  sieht 
und  wäre  es  Gras;  auch  in  Gras  kann  er  sich  verwandeln. 
Mit  einem  Wort,  er  verwandelt  sich  in  Alles  was  er  sieht. 
Gewiss  ist  diess  hier  eine  magische  A'^erwandlung  Gesser's, 
wo  nicht,  so  ist  es  eine  magische  Verwandlung  der  A- 
ds'chu  Mergen, "  Die  Alte  versetzte:  „Ich  sehe  es,  lieber 
ist  dir  das  schwarzgallige  Weib,  als  ich,  deine  Blutsfreun- 
dinn!"  Diess  gesagt  fiel  sie  hin  und  wälzte  sich  auf  der 
Erde.     Der  Riese    sprach:    „Stehe  auf,  Schw^ester,   warum 


—     278      — 

solllest  flu  um  solcher  Kleinigkeit  willen  sterben!  ich  werde 
<lir  den  Esel  geben  I"  Die  Alte  stand  auf  und  der  Гисяе 
sprach  zu  ihr:  „Du  weisst  es  nicht,  meine  Schwester^  der 
Esol  ist  eine  Umwandlung  Gesser's;  die  Ursache,  warum 
ich  ihn  dir  nicht  geben  wollte,  ist  die,  dass  man  nicht 
weiss,  in  was  Alles  Gesser  sich  verwandeln  kann."  Die 
Alte  erwiederte:  ..Eben  deswegen,  weil  es  dein  verhasster 
Feind  ist,  so  übergib  ihn  mirl  ich  werde  ihn  schon  zu  be- 
bandcln  wissen."  Der  Riese  versetzte:  „Wenn  dem  so 
ist,  so  nimm  ihn,  meine  5сЬлүе51ег1"  und  übergab  ihr  deu 
Esel.  Nachdem  diess  geschehen  war,  sprach  ilogmo  Goa: 
„Du  hast  ihn  nun  aus  den  Händen  gegeben  5  schicke  aber  (aus 
A^orsicht)  einen  deiner  Schulzgeister,  in  zwei  Raben  ver- 
wandelt, zur  Begleitung  mit!"  Der  Riese  genehmigte  diesen 
A'orschlag  und  schickte  die  Raben  als  Begleiter  mit. 

Die  Alte  trat  nun,  den  Esel  führend,  ihren  Weg  an, 
und  die  beiden  Raben  blieben  ihr  stets  zu  beiden  Seiten, 
sie  mochte  wandern  oder  ruhen.  Indem  sie  solchergestalt 
den  Esel  fortführte,  gelangte  sie  zum  Schlosse  der  Schwe- 
ster des  Riesen.  Die  vordere  Hälfte  des  Esels  befand  sich 
bereits  innerhalb  des  Thores,  die  hintere  Hälfte  noch  aus- 
serhalb, da  kehrten  die  Raben  um.  Zu  Hause  angelangt, 
berichteten  sie  dem  Riesen:  „Sie  ist  es  wirklich:  sie  ist  in 
ihrem  Schlosse  angelangt!"  Der  Riese  erwiederte:  ,,Gut!" 
und  war  beruhigt. 

Die  Alte  führte  ihren  Esel  A^eiter  und  liess  sich  bei 
den  Unterthauen  des  Riesen  nieder.  „Ich  bin,  sprach  sie, 
die  ältere  Schwester  des  Riesen;  sorgt  dafür,  dass  mein 
Esel  gehörig  Wasser  und  Ileu  bekomme!"  In  der  folgen- 
den Nacht  schaß'te  sie  ihrem  Esel  den  Unrath  aus  dem 
Leibe,  dann  begab  sie  sich  früh  Morgens  mit  ihm  zu  ihrem 
Vater,  dem  Drachenfürsten,  woselbst  sie  den  Esel  mit  vie- 
lerlei gesegneten  Speisen  fütterte-,  davon  wurde  der  Esel 
zu  einem  ausgetrockneten  schwarzen  Kinde.  Dieses  wurde 
in  heilsamem  Wasser  gebadet  und  mit  verschiedeneu  Speisen 


—     219      — 

gespeist,  wodurch  der  Herrscher  iu  den  zehn  Gegendeu, 
der  vvohlthälige  und  üefFJiche  Bogda  Gesser  Chaghan 
seine  frühere  Gestalt  bekam. 

Nun  verabredeten    Gesser  und   Adschu   M  er  gen  mit 
einander,    sich    gegenseitig  jeden   Morgen   auf  der   Jagd  zu 
versuchen.      Als    sie    an    einem    der   folgenden  Morgen  auf 
der  Jagd  лүагеп,  sprach  Adschu  Mergeu:   „Jenseils  dieses 
gelblich  -  Aveissen   Höhenzuges  werden  wir  einer  Hirschkuh 
mit  gelblich- weisser  Blässe   begegnen 5   wenn   diese    dir   in 
den  Schuss  kommt,    so   verfehle  ja  nicht,    sie  in  die  Slirn- 
blässe    zu    treffen!"    In    der   That    begegnete   ihnen   die  be- 
zeichnete Hirschkuh.   Gesser  verfolgte  sie  und  durchschoss 
die  Blässe  ihrer  Stirne  dergestalt,  dass  das  Eisen  des  Pfeils 
am  Hintern  hervorkam.      Die  Hirschkuh  floh  mit  dem  Pfeil 
im  Leibe  davon  und  lief  in  das  Schloss   der  Schwester   des 
Riesen.      Gesser    und    Adschu    Mergen    verfolgten    sie 
Beide  und  im  Begriffe  sie  einzuholen,  fanden  sie  das  Thor 
bereits  verschlossen.     Da  nahm  Gesser  sein  stählernes  Beil 
von  drei  und    neunzig  Tsching,  zerschmetterte  damit    das 
Thor  und  trat,  (nebst  Adschu    Mergen)    hinein.      Sodann 
verwandeile  er  sich  in  einen  schönen  Knaben,  ging  hin  und 
fand  die  alte  Schwester  des  Hiesen  mit  einem  Pfeüe  durch- 
bohrt,   der    ihr  durch    die  Stirne   ging   und   am   HinLerende 
des    Körpers    hervorkam,    und    in    der    Art    eines    Hundes 
sitzen.     Die  Alle  sprach  zum  Knaben;    ,,Isl   diess  ein  Pfeil 
der    Assuri?    ist   es    ein   Pfeil    der   Drachenfürsten?   ist   es 
ein  Pfeil  der    Götter.?    oder  ist  es    gar  Gesser 's  Pfeil?    Ö 
ЛУеЬ,  wie  kann  ich  das  erkennen !"  Der  Knabe  erwiederte : 
„Mütterchen,  den  in  dir  steckenden  Pfeil  will  ich  ausziehen^ 
wenn   ich    ihn    ausziehe,  wirst  du   da  meine  Hausfrau  wer- 
den?"   Die  Alte  entgegnete:    „Ja,    ich  Avill  deine  Hausfrau 
werden.''     Der    Knabe  sprach:    „So   schwöre!-'    Sie    schwor 
und    er    zog   ihr  den  Pfeil  aus.     Aber   kaum  hatte   er   den 
Pfeil  ausgezogen,    so    verschlang  die  Alte  den    Gesser  so- 
wohl als  die  Adschu  Mergen.    Da  sprachen  Beide,  Gesser 


—     280      — 

iiud  Adschu  Mergen  aus  ihrem  Innern  гп  ihr:  „Hat- 
test du  nicht  geschworen?  warum  versclilingst  du  uns  ? 
Schaffe  uns  gleich  wieder  hinaus,  wo  nicht,  so  werden 
лухг  dir  einen  Blutlauf  bewirken  und  uns  durch  deine  bei- 
den Niereu  bohren"  Die  Alte  sprach:  ,ЛЬг  habt  Recht!" 
und  spie  Beide  aus. 

Nun  machte  Gesser  sich  auf  den  AVeg,  лүо  sein  AVeib 
und  der  Kiese  wohnten.  Als  Gesser  hinkam,  verwan- 
delte der  Piiese  sich  in  einen  Wolf  und  nahm  die  Flucht. 
Gesser  verwandelle  sich  in  eineu  Elephanten  und  jagte 
ihn.  Im  Begriffe  den  Riesen  einzuholen,  verwandelte  dieser 
sicli  in  einen  Tiger  und  floh  weiter.  Gesser  verwandelte 
sich  in  einen  Löwen  und  setzte  ihm  nach.  In  dem  Augen- 
blicke, da  er  den  Riesen  einholte,  verwandelte  dieser  sich 
in  einen  Schwärm  Fliegen  und  Mücken.  Während  Gesser 
beschäftigt  war,  diese  durch  einen  Kreis  von  Asche  aufzu- 
halten, brachen  sie  hier  und  dort  durch  und  nahmen  ihre 
Zuflucht  in  das  Schloss  der  Schwester  des  Riesen.  Daselbst 
verwandelte  dieser  sich  in  einen  ehrwürdigen,  von  fünftau- 
send geistlichen  Schülern  umgebenen  Ober-Lama.  Als  Ges- 
ser diess  erfuhr,  gab  er  dem  Lama  folgenden  Traum  ein: 
„Morgen  früh  wird  ein  sehr  kluger,  geistvoller  und  dabei 
ausnehmend  schöner  Schüler  zu  dir  kommen.  Wenn  er 
kommt,  so  nimm  ihn  gütig  und  zuvorkommend  auf;  er  wird 
dein  bester  Schüler  werden!"  Nachdem  Gesser  dem  Lama 
diesen  Traum  eingegeben  hatte,  legte  er  selbst  sich  schlafen. 
Am  folgenden  Morgen  früh  stand  er  auf  und  kam  zur  ge- 
hörigen Zeit  zum  Lama.  Als  der  Lama  ihn  erblickte,  sprach 
er:  „Das  ist  die  Erfüllung  meines  in  dieser  Nacht  geträum- 
leu  Traumes!"  und  machte  ihn  zum  Ersten  aller  seiner 
fünftausend  Schüler. 

Der  Lama  verfertigte  verderbliche  Zauberzeichen  gegen 
Gesser's  Land  und  Gegend-,  er  gab  sie  seinem  ersten 
Schüler  mit  dem  Auftrage:  „W^irf  sie  hin  mit  der  A'^erwün- 
schung,  dass  Menschen  und  Vieh   in  Gesser's  Lande   von 


—     281     — 

Krankbeilen  und  Seuchen  heimgesucht  werden  möchten! 
dass  teuflische  Einflüsse  und  Plagen  daselhst  kein  Ende 
nehmen  möchten!"  Der  Knabe  warf  die  Zauherzeichen  hin 
mit  den  Worten:  „Möge  Segen  und  Heil  in  Gesser's 
Lande  festen  Sitz  behaUeii !  möchte  doch  im  Lande  des  Rie- 
sen vom  heutigen  Tage  an  dem  Lama  das  Haupt  versengt 
Averden^  möchten  doch  unter  dem  A'^olke  des  Landes  Un- 
glück, Verderben,  teuflische  Einflüsse  und  alle  Gräuel  un- 
aufhörlich fortdauern!"  Einer  der  Schüler  hörte  diese  Worte 
und  hinterbrachte  sie  dem  Lama;  er  sprach:  ,, Jener  Schü- 
ler hat  für  die  Gegenpartei  Segenswünsche  gesprochen  und 
gegen  uns  A^erwüuschungen  ansgeslossen."  Als  der  erste 
Schüler  kam,  sprach  der  Lama  zu  ihm:  „So  eben  war  ein 
Schüler  hier  uud  berichtete  von  dir,  du  habest  Tübet  ge- 
segnet und  uns  verwünscht."  Der  Schüler  erwiederte:  „Wie 
wäre  das  möglich !  der  Gegenpartei  habe  ich  Fluch,  unserer 
Partei  aber  Segen  bereitet."  Der  Lama  versetzte:  „Er  sieht 
dich  Wühl  mit  neidischen  Augen  an,  weil  du  über  ihn  ge- 
setzt bist.  Sollte  er  wieder  mit  ähnlichen  Klagen  kommen, 
so  soll  er  ohne  weiteres  dafür  büssen  I" 

Darnach  sprach  der  ehrwürdige  Lama:  „Ich  möchte  mir 
ein  Haus  zu  stillen  Bussübungen  bauen  j  wie  würdest  du  ein 
solches  Haus  bauen?"  Der  Schüler  erwiederte:  „Ich  werde 
schon  wissen,  wie  es  gebaut  werden  soll."  Der  Lama  ver- 
setzte: „Gut,  so  baue  es!"  Der  Schüler  baute  das  Haus  л^оп 
Schilf  und  umwickelte  jeden  Schilfstängel  mit  in  Oel  ge- 
tränkter BaunnvoUe;  er  vei'sorgte  das  Haus  mit  Thüre  und 
Rauchfang  und  baute  es  so  dicht,  dass  nirgends  eine  Nadel- 
spitze durchdringen  konnte.  Sodann  kam  er  zum  Lama  und 
berichtete:  „Das  Haus  ist  fertig;  der  Lama  geruhe,  sich  da- 
hin zu  erheben  und  es  zu  beziehen!"  Der  Lama  sprach  zu 
seinem  Hauptschüler:  „Seit  jenem  Tage  sieht  dich  jener 
Schüler  beständig  mit  neidischen  Augen  an;  darum  jage  alle 
fünftausend  Schüler  von  hier  fort!"  Der  Hauptschüler  be- 
folgte den  Befehl  seines  Lama  und  jagte    sie  sämmllich  fort. 


— -     282      — 

Von  nun  an,  sprach  der  Lama,  wirst  du  mir  meine  Mahl- 
zeit und  meinen  Thee  in  gebührlicher  AVeise  reichen.'. 
Antwort:  „Mit  Vergnügen!  warum  sollte  ich  nicht!"  Wäh- 
rend nun  der  Lama  (innerhalb  des  Hauses)  in  Beschauungen 
verlieft  sass,  zündele  der  Schüler  die  Enden  des  Schilfes 
mit  Feuer  an,  wodurch  plötzlich  ein  furchtbarer  Brand  ent- 
stand. Als  Mensch  schrie  er  (der  Lama),  als  Wolf  heulte 
er,  als  Fliegen  summte  und  schuurile  er,  mussle  aber 
vollständig  verbrennen.  Das  ganze  Geschlecht  des  Schimnu 
wurde  vernichtet. 

Nachdem  der  Herrscher  in  den  zehn  Gegenden,  der 
wohllhätige,  weise  Gesser  Chaghan  seine  Geschäfte  voll- 
braclit  hatte  und  nach  Nulumtala  zurückgekehrt  war- 
erbaute  er  ein  kostbares  Schloss. 


SIEBENTES    CÄPITEL. 

Gesser's  Fahrt  in  die  Unterwelt,  um  seine  Mutter  zu 

BEFREIEN.      Er    besiegt    DEN    HÖLLENRICHTER ,     BEFREIT    SEINE 
AfuTTER    UND    FÜHRT    SIE     DER    GöTTERREGION    ZU. 


„Wo  ist  meine  Mutter?"  fragte  Gesser  Chaghan  und 
Laitschab,  der  Sohn  des  Dsesse  antwortete  ihm:  ,, Deine 
Mntter  hat  vor  geraumer  Zeit  die  Buddhawürde  empfangen*). 
Damals  nämlich,  als  man  dich  zum  Esel  gemacht  halle 
und  als  solchen  gebrauchte,  wurde  sie  krank,  sie  schwoll 
auf  und  starb."  Gesser  vergoss  Thränen^  als  er  weinte, 
erhob  sich  das  aus  Kostbarkeiten  zusammengesetzte  Schloss, 

1)  Ein  sehr  gewöhnlicli(?r  Ausdruck,  um  den  Tod  vornehmer 
Personen  anzuzeigen,  obgleich  damit  keineswegs  gesagt  ist,  dass  sie 
•wirklich  Buddha  geworden  sind.  Vergl.  S.  95. 


—     283     — 

drehte  sich  dreimal  und  setzte  sich  wieder  an  seine  Stelle. 
Gesser  rilt  seinen  magischen  Braunen,  er  hielt  seine  ma- 
gische Peitsche,  er  halte  sein  neun  Klafter  langes  schwax'zes 
stählernes  Schwert  umgürtet,  er  hatte  seinen  weissen,  wie 
aus  Sonne  und  Mond  vereint  zusammengesetzten,  Helm  auf 
sein  edles  Haupt  gesetzt,  er  hatte  seinen  thauschimmerfar- 
benen  hlauschwarzen  Harnisch  angelegt ,  er  hatte  seine 
Mitzfarbene  Schulterbekleidung  umgelegt,  er  hatte  seine 
dr'eissig  Pfeile  mit  Kerhen  von  Türkis  und  seinen  straiTen 
schwarzen  Bogen  eingesteckt,  er  hatte  sein  aus  drei  und 
neunzig  Tsching  verfertigtes  grosses  stählernes  Beil,  sein 
aus  drei  und  sechzig  Tsching  verfertigtes  kleines  stähler- 
nes Beil,  seine  goldene" Schlinge  um  die  Sonne  zu  fangen, 
seine  silberne  Schlinge  um  den  Mond  zu  fangen,  seine 
neunarmige  eiserne  Fangstange,  seine  neun  und  neunzig- 
zackige  eiserne  Reule,   dieses  Alles  hatte  er  mitgenommen. 

Er  stieg  gen  Himmel  und  gelangte  zum  Gotte  Chor- 
musda,  seinem  Vater.  Daselbst  angelangt  sprach  er:  ,,Gott 
Chormusda,  mein  Vater,  geruhe  mich  anzuhören!  hast  du 
etwa  die  Seele  meiner  irdischen  Mutter  gesehen?"  Chor- 
musda antwortete:  „Ich  habe  sie  niclit  gesehen!"  Sodann 
erkundigte  er  sich  bei  den  drei  und  dreissig  Göttern  und 
bekam  ebenfalls  eine  verneinende  Antwort.  Er  erkundigte 
sich  bei  seiner  Grossrauller  Absa  Gürtse,  aber  auch  diese 
wusste  nichts  davon.  Dann  erkundigte  er  sich  bei  seinen 
drei  siegreichen  Schwestern  und  bekam  den  Bescheid: 
„Wie  sollte  sie  Lieber  kommen!  sie  ist  nicht  da!"  Bei  sei- 
nem A^ater  Oa  Guntschid,  dern  Bergfürsten  fragte  er  an 5 
dieser  verneinte  gleichfalls  seine  Frage. 

Beim  Herabsteigen  vom  Himmel  A^erwandelte  er  sich  in 
den  König  der  Vögel  Garuda.  Nun  begab  er  sich  zum 
Erlik  Chaghan.  Als  er  daselbst  ankam,  fand  er  die 
Pforten  der  achtzehn  Höllen  verschlossen.  Seinem  Rufe 
die  Pforten  zu  öffnen,  wurde  nicht  Folge  geleistet  5  da  zer- 
schmettei'te  er  die  Höllenpforten  und  ging  hinein.     Er  be- 


—     284      — 

fragte  die  Thorhüier  der  achtzehn  Höllen,  aber  keiner  von 
ihnen  konnte  ihm  Bescheid  geben.  Darnach  liess  Gesser 
Chaghan,  während  er  die  achtzehn  Höllenlhore  in  sorg- 
fältiger Obacht  hielt,  den  Erlik  Chaghan  vom  x\lp  drücken. 
Die  Seele  des  Erlik  Chaghan  war  eine  Maus;  Gesser 
Chaghan,  der  diess  vsusste,  verwandelte  seine  eigene  Seele 
in  einen  Iltis.  Seine  goldene  Schlinge  zum  Fangen  der 
Sonne  legte  er  an  die  untere  Mündung  des  Schornsteins, 
wo  der  Iltis  lauerte,  und  mit  seiner  silbernen  Schlinge  zum 
Fangen  des  INIondes  bedeckte  er  die  obere  Oeffnung  des 
Schornsteins,  so  dass  die  Maus,  wenn  sie  unterwärts  lief,  in 
die  goldene  Schlinge  fallen  und  wenn  sie  aufwärts  lief,  in 
der  silbernen  Schlinge  hängen  bleiben  musste.  In  dieser 
Weise  fing  Gesser  den  Erlik  Chaghan,  band  ihm  beide 
Hände  und  prügelte  ihn  mit  seiner  neun  und  neunzig- 
zackigen Keule  unter  den  Worten:  „Sage  es  schnell I  zeige 
mir  sogleich  an,  луо  die  Seele  meiner  Mutler  ist!'*  Erlik 
Chaghan  erwiederte:  „A'^on  der  Seele  deiner  Mutter  haben 
meine  Ohren  nichts  gehört  und  meine  Augen  nichts  gese- 
hen." Ferner  sprach  Erlik  Chaghan:  „Jedenfalls  erkun- 
dige dich  noch  bei  den  Hütern  der  achtzehn  Höllenthorel" 
Gesser  ging  hin  und  fragte  abermals;  keiner  von  ihnen 
wusste  etwas.  Sie  sprachen:  ,, Würden  wir  es  nicht  sogleich 
dem  ErUk  Chaghan  berichten,  луепп  Geksche  Amur- 
tschila,  die  Mutter  des  Herrsebers  in  den  zehn  Gegenden 
Gesser  Chaghan  hieher  käme?  Sie  ist  nicht  hier!"'  Unter 
ihnen  befand  sich  ein  grauer  Alter;  derselbe  sprach:  „Von 
der  Mutter  Gesser  Chaghan 's  wei-s  ich  nichts!  es  ist  aber 
eine  alte  Frau  hier,  welche  unaufhörlich  „mein  Rolznäschen 
Schilu  Teswe*)"  ruft,  dabei  sich  vou  Diesem  und  Jenem 
ЛVasser  erbittet,  welches  ihr  aber  nicht  gereicht  wird.  Un- 
terdessen leset  sie  allerlei  Unrath  auf  und  isst  ihn."     Ges- 

2)  Der  Titel,  den  Gesser  Chan  noch  als  Knabe  empfing;  vergl. 

S.  11. 


_     285     — 

ser  СЬ  agil  an  sprach:  ,,0  Weh,  was  spricht  der  dal  Ge- 
schwind gehe  und  suche  sie  auf!  ''  Der  Alte  entgegnete: 
„Wenn  sie  nur  noch  in  dem  Schlamme  sitzt!"  und  entfernte 
sich.  Er  ging  hin,  suchte  und  fand  sie.  Gesscr  nahm 
die  Seele  seiner  Mutter  in  Empfang  und  tödtele  nicht  hlos 
den  Alten,  sondern  schlug  alle  Hüter  der  achtzehn  Höllen- 
pforten lodt. 

Darnach  sprach  Gesser  Ghaghan:  „AVenn  du,  Erlik 
Chaghan,  meine  Mutrer  aus  eigener  Willkühr  zur  Hölle 
verdammt  hast,  so  wдre  diess  eine  Verdammung  aller  We- 
sen, es  seyen  Ungerechte  oder  Gerechte."  Erlik  Gha- 
ghan erwiederte:  „Ich  hahe  sie  mit  meinen  Augen  nicht 
gesehen  und  meine  Ohren  haben  nichts  von  ihr  gehörig 
wie  hätte  ich  deine  Mutter  mit  Wissen  imd  W^illen  zur 
Hölle  verdammen  können!*'  Nun  sprach  Gesser  Chaghan: 
„Mein  maijischer  Brauner,  zeige  eine  deiner  Gestalten! 
JVimm  einen  magischen  Gang  an,  vei'sehe  deine  Brust  mit 
scharfen  Schwertern,  \ei wandle  deinen  Kopf  in  den  eines 
Löwen  und  zeige  dich  in  noch  andern  furchtbaren  Gestal- 
ten! In  der  Heilquelle  spüle  deinen  Mund  dreimal  aus  und 
verschlucke  das  W  asser  dreimal !  Dann  erfasse  die  Seele 
meiner  Mutter  mit  deinem  Munde  und  bringe  sie  zum 
Gotte  Chormusda,  meinem  \'ater!  dass  es  meine  Mutter 
war,  die  mich  auf  dem  Dschambud^  ip  gebar,  werden 
die  dortigen  Meinigen  wissen!"  Diese  Befehle  empfing  und 
vollführte  der  magische  Braune  und  machte  sich  auf  den 
Weg.  Unterwegs  kamen  ihm  die  drei  siegreichen  Schwe- 
stern entgegen-,  er  geberdete  sich  wild  und  grimmig,  versah 
seine  Brust  mit  scharfen  Schwertern  und  gab  sich  das  An- 
sehen, als  wolle  er  zehntausend  Feinde  erschlagen.  Die 
drei  siegreichen  Schwestern  sahen  ihm  verwundert  zu, 
gingen  ihm  entgegen  und  sprachen:  „Unser  Rotznäschen 
Joro  ist  unten  auf  Dschambudwip  in  der  Welt  er- 
schienen; es  scheint,  dass  er  dort  in  solcher  wilden,  furcht- 
baren Gestalt  auftritt."      Dann  nahmen    sie  dem  magischen 


—     286     — 

Braunen  die  Seele  aus  dem  Munde  und  sprachen  zu  ihmJ 
„Wir,  die  drei  siegreichen  Schwestern  werden  das  Lehrige 
schon  hesorgen;  du  aher  kehre  zu  Gesser  zurück'.'-  Die 
drei  siegreichen  Schv^eslern  nahmen  min  die  Seele  dei- 
Muller  Gessers  mit  sich,  und  brachten  sie  zum  Gölte 
Chormusda,  seinem  \'aler,  mit  dem  Berichte:  „Als  unser 
Rotznaschen  Joro  unten  auf  Dschamhudwip  in  der  AVeit 
erschien,  bezog  er  ihren  Leih  und  wurde  von  ihr  geboren  5 
nun  schickt  er  ihre  Seele  mit  der  Bitte,  dass  sie  unter  den 
hohen  Göltern  wiedergeboren  werden  möclite."  Der  Gott 
Chormusda  liess  nun  aus  allen  zehn  Gegenden  Lamas 
zusammenberufen ,  die  Seele  hinbringen  und  Religions- 
schriften über  sie  lesen,  wodurch  die  Seele  der  Mutler 
Gesser's  die  Gestalt  der  zahllosen  Buddhas  erhielt.  Aber- 
mals wurden  Schriften  gelesen,  Pauken  und  Klangbecken 
geschlagen  und  Kerzen  und  Л\  ohlgerücbe  angezündet,  wor- 
auf die  Seele  zu  ])lauem  AVaidurja  (Lapis  lazuli)*) 
wurde.  Abermals  wurden  Schriften  gelesen  und  die  An- 
wesenheit aller  Buddhas  der  zehn  Gegenden  angerufene 
wodurch  die  Seele  zur  Königinn  der  Dakinis  (G(Hlinnen) 
wurde. 

Darnach  sprach  Gesser  Cliaghan:  „Hast  du,  mein  ma- 
gischer Brauner,  meine  Geschäfte  gehörig  besorgt?"  Der 
Braune  antwortete:  „AVürde  ich  zurückgekehrt  seyn,  wenn 
ich  am  Orle  meiner  Sendung  nicht  alles  ausgerichtet  hätte?-' 
Gesser  versetzte:  „Gut,  mein  magischer  Brauner,  ich  bin 
zufrieden!-'  Nun  liess  Gesser  Chaghan  den  Erlik  Cha- 
ghan  los;  beim  Loslassen  sprach  er  zu  ihm:  ., Erlik  Cha- 
ghan, in  Zukunft  ^^'n•^\  dir  solches  als  Л  ergeben  angerech- 
net werden:  in  allen  Fällen  musst  du,  einen  Unterschied 
zv\ischen  Gutem  und  Böseui  machend  zur  Hölle  verur- 
theilen."  Ferner  sprach  Gesser  Cliaghan:  „Erlik  Cha- 
ghan,   mein  Bruder,    ich  habe  dir  Uebel  zugefügt!"  Diess 

3)  D.  h.  die  Farbe  des  Ilimnieb  erliiclt. 


—      281      — 

gesagt,  verbeugte,  sich  Gesser  Chaghan  vor  Erlik  Cba- 
o-han  und  dieser  erwiederte:  ..Tn  der  That  ist  es  ein  merk- 
würdiger  Fall^  es  wäre  frei-lich  ungesetzlich  gewesen,  wenn 
ich  ans  eigener  AVillkühr  und  mit  Wissen  und  Willen  deine 
Muller  zur  Hölle  verurtheilt  hätte;  deshalb  blickte  ich  in 
meinen  Schicksals-  Spiegel  und  fand,  dass  zur  Zeit  der  Ge- 
burt Gesser  Ghaghan's  dessen  Mutler  Geksche  Amur- 
Ischila,  ungewiss,  ob  es  ein  Teufel  oder  ein  Buddha  sey, 
eine  achtzehn  Klafter  grosse  Grube  gegraben  habe,  um 
ihn  in  diese  Grube  zu  werfen.  Aus  diesem  Grunde  sank 
sie  selbst  in  die  achtzehn  Höllen  herab." 

Solches  sprach  Erlik  Ghaghan  zu  Gesser  Chaghan 
und  dieser  machte  sich  auf  den  Weg  in  seine  Heimath. 
Zu  Hause  angelangt,  übergab  er  die  Kogmo  einem  einäugi- 
gen und  an  einem  Fusse  lahmen  Bettler.  Auf  Nulumtala 
angelangt,  schmückte  er  seinen  Tempel  von  dreizehn  W  a- 
d  seh  ras  aufs  Schönste  und  wohnte  vergnügt  und  zufrieden 
in  seinem  mit  dem  kostbaren  Tschintamanl,  der  schwar- 
zen Kohle  ohne  Piiss  und  Sprung  und  vielen  andern  Klei- 
nodien versehenen  viereckigen  Schlosse. 


Druckerei    der    Kaiserlichen    Akademie    der    Wissenschaften. 


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